»Man muss nur entscheiden, welche Sterne man weglässt«, sagte Belbo.
»Genau«, bestätigte der Oberst.
»Hören Sie«, sagte Belbo, »wie können Sie ausschließen, dass die Treffen planmäßig stattgefunden haben und die Ritter bereits an der Arbeit sind, ohne dass wir es wissen?« »Ich sehe nirgendwo die Symptome, und erlauben Sie mir zu sagen: leider. Der Plan ist unterbrochen worden, vielleicht sind diejenigen, die ihn zu Ende fuhren sollten, nicht mehr da, vielleicht haben die Gruppen der Sechsunddreißig sich im Zuge einer weltweiten Katastrophe aufgelöst. Doch eine Handvoll Beherzter, die die richtigen Informationen hätte, könnte die Fäden wieder aufnehmen. Jenes Etwas ist noch da. Und ich suche nach den richtigen Männern. Deshalb will ich das Buch veröffentlichen: um Reaktionen hervorzurufen. Und gleichzeitig versuche ich mich in Kontakt mit Leuten zu setzen, die mir helfen können, die Antwort in den Mäandern des traditionellen Wissens zu suchen. Gerade heute wollte ich den größten Experten in diesen Dingen treffen. Doch leider, obwohl eine Leuchte, hat er mir nichts sagen können, auch wenn er sich sehr für meine Geschichte interessierte und mir ein Vorwort versprochen hat... «
»Entschuldigen Sie«, sagte Belbo, »aber war es nicht ein bisschen unklug, Ihr Geheimnis jenem Herrn anzuvertrauen? Sie selbst haben doch von Ingolfs Fehler gesprochen... «
»Ich bitte Sie«, antwortete der Oberst, »Ingolf war ein armer Tropf. Ich habe mich mit einem über jeden Verdacht erhabenen Gelehrten in Verbindung gesetzt. Einem Mann, der keine voreiligen Hypothesen wagt. Was Sie schon daran ersehen können, dass er mich gebeten hat, mit der Präsentation meines Werkes in einem Verlag lieber noch zu warten, bis er alle strittigen Punkte geklärt habe... Nun, ich wollte mir seine Sympathie nicht verscherzen und habe ihm nicht gesagt, dass ich zu Ihnen gehen würde, aber Sie werden verstehen, dass ich, in dieser Phase meiner Bemühungen angelangt, mit Recht ungeduldig bin. Jener Herr... ach, zum Teufel mit der Zurückhaltung, ich möchte nicht, dass Sie mich für einen Aufschneider halten. Es handelt sich um Rakosky... « Er machte eine Pause und wartete auf unsere Reaktion. »Um wen?« enttäuschte ihn Belbo.
»Na, um den großen Rakosky! Eine Autorität in der Traditionsforschung, Exdirektor der Cahiers du Mystère!« »Ah«, sagte Belbo. »Ja, mir scheint, Rakosky, sicher... « »Eh bien, ich behalte mir vor, meinen Text endgültig zu überarbeiten, nachdem ich noch einmal die Ratschläge jenes Herrn angehört habe, aber ich möchte die Sache beschleunigen, und wenn ich einstweilen zu einer Einigung mit Ihrem Hause käme... Ich wiederhole, die Sache ist eilig, ich muss Reaktionen wecken, Hinweise sammeln... Es gibt Leute, die Bescheid wissen und nicht reden... Bedenken Sie nur, meine Herren: genau 1944, obwohl ihm aufgeht, dass er den Krieg verloren hat, beginnt Hitler von einer Geheimwaffe zu sprechen, die ihm erlauben soll, die Lage zu wenden. Es heißt, er sei verrückt gewesen. Und wenn er nun nicht verrückt war? Können Sie mir folgen?« Auf seiner Stirn glänzten Schweiß tropfen, und sein Schnurrbart sträubte sich fast, wie bei einer Katze. »Kurzum«, schloss er, »ich werfe den Köder aus. Wir werden ja sehen, ob jemand anbeißt.«
Nach allem, was ich von Belbo damals wusste und dachte, hätte ich nun erwartet, dass er den Oberst mit ein paar höflichen Sätzen hinauskomplimentieren würde. Statt dessen sagte er: »Hören Sie, Oberst, die Sache klingt hochinteressant, ganz unabhängig von der Frage, ob es ratsam für Sie ist, mit uns oder lieber mit einem anderen Verlag abzuschließen. Sie haben doch hoffentlich noch zehn Minuten Zeit, nicht wahr?« Dann wandte er sich an mich: »Für Sie ist es spät, Casaubon, ich habe Sie schon lange genug aufgehalten. Vielleicht sehen wir uns morgen, ja?«
Es war eine Entlassung. Diotallevi fasste mich unter den Arm und sagte, er müsse auch gehen. Wir verabschiedeten uns. Der Oberst gab Diotallevi einen warmen Händedruck und warf mir ein knappes Kopfnicken zu, begleitet von einem kühlen Lächeln.
