»Die einzige?« fragte Lorenza gerührt.
»Ja, es gab keine andere. Denn erstens war ich dreizehn und sie dreizehneinhalb, und ein Mädchen von dreizehnein- halb ist eine Frau und ein Junge von dreizehn ein Rotzbengel. Und zweitens liebte sie ein Altsaxofon, einen gewissen Papi, einen grässlichen Kerl mit grindigem Haar, wie mir schien, und sie hatte nur Augen für ihn, der lasziv blökte, denn das Saxofon, wenn es nicht von Ornette Coleman gespielt wird, sondern in einer Blaskapelle — noch dazu von einem so grässlichen Kerl wie dem Papi — , dann ist es (so jedenfalls schien es mir damals) ein meckerndes und obszönes Instrument, es klingt sozusagen wie ein Mannequin, das zu saufen angefangen hat und auf den Strich geht.«
»Wie klingen denn Mannequins, die auf den Strich gehen? Was weißt du darüber?«
»Na, kurz und gut, Cecilia wusste nicht einmal, daß ich existierte. Sicher, wenn ich abends den Hügel raufstieg, um die Milch beim Bauern zu holen, dachte ich mir wunderschöne Geschichten aus, mit ihr, wie sie von den Schwarzen Brigaden geraubt wurde und ich hinlief, um sie zu retten, während die Kugeln mir um die Ohren pfiffen und tschakt-tschak machten, wenn sie in die Stoppeln fielen, und ich enthüllte ihr, was sie nicht wissen konnte, nämlich daß ich unter falschem Namen die Resistenza im ganzen Monferrat leitete, und sie gestand mir, daß sie es immer gehofft hatte, und dann schämte ich mich, weil ich etwas wie Honig in meinen Adern fließen fühlte — ich schwöre euch, mir wurde nicht mal die Vorhaut feucht, es war was anderes, etwas viel Schrecklicheres und Grandioseres —, und ich rannte nach Hause, um zu beichten... Ich glaube, Sünde, Liebe und Ruhm sind genau dies: Wenn du dich an zusammengeknüpften Bettlaken aus dem Fenster des Folterzentrums der SS herab- lässt, und die Geliebte hängt dir am Hals, im Leeren schwebend, und sie flüstert dir ins Ohr, sie hätte schon immer von dir geträumt. Der Rest ist bloß Sex, Kopulation, Perpetuierung der infamen Saat... Na jedenfalls, wenn ich Trompete gespielt hätte, hätte Cecilia mich nicht übersehen können, ich stehend und strahlend, das elende Saxofon sitzend. Die Trompete ist kriegerisch, engelhaft, apokalyptisch, siegreich, sie bläst zur Attacke, das Saxofon lässt Vorstadtbubis mit Brillantinehaar tanzen, Wange an Wange mit schwitzenden Mädchen. Also lernte ich Trompeten, lernte wie ein Verrückter, bis ich schließlich vor Don Tico hintrat und sagte, hören Sie zu, und ich spielte wie Oscar Levant bei der ersten Probe am Broadway mit Gene Kelly. Und Don Tico sagte: Du bist ein Trompeter. Aber... «
»Wie dramatisch!« sagte Lorenza. »Erzähl weiter! Spann uns nicht so auf die Folter!«
»Aber ich musste jemanden finden, der mich am Baryton ersetzte. Sieh zu, wie du's schaffst, hatte Don Tico gesagt, arrangier dich. Und ich arrangierte nich. Ihr müsst nämlich wissen, meine lieben Kinderlein, in *** lebten damals zwei törichte Knaben, Klassenkameraden von mir, obschon sie zwei Jahre älter waren als ich, was euch einiges über ihre Lernfähigkeiten sagt. Diese beiden Esel hießen Annibale Cantalamessa und Pio Bo. Eins: historisch.«
»Was?« fragte Lorenza.
