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Ich ging in mein Zimmer und kroch in die klammen Laken, die noch feuchter waren als am Nachmittag. Belbo hatte uns mit Nachdruck geraten, rechtzeitig den »Priester« reinzutun, einen Bettwärmer in Gestalt eines Topfes voll Glut, den man in einem ovalen Drahtgestell unter die Decke schiebt, und sicher hatte er es getan, um uns die Freuden des Landlebens voll genießen zu lassen. Doch wenn die Feuchtigkeit latent ist, macht der Priester sie manifest: man spürt eine köstliche Wärme, aber die Laken fühlen sich an wie aus dem Wasser gezogen. Nun ja. Ich knipste eine Stehlampe an, so eine mit Fransen am Schirm, wo die Eintagsfliegen flügelschlagend verenden, wie es der Dichter will, und versuchte einzuschlafen, indem ich Zeitung las.

Nach ein bis zwei Stunden hörte ich Schritte im Flur, ein Auf- und Zuklappen von Türen, und beim letzten Mal (beim letzten, das ich hörte) eine heftig zugeschlagene Tür. Lorenza war offenbar dabei, Belbos Nerven auf die Probe zu stellen.

Ich war gerade am Einschlafen, da hörte ich ein Kratzen an meiner Tür. Es klang wie von einem Tier (aber ich hatte weder Hunde noch Katzen in der Villa gesehen), und mir kam es wie eine Einladung vor, eine Aufforderung, ein Köder. Vielleicht war es Lorenza, die da kratzte, weil sie wusste, daß Belbo sie beobachtete. Vielleicht auch nicht Bisher hatte ich Lorenza immer als Belbos Eigentum betrachtet — jedenfalls in Bezug auf mich —, und seit ich mit Lia zusammenlebte, war ich taub für andere Reize geworden. Die maliziösen und oft komplizenhaften Blicke, die Lorenza mir manchmal im Büro oder in der Bar zuwarf, wenn sie Belbo auf den Arm nahm, Blicke wie auf der Suche nach einem Verbündeten oder Zeugen, gehörten — so hatte ich immer gedacht — zu einem Gesellschaftsspiel. Außerdem konnte Lorenza jeden beliebigen so ansehen, als wollte sie seine amourösen Fähigkeiten testen — aber auf eine kuriose Art, als wollte sie sagen: »Ich will dich, aber nur um dir zu zeigen, daß du Angst vor mir hast«... An jenem Abend hingegen, als ich dieses Scharren hörte, dieses Kratzen mit den Fingernägeln auf dem Türlack, hatte ich ein anderes Gefühclass="underline" Mir wurde klar, daß ich Lorenza begehrte.

Ich zog das Kissen über den Kopf und dachte an Lia. Ich möchte ein Kind mit ihr haben, sagte ich mir. Und ihm (oder ihr) werde ich sofort Trompetespielen beibringen, kaum daß es pusten kann.

57

Der Weg aber, so zum Schlosse gieng, war zu beiden seiten... mit schönen Bäumen von allerley Früchten besetzet, auch allweg drey Bäum auff beiden seiten, daran Laternen gehefftet, darinnen schon allbereit alle Lichter durch ein schön Jungfraw... im Blawen Kleyd mit einer herrlichen Fackel angezündt worden. Das war so herrlich vnd Meisterlich anzusehen, daß ich mich wider die notturft etwas länger auffgehalten.

Johann Valentin Andreae, Die Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz, Straßburg 1616, 2, p. 21

  Gegen Mittag erschien Lorenza lächelnd auf der Terrasse und verkündete uns, sie habe einen prächtigen Zug gefunden, der um halb eins in *** vorbeikomme und sie mit nur einmal Umsteigen am frühen Nachmittag nach Mailand zurückbringen würde. Ob wir sie zum Bahnhof brächten.

Belbo blätterte weiter in unseren Papieren und sagte, ohne aufzuschauen: »Mir schien, daß Agliè auch dich erwartet, mir schien sogar, daß er den ganzen Ausflug nur für dich organisiert hat.«

»Pech für ihn«, sagte Lorenza. »Wer bringt mich runter?«

Belbo erhob sich und sagte: »Bin gleich zurück. Dann können wir noch zwei Stündchen hierbleiben. Lorenza, hattest du eine Tasche?«

Ich weiß nicht, ob sie sich während der Fahrt zum Bahnhof noch anderes sagten. Belbo war nach zwanzig Minuten zurück und ging wieder an die Arbeit, ohne den Zwischenfall zu erwähnen.

Um zwei Uhr fanden wir ein gemütliches Restaurant am Marktplatz, und die Wahl der Speisen und Weine erlaubte Belbo, weitere Kindheitserinnerungen zu evozieren. Aber er sprach, als zitierte er aus der Biografie eines anderen. Er hatte die Erzählfreude und den glücklichen Ton vom Vortag verloren. Gegen drei machten wir uns auf den Weg zu dem vereinbarten Treffpunkt mit Agliè und Garamond.