Während wir die Treppe hinuntergingen, sagte Diotallevi: »Sicher fragen Sie sich, warum Belbo Sie hinausgeschickt hat. Nehmen Sie's nicht als Unhöflichkeit. Er muss dem Oberst ein sehr diskretes Angebot machen. Die Diskretion ist eine Anordnung von Signor Garamond. Ich verziehe mich auch, um keine Verlegenheit aufkommen zu lassen.«
Wie ich später begriff, versuchte Belbo, den Oberst der Hydra Manuzio in den Rachen zu werfen.
Ich schleppte Diotallevi zu Pilade, wo ich einen Campari trank und er einen Rabarbaro. Das schien ihm, sagte er, mönchisch, archaisch und quasi templerisch.
Ich fragte ihn, was er von dem Oberst hielt.
»In Verlagen«, sagte er, »fließt aller Schwachsinn der Welt zusammen. Aber da im Schwachsinn der Welt die Weisheit des Höchsten aufblitzt, betrachtet der Weise den Schwachsinnigen mit Demut.« Dann entschuldigte er sich, er müsse gehen. »Heute Abend habe ich ein Festmahl.«
»Eine Party?«, fragte ich.
Er schien verstört ob meiner Seichtheit. »Sohar«, präzisierte er. »Lech Lechah. Noch ganz unverstandene Seiten.«
21
... des grâles, der sô swaere wigt daz in diu valschlîch menscheit nimmer von der stat getreit.
([der] Gral [] wiegt so schwer, daß ihn die ganze sündige Menschheit nicht von der Stelle rücken könnte)
Wolfram von Eschenbach, Parzival, IX, 477
Der Oberst hatte mir nicht gefallen, aber er hatte mich interessiert. Man kann auch lange und fasziniert einen Gecko betrachten. Ich war dabei, die ersten Tropfen des Giftes zu kosten, das uns alle ins Verderben führen sollte.
Am folgenden Nachmittag ging ich wieder zu Belbo, und wir sprachen ein wenig über unseren Besucher. Belbo meinte, er sei ihm wie ein Mythomane vorgekommen. »Haben Sie gesehen, wie er diesen Rokoschki oder Raskolski erwähnte, als wäre es Kant?«
»Na, und dann sind das doch alte Geschichten«, sagte ich. »Ingolf war ein Irrer, der daran glaubte, und der Oberst ist ein Irrer, der an Ingolf glaubt.«
»Vielleicht hatte er gestern daran geglaubt, und heute glaubt er an was anderes. Ich will Ihnen was sagen: Bevor ich ihn gestern wegschickte, habe ich ihm eine Verabredung für heute Vormittag mit ... mit einem anderen Verlag arrangiert, einem gefräßigen Verlag, der jedes Buch druckt, wenn es der Autor selbst finanziert. Er schien begeistert. Na, und vorhin erfahre ich, dass er gar nicht hingegangen ist. Dabei hatte er mir die Fotokopie der chiffrierten Botschaft hiergelassen, hier, sehen Sie. Er lässt das Geheimnis der Templer einfach so rumliegen, als wär's nichts! Diese Leute sind so.«
In dem Augenblick klingelte das Telefon. Belbo nahm ab. »Ja? Am Apparat, ja, Verlag Garamond. Guten Tag. Bitte ... Ja, er ist gestern Nachmittag hergekommen, um mir ein Buch anzubieten ... Entschuldigen Sie, über Verlagsangelegenheiten kann ich prinzipiell nicht sprechen, wenn Sie mir bitte sagen würden ...«
Er hörte ein paar Sekunden zu, dann sah er mich plötzlich kreideweiß an und sagte: »Der Oberst ist umgebracht worden oder so was in der Art.« Dann wieder in den Apparat: »Entschuldigen Sie, ich sprach gerade mit Casaubon, einem Mitarbeiter, der gestern bei dem Gespräch mit dabei war ... Ja, Oberst Ardenti ist hergekommen, um uns von einem Projekt zu erzählen, das er im Auge hat, eine Geschichte, die ich für reine Fantasterei halte, über einen angeblichen Schatz der Templer. Das waren Ordensritter im Mittelalter ...«
Instinktiv legte er eine Hand über den Hörer, als wollte er das Gespräch abschirmen, dann sah er, dass ich ihn beobachtete, nahm die Hand weg und sagte zögernd: »Nein, Doktor De Angelis, dieser Herr hat von einem Buch gesprochen, das er schreiben wollte, aber nur ganz vage ... Wie? Alle beide? Jetzt gleich? Geben Sie mir die Adresse.«