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»Nein, warte«, sagte Belbo. »Sag mir jetzt, ob du ihn ernst nimmst, ich will endlich kapieren, ob du verrückt bist oder nicht. Und hör auf zu trinken. Sag mir verdammt noch mal, ob du ihn ernst nimmst?«

»Aber Liebster, das ist doch ein Spiel zwischen mir und ihm. Und dann, das Schöne an der Geschichte ist: wenn die Sophia kapiert, wer sie ist, und sich aus der Tyrannei der Engel befreit, dann kann sie sich frei von Sünde bewegen... «

»Hast du aufgehört zu sündigen?«

»Ach bitte, überleg's dir noch mal«, sagte Riccardo und küsste sie schamhaft auf die Stirn.

»Im Gegenteil«, antwortete sie Belbo, ohne den Maler zu beachten. »Alle diese Sachen da sind jetzt keine Sünde mehr, man kann alles machen, was man will, um sich vom Fleisch zu befreien, man ist jenseits von Gut und Böse.«

Mit einem Stoß schob sie Riccardo weg und rief laut in den Saaclass="underline" »Ich bin die Sophia, und um mich von den Engeln zu befreien, muß ich alle Sünden prepetieren... prerpuetieren... per-pe-trieren, auch die allerschönsten!«

Sie ging leicht schwankend in eine Ecke, wo ein ganz in Schwarz gekleidetes Mädchen mit dicken Lidschatten und sehr blassem Teint saß, zog es in die Mitte des Saales und begann mit ihm zu tanzen. Die beiden tanzten fast Bauch an Bauch, mit schlaff herunterhängenden Armen. »Ich kann auch dich lieben«, sagte Lorenza. Und küsste sie auf den Mund.

Die anderen bildeten einen Halbkreis um sie, ein bisschen erregt, und jemand rief etwas. Belbo hatte sich hingesetzt und betrachtete die Szene mit einem undurchdringlichen Ausdruck, wie ein Impresario, der einer Theaterprobe zuschaut. Er schwitzte und hatte ein nervöses Zucken am linken Auge, das ich noch nie an ihm bemerkt hatte. Dann plötzlich, als Lorenza schon mindestens fünf Minuten lang tanzte und ihre Bewegungen immer lasziver wurden, straffte er sich und sagte scharf. »Komm jetzt her!«

Lorenza blieb stehen, spreizte die Beine auseinander, streckte die Arme nach vorn und schrie: »Ich bin die Heilige und die Hure!«

»Du bist ein Haufen Scheiße«, sagte Belbo, stand auf, ging geradewegs auf sie zu, packte sie hart am Handgelenk und zog sie zur Tür.

»Lass mich!« schrie sie. »Was erlaubst du dir... « Dann brach sie in Schluchzen aus und warf ihm die Arme um den Hals. »Liebster, ich bin doch deine Sophia! Du wirst dich doch nicht wegen so was aufregen...«

Belbo legte ihr sanft den Arm um die Schultern, küsste sie auf die Schläfe und strich ihr die Haare aus der Stirn, dann sagte er in den Saaclass="underline" »Entschuldigt, sie ist es nicht gewohnt, so viel zu trinken.«

Ich hörte ein paar Leute kichern. Ich glaube, auch Belbo hatte es gehört. Er entdeckte mich auf der Türschwelle und machte etwas, von dem ich bis heute nicht weiß, ob es für mich, für die anderen oder für ihn selbst bestimmt war. Er machte es gedämpft, mit halblauter Stimme, als die anderen sich schon abgewandt hatten.

Den Arm immer noch um Lorenzas Schultern, drehte er sich halb zum Saal herum und machte leise, wie jemand, der eine Selbstverständlichkeit sagt: »Kikerikiii.«

51

Wann derohalben ein kabbalistischer Großkopfeter dir etwas sagen will, so denke nicht, er sage dir etwas Frivoles, etwas Vulgäres, etwas Gemeines: sondern ein Geheimnis, ein Orakel...

Thomaso Garzoni, Il Theatro de vari e diverse cervelli mondani, Venedig, Zanfretti, 1583, Discorso XXXVI

  Das Bildmaterial, das ich in Mailand und Paris gefunden hatte, genügte nicht. Signor Garamond genehmigte mir eine Reise nach München, zum Deutschen Museum.

