»Der Aufstieg ist rituell«, erklärte Agliè, als wir uns auf den Weg machten. »Dies hier sind hängende Gärten, die gleichen (oder beinahe), die Salomon de Caus für den Schlosspark in Heidelberg entworfen hatte — ich meine, für den pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. im großen Jahrhundert der Rosenkreuzer. Das Licht ist schwach, doch so muß es sein, denn ahnen ist besser als sehen: Unser Gastgeber hat den Entwurf von de Caus nicht originalgetreu nachgebaut, sondern auf engeren Raum konzentriert. Der Hortus palatinus imitierte den Makrokosmos; der ihn hier nachbaute, hat nur jenen Mikrokosmos imitiert. Sehen Sie die Grotte dort, mit dem Muschelwerk à rocaille... Dekorativ, ohne Zweifel. Aber de Caus hatte jenes Emblem der Atalanta Fugiens von Michael Maier vor Augen, in dem die Koralle der Stein der Weisen ist. De Caus wusste, daß man durch die Form der Gärten die Gestirne beeinflussen kann, denn es gibt Zeichen, die durch ihre Konfiguration die Harmonie des Universums nachahmen.«
»Wunderbar«, sagte Garamond. »Aber wie kann ein Garten die Gestirne beeinflussen?«
»Es gibt Zeichen, die sich zueinander beugen, einander betrachten und sich umarmen, und sie zwingen zur Liebe. Sie haben keine bestimmte, determinierte Form, sie dürfen keine haben. Jedes von ihnen, je nachdem, wie es ihm sein Furor gebietet oder der Elan seines Geistes, erprobt bestimmte Kräfte, wie es mit den Hieroglyphen der Ägypter geschah. Es kann keine andere Beziehung zwischen uns und den göttlichen Wesen geben als durch Siegel, Figuren, Gestalten und Zeremonien. Aus demselben Grunde sprechen die Gottheiten zu uns durch Träume und Rätsel. Und nichts anderes sind diese Gärten. Jedes Element dieser Terrasse reproduziert ein Geheimnis der alchimistischen Kunst, nur sind wir leider nicht mehr imstande, es zu lesen, nicht einmal unser Gastgeber. Eine singuläre Hingabe an das Verborgene, das müssen Sie zugeben, beherrscht diesen Mann, der alles ausgibt, was er jahrelang akkumuliert hat, um Ideogramme zeichnen zu lassen, deren Sinn er nicht kennt«
Wir stiegen weiter hinauf, und von Terrasse zu Terrasse änderte sich die Gestalt der Gärten. Einige waren als Labyrinth angelegt, andere hatten die Form eines Emblems, doch zu erkennen war die Anlage einer Terrasse immer nur von der nächsthöheren aus, und so entdeckte ich von oben die Umrisse einer Krone und vielerlei andere Symmetrien, die ich nicht bemerkt hatte, als wir sie durchschnitten, und die ich in jedem Fall nicht entziffern konnte. Jede Terrasse ließ, wenn man sich auf ihr zwischen den Hecken bewegte, perspektivisch einige Bilder erkennen, doch wenn man sie dann erneut von der nächsthöheren aus betrachtete, gab sie neue Enthüllungen preis, womöglich mit entgegengesetzter Bedeutung — und so sprach jede Stufe dieser grandiosen Treppe zwei verschiedene Sprachen im selben Moment.
Wir entdeckten, während wir weiter hinaufstiegen, auch kleine Bauten. Einen Brunnen in Form eines Phallus, der unter einer Art Torbogen oder kleinem Portiko aufragte, mit einem Neptun, der einen Delfin niedertrat; ein Portal mit irgendwie assyrisch wirkenden Säulen; und einen Triumphbogen von unpräziser Form, als hätte man Dreiecke und Polygone auf Polygone gehäuft, wobei sich auf jedem Giebel die Statue eines Tieres erhob, ein Elch, ein Affe, ein Löwe...
»Und all dies enthüllt etwas?« fragte Garamond.
»Ohne Zweifel! Lesen Sie nur einmal den Mundus Symbolicus von Picinelli, ein Werk, das Alciato mit singulärer prophetischer Kraft vorweggenommen hatte. Der ganze Garten ist lesbar wie ein Buch, oder wie ein Zauberspruch, was im übrigen dasselbe ist. Sie könnten, wenn Sie ihn verstanden, die Worte, die dieser Garten sagt, leise aussprechen und wären damit in der Lage, durch jedes von ihnen eine der zahllosen Kräfte zu lenken, die in der sublunaren Welt tätig sind. Der Garten ist ein Apparat zur Beherrschung des Universums.«
Agliè zeigte uns eine Grotte. Ein Geschlinge aus Algen und Skeletten von Seetieren, ich weiß nicht, ob natürlichen oder aus Gips oder Stein... Man sah eine Najade auf einem Stier mit geschupptem Schwanz nach Art des großen biblischen Fisches, benetzt von einem Wasserstrahl, der aus einer Muschel kam, die ein Triton wie eine Amphora hielt.
