Er zeigte uns die Zimmer, wo wir schlafen sollten — ich, Diotallevi und Lorenza. Lorenza sah sich in ihrem Zimmer um, befühlte das alte Bett, auf dem eine große weiße Decke lag, beschnupperte das Laken und sagte, sie komme sich vor wie bei Großmuttern, weil es so nach Lavendel rieche. Belbo widersprach, das sei nur die Feuchtigkeit, die so rieche, Lorenza meinte, das mache nichts, und dann, an die Wand gelehnt, die Hüften und den Unterleib leicht vorgestreckt, als müsste sie den Flipper besiegen, fragte sie: »Aber schlafe ich hier allein?«
Belbo schaute in eine andere Richtung, aber da standen wir, er schaute wieder in eine andere Richtung, dann wandte er sich zur Tür und sagte: »Darüber sprechen wir noch. Auf jeden Fall hast du hier ein Refugium ganz für dich allein.« Diotallevi und ich gingen hinaus, doch wir hörten, wie Lorenza ihn fragte, ob er sich wegen ihr schäme. Er antwortete, wenn er ihr das Zimmer nicht gegeben hätte, hätte sie ihn gefragt, wo er wohl glaube, daß sie schlafen solle. »Ich habe den ersten Schritt getan, so hast du keine Wahl«, sagte er. »Schlaufuchs!« antwortete sie. »Dann schlafe ich eben in meinem Zimmerchen.« — »Schlaf, wo du willst«, sagte er ärgerlich, »aber die andern sind hier, um zu arbeiten, gehen wir auf die Terrasse.«
Und so arbeiteten wir auf einer großen Terrasse im Schutz einer Pergola, bei kalten Säften und viel Kaffee. Alkohol war bis zum Abend verboten.
Von der Terrasse aus sah man den Bricco und darunter, am Fuß des Hügels, einen großen schmucklosen Bau mit einem Hof und einem Fußballfeld. Das Ganze belebt mit kleinen bunten Gestalten, Kindern, wie mir schien. Belbo kam ein erstes Mal darauf zu sprechen: »Das ist das Oratorium der Salesianer. Da hat mir Don Tico spielen beigebracht. In der Blaskapelle.«
Mir fiel die Trompete ein, die Belbo nicht bekommen hatte, damals nach seinem Traum. Ich fragte: »Trompete oder Klarinette?«
Er hatte einen Anflug von Panik: »Woher wissen Sie... Ach ja, stimmt, ich hatte Ihnen von dem Traum mit der Trompete erzählt. Nein, Don Tico hat mir Trompetespielen beigebracht, aber in der Kapelle spielte ich das Baryton.«
»Was ist ein Baryton?«
»Kindergeschichten. Jetzt arbeiten wir.«
Doch während wir arbeiteten, warf er immer wieder kurze Blicke zum Oratorium hinüber. Ich hatte den Eindruck, daß er extra, um hinüberschauen zu können, ab und zu die Diskussion unterbrach und von anderen Dingen erzählte: »Hier hat es eine der wildesten Schießereien am Ende des Krieges gegeben. In *** herrschte damals so etwas wie ein Abkommen zwischen Partisanen und Faschisten. Im Frühling kamen die Partisanen aus den Bergen herunter, um das Tal zu besetzen, und die Faschisten ließen sie ungestört machen. Die Faschisten waren nicht aus dieser Gegend, die Partisanen stammten alle von hier. Bei Zusammenstößen wussten sie, wie man sich in den Maisfeldern, in den Wäldchen, zwischen den Hecken bewegt. Die Faschisten verschanzten sich in der Hauptstadt und kamen nur zu Razzien her. Im Winter war's für die Partisanen schwieriger, sich im Tal zu bewegen, man konnte sich nicht verstecken, man wurde von weitem im Schnee gesehen, und für ein MG war man noch auf einen Kilometer erreichbar. Also stiegen die Partisanen weiter hinauf. Da waren sie dann wieder mit dem Gelände vertraut und kannten die Hänge und Schlupflöcher. Die Faschisten kamen und kontrollierten das Tal. Aber damals, im Frühjahr 45, waren wir kurz vor der Befreiung. Die Faschisten waren noch hier, aber ich glaube, sie trauten sich nicht mehr zurück in die Hauptstadt, weil sie irgendwie ahnten, daß dort der letzte Schlag geführt werden würde, wie's ja dann kurz vor dem 25. April auch geschah. Ich glaube, es gab stillschweigende Übereinkünfte, die Partisanen warteten ab, sie wollten die offene Konfrontation vermeiden, sie hatten das sichere Gefühl, daß bald etwas geschehen würde, nachts sendete Radio London immer ermutigendere Nachrichten, immer öfter kamen Sonderdurchsagen »für die Franchi« — die Franchi war eine der bestorganisierten Einheiten der badoglianischen Partisanen, kommandiert von Edgardo Sogno, der sich Franchi nannte, und die Durchsagen meldeten: ›Morgen regnet es wieder‹ oder ›Onkel Pietro hat das Brot gebracht‹ oder solche Sachen, Diotallevi, du hast sie vielleicht gehört... Kurz, es muß dann ein Missverständnis gegeben haben, die Partisanen sind runtergekommen, als die Faschisten noch da