»Wie nett. Sagt er so was allen?«
»Nein, Dummkopf, nur mir. Weil er mich besser versteht als du, weil er nicht versucht mich nach seinem Idealbild zurechtzustutzen. Er begreift, daß ich das Leben auf meine Art leben muß. Und genauso hat's die Sophia gemacht, sie hat nicht lange gefragt sondern hat einfach angefangen, die Welt zu machen. Sie hat sich mit der Urmaterie besudelt, die ekelhaft war, ich glaub, die benutzte noch keine Deodorants, und es war nicht mit Absicht — aber ich glaube, sie war's, die Sophia, die dann den Dingsda gemacht hat, den Demo... wie heißt er noch gleich?«
»Meinst du den Demiurg?«
»Ja genau, den. Ich weiß nicht mehr, ob dieser Demiurg, ob den jetzt die Sophia gemacht hat oder ob er schon da war und sie ihn bloß aufgestachelt hat: He, Blödmann, los, mach die Welt, daß wir uns amüsieren können! Der Demiurg muß ein Chaot gewesen sein, er hat nämlich nicht gewusst, wie er die Welt ordentlich machen sollte, und er hätte sie eigentlich gar nicht machen dürfen, denn die Materie ist schlecht, und er war nicht befugt, die Hände da reinzustecken. Na jedenfalls hat er dann zusammengepfuscht, was er eben zusammengepfuscht hat, und die Sophia ist drin stecken geblieben. Als Gefangene der Welt.«
Lorenza redete schnell und trank viel. Alle paar Minuten, während in der Mitte des Saales schon viele mit geschlossenen Augen wippten und zuckten, kam Riccardo vorbei und goss ihr nach. Belbo versuchte ihn daran zu hindern, sagte, Lorenza hätte genug getrunken, aber Riccardo lachte und schüttelte bloß den Kopf, und sie rebellierte und behauptete, sie vertrüge den Alkohol besser als Jacopo, weil sie jünger sei.
»Okay, okay«, sagte Belbo. »Hör nicht auf Opa. Hör lieber auf Simon. Was hat er dir noch gesagt?«
»Na eben, daß ich die Gefangene dieser Welt bin, oder genauer, der bösen Engel... In dieser Geschichte sind nämlich die Engel böse und haben dem Demiurg geholfen, all das Chaos anzurichten... Und diese bösen Engel also, die halten mich fest und wollen mich nicht loslassen und quälen mich. Aber ab und zu gibt's einen Menschen, der mich erkennt. Wie Simon. Er sagt, das wär ihm schon mal passiert, vor tausend Jahren... Weil, das hab ich dir noch nicht gesagt, Simon ist praktisch unsterblich, wenn du wüsstest, was der alles schon erlebt hat...
»Sicher, sicher. Aber jetzt hör auf zu trinken.«
»Ssst.. Simon hat mich einmal getroffen, da war ich 'ne Prostituierte in einem Bordell von Tyrus, und er nannte mich Helena... «
»Das sagt dieser Herr zu dir? Und du bist ganz glücklich darüber? Gestatten, daß ich Ihnen die Hand küsse, Sie Flittchen meines Scheißuniversums... Feiner Gentleman!«
»Das Flittchen war höchstens diese Helena. Und außer dem, wenn man damals Prostituierte sagte, meinte man eine freie Frau, eine Frau ohne Fesseln, eine Intellektuelle, eine, die nicht Hausfrau sein wollte, du weißt doch selber, daß eine Prostituierte damals eine Kurtisane war, eine, die einen Salon führte, heute würde sie Public Relations machen, nennst du eine PR-Dame eine Hure, als wär sie 'ne billige Nutte, die's den Lastwagenfahrern besorgt?«
In diesem Moment kam Riccardo von neuem vorbei, fasste Lorenza am Arm und sagte: »Komm tanzen.«
Sie gingen in die Saalmitte, stellten sich voreinander auf und deuteten schleppende, etwas verträumte Bewegungen an, als schlügen sie auf eine Trommel. Aber hin und wieder zog er sie an sich und legte ihr eine Hand auf den Nacken, besitzergreifend, und sie folgte ihm mit geschlossenen Augen, das Gesicht glühend, den Kopf zurückgeworfen, so daß ihre Haare frei und senkrecht hinunterfielen. Belbo steckte sich eine Zigarette nach der andern an.
Nach einer Weile fasste Lorenza Riccardo an den Hüften und schob ihn langsam in unsere Richtung, bis sie nur noch einen Meter von Belbo entfernt waren. Ohne ihren Tanz zu unterbrechen, nahm Lorenza ihm den Pappbecher aus der Hand. Hielt Riccardo mit der Linken, den Becher in der Rechten, sah mit feucht glänzenden Augen zu Belbo und schien zu weinen, aber sie lächelte... Und sprach zu ihm.
