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Was den Einfluß der ursprünglichen Rosenkreuzer auf das Christentum betraf, so begnügte sich der Redner mit dem Hinweis für jene, die sich der Frage noch nie zugewandt hatten, dass es kein Zufall sei, wenn die Legende wolle, dass Jesus am Kreuz gestorben sei.

Die Weisen der Großen Weißen Bruderschaft seien eben dieselben, welche die erste Freimaurerloge gegründet hätten, zurzeit König Salomos. Dass Dante ein Rosenkreuzer und Freimaurer war — wie übrigens auch Thomas von Aquin —, stehe klar und deutlich in seinem Werk geschrieben. In den Gesängen XXIV und XXV des Paradiso fänden sich der dreifache Kuss des Prinzen Rosenkreuz, der Pelikan, die weißen Gewänder (dieselben wie die der vierundzwanzig Greise der Apokalypse) und die drei Kardinaltugenden der Maurerkapitel (Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe). Tatsächlich sei die symbolische Blume der Rosenkreuzer (die rosa candida der Gesänge XXX und XXXI) von der römischen Kirche als Figur der Erlösermutter adoptiert worden — daher die Rosa Mystica der Litaneien.

Und dass die Rosenkreuzer das ganze Mittelalter durchzogen hätten, sei nicht nur an ihrer Infiltration der Templer zu ersehen, sondern auch durch noch viel direktere Dokumente belegt. Bramanti zitierte einen gewissen Kiesewetter, der Ende des vorigen Jahrhunderts bewiesen habe, dass die Rosenkreuzer im Mittelalter vier Doppelzentner Gold für den Kurfürsten von Sachsen fabriziert hätten, und er nannte die genaue Seite des 1613 in Straßburg erschienenen Theatrum Chemicum. Nur wenige hätten indes die Templerbezüge in der Sage von Wilhelm Tell bemerkt: Tell schnitzte sich seinen Pfeil aus dem Zweig einer Mistel, einer Pflanze der arischen Mythologie, und er traf den Apfel, das Symbol jenes dritten Auges, das von der Schlange Kundalini aktiviert werde — und man wisse ja, dass die Arier aus Indien kämen, wohin später die Rosenkreuzer gingen, um sich zu verstecken, als sie Deutschland verließen.

Was hingegen die diversen Bewegungen anbetreffe, welche sich, wie kindisch auch immer, auf die Große Weiße Bruderschaft zurückzuführen vorgäben, so anerkenne er, sagte Bramanti, als hinreichend orthodox allenfalls die Rosicrucian Fellowship von Max Heindel, allerdings auch diese nur, weil Alain Kardec sich in ihrem Dunstkreis gebildet habe. Wie jeder wisse, sei Kardec der Vater des Spiritismus gewesen, und aus seiner Theosophie, die den Kontakt mit den Seelen der Verstorbenen behandle, habe sich die Spiritualität des Umbanda gebildet, der Ruhm des hochedlen Brasilien. In dieser Theosophie sei Aum Bandhà ein Sanskritausdruck, der das göttliche Prinzip und die Quelle des Lebens bezeichne. (»Sie haben uns erneut getäuscht«, murmelte Amparo, »nicht mal Umbanda ist ein Wort von uns, es hat vom Afrikanischen bloß den Klang.«)

Die Wurzel sei Aum oder Um, was nichts anderes sei als das Om der Buddhisten, und das sei der Name Gottes in der Sprache Adams gewesen. Um sei eine Silbe, die, richtig ausgesprochen, sich in ein machtvolles Mantra verwandle und harmonische Strömungen in der Seele hervorrufe durch die Siakra oder den frontalen Plexus.

»Was ist frontaler Plexus?«, fragte Amparo. »Eine unheilbare Krankheit?«

Bramanti präzisierte, man müsse stets unterscheiden zwischen den wahren »Rose-Croix«, den Erben der Großen Weißen Bruderschaft, die selbstverständlich geheim blieben, wie jener Alte und Angenommene Orden, den er unwürdigerweise zu vertreten die Ehre habe, und den »Rosicrucianern«, das heiße all denen, die sich aus persönlichen Gründen an der rosenkreuzerischen Mystik inspirierten, ohne darauf ein Recht zu haben. Er empfahl dem Publikum, keinem Rosicrucianer Glauben zu schenken, der sich als Rose-Croix bezeichne.

Amparo murmelte, jeder Rose-Croix sei der Rosicrucianer des anderen.

