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  Manuzio war ein Verlag für AEKs.

Ein AEK im Jargon von Manuzio war — doch warum gebrauche ich hier das Imperfekt? Die AEKs sind immer noch da, dort unten geht alles weiter, als wenn nichts geschehen wäre, ich bin es, der inzwischen alles in eine unendlich ferne Vergangenheit projiziert, weil das, was vorgestern Abend geschehen ist, gleichsam einen Riss in der Zeit markiert hat, weil in der Kirche von Saint-Martin-des-Champs die Ordnung der Jahrhunderte umgestürzt worden ist ... Oder vielleicht, weil ich seit vorgestern Abend mit einem Schlag um Jahrzehnte gealtert bin, oder weil die Furcht, von denen gefasst zu werden, mich reden lässt, als berichtete ich von einem zerfallenden Reich, im Bade liegend, die Pulsadern aufgeschnitten, wartend, dass ich im eigenen Blut ertrinke ...

Ein AEK ist ein Autor auf Eigene Kosten, und Manuzio ist eines jener Unternehmen, die man in den angelsächsischen Ländern »Vanity Press« nennt. Enorme Gewinne und so gut wie keine Betriebskosten. Belegschaft: Signor Garamond, Signora Grazia, der Buchhalter hinten in seinem Kabäuschen, genannt kaufmännischer Direktor, und Luciano, der kriegsversehrte Packer unten im Lager.

»Ich habe nie kapiert, wie Luciano es schafft, die Bücher mit seinem einen Arm zu verpacken«, hatte Belbo zu mir gesagt, »ich glaube, er behilft sich mit den Zähnen. Andererseits verpackt er nicht gerade vieclass="underline" die Packer in normalen Verlagen schicken die Bücher an die Buchhandlungen, Luciano schickt sie nur an die Autoren. Manuzio interessiert sich nicht für die Leser... Das Entscheidende ist, sagt Signor Garamond, dass man die Autoren nicht verrät — ohne Leser kann man durchaus überleben.«

Belbo bewunderte den Signor Garamond. Er sah in ihm den Träger einer Kraft, die ihm verwehrt war.

Das System von Manuzio war sehr einfach. Einige wenige Anzeigen in Lokalzeitungen, Fachzeitschriften, literarischen Provinzblättern, besonders in denen, die nur wenige Nummern überdauern. Anzeigen von mittlerer Größe, mit Foto des Autors und wenigen einprägsamen Zeilen: »Eine der exzellentesten Stimmen unserer Dichtung« oder: »Der neue Beweis für das erzählerische Talent des Autors von Floriana und ihre Schwestern«.

»An diesem Punkt ist das Netz gespannt«, erklärte Belbo, »und die AEKs fallen traubenweise darauf herein, wenn man traubenweise auf ein Netz hereinfallen kann, aber die verunglückte Metapher ist typisch für die Autoren von Manuzio, und ich habe die schlechte Angewohnheit übernommen, entschuldigen Sie.«

»Und dann?«

»Nehmen Sie den Fall De Gubernatis. In einem Monat, wenn unser Pensionär sich vor lauter Ungeduld schon verzehrt, wird Signor Garamond ihn anrufen und zu einem Abendessen mit einigen Schriftstellern einladen. Rendezvous in einem arabischen Restaurant, sehr exklusiv, ohne Firmenschild draußen: man läutet und sagt seinen Namen vor einem Guckloch, innen luxuriöses Ambiente, diffuses Licht, exotische Musik. Garamond drückt dem Chefkoch die Hand, duzt die Kellner und schickt den Wein zurück, weil ihn der Jahrgang nicht überzeugt, oder er sagt, entschuldige, mein Lieber, aber das ist nicht der Couscous, den man in Marrakesch isst. De Gubernatis wird dem Kommissar Hinz vorgestellt, alle Flughafendienste unterstehen ihm, aber vor allem ist er der Erfinder und Apostel des Cosmoranto, der Sprache für den Weltfrieden, die gerade in der Unesco diskutiert wird. Dann dem Professor Kunz, starke Erzählernatur, Gewinner des Premio Petruzzellis della Gattina 1980, aber auch eine Leuchte der medizinischen Wissenschaft. Wie viele Jahre haben Sie gelehrt, Herr Professor? Andere Zeiten, ja damals, da waren die Studien noch eine ernsthafte Sache. Und last but not least hier unsere exquisite Dichterin, die charmante Olinda Mezzofanti Sassabetti, Autorin von Keusche Herzensregungen, haben Sie sicher gelesen.«