»Und es war nicht das einzige Mal, weißt du?«
»Das einzige Mal was?« fragte Belbo.
»Daß er Sophia getroffen hat. Viele Jahrhunderte später war Simon auch Guillaume Postel.«
»Hat er Briefe ausgetragen?«
»Idiot. Das war ein Gelehrter in der Renaissance, der fließend jüdisch las... «
»Hebräisch.«
»Von mir aus. Er las es, wie die Jungs heute Mickymaus lesen. Kapierte es auf Anhieb. Na, und in einem Hospital in Venedig, da trifft er auf eine alte analphabetische Dienerin, seine Johanna, er sieht sie an und sagt: klarer Fall, das ist die neue Inkarnation der Sophia, der Ennoia, das ist die Große Mutter des Universums, herniedergestiegen zu uns, um die ganze Welt zu erlösen, die eine weibliche Seele hat. Und so nimmt der Postel die Johanna zu sich, alle erklären ihn für verrückt, aber er lässt sich nicht beirren, er betet sie an, er will sie aus der Gefangenschaft der Engel befreien, und als sie stirbt, bleibt er eine Stunde lang an ihrem Bett sitzen und starrt in die Sonne, und tagelang sitzt er so da, ohne zu essen und zu trinken, bewohnt von Johanna, die nicht mehr da ist, aber es ist, als ob sie noch da wäre, denn sie ist immer da, sie bewohnt die Welt, und ab und zu taucht sie wieder auf, um sich, wie sagt man, zu inkarnieren... Ist das nicht eine Geschichte zum Heulen?«
»Ich zerfließe in Tränen. Und dir gefällt es so sehr, seine Sophia zu sein?«
»Aber ich bin doch auch deine, Liebster! Weißt du, daß du, ehe du mich gekannt hast, ganz schreckliche Krawatten hattest und Schuppen hinten auf dem Jackett?«
Riccardo hielt sie wieder im Nacken. »Darf ich mich an der Konversation beteiligen?«
»Du sei still und tanz weiter. Du bist das Werkzeug meiner Lust«
»Is mir auch recht.«
Belbo sprach weiter, als ob der andere nicht existierte. »Also dann bist du seine Prostituierte, seine feministische PR-Dame, und er ist dein Simon?«
»Ich heiße nicht Simon«, sagte Riccardo, schon etwas lallend.
»Von dir reden wir nicht«, sagte Belbo. Seit ein paar Minuten hatte ich mir Sorgen um ihn gemacht. Er, der gewöhnlich so sehr darauf bedacht war, seine Gefühle für sich zu behalten, machte ihr eine Eifersuchtsszene vor einem Zeugen, ja einem Rivalen. Aber an diesem letzten Satz wurde mir klar, daß er, indem er sich vor dem anderen entblößte — während der wahre Gegner noch ein ganz anderer war —, in der einzigen Weise, die ihm vergönnt war, seinen Besitzanspruch auf Lorenza erneuerte.
Unterdessen antwortete ihm Lorenza, nachdem sie sich einen weiteren Schluck von jemandem genommen hatte: »Aber doch nur zum Spaß. Ich liebe doch dich.«
»Bin ja schon froh, wenn du mich nicht hasst. Hör zu, ich möchte jetzt gern nach Hause, ich hab eine Magenverstimmung. Ich bin leider noch Gefangener der niederen Materie. Mir hat Simon nichts versprochen. Kommst du mit?«
»Ach lass uns doch noch ein bisschen bleiben. Es ist grad so schön. Amüsierst du dich nicht? Und außerdem, ich hab mir die Bilder noch gar nicht richtig angesehen. Hast du gesehn, Riccardo hat auch eins über mich gemacht.«
»Was würd ich nicht alles gern über dich machen!« sagte Riccardo.
»Du bist vulgär. Nimm die Pfoten weg, ich rede mit Jacopo. Herrgott, Jacopo, darfst denn bloß du intellektuelle Spielchen mit deinen Freunden treiben und ich nicht? Wer ist es denn, der mich wie eine Prostituierte aus Tyrus behandelt? Du!«
»Na klar doch. Ich. Ich bin es, der dich alten Herren in die Arme treibt.«
»Er hat nie versucht, mich in die Arme zu nehmen. Er ist kein Lüstling. Es stört dich wohl, daß er nicht mit mir ins Bett will, sondern mich als eine intellektuelle Partnerin betrachtet.«
»Animierdame.«
»Das hättest du jetzt nicht sagen dürfen. Riccardo, bring mich irgendwohin, wo's noch was zu trinken gibt.«