Выбрать главу

»Ja schon«, sagte er. »Aber Ardenti ist verschwunden. Die anderen, hoffe ich, nicht«

»Noch nicht, und ich möchte fast sagen: leider. Aber verzeihen Sie meine Neugier, Herr Kommissar: Ich stelle mir vor, daß Sie mit Leuten, die verschwinden oder noch Schlimmeres, in Ihrem Beruf jeden Tag zu tun haben. Beschäftigen Sie sich mit allen so... lange?«

Er sah mich amüsiert an. »Und was bringt Sie auf den Gedanken, daß ich mich noch immer mit Ardenti beschäftige?«

Okay, er spielte und begann eine neue Runde. Ich musste den Mut haben, sehen zu wollen, und er würde seine Karten aufdecken müssen. Ich hatte nichts zu verlieren. »Also hören Sie, Kommissar«, sagte ich, »Sie wissen alles über Garamond und Manuzio, Sie sind hier, um ein Buch über Agarttha zu suchen... «

»Wieso? Hatte Ardenti über Agarttha gesprochen?«

Wieder getroffen. Tatsächlich hatte Ardenti, soweit ich mich erinnerte, auch über Agarttha gesprochen. Aber ich parierte gut: »Nein, aber er hatte eine Geschichte über die Templer, Sie werden sich erinnern.«

»Richtig«, sagte er. Dann fügte er hinzu: »Aber Sie dürfen nicht glauben, wir verfolgten immer nur einen Fall, bis er gelöst ist. Das passiert nur im Fernsehen. Die Arbeit des Polizisten ist wie die eines Zahnarztes: ein Patient kommt, man macht ihm eine Plombe, verarztet ihn, er kommt nach zwei Wochen wieder, und in der Zwischenzeit hat man hundert andere Patienten. Ein Fall wie der des Oberst Ardenti kann zehn Jahre im Archiv liegen bleiben, dann plötzlich, im Verlauf eines anderen Falles, durch das Geständnis von irgendwem, kommt ein Indiz zutage, peng, mentaler Kurzschluss, und man denkt neu drüber nach... Bis es zu einem weiteren Kurzschluss kommt, oder auch zu keinem mehr, und dann gute Nacht.«

»Und was haben Sie kürzlich entdeckt, das so einen Kurzschluss bei Ihnen ausgelöst hat?«

»Eine indiskrete Frage, meinen Sie nicht? Aber da gibt's keine Geheimnisse, glauben Sie mir. Der Oberst ist mir ganz zufällig wieder eingefallen. Wir haben einen Typ überwacht, aus ganz anderen Gründen, und fanden heraus, daß er den Club Picatrix frequentierte, Sie werden davon gehört haben...«

»Nein, ich kenne bloß die Zeitschrift, nicht den Verein. Was geht denn da vor?«

»Och nichts, gar nichts, das sind ruhige Leutchen, vielleicht ein bisschen exaltiert. Aber mir ist eingefallen, daß auch der Ardenti da verkehrte — die ganze Geschicklichkeit des Polizisten besteht darin, sich zu erinnern, wo er einen Namen schon mal gehört, ein Gesicht schon mal gesehen hat, auch noch nach zehn Jahren. Und da habe ich mich gefragt, was wohl bei Garamond vorgeht. Das ist alles.«

»Und was hat der Club Picatrix mit der Politischen Polizei zu tun?«

»Es mag ja die Impertinenz des reinen Gewissens sein, aber Sie kommen mir unheimlich neugierig vor.«

»Sie waren es, der mich zu einem Kaffee eingeladen hat.«

»Stimmt, und wir sind beide nicht im Dienst. Sehen Sie, aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet hat in dieser Welt alles mit allem zu tun.« Ein schönes hermetisches Philosophem, dachte ich. Aber er fügte sofort hinzu: »Womit ich nicht sagen will, diese Leute hätten mit der Politischen Polizei zu tun, aber wissen Sie... Früher suchten wir die Roten Brigaden in den besetzten Häusern und die Schwarzen Brigaden in den diversen Kampfsportvereinen, heute könnte es genau umgekehrt sein. Wir leben in einer bizarren Welt. Ich versichere Ihnen, mein Beruf war vor zehn Jahren leichter. Heute gibt's auch bei den Ideologen keine Religion mehr. Manchmal habe ich Lust, ins Rauschgiftdezernat überzuwechseln. Ein Dealer ist wenigstens noch ein Dealer, da gibt's nichts zu diskutieren. Da hat man's mit sicheren Werten zu tun.«

Er schwieg ein Weilchen, unsicher, glaube ich. Dann zog er ein Notizbuch aus der Tasche, das wie ein Messbuch aussah. »Hören Sie, Casaubon, Sie frequentieren beruflich seltsame Leute, Sie gehen in Bibliotheken, um sich noch seltsamere Bücher auszuleihen. Helfen Sie mir. Was wissen Sie über die Synarchie?«

