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»Und dann?«

»Dann wird ihm Garamond am nächsten Morgen sagen: Hören Sie, gestern Abend habe ich nicht gewagt, mit Ihnen darüber zu sprechen, um die anderen nicht zu demütigen. Ah, welch ein erhabenes Werk, ich spreche gar nicht von den enthusiastischen, ich sage noch mehr, positiven Gutachten, nein, ich selber habe in eigener Person eine Nacht über diesen Seiten verbracht. Ein literaturpreiswürdiges Buch. Groß, groß... Er wird an den Schreibtisch zurückgehen, wird die Hand auf das Manuskript legen — das inzwischen zerknittert ist, zerlesen durch die liebenden Blicke von mindestens vier Lektoren (die Manuskripte zu zerknittern ist Aufgabe der Signora Grazia) — und wird den AEK mit perplexer Miene anstarren. Was geschieht nun damit, was geschieht nun damit? wird De Gubernatis fragen, und Garamond wird sagen, dass über die Qualität des Werkes keine Sekunde lang zu diskutieren sei, aber dass es zweifellos seiner Zeit weit vorauseile und dass man, was die Auflage angehe, zweitausend nicht überschreiten werde, maximal zweitausendfünfhundert. Für De Gubernatis würden zweitausend Exemplare vollauf reichen, um alle Personen, die er kennt, zu beglücken, der AEK denkt nicht in planetarischen Dimensionen, beziehungsweise sein Planet besteht aus bekannten Gesichtern, solchen von Schulkameraden, Bankdirektoren, Kollegen im Lehrkörper seiner Schule, pensionierten Offizieren. Lauter Personen, die der AEK gerne in seine poetische Welt einführen würde, auch jene, die keinen Wert darauf legen, wie der Metzgermeister an der Ecke oder der Präfekt... Angesichts der Gefahr, dass Garamond sich zurückziehen könnte, nachdem alle zu Hause, im Städtchen, im Büro wissen, dass er sein Manuskript einem großen Mailänder Verlag angeboten hat, überschlägt De Gubernatis seine Finanzen. Er könnte einen Kredit aufnehmen, sich die Lebensversicherung auszahlen lassen, den Bausparvertrag verkaufen, Paris ist eine Messe wert. Er bietet schüchtern an, sich an den Druckkosten zu beteiligen. Garamond zeigt sich verstört: Aber nicht doch, wo denken Sie hin, Manuzio pflegt nicht... und dann lässt er sich breitschlagen: Top, abgemacht, Sie haben mich überzeugt, schließlich haben auch Joyce und Proust sich der harten Notwendigkeit beugen müssen, die Kosten sind soundso hoch, wir drucken erst einmal zweitausend Exemplare, aber den Vertrag machen wir über ein Maximum von zehntausend. Rechnen Sie zweihundert Freiexemplare für sich, die Sie zusenden können, wem immer Sie wollen, zweihundert gehen an die Presse, denn wir wollen eine Werbekampagne machen, als handle es sich um die Angélique der Golon, also bleiben eintausendsechshundert zu vertreiben. Auf diese, das werden Sie verstehen, haben Sie keine Rechte, aber wenn das Buch dann geht, drucken wir nach, und von da an kriegen Sie zwölf Prozent.«

Später sah ich einen Vertrag von der Art, wie ihn De Gubernatis, nun voll auf dem Poetentrip, unterschreiben würde, ohne ihn auch nur gelesen zu haben, während der Buchhalter jammerte, Garamond habe wieder einmal die Kosten zu niedrig veranschlagt. Zehn Seiten Klauseln in winziger Schrift, betreffend ausländische Übersetzungen, Nebenrechte wie Bühnenbearbeitungen, Hörspielfassungen, Verfilmungen, Ausgaben in Blindenschrift und Kurzfassungen für Reader's Digest, Gewährleistungsausschluss im Falle von Prozessen wegen Diffamierung, Recht des Autors, die redaktionellen Änderungen zu billigen, Zuständigkeit des Mailänder Gerichts im Falle von Streitigkeiten... Der AEK sollte völlig erschöpft, das Auge umflort von Ruhmesträumen, zu den haarigen Klauseln gelangen, in denen stand, dass die Höchstauflage zehntausend betrage, ohne dass eine Mindestauflage erwähnt wurde, dass die zu zahlende Summe nicht an die Auflagenhöhe gebunden sei, von der nur mündlich die Rede war, und vor allem, dass der Verleger das Recht habe, nach Ablauf eines Jahres die unverkauften Exemplare einzustampfen, es sei denn, der Autor wolle sie zum halben Ladenpreis erwerben. Unterschrift.

