»Seit wann bin ich eine Europäerin?«
»Es kommt nicht auf die Hautfarbe an, entscheidend ist der Glaube an die Tradition. Um einem vom Wohlstand paralysierten Abendländer die Fähigkeit zur Erwartung wiederzugeben, müssen diese hier zahlen, vielleicht auch leiden, aber sie kennen noch die Sprache der Naturgeister, der Lüfte, der Wasser, der Winde ...«
»Ihr beutet uns ein weiteres Mal aus.«
»Ein weiteres Mal?«
»Ja, das müssten Sie doch 1789 gelernt haben, Herr Graf. Wenn wir es satthaben — zack!« Und lächelnd wie ein Engel fuhr sie sich mit der Kante ihrer gestreckten, wunderschönen Hand quer über die Kehle. Von Amparo begehrte ich sogar die Zähne.
»Wie dramatisch«, sagte Agliè, während er seine Tabatiere aus der Tasche zog und sie liebevoll zwischen den Händen drehte. »So haben Sie mich also erkannt? Aber 1789 waren es nicht die Sklaven, die Köpfe rollen ließen, sondern die braven Bürger, die Sie doch verabscheuen müssten. Und außerdem, Köpfe hat der Graf von Saint-Germain in all den Jahrhunderten viele rollen sehen und viele auch wieder auf den Hals zurückkehren ... Aber schauen Sie, da kommt die Mãe-de-santo, die Ialorixá.«
Die Äbtissin des Terreiro begrüßte uns ruhig, herzlich, einfach und kultiviert. Sie war eine große Negerin mit strahlendem Lächeln. Auf den ersten Blick hätte man sie für eine Hausfrau gehalten, aber als wir miteinander zu sprechen begannen, verstand ich, warum Frauen dieser Art das kulturelle Leben von Salvador dominieren konnten.
»Diese Orixás, sind das eigentlich Personen oder Kräfte?«, fragte ich sie. Die Mãe-de-santo antwortete, es seien Kräfte, gewiss, Naturkräfte, Wasser, Wind, Laub, Regenbogen. Doch wie solle man die einfachen Leute daran hindern, sie als Krieger, Frauen, Heilige der katholischen Kirche zu sehen? Verehrt nicht auch ihr Europäer, sagte sie, eine kosmische Kraft unter der Form so mancher Jungfrau? Wichtig sei nur, die Kraft zu verehren, das Äußere müsse sich den Verständnismöglichkeiten eines jeden anpassen.
Sie lud uns ein, in den hinteren Garten hinauszutreten, um die Kapellen zu besichtigen, ehe der Ritus begann. Die Kapellen waren die Häuser der Orixás. Ein Schwarm junger Mädchen, Schwarze in bahrainischer Tracht, traf fröhlich lachend die letzten Vorbereitungen.
Die Häuser der Orixás verteilten sich im Garten wie bei uns die Kapellen auf einem Sacro Monte, und sie trugen außen das Bildnis des jeweils mit ihrem Bewohner gleichgesetzten Heiligen. Innen prangten die leuchtenden Farben der Blumen, der Statuetten und der frisch zubereiteten Speisen, die den Göttern dargebracht wurden. Weiß für Oxalá, blau und rosa für Yemanjá, rot und weiß für Xangõ, goldgelb für Ogun... Die Initiierten knieten nieder, küssten die Schwelle und fassten sich mit der Hand an die Stirn und hinter das rechte Ohr.
»Aber wie ist das nun zu verstehen«, fragte ich, »diese Yemanjá, ist sie nun oder ist sie nicht Nossa Senhora da Conceição, Unsere Liebe Frau von der Empfängnis? Und Xangõ, ist er nun Sankt Hieronymus oder nicht?«
»Stellen Sie nicht so peinliche Fragen«, riet mir Agliè. »Im Umbanda ist es noch komplizierter. Zur Linie von Oxalá, der hier mit Jesus Christus gleichgesetzt wird, besonders mit Nosso Senhor de Bomfim, gehören Sankt Antonius und die Heiligen Kosmas und Damian. Zur Linie von Yemanjá gehören Sirenen, Undinen, Caboclas des Meeres und der Flüsse, Seefahrer und Leitsterne. Zur Linie des Orients gehören Hindus, Ärzte, Physiker, Araber und Marokkaner, Japaner, Chinesen, Mongolen, Ägypter, Azteken, Inkas, Kariben und Römer. Zur Linie von Oxossi gehören die Sonne, der Mond, der Caboclo der Wasserfälle und der Caboclo der Schwarzen. Zur Linie von Ogun gehören Ogun Beira-Mar, Rompe-Mato, Iara, Megé, Narueé... Also kurz: je nachdem.«
»Cristo!«, schnaubte Amparo erneut.