Belbo gestand mir, dass er sich lange gefragt hatte, warum die weiblichen AEKs immer mit zwei Nachnamen firmierten, Lauretta Solimeni Calcanti, Dora Ardenzi Fiamma, Carolina Pastorelli Cefalù. Warum haben bedeutende Schriftstellerinnen nur einen Nachnamen, außer Ivy Compton-Bunett, und einige nicht mal einen Nachnamen, wie Colette, während eine AEK sich Olinda Mezzofanti Sassabetti nennt? Weil ein wahrer Schriftsteller aus Liebe zu seinem Werk schreibt und es ihm nichts ausmacht, unter einem Pseudonym bekannt zu sein, siehe Nerval, während ein AEK von seinen Nachbarn wiedererkannt werden möchte, von den Leuten in seinem Viertel und in dem, wo er früher gewohnt hat. Dem Mann genügt sein Name, der Frau nicht, weil es Leute gibt, die sie als Mädchen gekannt haben, und solche, die sie als Verheiratete kennen. Deswegen benutzt sie zwei Namen.

»Kurz, ein Abend prall voll intellektueller Erfahrungen. De Gubernatis kommt sich vor, als schluckte er einen LSD-Cocktail. Er lauscht dem Geschwätz der Tischgenossen, der geschmackvollen Anekdote über den großen Poeten mit seiner notorischen Impotenz, der auch als Poet nicht viel tauge, er wirft vor Erregung glänzende Blicke auf die neue Ausgabe der Enzyklopädie der berühmten Italiener, die Garamond überraschend hervorzieht, um die betreffende Seite dem Kommissar zu zeigen (haben Sie gesehen, mein Lieber, auch Sie sind jetzt im Pantheon, oh, es gibt noch Gerechtigkeit!).«

Belbo zeigte mir die Enzyklopädie. »Vor einer Stunde habe ich Ihnen eine Gardinenpredigt gehalten, aber niemand ist unschuldig. Die Enzyklopädie machen Diotallevi und ich ganz allein. Aber ich schwöre Ihnen, nicht um unser Gehalt aufzubessern. Es ist eine der amüsantesten Sachen der Welt, und jedes Jahr muß die aktualisierte Neuausgabe gemacht werden. Die Struktur ist mehr oder weniger diese: Ein Artikel verweist auf einen berühmten Autor, einer auf einen AEK, und das Problem ist nur, die alphabetische Ordnung gut auszutarieren und nicht zu viel Platz für die berühmten Autoren zu verschwenden. Sehen Sie hier zum Beispiel den Buchstaben L.«

LAMPEDUSA, Giuseppe Tomasi di (1896-1957). Sizilianischer Schriftsteller. Lebte lange Zeit unbekannt und wurde erst nach seinem Tod berühmt durch den Roman Der Leopard.

LAMPUSTRI, Adeodato (*1919). Schriftsteller, Pädagoge, Frontkämpfer (Bronzemedaille in Ostafrika), Denker, Erzähler und Dichter. Seine Gestalt ragt hoch empor in der italienischen Literatur unseres Jahrhunderts. L. offenbarte sich bereits 1959 mit dem ersten Band einer groß angelegten Trilogie, Die Brüder Caramasssi, einer mit krudem Realismus und hochpoetischer Inspiration erzählten Geschichte einer lukanischen Fischerfamilie. Diesem Erstlingswerk, das im Jahre 1960 mit dem Premio Petruzzellis della Gattina ausgezeichnet wurde, folgten in den beiden nächsten Jahren Die Entlassenen und Der Panther mit den wimperlosen Augen. Zwei Werke, die vielleicht noch mehr als das erste das Ausmaß an epischer Kraft, an plastisch funkelnder Fantasie und lyrischem Atem dieses unvergleichlichen Künstlers bezeugen. Ein emsiger Ministerialbeamter, wird L. in seinen Kreisen geschätzt als höchst integre Persönlichkeit, als beispielhafter Vater und Gatte sowie als erlesener Redner.

»De Gubernatis«, erklärte Belbo, »wird sich dringend wünschen, in dieser Enzyklopädie präsent zu sein. Er hatte schon immer gesagt, dass der Ruhm der Hochberühmten nur Machenschaft sei, Ergebnis einer Verschwörung willfähriger Kritiker. Aber vor allem wird ihm aufgehen, dass er in eine Familie von Schriftstellern eingetreten ist, die zugleich Direktoren öffentlicher Ämter sind, Bankbeamte, Aristokraten, Richter. Mit einem Schlag wird er seinen Bekanntenkreis beträchtlich vergrößert haben, und wenn er künftig jemanden um einen Gefallen bitten muß, wird er wissen, an wen er sich wenden kann. Signor Garamond hat die Macht, den Commendator De Gubernatis aus der Provinz zu holen und in die höchsten Kreise zu versetzen. Gegen Ende des Abends wird Garamond ihm ins Ohr flüstern, er solle doch am nächsten Morgen einmal bei ihm vorbeikommen.«

»Und kommt er am nächsten Morgen?«

»Darauf können Sie schwören. Er wird die Nacht schlaflos verbringen, von der Größe des Adeodato Lampustri träumend.«