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Ich kreuzte unwillkürlich die Finger. Er sah es und lächelte düster. »Ich verstehe Ihr Zögern. Bedenkt man, dass dieses mein Manuskript hier die fünfte Neufassung jenes Buches ist, was mag dann in neun Monaten geschehen? Nichts, ich kann Sie beruhigen, denn was ich anbiete, ist das erweiterte Liber Legis, da ich das Glück hatte, nicht nur von einer einfachen höheren Intelligenz besucht worden zu sein, sondern von Al persönlich, dem höchsten Prinzip oder Hoor-paar-Kraat und somit dem Doppelgänger oder mystischen Zwilling von Ra-Hoor-Khuit. Meine einzige Sorge ist, dass dieses mein Werk, auch um schädliche Einflüsse abzuwenden, genau zur Wintersonnwende erscheinen muß.«

»Das ließe sich machen«, sagte Belbo ermunternd.

»Freut mich sehr. Das Buch wird Aufsehen in den Kreisen der Eingeweihten erregen, denn wie Sie gewiss verstehen können, meine mystische Quelle ist seriöser und glaubwürdiger als die von Crowley. Ich weiß nicht, wie Crowley die Rituale des Großen Tieres ins Werk setzen konnte, ohne die Liturgie des Schwertes zu berücksichtigen. Nur mit gezücktem Schwert versteht man, was das Mahapralaya ist oder das Dritte Auge der Kundalini. Und dann hat er in seiner Arithmologie, die ganz auf der Zahl des Tieres gründet, nicht die 93, 118, 444, 868 und 1001 berücksichtigt: die Neun Zahlen.«

»Was bedeuten die?« fragte Diotallevi.

»Ah«, sagte der Professor Camestres, »wie es schon im ersten Liber Legis heißt, jede Zahl ist infinit, und es gibt keinen Unterschied!«

»Verstehe«, sagte Belbo. »Aber fürchten Sie nicht, dass dies alles ein bisschen dunkel für den gewöhnlichen Leser ist?«

Camestres sprang fast aus seinem Sessel auf. »Aber es ist absolut unverzichtbar. Wer diese Geheimnisse ohne die nötige Vorbereitung erführe, würde in den Abgrund stürzen! Schon indem ich sie auf verschleierte Weise publik mache, gehe ich Risiken ein, glauben Sie mir! Ich bewege mich im Bereich der Anbetung des Tieres, aber radikaler als Crowley, lesen Sie nur meine Seiten über den congressus cum daemone, die Vorschriften für die Einrichtung des Tempels und die fleischliche Vereinigung mit der Scharlachroten Frau und dem Tier, das Sie reitet. Crowley war bei dem sogenannten widernatürlichen congressus carnale stehen geblieben, ich versuche das Ritual noch hinauszutreiben über das Böse, wie wir es verstehen, ich berühre das Unfassbare, die absolute Reinheit der Goetia, die äußerste Schwelle des Bas-Aumgn und des Sa-Ba-Ft... «

Belbo blieb nur noch übrig, die finanziellen Möglichkeiten des Professors zu erkunden. Er tat es mit langen, verschachtelten Sätzen, und heraus kam schließlich, dass dieser Autor, wie zuvor schon Bramanti, nicht die geringste Absicht hatte, sein Opus selbst zu finanzieren. Woraufhin die Phase des Abstandnehmens begann, mit der höflichen Bitte, das Manuskript zur Prüfung dazulassen, für eine Woche, dann werde man weitersehen. Da aber hatte Camestres sein Manuskript mit beiden Händen fest an die Brust gedrückt und versichert, er sei noch nie mit soviel Misstrauen behandelt worden, und war empört gegangen, nicht ohne durchblicken zu lassen, er verfüge über ungewöhnliche Mittel, uns die ihm angetane Beleidigung noch bereuen zu lassen.

Nach kurzer Zeit jedoch hatten wir Dutzende von Manuskripten sicherer AEKs beisammen. Wir mussten ein Minimum an Auswahl treffen, da die Sachen ja auch verkauft werden sollten. Sie alle zu lesen, war ausgeschlossen, wir begnügten uns mit einem Blick auf die Inhaltsverzeichnisse und teilten uns dann mit, was wir entdeckt hatten.

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Womit sich eine verblüffende Frage erhebt: Kannten die alten Ägypter die Elektrizität?