Schließlich meldete sich ein vorlauter Zuhörer und wollte wissen, wie der Herr Professor behaupten könne, dass sein Orden authentisch sei, wenn er hier das Schweigegebot verletze, das doch so kennzeichnend sei für jeden wahren Adepten der Großen Weißen Bruderschaft.

Bramanti stand auf und sagte: »Ich wusste nicht, dass sich auch hier Provokateure eingeschlichen haben, die im Solde des atheistischen Materialismus stehen. Unter solchen Bedingungen rede ich nicht weiter.« Sprach's und verließ den Raum mit einer gewissen Würde.

Am Abend rief Agliè an, um sich nach unserem Wohlergehen zu erkundigen und uns mitzuteilen, dass wir am nächsten Abend endlich an einem Ritus teilnehmen dürften. Ob ich nicht Lust hätte, in Erwartung des Ereignisses etwas mit ihm trinken zu gehen. Amparo hatte eine politische Zusammenkunft mit ihren Freunden, und so ging ich allein zu dem Treffen.

32

Valentiniani... nihil magis curant quam occultare quod praedicant: si tamen praedicant, qui occultant... Si bona fide quaeres, concreto vultu, suspenso supercilio — altum est — aiunt. Si subtiliter tentes, per ambiguitates bilingues communem fidem affirmant. Si scire te subostendas, negant quidquid agnoscunt... Habent artificium quo prius persuadeant, quam edoceant.

(Die Valentinianer... haben keine größere Sorge als zu verheimlichen, was sie predigen — wenn sie denn predigen, diese Heimlichtuer ... Fragt man sie guten Glaubens, so sagen sie mit hartem Gesicht und hochgezogenen Augenbrauen: »Es ist erhaben.« Versucht man es auf subtile Weise, so beteuern sie mit doppelzüngigen Zweideutigkeiten den gemeinsamen Glauben. Lässt man durchblicken, dass man Bescheid weiß, so streiten sie alles ab, was sie jemals anerkannt hatten ... Ihr Trick ist, dass sie mehr überreden als unterrichten.)

Tertullian, Adversus Valentinianos

  Agliè lud mich in eine Bar ein, wo man noch eine batida zu machen verstand, wie es nur die Uralten konnten. Wir verließen mit wenigen Schritten die Zivilisation Carmen Mirandas, und ich fand mich in einer Spelunke wieder, wo Eingeborene schwarze Glimmstängel rauchten, die fett wie Würste glänzten. Der Tabak war zusammengedreht in Form alter Seemannstaue, man drehte die Taue zwischen den Fingerspitzen, löste breite durchsichtige Blätter ab und rollte sie in öliges Strohpapier ein. Die Dinger mussten oft neu angezündet werden, aber ich begriff, was Tabak gewesen sein musste, als Sir Walter Raleigh ihn entdeckte.

Ich erzählte Agliè von meinem Erlebnis am Nachmittag.

»Nun also auch die Rosenkreuzer? Ihr Wissensdurst ist wahrhaft unersättlich, mein Freund. Aber hören Sie nicht auf diese Narren. Die reden alle von unwiderleglichen Dokumenten, aber keiner hat jemals eins davon vorgezeigt. Ich kenne diesen Bramanti. Er wohnt in Mailand, wenn er nicht gerade durch die Welt reist, um sein Evangelium zu verkünden. Er ist harmlos, aber er glaubt noch an Kiesewetter. Legionen von Rosenkreuzern stützen sich auf jene Stelle im Theatrum Chemicum. Aber wenn Sie nachschlagen — und in aller Bescheidenheit, das Buch steht in meiner kleinen Mailänder Bibliothek —, werden Sie das Zitat nicht finden.«

»Ein Schelm, dieser Herr Kiesewetter.«

»Aber alle zitieren ihn. Denn auch die Okkultisten im neunzehnten Jahrhundert waren Opfer des Positivismus: wahr ist nur, was sich beweisen lässt. Nehmen Sie nur die Debatte über das Corpus Hermeticum. Als es im fünfzehnten Jahrhundert nach Europa kam, sahen Pico della Mirandola, Ficino und viele andere kluge Leute sofort die Wahrheit: Es musste das Werk einer uralten Weisheit sein, älter als die Ägypter, älter sogar als Moses, denn es enthielt Gedanken, die später von Plato und Jesus geäußert wurden.«

»Wieso später? Genauso hat auch Bramanti über den Freimaurer Dante argumentiert. Wenn das Corpus die Ideen von Plato und Jesus wiederholt, muss es doch nach ihnen geschrieben worden sein!«