Ich erklärte, komplizenhaft: »Wenn Emilio Salgari in einem seiner Romane eine wahre Tatsache berichtet (oder eine, die er für wahr hielt) sagen wir, daß Sitting Bull nach der Schlacht am Little Big Horn das Herz des Generals Custer verzehrte —, dann macht er am Ende der Episode eine Fußnote, und die lautet: 1. Historisch.«
»Genau«, sagte Belbo. »Und es ist historisch gesichert, daß Annibale Cantalamessa und Pio Bo so hießen, und das war nicht mal das Schlimmste an ihnen. Sie waren Faulpelze, sie klauten Comics am Zeitungskiosk, sie klauten Patronenhülsen von denen, die sich eine schöne Sammlung angelegt hatten, und sie legten das Salamibrötchen auf das Buch der Abenteuer zu Land und zur See, das man ihnen geborgt hatte, nachdem man es gerade erst nagelneu zu Weihnachten geschenkt gekriegt hatte. Der Cantalamessa nannte sich Kommunist, der Bo Faschist, aber beide waren bereit, sich für eine Zwille an den Gegner zu verkaufen, sie erzählten schlüpfrige Geschichten, mit ungenauen anatomischen Kenntnissen, und sie stritten sich um die Wette, wer am Abend zuvor länger masturbiert hätte. Sie waren zu allem bereit, warum also nicht auch zum Baryton? So beschloss ich, sie zu verführen. Ich pries die Uniform der Musikanten vor ihnen, ich nahm sie mit zu den Auftritten, ich versprach ihnen amouröse Erfolge bei den Töchtern Mariens... Sie gingen ins Netz. Ich verbrachte die Tage mit ihnen im kleinen Theater, mit einem langen dünnen Rohrstock, wie ich ihn in den Illustrationen der frommen Bändchen über die Missionare gesehen hatte, und gab ihnen kleine Schläge auf die Finger, wenn sie eine Note falsch spielten — das Baryton hat nur drei Ventile, man bewegt die drei mittleren Finger, aber ansonsten ist alles eine Frage des richtigen Ansatzes, wie ich schon sagte. Nun, ich will euch nicht länger hinhalten, meine lieben kleinen Zuhörer: Es kam der Tag, da ich Don Tico zwei Barytonisten präsentieren konnte, sie waren nicht gerade perfekt, aber zumindest beim ersten Vorspiel, das wir an end- und schlaflosen Nachmittagen eingeübt hatten, waren sie akzeptabel. Don Tico nahm sie, steckte sie in die Uniform und gab mir die Trompete. Und noch in derselben Woche beim Fest der Maria Ausiliatrice zur Eröffnung der Theatersaison mit dem Stück Der kleine Pariser, vor geschlossenem Vorhang und vor den versammelten Autoritäten der Stadt, stand ich auf und spielte den Anfang von Buon Principio.«
»Fantastisch!« rief Lorenza, das Gesicht ostentativ überströmt von zärtlicher Eifersucht. »Und Cecilia?«
»War nicht da. Vielleicht war sie krank, was weiß ich? Sie war nicht da.«
Belbo sah auf und ließ den Blick über sein Publikum schweifen, denn jetzt fühlte er sich als Barde oder als Gaukler. Er kalkulierte die Pause, dann fuhr er fort: »Zwei Tage später ließ Don Tico mich rufen und eröffnete mir, daß Annibale Cantalamessa und Pio Bo den ganzen Abend ruiniert hätten. Sie hätten das Tempo nicht halten können, sie hätten sich in den Pausen mit Witzchen und Mätzchen zerstreut und danach den Einsatz verpasst. ›Das Baryton‹, sagte Don Tico, ›ist das Rückgrat der Blaskapelle, es ist ihr rhythmisches Gewissen, ihre Seele. Die Kapelle ist wie eine Herde, die Instrumente sind die Schafe, der Kapellmeister ist der Hirte, aber das Baryton ist der treue, knurrende Hund, der die Schafe zusammenhält. Der Kapellmeister schaut vor allem zum Baryton, und wenn ihm das Baryton folgt, dann folgen ihm auch die Schafe. Jacopo, mein Junge, ich muß dich um ein großes Opfer bitten, du musst wieder ans Baryton, zusammen mit diesen beiden. Du hast Sinn für Rhythmus, du musst sie mir zusammenhalten. Ich schwöre dir, sobald sie selbstständig werden, kannst du wieder Trompete spielen.‹ Ich verdankte Don Tico alles. Ich sagte ja. Und beim nächsten Fest standen die Trompeter wieder auf und spielten den Anfang von Buon Principio vor Cecilia, die wieder vorn in der ersten Reihe saß. Ich war im Dunkeln, ein Baryton unter Barytonen. Was die beiden Esel betraf, sie wurden nie selbstständig. Ich kam nicht wieder an die Trompete. Der Krieg war vorbei, wir zogen zurück in die Stadt, ich gab die Blechblasinstrumente auf, und von Cecilia wusste ich nicht mal — und erfuhr ich auch nie — den Nachnamen.«
»Mein armer Schatz«, sagte Lorenza und umarmte ihn von hinten. »Aber ich bin dir doch geblieben.«
»Ich dachte, du magst Saxofone«, sagte Belbo. Drehte dann leicht den Kopf und küsste sie auf die Hand. Und wurde wieder ernst. »An die Arbeit! Wir haben eine Geschichte der Zukunft zu machen, nicht eine Chronik der verlorenen Zeit.«
Am Abend feierten wir dann die Aufhebung des Alkoholverbots. Belbo schien seine elegische Stimmung vergessen zu haben und maß sich mit Diotallevi. Sie dachten sich absurde Maschinen aus, um bei jedem Schritt zu entdecken, daß sie schon erfunden waren. Um Mitternacht, nach einem erfüllten Arbeitstag, beschlossen wir alle auszuprobieren, was man empfindet, wenn man in den Hügeln schläft.