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»Wir dachten an einen seriösen Titel, wie Die Metalle und die materielle Kultur.«

»Und seriös muß er auch sein. Aber mit jenem zusätzlichen Appeal, jenem Nichts, das alles sagt, warten Sie ... Ja, so: Universalgeschichte der Metalle. Sind da auch die Chinesen mit drin?«

»Ja, auch.«

»Also universal. Das ist kein Werbetrick, das ist die reine Wahrheit. Oder warten Sie, besser noch: Das wunderbare Abenteuer der Metalle.«

In diesem Augenblick kam die Signora Grazia herein und meldete, der Commendator De Gubernatis sei da. Garamond zögerte einen Moment und sah mich zweifelnd an, doch Belbo nickte ihm zu, wie um zu sagen, er könne sich nunmehr auf mich verlassen. Garamond ließ den Besucher eintreten und ging ihm entgegen. De Gubernatis kam im dunklen Zweireiher, hatte ein Abzeichen im Knopfloch, einen Füllfederhalter in der Brusttasche, eine gefaltete Zeitung in der Jackentasche und eine Mappe unter dem Arm.

»Mein lieber Commendatore, machen Sie sich's bequem, unser lieber Freund De Ambrosiis hat mir von Ihnen erzählt, ein Leben im Dienste des Staates. Und eine geheime poetische Ader, nicht wahr? Zeigen Sie, zeigen Sie mir den Schatz, den Sie da in Händen halten ... Hier stelle ich Ihnen zwei meiner Generaldirektoren vor.«

Er ließ ihn vor dem mit Manuskripten übersäten Schreibtisch Platz nehmen und streichelte mit vor Begierde zitternden Fingern den Umschlag des Werkes, das ihm vorgelegt wurde: »Nein, sagen Sie nichts, ich weiß bereits alles. Sie kommen aus Vipiteno, der großen und noblen Grenzstadt. Ein Leben im Dienste der Zollverwaltung. Und im geheimen, Tag für Tag, Nacht für Nacht diese Seiten, erregt vom Dämon der Poesie. Ah, die Poesie ... Sie verbrannte die Jugend Sapphos, sie nährte das Alter Goethes ... Pharmakon, sagten die alten Griechen: Gift und Medizin. Natürlich werden wir es zuerst lesen müssen, dieses Ihr Werk, ich pflege mindestens drei Gutachten einzuholen, eins aus dem Hause und zwei von unseren Außenberatern (die leider anonym bleiben müssen, Sie werden verstehen, es handelt sich um sehr exponierte Personen), der Verlag Manuzio bringt kein Buch heraus, wenn er sich dessen Qualität nicht sicher ist, und Qualität, das wissen Sie besser als ich, ist etwas Ungreifbares, man muß sie mit einem sechsten Sinn erspüren, manchmal hat ein Buch gewisse Imperfektionen, Mängel — auch Svevo schrieb schlecht, wem sage ich das —, doch bei Gott, man spürt eine Idee, einen Rhythmus, eine Kraft! Ich weiß es, sagen Sie nichts, kaum habe ich einen Blick auf das Incipit dieses Ihres Werkes geworfen, habe ich etwas gespürt, aber ich will nicht alleine urteilen, auch wenn so oft — ach, wie so oft! — die Gutachten lau waren, aber ich habe mich versteift, denn man kann einen Autor nicht verurteilen, ohne sich auf ihn eingelassen zu haben, ja gleichsam in inneren Einklang mit ihm getreten zu sein, hier zum Beispiel, ich schlage aufs Geratewohl diesen Ihren Text auf, und mein Blick fällt auf einen Vers: ›wie im Herbst, die abgemagerten Wimpern‹ — gut, ich weiß noch nicht, wie es weitergeht, aber ich spüre da einen Anhauch, erfasse ein Bild, manchmal ist das der erste Einstieg in einen Text, eine Ekstase, eine Verzückung... Dies vorausgeschickt, lieber Freund — ah, bei Gott, wenn man könnte, wie man wollte! Aber auch das Verlagswesen ist eine Industrie, die edelste unter den Industrien, aber doch eine Industrie, Wissen Sie, was heutzutage der Druck kostet, und das Papier? Sehen Sie, sehen Sie hier in der Zeitung von heute, wie hoch die prime rate in Wall Street gestiegen ist! Das betreffe uns nicht, meinen Sie? Und wie uns das betrifft! Wissen Sie, dass man uns sogar das Lager besteuert? Ich verkaufe nichts, und die besteuern sogar noch die Remittenden. Ich bezahle auch den Misserfolg, den Leidensweg des Genies, das die Philister nicht erkennen. Dieses Seidenpapier — es ist wirklich sehr fein, und gestatten Sie: gerade daran, dass Sie Ihren Text auf so dünnes Papier getippt haben, erkennt man den Dichter, ein beliebiger Schwätzer hätte ein extradickes Papier genommen, um das Auge zu blenden und den Geist zu benebeln, aber dies hier ist mit dem Herzen geschriebene Poesie, nicht wahr, die Worte sind Steine und erschüttern die Welt —, dieses Seidenpapier kostet mich soviel wie Banknotenpapier.«

Das Telefon klingelte. Wie ich später erfuhr, hatte Garamond auf einen Knopf unter dem Schreibtisch gedrückt, und die Signora Grazia hatte ihm einen fingierten Anruf durchgestellt.