Belbo fuhr in südwestlicher Richtung, während die Landschaft sich allmählich Kilometer um Kilometer veränderte. Waren die Hügel um *** eher sanft und auch im Herbst noch lieblich gewesen, so wurde der Horizont nun immer weiter, obwohl nach jeder Kurve höhere Gipfel erschienen, auf denen sich Burgen und kleine Dörfer verschanzten. Doch zwischen den Gipfeln taten sich endlose Horizonte auf — jenseits des Heckenzaunes, wie Diotallevi bemerkte, der unsere Entdeckungen in wohlgesetzte Worte fasste. So öffneten sich, während wir im dritten Gang eine Steigung hinauffuhren, bei jeder Kehre weite Ebenen mit einem wenigen Profil, das am Horizont in einem fast schon winterlichen Nebel verschwamm. Es wirkte wie eine von Dünen modulierte Ebene und war doch schon halb das Gebirge. Als hätte die Hand eines ungeschickten Demiurgen Gipfel, die ihm zu hoch geraten vorkamen, zu einem buckligklumpigen Quittenmus zerdrückt, das sich ohne Halt bis zum Meer hinunter erstreckte oder, wer weiß, bis hinauf zu den Hängen rauerer und markanterer Höhen.

Wir erreichten das Dorf, wo uns Agliè und Garamond in der Bar an der Piazza erwarteten. Daß Lorenza nicht mitgekommen war, nahm Agliè zur Kenntnis, ohne sich seine Enttäuschung anmerken zu lassen: »Unsere exquisite Freundin möchte die Geheimnisse, die ihr Wesen definieren, nicht mit andern teilen. Eine singuläre Schamhaftigkeit, die ich schätze«, sagte er. Das war alles.

Wir fuhren durch weitere Täler und Hügel, Garamonds Mercedes voran und Belbos Renault hinterher, bis wir, als es bereits zu dämmern begann, hoch oben auf einem steilen Berg ein seltsames Bauwerk erblickten, eine Art Barockschlösschen, gelb getönt, von welchem sich Stufen den Hang herabsenkten, Terrassen, wie mir von weitem schien, mit Blumen und Bäumen in üppiger Pracht trotz der Jahreszeit.

Als wir am Fuß des Hanges ankamen, fanden wir uns auf einem weiten Parkplatz, wo bereits viele Autos standen. »Hier halten wir«, sagte Agliè. »Den Rest gehen wir zu Fuß.«

Die Dämmerung ging schon in Dunkelheit über. Der Anstieg lag vor uns im Licht zahlreicher Fackeln, die längs des Weges entzündet waren.

Es ist seltsam, doch alles, was dann geschah, von jenem Moment an bis in die tiefe Nacht, habe ich gleichzeitig klar und verschwommen in Erinnerung. Vorgestern Abend im Periskop rief ich es mir ins Gedächtnis zurück und empfand dabei eine Art von Familienähnlichkeit zwischen den beiden Erfahrungen. Siehst du, sagte ich mir, jetzt bist du hier, in einer unnatürlichen Situation, ein bisschen betäubt vom leichten Modergeruch alten Holzes, ein bisschen argwöhnend, du befändest dich in einem Grab oder im Bauch eines Gefäßes, in dem sich eine Verwandlung vollzieht. Würdest du nur den Kopf hinausstrecken, du würdest da draußen Gegenstände, die dir vorhin noch reglos erschienen, im Halbdunkel sich bewegen sehen wie eleusinische Schatten zwischen den Dämpfen eines Zaubergebräus. So ähnlich war es auch an jenem Abend im Schloss gewesen: Die Lichter, die Überraschungen während des Aufstiegs, die Worte, die ich hörte, und später gewiss auch die Weihrauchdünste, alles tat sich zusammen, um mich glauben zu machen, ich wäre in einem Traum, aber auf seltsame Weise, so wie man dem Erwachen nahe ist, wenn man träumt, daß man träumt.

Eigentlich dürfte ich mich an nichts erinnern. Doch ich erinnere mich an alles, als hätte ich es nicht selbst erlebt, sondern es mir von einem anderen erzählen lassen.

Ich weiß nicht, ob das, woran ich mich mit solch konfuser Deutlichkeit erinnere, an jenem Abend wirklich geschah, oder ob ich nur wünschte, es wäre geschehen, aber sicher war es an jenem Abend, daß der Große Plan in unseren Köpfen Gestalt annahm, als Wille, jener unförmigen Erfahrung eine Form zu geben, indem wir die Fantasie, die jemand dort hatte Wirklichkeit sein lassen wollen, in fantasierte Wirklichkeit umwandelten.