»Setzen Sie sich, Casaubon, hier haben Sie die Pläne für diese unsere Geschichte der Metalle.« Wir blieben allein, und Belbo zeigte mir Inhaltsverzeichnisse, Kapitelentwürfe, Umbruchmuster. Ich sollte die Texte lesen und passende Illustrationen dazu finden. Ich nannte ihm einige Mailänder Bibliotheken, die mir gut ausgestattet schienen.
»Das wird nicht genügen«, sagte Belbo. »Sie werden sich auch woanders umsehen müssen. Zum Beispiel in München, da gibt es im Deutschen Museum ein fantastisches Bildarchiv. Dann in Paris im Conservatoire des Arts et Metiers. Da würde ich gerne mal wieder hin, wenn ich Zeit hätte.«
»Ist es schön?«
»Beunruhigend. Der Triumph der Maschine in einer gotischen Kirche ...« Er zögerte, ordnete einige Papiere auf seinem Schreibtisch und sagte dann wie nebenbei, als fürchtete er, seiner Enthüllung zu viel Nachdruck zu geben: »Da ist das Pendel.«
»Welches Pendel«?
»Das Pendel. Es nennt sich Foucaultsches Pendel.«
Er schilderte mir das Pendel, so wie ich es am Samstag gesehen hatte und vielleicht hatte ich es am Samstag so gesehen, weil Belbo mich auf den Anblick vorbereitet hatte. Aber damals zeigte ich wohl nicht allzu viel Enthusiasmus, denn Belbo sah mich an wie einen, der angesichts der Sixtinischen Kapelle fragt, ob das alles sei.
»Es ist vielleicht die Atmosphäre der Kirche, aber ich versichere Ihnen, man hat dort ein sehr starkes Gefühl. Der Gedanke, dass alles fließt und nur dort oben der einzige feste Punkt des Universums existiert ... Für einen, der keinen Glauben hat, ist das eine Art, zu Gott zurückzufinden, ohne dabei die eigene Ungläubigkeit infrage zu stellen, denn es handelt sich um einen Nullpol. Wissen Sie, für Leute meiner Generation, die Enttäuschungen mittags und abends gefressen haben, kann das tröstlich sein.«
»Enttäuschungen haben wir mehr gefressen, wir von meiner Generation.«
»Überheblichkeit! Nein, für euch war's nur eine Saison, ihr habt die Carmagnole gesungen und euch dann in der Vendée wiedergefunden. So was geht schnell vorbei. Für uns ist es anders gewesen. Erst der Faschismus, auch wenn wir ihn nur als Kinder erlebt hatten, wie einen Abenteuerroman, aber die Unsterblichen Schicksale waren ein fester Punkt. Dann der feste Punkt der Resistenza, besonders für solche wie mich, die sie von außen betrachteten und einen Vegetationsritus daraus machten, die Wiederkehr des Frühlings, eine Tagundnachtgleiche oder Sonnwende, ich verwechsle das immer ... Dann für einige Gott und für andere die Arbeiterklasse, und für viele beides zugleich. Es war tröstlich für einen Intellektuellen, zu denken, es gäbe da noch die Arbeiter, schön, gesund, stark und bereit, die Welt neu zu schaffen. Und auf einmal, ihr habt's ja auch gesehen, waren die Arbeiter zwar noch da, aber die Klasse nicht mehr. Muss wohl in Ungarn umgebracht worden sein. Dann seid ihr gekommen. Für euch war's eine ganz natürliche Sache, vielleicht, und es war ein Fest. Für uns in meinem Alter nicht, für uns war's die Abrechnung, das schlechte Gewissen, die Reue, die Regeneration. Wir hatten versagt, und da kamt ihr mit eurem Enthusiasmus, eurem Mut, eurer Bereitschaft zur Selbstkritik. Für uns, die damals Mitte Dreißig oder Anfang Vierzig waren, war es eine Hoffnung, demütigend, aber eine Hoffnung. Wir mussten wieder so werden wie ihr, um den Preis, noch einmal von vorn anzufangen. Wir trugen keine Krawatten mehr, wir warfen den Trenchcoat weg, um uns einen gebrauchten Parka zu kaufen, manche kündigten ihre Stellung, um nicht mehr den Kapitalisten zu dienen ...«
Er zündete sich eine Zigarette an und tat, als täuschte er Groll vor, um seine Bekenntnisse vor mir verzeihlich zu machen.