»Verehrtester Meister! Was sagen Sie? Wie schön! Große Neuigkeiten, man läute die Glocken! Ein neues Buch von Ihnen ist stets ein Ereignis. Aber gewiss, Manuzio ist stolz, ist bewegt, ich sage noch mehr, ist froh, Sie unter seinen Autoren zu wissen. Haben Sie gelesen, was die Zeitungen über Ihre letzte epische Dichtung geschrieben haben? Nobel-preiswürdig! Leider sind Sie der Zeit voraus. Wir haben mit Mühe dreitausend Exemplare verkauft... «

Der Commendator De Gubernatis erbleichte: dreitausend Exemplare waren für ihn ein unverhofft hohes Ziel.

»Der Verkauf hat die Produktionskosten nicht gedeckt. Schauen Sie nur einmal hinter die Glastür, wie viele Angestellte ich beschäftige. Heutzutage muß ich von einem Buch, um auf meine Kosten zu kommen, mindestens zehntausend Exemplare absetzen, und zum Glück kann ich von vielen auch mehr verkaufen, aber das sind Schriftsteller mit einer, wie soll ich sagen, anderen Berufung. Balzac war groß und verkaufte seine Bücher wie warme Semmeln, Proust war ebenso groß und publizierte auf eigene Kosten. Sie, lieber Freund, werden in den Schulbüchern landen, aber nicht in den Bahnhofskiosken, genauso ist es auch Joyce ergangen, der seine Sachen gleichfalls auf eigene Kosten herausbrachte, wie Proust. Von Büchern wie den Ihren kann ich mir nur alle zwei, drei Jahre eins leisten. Geben Sie mir drei Jahre Zeit... « Es folgte eine lange Pause. In Signor Garamonds Antlitz zeichnete sich eine schmerzerfüllte Verlegenheit ab.

»Wie bitte? Auf Ihre eigenen Kosten? Nein, nein, es ist nicht die Höhe der Summe, die Summe lässt sich begrenzen... Aber der Verlag Manuzio pflegt nicht... Gewiss, wem sagen Sie das, auch Joyce und Proust... Gewiss, ich verstehe... «

Erneute leidvolle Pause. »Nun gut, wir werden darüber reden. Ich bin ehrlich zu Ihnen gewesen, Sie sind voller Ungeduld, also machen wir, was man einen Joint venture nennt, die Amerikaner machen's uns vor. Kommen Sie morgen vorbei, und wir rechnen alles noch einmal durch... Meine tiefe Verehrung und hohe Bewunderung.«

Garamond legte auf, hob den Kopf, als erwachte er aus einem Traum, und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann entsann er sich plötzlich der Anwesenheit seines Besuchers. »Entschuldigen Sie. Das war ein Schriftsteller, ein echter Schriftsteller, vielleicht ein Großer. Und doch, gerade deshalb... Manchmal ist es demütigend, diesen Beruf auszuüben. Wenn man nicht die Berufung hätte. Aber kommen wir zurück zu Ihnen. Wir haben uns alles gesagt, ich werde Ihnen schreiben, sagen wir, etwa in einem Monat. Ihr Text bleibt hier, in guten Händen.«

Der Commendator De Gubernatis war sprachlos gegangen. Er hatte den Fuß in die Schmiede des Ruhmes gesetzt.

39

Ritter der Weltkugeln, Prinz des Tierkreises, Erhabener Hermetischer Philosoph, Oberkommandeur der Gestirne, Erhabener Priester der Isis, Prinz des Heiligen Hügels, Philosoph von Samothrakien, Titan des Kaukasus, Knabe der Goldenen Lyra, Ritter des Wahren Phönix, Ritter der Sphinx, Erhabener Weiser des Labyrinthes, Erster Brahmane, Mystischer Wächter des Heiligtums, Architekt des Mysteriösen Turmes, Erhabener Prinz des Heiligen Vorhangs, Deuter der Hieroglyphen, Orphischer Doktor, Wächter der Drei Feuer, Hüter des Unnennbaren Namens, Erhabener Ödipus der Großen Geheimnisse, Geliebter Hirte der Oase der Mysterien, Doktor des Heiligen Feuers, Ritter des Leuchtenden Dreiecks.

Hochgrade nach Altem und Primitivem Ritus von Memphis-Misraim