Ich verbrachte einige Abende in den Bars von Schwabing — soll heißen in jenen immensen Krypten, wo ältere Herren mit Schnauzbart und kurzen Lederhosen Blechmusik oder Hackbrett spielen, während die Paare, dicht gedrängt eins neben dem andern sitzend, sich durch Rauchschwaden voller Schweinsbratendunst über riesigen Maßkrügen zulächeln — und die Nachmittage im Lesesaal mit der Durchsicht des Fotoarchivs. Ab und zu ging ich ins Museum hinüber, wo alles nachgebaut worden ist, was je ein menschliches Hirn hat erfinden können: Man drückt auf einen Knopf, und Dioramen von Ölfeldern beleben sich mit stampfenden Pumpen, man spaziert durch ein echtes Unterseeboot, man lässt die Planeten kreisen, man spielt Chemiefabrik und Atomkraftwerk... Ein weniger gotisches und ganz auf die Zukunft ausgerichtetes Conservatoire, bewohnt von lärmenden Schulklassen, die das Ingenium der Ingenieure lieben lernen.

Im Deutschen Museum lernt man auch alles über den Bergbau: Man steigt eine Treppe hinunter und betritt ein richtiges Bergwerk, komplett mit Stollen, Fahrkörben für Menschen und Pferde, engen Schläuchen, in denen ausgemergelte Kinder (aus Wachs, hoffe ich) kriechend ihre Fronarbeit verrichten. Man wandert durch endlose finstere Gänge, schaut in einen Brunnen ohne Boden, spürt die Kälte in den Knochen und meint beinahe das Grubengas zu riechen. Alles im Maßstab eins zu eins.

Ich gelangte in einen Seitengang, verlor schon die Hoffnung, das Tageslicht jemals wiederzusehen, und entdeckte am Rande eines Abgrunds jemanden, der mir bekannt vorkam. Das Gesicht hatte ich schon irgendwo gesehen, faltig und grau, mit weißem Haar und Eulenblick, aber mir war, als müsste er anders gekleidet sein, als hätte ich dieses Gesicht über einer Art Uniform gesehen, wie wenn man einen Priester nach langer Zeit in Zivil wiedersieht oder einen Kapuziner ohne Bart. Auch er sah mich an, auch er zögernd. Und wie es in solchen Fällen geschieht, nach einem Duell kurzer Blicke ergriff er die Initiative und begrüßte mich auf italienisch. Mit einem Mal konnte ich ihn mir in seiner Berufskleidung vorstellen — er brauchte nur einen langen gelblichen Kittel zu tragen und wäre der Signor Salon gewesen. A. Salon, Taxidermist, derselbe, der sein Labor direkt neben meinem Büro hatte, am selben Flur in der aufgelassenen Fabrik, wo ich den Marlowe des Wissens spielte. Ich war ihm ein paar mal auf der Treppe begegnet, und wir hatten uns kurz gegrüßt.

»Kurios«, sagte er, während er mir die Hand reichte, »da sind wir nun so lange schon Nachbarn und stellen uns hier in den Eingeweiden der Erde vor, tausend Meilen entfernt.«

Wir wechselten ein paar höfliche Sätze. Ich hatte den Eindruck, daß er recht genau wusste, was ich tat, und das war nicht wenig, bedenkt man, daß ich es nicht einmal selbst genau wusste. »Was tun Sie denn hier in einem Museum der Technik? In Ihrem Verlag beschäftigt man sich doch eher mit geistigen Dingen, scheint mir.«

»Woher wissen Sie das?«

»Och... « Er machte eine vage Geste. »Die Leute reden, ich bekomme viel Besuch... «

»Was für Leute kommen denn so zu einem Tierausstopfer? Pardon: zu einem Taxidermisten?«

»Alle möglichen. Sie werden sagen, wie's alle tun, das sei kein alltäglicher Beruf. Aber es mangelt mir nicht an Kunden, und sie kommen von überall her. Museumsleute, private Sammler.«

»Es passiert mir nicht oft, daß ich ausgestopfte Tiere in privaten Häusern sehe«, sagte ich.

»Nein? Das hängt davon ab, welche Häuser Sie frequentieren... Oder welche Keller.«

»Hält man sich ausgestopfte Tiere im Keller?«

»Manche tun es. Nicht alle Krippen stehen im Licht der Sonne — oder des Mondes. Ich misstraue zwar solchen Kunden, aber Sie wissen ja, die Arbeit... Ich misstraue den Untergründen.«

»Und deshalb spazieren Sie hier durch die Untergründe?«

»Ich kontrolliere. Ich misstraue den Untergründen, aber ich will sie begreifen. Es gibt ja nicht allzu viele Möglichkeiten. Die Katakomben von Rom, werden Sie sagen. Da gibt's kein Geheimnis mehr, die sind voller Touristen und kontrolliert von der Kirche. Es gibt die Kloaken von Paris... Sind Sie mal da gewesen? Man kann sie montags, mittwochs und an jedem letzten Samstag im Monat besichtigen, der Eingang ist beim Pont de l'Alma. Auch das ein Touristenziel. Natürlich gibt's in Paris auch die Katakomben, und die unterirdischen Höhlen. Zu schweigen von der Metro. Waren Sie je an Nummer 145 der Rue La Fayette?«