»Und ihr seid auf allen Fronten zurückgewichen. Wir, mit unseren jährlichen Bußpilgerfahrten zu den Fosse Ardeatine, wir hatten uns geweigert, Werbeslogans für Coca-Cola zu erfinden, weil wir Antifaschisten waren. Wir begnügten uns mit den paar Kröten bei Garamond, weil Bücher wenigstens demokratisch sind. Und ihr, um euch an den Bourgeois zu rächen, die ihr nicht aufhängen konntet, ihr verkauft ihnen jetzt Videokassetten und Fan-Magazine, ihr infantilisiert sie mit Zen und der Kunst, ein Motorrad zu warten. Ihr habt uns eure Kopie der Gedanken Maos aufgeschwatzt, und dann seid ihr mit dem Geld hingegangen und habt euch die Knaller für eure Feste der neuen Kreativität gekauft. Ohne Scham. Wir haben unser Leben damit verbracht, uns zu schämen. Ihr habt uns getäuscht, ihr habt keine Reinheit verkörpert, es war bloß Pubertätsakne. Ihr habt uns das Gefühl gegeben, wir wären elende Feiglinge, weil wir nicht den Mut hatten, mit offenem Visier den Bullen entgegenzutreten, und dann habt ihr irgendwelchen Passanten, die gerade vorbeikamen, in den Rücken geschossen. Vor zehn Jahren ist es uns passiert, dass wir logen, um euch aus dem Gefängnis zu holen, und ihr habt gelogen, um eure Freunde ins Gefängnis zu bringen. Deswegen gefällt mir diese Maschine hier: sie ist dumm, sie glaubt nichts, sie macht mich nichts glauben, sie tut, was ich ihr sage, ich Dummer ihr in ihrer Dummheit — oder ihm. Das ist ein ehrliches Verhältnis.«
»Ich ...«
»Sie sind unschuldig, Casaubon. Sie sind abgehauen, statt Steine zu schmeißen, Sie haben promoviert, nicht geschossen. Und doch, vor ein paar Jahren fühlte ich mich auch von Ihnen erpresst. Verstehen Sie mich recht, das ist nicht persönlich gemeint. Das sind Generationszyklen. Und als ich dann das Pendel sah, letztes Jahr, habe ich alles begriffen.«
»Was alles?«
»Fast alles. Sehen Sie, Casaubon, auch das Pendel ist ein falscher Prophet. Sie schauen es an, Sie glauben, es sei der einzige feste Punkt im Kosmos, aber wenn Sie es aus dem Kirchengewölbe abnehmen und es in einem Bordell aufhängen, funktioniert es trotzdem. Es gibt noch andere Foucaultsche Pendel, eins in New York im Palais der Vereinten Nationen, eins in San Francisco im Technischen Museum, und wer weiß wo sonst noch. Das Foucaultsche Pendel hängt fest, während die Erde sich unter ihm dreht, wo immer es sich befindet. Jeder Punkt im Universum ist ein fester Punkt, man braucht nur das Pendel dranzuhängen.«
»Dann ist Gott überall?«
»In gewissem Sinn ja. Deshalb verwirrt mich das Pendel. Es verspricht mir das Unendliche, aber es lässt mir die Verantwortung, zu entscheiden, wo ich es haben will. Also genügt es nicht, das Pendel einfach da zu verehren, wo es ist, man muß auch hier wieder eine Entscheidung treffen und den besten Punkt suchen. Und doch ...«
»Und doch?«
»Und doch ... he, Casaubon, Sie nehmen mich doch nicht etwa ernst, oder? Nein, ich kann unbesorgt sein, wir sind Leute, die nichts ernst nehmen ... Und doch, sagte ich, das Gefühl ist: da hat man nun in seinem Leben das Pendel an so viele Stellen gehängt und nie hat es funktioniert, und dort im Pariser Conservatoire funktioniert es so gut ... Was, wenn es im Universum privilegierte Punkte gäbe? Hier vielleicht, an der Decke dieses Büros? Nein, das würde uns niemand glauben. Es braucht eine Atmosphäre. Ich weiß nicht, vielleicht sind wir ständig auf der Suche nach dem richtigen Punkt und vielleicht ist er uns ganz nahe, aber wir erkennen ihn nicht, und um ihn zu erkennen, müssten wir glauben ... Schluss jetzt, gehen wir zu Signor Garamond.«
»Um das Pendel aufzuhängen?«
»O sel'ge Narretei. Gehen wir ernsthafte Dinge tun. Um Sie bezahlen zu können, muß ich Sie dem Boss vorführen, damit er Sie sieht, Sie berühren und Sie beschnuppern kann und sagt, es wäre ihm recht. Kommen Sie, lassen Sie sich vom Boss berühren, seine Berührung heilt von der Krätze.«
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Geheimer Meister, Vollkommener Meister, Geheimer Sekretär, Vorsteher und Richter, Intendant der Gebäude, Auserwählter Meister der Neun, Erlauchter Auserwählter der Fünfzehn, Groß-Architekt, Royal Arch oder Ritter des Königlichen Gewölbes von Salomo, Ritter des Ostens oder des Schwertes, Prinz von Jerusalem, Ritter vom Osten und Westen, Ritter vom Rosenkreuz oder Ritter des Adlers und des Pelikans, Hoher Priester oder Erhabener Schotte des Himmlischen Jerusalems, Ehrwürdiger Großmeister Aller Logen ad vitam, Preußischer Ritter oder Noachitischer Patriarch, Ritter der Königlichen Axt oder Prinz von Libanon, Prinz des Tabernakels, Ritter der Ehernen Schlange, Prinz der Barmherzigkeit oder der Gnade, Großer Komtur des Tempels, Ritter der Sonne oder Prinz-Adept, Groß-Schotte des Sankt Andreas von Schottland oder Großmeister des Lichtes, Großer Auserwählter Ritter Kadosch und Ritter vom Weißen und Schwarzen Adler.