»Ich muß gestehen, nein.«
»Ein bisschen abseits, zwischen der Gare de l'Est und der Gare du Nord. Auf den ersten Blick ein unscheinbares Gebäude. Nur wenn man genauer hinsieht, entdeckt man, daß die Türen zwar aussehen wie aus Holz, aber in Wahrheit aus bemaltem Eisen sind, und die Zimmer hinter den Fenstern sind seit Jahrhunderten unbewohnt. Nie brennt da ein Licht. Aber die Leute gehen vorbei und wissen nicht«
»Wissen nicht was?«
»Daß das Haus nur vorgetäuscht ist Es ist nur Fassade, eine Hülle ohne Dach, ohne Inneres. Leer. Es kaschiert die Mündung eines Kamins. Dient zur Be- und Entlüftung der Metro. Und wenn Sie das begreifen, haben Sie das Gefühl, vor dem Eingang der Unterwelt zu stehen, als würden Sie, wenn Sie nur in diese Mauern eindringen könnten, ins unterirdische Paris gelangen. Ich habe manchmal Stunden um Stunden vor diesen Scheintüren verbracht, die das Tor der Tore maskieren, den Abfahrtsbahnhof zur Reise ins Zentrum der Erde. Warum, meinen Sie, hat man das gemacht?«
»Um die Metro zu belüften, sagten Sie doch.«
»Dafür hätten ein paar Luken genügt. Nein, es sind diese Untergründe, vor denen ich Verdacht zu schöpfen begann. Verstehen Sie mich?«
Das Reden über die Dunkelheit schien ihn aufzuheitern. Ich fragte ihn, weshalb er die Untergründe so verdächtig fand.
»Nun, weil die Herren der Welt, wenn es sie gibt, nur unter der Erde sein können. Das ist eine Wahrheit, die alle ahnen, aber nur wenige auszusprechen wagen. Der einzige, der den Mut besaß, es in klaren Worten zu sagen, war vielleicht Saint-Yves d'Alveydre. Kennen Sie ihn?«
Vielleicht hatte ich den Namen schon irgendwann von einem der Diaboliker gehört, aber ich erinnerte mich nicht genau.
»Er ist es, der von Agarttha gesprochen hat, von der unterirdischen Residenz des Königs der Welt, dem verborgenen Zentrum der Synarchie«, sagte Salon. »Er hatte keine Angst, er fühlte sich seiner selbst sicher. Doch alle, die ihm öffentlich gefolgt sind, wurden eliminiert, weil sie zu viel wussten.«
Wir setzten unseren Gang durch die Stollen fort, und Salon warf beim Sprechen zerstreute Blicke umher, spähte in die Einmündung anderer Stollen, in die Tiefe anderer Brunnen, als suchte er im Halbdunkel nach einer Bestätigung seines Verdachts.
»Haben Sie sich jemals gefragt, warum alle großen modernen Metropolen sich Ende des vorigen Jahrhunderts so beeilten, Untergrundbahnen zu bauen?«
»Um Verkehrsprobleme zu lösen. Oder nicht?«
»Als es noch gar keinen Autoverkehr gab und nur Pferdedroschken durch die Straßen rollten? Von einem Mann Ihres Geistes hätte ich mir eine subtilere Erklärung erwartet!«
»Und haben Sie eine?«
»Vielleicht«, sagte Signor Salon, und es schien, als sagte er es mit abwesender und gedankenversunkener Miene. Doch es war eine Art, das Gespräch abzublocken. Und tatsächlich bemerkte er nun, er müsse jetzt gehen. Dann, nachdem er mir erneut die Hand gereicht hatte, blieb er noch einen Augenblick stehen, als fiele ihm gerade noch etwas ein: »Apropos, dieser Oberst... wie hieß er doch gleich, der damals vor Jahren zu Garamond gekommen war, um Ihnen von einem Schatz der Templer zu erzählen? Haben Sie nie wieder von ihm gehört?«
Ich stand wie vom Schlag gerührt vor dieser brüsken und indiskreten Enthüllung von Kenntnissen, die ich für intim und begraben gehalten hatte. Ich wollte ihn fragen, woher er das wisse, aber ich fürchtete mich davor. So sagte ich nur mit möglichst indifferenter Miene: »Ach, eine alte Geschichte, hatte ich ganz vergessen... Aber apropos, warum haben Sie ›apropos‹ gesagt?«
»Habe ich ›apropos‹ gesagt? Ach ja, gewiss, mir schien, als hätte er etwas in einem Untergrund gefunden... «
»Woher wissen Sie das?«
»Weiß nicht mehr. Kann mich nicht mehr erinnern, wer mir davon erzählt hat. Vielleicht ein Kunde. Aber ich horche immer auf, wenn Untergründe erwähnt werden. Eine Altersmanie. Guten Abend.«
Er ging davon, und ich blieb stehen, um dieser Begegnung nachzusinnen.
