»Das war's, was ich meinte«, sagte Garamond.
»Und das alles wäre genug«, fragte Belbo unschuldig.
Bramanti blies die Backen auf und verwandelte sich mit einem Schlag aus einem Tapir in einen Hamster. »Genug... für den Anfang, ja, zur Initiierung, nicht für die Initiierten, wenn Sie mir das Wortspiel gestatten. Doch schon mit einem halben Hundert Bänden könnten Sie ein Publikum von Tausenden von Lesern mesmerisieren, die auf nichts anderes warten als auf ein klärendes Wort... Mit einer Investition von ein paar Hundert Millionen Lire — ich komme bewusst gerade zu Ihnen, Doktor Garamond, da ich Sie kenne und schätze als einen Verleger, der zu den großzügigsten Abenteuern bereit ist — und mit einem bescheidenen Prozentsatz für mich als Herausgeber der Reihe... «
Bramanti hatte genug gesagt und jedes Interesse in Garamonds Augen verloren. Er wurde eiligst hinauskomplimentiert, mit großen Versprechungen: Die übliche Beraterrunde werde den Vorschlag aufmerksam erwägen.
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Wisset aber, daß wir uns alle einig sind, was wir auch immer sagen.
Turba Philosophorum
Als Bramanti draußen war, murmelte Belbo, er hätte sich mal den Pfropfen rausziehen sollen. Signor Garamond kannte den Ausdruck nicht, und Belbo versuchte ein paar respektvolle Paraphrasen, doch ohne Erfolg.
»Nun jedenfalls«, sagte Garamond, »machen wir uns doch nichts vor. Dieser Herr hatte kaum fünf Worte gesagt, da wusste ich schon, dass er für uns kein Kunde ist. Er. Wohl aber die, von denen er gesprochen hat, Autoren und Leser. Dieser Bramanti hat Überlegungen in mir bestärkt, die ich schon seit einigen Tagen anstelle. Hier, sehen Sie, meine Herren!« Mit theatralischer Geste zog er drei Bücher aus seiner Schreibtischschublade.
»Diese drei Bücher sind in den letzten Jahren erschienen und alle sehr erfolgreich gewesen. Das erste ist englisch, ich habe es nicht gelesen, aber der Autor ist ein berühmter Kritiker. Und was hat er geschrieben? Sehen Sie auf den Untertiteclass="underline" ein gnostischer Roman. Und nun dies hier: anscheinend ein Kriminalroman, ein Bestseller. Und wovon spricht er? Von einer gnostischen Kirche in der Gegend von Turin. Sie werden wissen, was für Leute diese Gnostiker sind... « Er hob abwehrend die Hand: »Nein, lassen Sie, das spielt keine Rolle, mir genügt zu wissen, dass sie etwas Dämonisches sind... Ich weiß, ich weiß, ich gehe vielleicht zu rasch vor, aber ich will nicht wie Sie reden, ich will wie dieser Bramanti reden. Ich spreche jetzt als Verleger, nicht als Professor für vergleichende Gnoseologie oder wie das heißt. Was habe ich in Bramantis Diskurs an Lichtvollem gesehen, an Verheißungsvollem, an Einladendem, ich sage noch mehr, an Kuriosem? Diese außergewöhnliche Fähigkeit zur Zusammenschau, er hat nicht von den Gnostikern gesprochen, aber Sie haben's gehört, er hätte es ohne weiteres tun können, zwischen Geomantie, Gerovital und Radames mit Merkurium. Und warum insistiere ich so darauf? Weil ich hier noch ein anderes Buch habe, von einer berühmten Journalistin, die unglaubliche Dinge erzählt, die in Turin geschehen, in Turin sage ich, der Stadt des Automobils: Hexereien, schwarze Messen, Teufelsbeschwörungen, und das alles für zahlendes Publikum, nicht für die Veitstänzer aus dem Süden. Casaubon, Belbo hat mir gesagt, dass Sie in Brasilien waren und die Satansriten der Wilden da unten gesehen haben... Gutgut, Sie können mir später sagen, was genau das gewesen war, aber es kommt auf dasselbe raus. Brasilien ist hier, meine Herren. Vorgestern habe ich selbst in eigener Person eine von diesen Buchhandlungen aufgesucht, wie hieß sie doch gleich, na egal, es kommt auf dasselbe raus, es war eine Buchhandlung, die vor sechs oder sieben Jahren noch Texte von Anarchisten, Revolutionären, Tupamaros, Terroristen, ich sage noch mehr, Marxisten verkaufte. Und nun? Was verkauft sie jetzt? Die Sachen, von denen Bramanti gesprochen hat. Es ist wahr, wir befinden uns heute in einer Zeit der Konfusion, und wenn Sie in eine katholische Buchhandlung gehen, wo es früher nur den Katechismus zu kaufen gab, dann finden Sie heute da auch die Neubewertung Luthers, aber wenigstens verkaufen die noch keine Bücher, in denen steht, dass die ganze Religion eine einziger großer Schwindel ist. Doch in den Buchhandlungen, von denen ich spreche, da findet man den gläubigen Autor neben dem ungläubigen, alles wild durcheinander. Hauptsache, das Thema ist irgendwie, wie soll ich sagen... «
»Hermetisch«, suggerierte Diotallevi.
»Genau, ich glaube, das ist das richtige Wort. Da standen mindestens zehn Bücher über Hermes. Und so will ich nun über ein Hermes-Projekt sprechen. Begeben wir uns in den gewerblichen Zweig.«
»Den Goldenen Zweig«, sagte Belbo.