Peter Kolosimo, Terra senza tempo, Mailand, Sugar, 1964,p. 111

  »Ich hab hier einen Text über die verschwundenen Kulturen und die geheimnisvollen Länder«, sagte Belbo. »Scheint, es gab ursprünglich einen Kontinent Mu, in der Gegend von Australien, von dem die großen Migrationsströme ausgingen. Einer ging zur Insel Avalon, ein anderer zum Kaukasus und zu den Quellen des Indus, dann gab's die Kelten, die Begründer der ägyptischen Kultur und schließlich Atlantis... «

»Alte Kamellen«, sagte ich. »Leute, die Bücher über Mu schreiben, schleppe ich Ihnen so viele an, wie Sie wollen.«

»Aber dies hier lässt sich vielleicht verkaufen. Außerdem hat es ein sehr schönes Kapitel über die griechischen Einflüsse in Yucatán, es berichtet vom Basrelief eines Kriegers, in Chichén Itzá, der einem römischen Legionär ähnelt. Wie ein Ei dem andern... «

»Alle Helme der Welt haben entweder Federn oder Rosshaar«, sagte Diotallevi. »Das ist kein Beweis.«

»Für dich nicht, aber für den hier schon. Er findet Schlangenanbeter in allen Kulturen und schließt daraus auf einen gemeinsamen Ursprung...«

»Wo ist die Schlange nicht angebetet worden?« sagte Diotallevi. »Außer natürlich beim Auserwählten Volk«

»Ja, die haben das Kalb angebetet.«

»Das war ein Moment der Schwäche. Ich würde dieses hier wegtun, auch wenn sich's verkaufen lässt. Kelten und Arier, Kali-Yuga, Untergang des Abendlandes und SS-Spiritualität! Vielleicht bin ich ja paranoisch, aber das riecht mir nach Nazismus.«

»Für Garamond ist das nicht unbedingt ein Grund zur Ablehnung.«

»Ja, aber es gibt eine Grenze für alles. Hör zu, ich hab hier was Besseres, etwas über Kobolde, Undinen, Salamander, Elfen und Feen... Allerdings kommen auch hier die Ursprünge der arischen Kultur mit rein. Scheint, dass die SS von den Sieben Zwergen abstammt«

»Nicht doch, das sind die Nibelungen!«

»Aber hier ist die Rede von dem Kleinen Volk auf der Insel Irland. Und die Bösen sind die Feen, die Kleinen sind gute Kerlchen, nur treiben sie's manchmal ein bisschen arg.«

»Leg's mal raus. Und was haben Sie, Casaubon?«

»Nur einen kuriosen Text über Christoph Columbus. Der Autor analysiert seine Unterschrift und findet darin sogar eine Bezugnahme auf die Pyramiden. Columbus hatte die Absicht, den Tempel von Jerusalem zu rekonstruieren, denn er war ein Großmeister der Templer im Exil. Und da er bekanntlich ein portugiesischer Jude und folglich ein Experte für Kabbala war, hat er mit kabbalistischen Beschwörungen die Stürme besänftigt und den Skorbut gezähmt. Die Texte über die Kabbala hab ich nicht durchgesehen, ich nehme an, die hat sich Diotallevi reserviert.«

»Sind alle voll falschem Hebräisch, fotokopiert aus den Traktätchen über die Traumdeutung.«

»Vergessen wir nicht, wir suchen hier Texte für die Entschleierte Isis. Wir betreiben keine Philologie. Vielleicht gefällt den Diabolikern gerade das falsche Hebräisch der Traumdeuter. Ich schwanke, was die Beiträge über die Freimaurerei betrifft. Garamond hat mir empfohlen, keine Experimente zu machen, er will sich nicht in die Streitereien zwischen den verschiedenen Riten einmischen, aber ich würde diesen Text hier über die freimaurerische Symbolik in der Grotte von Lourdes nicht vernachlässigen. Auch nicht diesen anderen, sehr schönen hier, über das Auftauchen eines Edelmannes, vermutlich des Grafen von Saint-Germain, eines Vertrauten von Benjamin Franklin und La Fayette, bei der Erfindung des amerikanischen Sternenbanners. Allerdings erklärt er zwar die Bedeutung der Sterne ganz gut, aber mit den Streifen verheddert er sich ganz schön.«

»Der Graf von Saint-Germain!« sagte ich. »Schau, schau!«

»Wieso? Kennen Sie ihn?«

»Wenn ich ja sage, werden Sie mir nicht glauben. Lassen wir das. Ich hab hier eine vierhundert Seiten dicke Monstrosität über die Irrtümer der modernen Wissenschaft: Das Atom, eine jüdische Lüge, Der Irrtum Einsteins und das mystische Geheimnis der Energie, Die Illusion Galileis und die immaterielle Beschaffenheit des Mondes und der Sonne.«