52
In gewissen Regionen des Himalaja, zwischen den zweiundzwanzig Tempeln, welche die zweiundzwanzig Arcana des Hermes darstellen und die zweiundzwanzig Buchstaben einiger heiliger Alphabete, bildet Agarttha die mystische Null, das unauffindbare Alles und Nichts — alles für die Synarchie, nichts für die Anarchie... Der Leser stelle sich ein kolossales Schachbrett vor, das sich unterirdisch erstreckt, durch fast alle Regionen des Erdballs.
Saint -Yves d’Alveydre, Mission de l’Inde en Europe, Paris,Calmann-Lévy, 1886, p. 54 und 65
Zurück in Mailand, erzählte ich Belbo und Diotallevi von meinem Erlebnis, und wir stellten verschiedene Hypothesen auf. Salon, ein Exzentriker und Schwätzer, der sich in gewisser Weise an Mysterien delektierte, hatte Ardenti getroffen, und das war alles. Oder: Salon wusste etwas über Ardentis Verschwinden und arbeitete für die, die ihn hatten verschwinden lassen. Oder auch: Salon war ein Informant der Polizei...
Dann sahen wir andere Diaboliker, und Salon vermischte sich mit seinesgleichen.
Ein paar Tage später hatten wir Agliè zu Besuch, der uns über einige Manuskripte referierte, die Belbo ihm zur Begutachtung zugesandt hatte. Er beurteilte sie präzise, streng und mit Nachsicht. Agliè war scharfsinnig, es hatte ihn nicht viel gekostet, das Doppelspiel Garamond-Manuzio zu durchschauen, und wir hatten ihm die Wahrheit nicht länger verschwiegen. Er schien zu verstehen und zu verzeihen. Er vernichtete einen Text mit wenigen schneidenden Sätzen, dann fügte er mit sanftem Zynismus hinzu, für Manuzio sei er gerade recht.
Ich fragte ihn, was er uns über Agarttha und Saint-Yves d'Alveydre sagen konnte.
»Saint-Yves d'Alveydre...«, begann er. »Ein bizarrer Geselle, ohne Zweifel, seit früher Jugend frequentierte er die Anhänger von Fabre d'Olivet. Er war nur ein Angestellter im Innenministerium, aber ambitioniert... Freilich fand seine Ehe mit Marie-Victoire nicht unseren Beifall... «
Agliè hatte nicht widerstanden. Er war zur ersten Person übergegangen. Er rief sich Erinnerungen ins Gedächtnis.
»Wer war Marie-Victoire? Ich liebe Klatschgeschichten«, sagte Belbo.
»Marie-Victoire de Risnitch, eine strahlende Schönheit, als sie noch Busenfreundin der Kaiserin Eugenie war. Aber als sie Saint-Yves begegnete, hatte sie die Fünfzig bereits überschritten. Er war in den Dreißigern. Eine Mesalliance für sie, das ist nur natürlich. Aber damit nicht genug, um ihm einen Titel zu verschaffen, kaufte sie ihm auch Ländereien von einem gewissen Marquis d'Alveydre, und so konnte sich unser Bruder Leichtfuß nun mit diesem Titel schmücken, und in Paris sang man Couplets über den ›Gigolo‹. Da er jetzt von der Rendite leben konnte, überließ er sich seinen Träumen. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, eine politische Formel zu finden, die imstande wäre, eine harmonischere Gesellschaft herbeizuführen. Synarchie als das Gegenteil von Anarchie. Eine gesamteuropäische Gesellschaft, regiert von drei Räten als Repräsentanten der ökonomischen Macht, der Justiz und der geistigen Mächte, das heißt der Kirchen und der Wissenschaften. Eine aufgeklärte Oligarchie, die mit den Klassenkämpfen Schluss machen sollte. Wir haben schon Schlimmeres gehört.«
»Und Agarttha?«
»Er sagte, eines Tages sei er von einem mysteriösen Afghanen besucht worden, einem gewissen Hadji Scharipf, der kein Afghane gewesen sein konnte, da der Name ganz klar albanisch ist... Und dieser Mann habe ihm das Geheimnis der Residenz des Königs der Welt verraten, wenn auch Saint- Yves diesen Ausdruck nie benutzt hat, das haben dann die anderen getan: Agarttha, das Unauffindbare.«
»Aber wo hat er denn diese Dinge gesagt?«