»Ich möchte, daß Sie in tieferen Sinn dieses Brunnens erfassen, der andernfalls nur ein banales Wasserspiel wäre. De Caus wusste, daß, wenn man ein Gefäß mit Wasser füllt und es oben verschließt, das Wasser auch dann nicht herauskommt, wenn man unten ein Loch bohrt. Doch bohrt man dann oben ein zweites Loch, so fließt oder schießt das Wasser unten heraus.«
»Ist das nicht selbstverständlich?« fragte ich. »Im zweiten Fall kommt die Luft oben rein und drückt das Wasser nach unten.«
»Eine typisch szientistische Erklärung, bei der die Ursache mit der Wirkung verwechselt wird oder umgekehrt. Sie müssen sich nicht fragen, warum das Wasser im zweiten Fall austritt. Sie müssen sich fragen, warum es im ersten nicht austreten will.«
»Und warum will es nicht?« fragte Garamond.
»Weil, wenn es austräte, im Gefäß ein Vakuum bliebe, und die Natur verabscheut das Vakuum. Nequaquam vacui lautete ein Prinzip der Rosenkreuzer, das die moderne Wissenschaft vergessen hat.«
»Eindrucksvoll«, sagte Garamond. »Casaubon, in unserer wunderbaren Geschichte der Metalle müssen diese Dinge herauskommen, denken Sie dran. Und sagen Sie mir nicht, das Wasser sei kein Metall. Fantasie ist gefragt«
»Entschuldigen Sie«, sagte Belbo zu Agliè, »aber Sie argumentieren nach dem Muster post hoc ergo ante hoc. Das, was nachher kommt, verursacht das, was vorher kam.«
»Man darf nicht in linearen Abfolgen denken. Das Wasser dieses Brunnens tut es nicht. Die Natur tut es nicht, die Natur ignoriert die Zeit. Die Zeit ist eine Erfindung des Okzidents.«
Während wir aufstiegen, begegneten wir auch anderen Gästen. Angesichts einiger von ihnen gab Belbo Diotallevi leichte Rippenstöße, und Diotallevi kommentierte halblaut:»Ja ja, facies hermetica.«
Genau unter diesen Pilgern mit facies hermetica, ein wenig abseits, auf den Lippen ein bitternachsichtiges Lächeln, erblickte ich den Signor Salon. Er lächelte mir zu, ich lächelte ihm zu.
»Sie kennen Salon?« fragte mich Agliè.
»Sie kennen Salon?« fragte ich ihn. »Für mich ist es normal, wir wohnen im selben Haus. Was halten Sie von ihm?«
»Ich kenne ihn kaum. Einige vertrauenswürdige Freunde sagen, er sei ein Polizeispitzel.«
Sieh an, also deshalb wusste Salon von Garamond und von Ardenti. In welcher Beziehung mochte er zu De Angelis stehen? Ich begnügte mich jedoch mit der Frage: »Und was macht ein Polizeispitzel auf einem Fest wie diesem?«
»Polizeispitzel gehen überallhin«, sagte Agliè. »Jede Erfahrung ist für sie nützlich, um vertrauliche Nachrichten zu erfinden. Bei der Polizei wird man um so mächtiger, je mehr man weiß oder zu wissen vorgibt. Und dabei ist es ganz unerheblich, ob die Nachrichten stimmen. Wichtig ist nur, vergessen Sie das nie, ein Geheimnis zu haben.«
»Aber warum wird Salon hierher eingeladen?«
»Mein Freund«, antwortete mir Agliè, »vermutlich weil unser Gastgeber jene goldene Regel des esoterischen Denkens befolgt, nach der jeder Irrtum der verkannte Träger der Wahrheit sein kann. Die wahre Esoterik hat keine Angst vor Gegensätzen.«
»Sie meinen, am Ende sind sich die alle hier untereinander einig?«
»Quod ubique, quod ab omnibus et quod semper. (Was überall, was von allen und was immer [geglaubt worden ist, kann als höchst glaubwürdig angesehen werden]). Die Initiation ist die Entdeckung einer Philosophia perennis.«
So philosophierend gelangten wir schließlich zur obersten Terrasse, wo wir einen Pfad betraten, der uns durch einen weiten Garten zum Eingang des Schlösschens führte. Im Licht einer besonders großen Fackel, die auf einer Säule befestigt war, sahen wir eine junge Frau in einem blauen, mit Sternen besäten Kleid, die eine lange Trompete in der Hand hielt, so eine von der Art, wie sie in Opern von Herolden geblasen werden. Ähnlich wie in jenen Krippenspielen, wo die Engel ein Gefieder aus Krepppapier tragen, hatte die Frau an den Schultern zwei große weiße Flügel, dekoriert mit mandelähnlichen Formen, die einen Punkt in der Mitte trugen, so daß man sie mit ein wenig gutem Willen für Augen halten konnte.