»Man sagt Oxalá«, murmelte ich ihr ins Ohr. »Bleib ruhig, No pasarán.«
Die Ialorixá zeigte uns eine Anzahl Masken, die einige Mädchen in den Tempel trugen. Es waren große Kapuzenkostüme aus Stroh, mit denen die Tanzenden sich verhüllen sollten, wenn sie, von der Gottheit besucht, in Trance fielen. Das sei eine Form der Scham, erklärte uns die Ialorixá, in manchen Terreiro tanzten die Auserwählten mit unverhülltem Gesicht, um den Anwesenden ihre Passion vorzuführen. Doch der Initiierte müsse geschützt, respektiert, bewahrt werden vor der Neugier des Profanen oder jedenfalls dessen, der seinen inneren Jubel und seine Anmut nicht verstehen könne. So sei es Brauch in diesem Terreiro, sagte sie, und deshalb sehe man hier nicht gern Fremde beim Ritus. Aber wer weiß, vielleicht eines Tages, fügte sie hinzu. Unsere Verabschiedung war nur ein auf Wiedersehen.
Aber sie wollte uns nicht gehen lassen, ohne uns etwas angeboten zu haben, nicht aus den Körben, die bis zum Ende des Rituals unversehrt bleiben mussten, aber aus ihrer Küche, einige Kostproben der comidas de santo. Sie führte uns in den hinteren Teil des Terreiro, und es war ein farbenprächtiges Festmahl aus Mandioca, Pimenta, Coco, Amendoim, Gemgibre, Moqueca de siri mole, Vatapá, Efó, Caruru, Fejoada mit Farofa, weich duftend nach afrikanischen Spezereien, scharf nach schwer-süßen tropischen Aromen, wovon mit Andacht kosteten, wissend, dass wir am Mahle der alten sudanesischen Götter teilhatten. Zu Recht, wie uns die Ialorixá belehrte, denn jeder von uns habe, ohne es zu wissen, einen Orixá zum Vater, und oft könne man auch sagen, welchen. Ich fragte keck, wessen Sohn ich sei. Die Ialorixá wich zuerst aus und sagte, das könne man nicht mit Sicherheit feststellen, willigte dann aber ein, meine Handfläche zu betrachten, fuhr mit den Fingern darüber, sah mir in die Augen und sagte: »Du bist ein Sohn von Oxalá.«
Ich war stolz darauf. Amparo, nun wieder entspannt und cool wie gewöhnlich, schlug vor zu erkunden, wessen Sohn Agliè sei, aber er wollte es lieber nicht wissen.
Zu Hause fragte sie mich: »Hast du seine Hand gesehen? Anstatt einer Lebenslinie hat er lauter zerstückelte Linien. So ein Zickzack wie bei einem Bergbach, der auf einen Stein trifft, ins Stocken gerät und einen Meter daneben weiterfließt. Die Linie von einem, der schon oft gestorben sein müsste.«
»Der Weltmeister in Langstreckenseelenwanderung.«
»No pasarán«, lachte Amparo.
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Car en ce qu’ils changent & transposent leurs noms, en ce qu’ils desguisent leurs années, en ce que, par leur confession mesme, ils viennent sans se faire cognoistre, il n’y a Logicien qui puisse nyer que necessairement il faut qu’ils soient en nature.
(Denn dass sie ihre Namen wechseln und verbergen, dass sie ihr Alter verschleiern, dass sie nach eignem Bekenntnis daherkommen, ohne sich kenntlich zu machen, das erlaubt keinem Logiker zu verneinen, dass es notwendig sein muss, dass sie in natura existieren.)
Heinrich Neuhaus, Pia et ultimissima admonestatio de Fratribus Roseae-Crucis, nimirum: an sint? quales sint? unde nomen illud sibi ascriverint, Danzig 1618, franz. Ausg. 1623, p. 5
Chessed, sprach Diotallevi, ist die Sefirah der Gnade und der Liebe, weißes Feuer, Südwind. Vorgestern Abend im Periskop dachte ich, dass die letzten Tage, die ich mit Amparo in Bahia verbrachte, unter diesem Zeichen standen.
Ich erinnerte mich — an was man sich so alles erinnert, wenn man Stunden um Stunden im Dunkel wartet! — an einen der letzten Abende in Salvador. Unsere Füße schmerzten vom vielen Laufen kreuz und quer durch die Stadt, und so waren wir früh zu Bett gegangen, aber ohne schon schlafen zu wollen. Amparo lag auf der Seite, zusammengekauert wie ein Embryo, und tat, als lese sie durch ihre leicht gespreizten Knie in einem meiner Handbücher über den Umbanda. Ab und zu wälzte sie sich auf den Rücken, die Beine geöffnet, das Buch auf dem Bauch, und hörte mir zu, wenn ich sie für die Entdeckungen zu erwärmen suchte, die ich in dem Buch über die Rosenkreuzer machte. Es war ein schöner Abend, aber, wie Belbo bekifft von Literatur in seinen files geschrieben hätte, kein Lufthauch regte sich, über allen Gipfeln war Ruh. Wir hatten uns ein gutes Hotel geleistet, aus dem Fenster sah man das Meer, und aus der noch erleuchteten Küchenecke lockte ein Korb mit tropischen Früchten, die wir am Morgen auf dem Markt gekauft hatten.