Die Werbekampagne sollte gigantisch sein. Zehnseitige Presseerklärung mit Biografie und kritischer Würdigung. Keine Schamgrenze, in den Zeitungsredaktionen würde man das Zeug sowieso in den Papierkorb werfen. Effektiv gedruckt: tausend Exemplare in Rohbögen, davon nur dreihundertfünfzig aufgebunden. Zweihundert an den Autor, fünfzig an zweitrangige und genossenschaftliche Buchläden, fünfzig an Provinzzeitschriften, dreißig zur Sicherheit an die Zeitungen, für den Fall, dass sie sich zu einer Zeile in der Rubrik »Eingesandte Bücher« aufrafften. Die Exemplare würden sie Krankenhäusern oder Gefängnissen schenken — womit begreiflich wird, warum erstere nicht heilen und letztere nicht resozialisieren.

Im Sommer würde dann der Premio Petruzzellis della Gattina kommen, eine Kreation von Garamond. Gesamtkosten: Unterkunft und Verpflegung der Jury, zwei Tage, und eine Nike von Samothrake aus Vermeil. Glückwunschtelegramme von den Manuzio-Autoren.

Schließlich würde der Moment der Wahrheit kommen, anderthalb Jahre später. Garamond würde ihm schreiben: Lieber Freund, ich hatte es ja vorausgesehen, Sie sind fünfzig Jahre zu früh erschienen. Rezensionen in Hülle und Fülle, Preise und Zustimmung der Kritik, ça va sans dire. Aber verkaufte Exemplare nur wenige, das Publikum ist noch nicht soweit Wir sehen uns gezwungen, das Lager zu räumen, wie vorgesehen in unserem Vertrag (Kopie anbei). Entweder geht der Rest in den Reißwolf, oder Sie kaufen ihn zum halben Ladenpreis, wie es Ihr gutes Recht ist.

De Gubernatis ringt verzweifelt die Hände, seine Familie tröstet ihn: die Leute verstehen dich nicht, natürlich, wenn du einer von ihnen wärst, wenn du sie geschmiert hättest, ja, dann hätten sie dich jetzt auch im Corriere rezensiert, ist doch alles nur eine einzige Mafia, du musst standhaft bleiben. Von den Freiexemplaren sind bloß noch fünf übrig, es gibt noch viele wichtige Persönlichkeiten, die bedacht werden müssen, du kannst nicht zulassen, dass dein Werk in den Reißwolf wandert, um zu Klopapier verarbeitet zu werden, sehen wir mal, was wir zusammenkratzen können, es ist gut ausgegebenes Geld, man lebt nur einmal, wir könnten doch, sagen wir, fünfhundert Exemplare kaufen, und für den Rest, sic transit gloria mundi.

Bei Manuzio liegen noch 650 Exemplare in Rohbögen, Signor Garamond lässt 500 aufbinden und schickt sie dem Autor per Nachnahme. Bilanz: der Autor hat großzügig die Produktionskosten für 2000 Exemplare bezahlt, der Verlag hat 1000 gedruckt und davon 850 aufgebunden, von denen der Autor 500 noch ein zweites Mal bezahlt hat. Fünfzig Autoren pro Jahr, und die Firma schließt immer mit gutem Gewinn.

Und ohne Gewissensbisse: sie verbreitet Glück.

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Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt.

Shakespeare, Julius Caesar, II, 2

  Ich hatte stets einen Gegensatz empfunden zwischen der Hingabe, mit der sich Belbo um seine respektablen Autoren bei Garamond kümmerte, immer bestrebt, aus ihren Texten Bücher zu machen, auf die er stolz sein konnte, und dem Piratentum, mit dem er nicht nur half, die eitlen Tröpfe bei Manuzio zu umgarnen, sondern mit dem er auch diejenigen, die ihm bei Garamond nicht präsentabel erschienen, in die Via Gualdi schickte — wie er's mit dem Oberst Ardenti versucht hatte.

Ich hatte mich oft gefragt, während ich mit ihm arbeitete, warum er diese Situation akzeptierte. Sicher nicht wegen des Geldes. Er verstand sein Metier gut genug, um eine besser bezahlte Arbeit zu finden.

Lange dachte ich, dass er es deshalb täte, weil er auf diese Weise seine Studien über die menschliche Torheit betreiben konnte, und zwar in einem exemplarischen Observatorium. Was er Dummheit nannte, der unangreifbare Paralogismus, der hinterlistige Wahn, verkleidet als makellose Argumentation, das faszinierte ihn und er wiederholte immerzu, dass es ihn faszinierte. Aber auch das war nur eine Maske. Wer aus Spiellust mitgemacht hatte, war Diotallevi gewesen, vielleicht in der Hoffnung, dass sich ihm eines Tages in einem Buch von Manuzio eine unerhört neue Kombination der Torah offenbaren würde. Und aus Jux, zum puren Vergnügen, aus Spottlust und Neugier hatte ich bei dem Spiel mitgemacht, besonders nachdem Garamond das Hermes-Projekt lanciert hatte.