»Genau«, sagte Garamond, ohne die literarische Anspielung zu verstehen. »Es handelt sich um eine Goldader. Mir ist klar geworden, dass diese Leute alles fressen, solange es nur hermetisch ist, wie Sie sagten, solange es nur das Gegenteil dessen besagt, was in den Schulbüchern steht. Und ich glaube, es handelt sich auch um eine kulturelle Pflicht. Ich bin zwar kein Wohltäter aus Berufung, aber in diesen so finsteren Zeiten jemandem einen Glauben anzubieten, einen Blick auf das Übernatürliche... Der Verlag Garamond hatte schon immer eine wissenschaftliche Mission... «
Belbo erstarrte. »Ich dachte, Sie dächten an Manuzio.«
»An beide. Hören Sie. Ich habe mich in jener Buchhandlung umgesehen, und dann bin ich in eine andere gegangen, eine höchst seriöse, die jedoch ebenfalls ein Regal mit okkulten Wissenschaften hatte. Zu diesen Themen gibt es Studien auf universitärem Niveau, und sie stehen neben Büchern von Leuten wie diesem Bramanti. Und nun überlegen wir maclass="underline" Dieser Bramanti ist den akademischen Autoren vielleicht nie persönlich begegnet, aber er hat sie gelesen, und er hat sie gelesen, als wären sie seinesgleichen. Diese Leute sind so, bei allem, was man ihnen sagt, denken sie immer, es gehe um ihr Problem, wie in der Geschichte mit dem Kater, der hört, wie die beiden Eheleute sich wegen ihrer Scheidung zanken, und denkt, es gehe um die Zusammensetzung seines Frühstücks. Sie haben's ja selbst gehört, Belbo, Sie haben das mit diesen Templern da eingeworfen, und er sofort: d'accord, auch die Templer, und die Kabbala, und das Lotto und der Kaffeesatz. Das sind Allesfresser, sage ich Ihnen. Allesfresser. Haben Sie das Gesicht von diesem Bramanti gesehen: ein Nagetier. Ich sehe ein riesiges Publikum vor mir, in zwei Kategorien eingeteilt, ich sehe sie schon vor meinen Augen vorbeiziehen, und sie sind Legion. Erstens die, die darüber schreiben, und hier steht Manuzio mit offenen Armen bereit. Man braucht sie nur anzulocken, mit einer neuen Reihe, die in die Augen sticht und die heißen könnte, warten Sie... «
»Die Smaragdene Tafel«, suggerierte Diotallevi.
»Wie? Nein, zu schwierig, mir zum Beispiel sagt das gar nichts, wir brauchen etwas, das an etwas anderes erinnert.«
»Die Entschleierte Isis«, sagte ich.
»Die Entschleierte Isis! Das klingt gut, bravo, Casaubon, das klingt nach Tutanchamun, nach Skarabäus und Pyramiden. Die Entschleierte Isis, mit einem leicht dämonischen Umschlag, aber nicht zu viel. Und jetzt weiter. Daneben gibt es die zweite Heerschar, diejenigen, die kaufen. Schon gut, meine Freunde, Sie werden sagen, dass Manuzio nicht an denen interessiert ist, die kaufen. Aber muß das so bleiben? Diesmal verkaufen wir die Manuzio-Bücher, meine Herren, das wird ein qualitativer Sprung! Bleiben schließlich noch die Studien auf wissenschaftlichem Niveau, und hier tritt der Verlag Garamond auf den Plan. Unbeschadet der historischen Studien und der anderen akademischen Reihen werden wir einen seriösen Berater finden und drei bis vier Bücher pro Jahr herausbringen, in einer seriös aufgemachten Reihe mit einem aussagekräftigen, aber nicht pittoresken Titel...«
»Reihe Hermetik«, schlug Diotallevi vor.
»Sehr gut. Klassisch. Würdig. Sie werden mich vielleicht fragen, warum Geld bei Garamond ausgeben, wenn wir bei Manuzio welches verdienen können. Aber die seriöse Reihe dient uns als Aushängeschild, sie lockt besonnene Leute an, die weitere Vorschläge machen, uns Fährten weisen und dann die anderen anlocken, die Bramantis, die zu Manuzio umgeleitet werden. Kurzum, mir scheint, das ist ein perfektes Projekt, das Hermes-Projekt, eine saubere Sache, die sich rentiert und den ideellen Fluss zwischen den beiden Verlagen gewährleistet... An die Arbeit, meine Herren! Gehen Sie in die Buchläden, stellen Sie Bibliografien zusammen, lassen Sie sich Verlagskataloge kommen, sehen Sie sich an, was im Ausland gemacht wird... Und dann, wer weiß, wie viele Leute schon zu uns gekommen sind, die irgendwelche Schätze dieser Art mitbrachten, und wir haben sie weggeschickt, weil sie uns nicht nützten... Und denken Sie daran, Casaubon, auch in die Geschichte der Metalle muß ein Schuss Alchimie rein. Gold ist ein Metall, will ich doch hoffen. Die Kommentare später, Sie wissen, ich bin offen für jede Kritik, jeden Vorschlag und jeden Widerspruch, wie es üblich ist unter gebildeten Leuten. Das Projekt ist hiermit beschlossen. Signora Grazia, lassen Sie bitte den Herrn herein, der seit zwei Stunden draußen wartet, so kann man doch einen Autor nicht behandeln!« rief er laut, während er die Tür öffnete, so dass man ihn draußen im Wartesaal hören konnte.