waren, Tatsache ist jedenfalls, daß eines Tages meine kleine Schwester hier auf der Terrasse war und dann reingelaufen kam und sagte, da draußen sind zwei Jungs, die spielen Fangen mit Maschinenpistolen. Wir wunderten uns nicht weiter, es waren ja alles junge Kerle, die gerne mit Waffen spielten, um die Zeit totzuschlagen. Einmal hatten zwei zum Spaß wirklich geschossen, und die Kugel hatte sich in den Stamm eines Baumes gebohrt, an dem meine Schwester gerade lehnte. Sie hatte es nicht mal gemerkt, die Nachbarn hatten es uns erzählt, und da war ihr beigebracht worden, daß sie weglaufen sollte, wenn sie zwei Jungs mit Maschinenpistolen spielen sah. Jetzt spielen sie wieder hatte sie gerufen, als sie reinkam, um uns zu zeigen, daß sie gehorsam war. Und in dem Moment hörten wir die erste Salve. Nur daß dann gleich eine zweite folgte und eine dritte, und dann waren es viele Salven, wir hörten die trockenen Schüsse der Karabiner, das Tatata der MPs, ein paar dumpfere Schläge, vielleicht Handgranaten, und schließlich das Bellen des Maschinengewehrs. Da begriffen wir, daß es diesmal kein Spiel war. Aber wir hatten keine Zeit mehr, darüber zu diskutieren, weil man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Boing Wumm Krach Ratatata. Wir hockten uns unter das Waschbecken, ich, meine Schwester und die Mama. Nach einer Weile kam Onkel Carlo durch den Flur gerobbt, um uns zu sagen, daß wir auf unserer Seite zu exportiert wären, wir sollten rüberkommen zu ihnen. So sind wir rübergekrochen in den anderen Flügel, wo Tante Caterina heulte, weil die Großmutter noch draußen war... «
»War das damals, als Ihre Großmutter auf dem Maisfeld lag, zwischen den beiden Feuerlinien?« fragte ich.
»Woher wissen Sie das?«
»Sie haben es mir 1973 erzählt, am Tag nach dieser Demonstration.«
»Gott, was für ein Gedächtnis! Bei Ihnen muß man gut aufpassen, was man erzählt... Ja, das war damals. Aber auch mein Vater war draußen. Wie wir später erfuhren, war er im Zentrum der Stadt gewesen, er hatte sich unter einen Torbogen geflüchtet und konnte nicht raus, weil sie auf der Straße einander beschossen, von einem Ende zum andern, und vom Turm des Rathauses bestrich ein Trupp Schwarze Brigaden den Platz mit einem Maschinengewehr. In den Torbogen hatte sich auch der faschistische Ex-Bürgermeister geflüchtet. Nach einer Weile sagte er, jetzt könnte er's schaffen, nach Hause zu rennen, er müsse nur um die Ecke. Er wartete eine Pause ab, stürzte raus, erreichte die Ecke und wurde von hinten niedergemäht von dem MG auf dem Rathausturm. Die einzige Gefühlsregung meines Vaters, der schon den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatte, war: besser im Torbogen bleiben.«
»Ein Ort voll süßer Erinnerungen, das hier«, bemerkte Diotallevi.
»Du wirst es nicht glauben«, sagte Belbo, »aber sie sind wirklich sehr süß. Und sie sind das einzige Wahre, an das ich mich erinnere.«
Die anderen begriffen nicht, was er meinte, ich ahnte es und jetzt weiß ich's. Besonders in jenen Monaten, als wir in den Lügen der Diaboliker schwammen, und nachdem er jahrelang seine Enttäuschung in romanhafte Lügen gekleidet hatte, erschienen ihm die Tage von *** in der Erinnerung wie eine Welt, in der alles klar und eindeutig ist, eine Kugel war eine Kugel, entweder sie ging daneben oder sie traf, und die beiden Seiten hoben sich klar voneinander ab, gekennzeichnet durch ihre Farben, Rot und Schwarz oder Khaki und Graugrün, ohne Zweideutigkeiten — zumindest schien es ihm damals so. Ein Toter war ein Toter war ein Toter war ein Toter. Nicht wie der Oberst Ardenti, der bloß irgendwie verschwunden war. Ich dachte, vielleicht sollte ich ihm von der Synarchie erzählen, die schon in jenen Kriegsjahren umging. War es nicht synarchisch gewesen, wie Onkel Carlo und Terzi einander begegnet waren, als Gegner auf entgegengesetzten Fronten, doch beide erfüllt vom selben Ritterideal? Aber warum sollte ich ihm sein Combray nehmen? Seine Erinnerungen waren süß für ihn, weil sie ihm von der einzigen Wahrheit sprachen, die er je gekannt hatte, und die Zweifel waren erst später gekommen. Nur daß er — er selber hatte es mir zu verstehen gegeben — sogar in den Tagen der Wahrheit bloß zugeschaut hatte. Er betrachtete in der Rückschau die Zeit, als er die Geburt des Gedächtnisses anderer beobachtet hatte, die Geburt der Geschichte und all der vielen Geschichten, die andere dann schreiben würden.