»Da muß ich leider passen. So gut wie nichts. Ich hab davon reden hören, im Zusammenhang mit Saint-Yves. Das ist alles.«

»Und was redet man so darüber?«

»Wenn man was darüber redet, dann ohne mein Wissen. Offen gesagt, mir stinkt die Sache nach Faschismus.«

»In der Tat, viele dieser Thesen wurden seinerzeit von der Action Française aufgegriffen. Und wenn's dabei geblieben wäre, sähe ich ja noch klar: Wenn ich eine Gruppe finde, die von Synarchie redet, kann ich sie einordnen. Aber ich bin dabei, mich über das Thema zu informieren, und erfahre, daß um 1929 eine gewisse Vivian Postel du Mas und eine Jeanne Canudo die Gruppe Polaris gegründet haben, die sich am Mythos eines Königs der Welt inspirierte, und dann propagierten sie ein synarchisches Projekt: sozialer Dienst gegen kapitalistischen Profit, Beseitigung des Klassenkampfs durch genossenschaftliche Bewegungen... Scheint eine Art Sozialismus fabianischer Prägung gewesen zu sein, eine personalistische und kommunitäre Bewegung. Tatsächlich wurden sowohl Polaris wie auch die irischen Fabianer beschuldigt, Emissäre eines synarchischen Komplotts unter jüdischer Leitung zu sein. Und wer hat sie dessen beschuldigt? Eine Revue internationale des sociétés secrètes, die von einer jüdisch-freimaurerisch-bolschewistischen Verschwörung faselte. Viele ihrer Mitarbeiter gehörten zu einer noch geheimeren rechten Integralistenvereinigung, der Sapinière. Und sie behaupteten, alle revolutionären politischen Organisationen seien nur die Fassade eines teuflischen Komplotts, das von einem okkultistischen Geheimbund gesteuert werde. Nun werden Sie sagen, okay, wir haben uns geirrt, Saint- Yves hat am Ende linksreformistische Gruppen inspiriert, die Rechte macht aus jeder Mücke einen Elefanten und sieht überall Ableger einer Demo-Pluto-Sozial-Judäokratie. Auch Mussolini hat es so gemacht. Aber wieso wird dann diesen Gruppen vorgeworfen, sie würden von okkultistischen Zirkeln beherrscht? Nach dem bisschen, was ich davon weiß — gehen Sie nur mal hin und schauen Sie sich Picatrix an —, sind das Leute, die mit der Arbeiterbewegung wenig im Sinn haben.«

»So dünkt es auch mich, o Sokrates. Und weiter?«

»Danke für den Sokrates, aber je mehr ich über das Thema lese, desto weniger sehe ich klar. Anfang der vierziger Jahre entstehen verschiedene Gruppen, die sich synarchisch nennen, und sie reden von einer neuen europäischen Ordnung unter der Führung einer Regierung von überparteilichen Weisen. Und wo konvergieren dann all diese Gruppen? Im Umkreis der Kollaborateure von Vichy. Jetzt werden Sie sagen, wir hätten uns erneut geirrt, die Synarchie stehe eben rechts. Vorsicht! Nachdem ich so viel gelesen habe, wird mir klar, daß alle sich nur in einem Punkt einig sind: Die Synarchie existiert und regiert insgeheim die Welt. Aber nun kommt das Aber... «

»Aber?«

»Am 24. Januar 1937 wurde Dimitri Navachine, ein Freimaurer und Martinist (ich weiß nicht genau, was Martinisten sind, aber mir scheint, eine von diesen Sekten), damals Berater der Volksfrontregierung in Wirtschaftsfragen, nachdem er zuvor Direktor einer Moskauer Bank gewesen war, ermordet von einer Organisation secrète d’action révoluti-onnaire et nationale, besser bekannt als La Cagoule, finanziert von Mussolini. Damals hieß es, die Cagoule werde von einer geheimen Synarchie geleitet und Navachine sei ermordet worden, weil er ihre Geheimnisse aufgedeckt habe. Später, während der deutschen Besatzung, behauptet ein aus Kreisen der Linken hervorgegangenes Dokument, verantwortlich für die französische Niederlage sei ein synarchischer Pakt des Reiches, und dieser Pakt sei die Manifestation eines lateinischen Faschismus vom portugiesischen Typ. Aber dann kommt heraus, daß der Pakt von den Polaris- Gründerinnen Postel du Mas und Canudo verfasst worden war und Ideen enthielt, die sie längst publiziert und überall verbreitet hatten. Keine Spur von Geheimnis. Aber als geheim, ja top secret werden diese Ideen dann 1946 von einem gewissen Husson enthüllt, der einen linksrevolutionären synarchischen Pakt anprangert, und das in einem Text namens Synarchie, panorama de 25 années d’activité occulte, gezeichnet mit — warten Sie, ja, hier: Geoffroy de Charnay.«