Eric schloß die Augen und drehte sich zur Wand.
Der Wecker hatte noch nicht angeschlagen, als Eric erwachte.
Er setzte sich auf und sah nach der Uhr: zehn nach eins. Das Licht brannte noch. Jemand schnarchte – Lovis; Ruth war nicht zu sehen. Er schaute umher, die Tür zum Korridor stand einen Spalt offen. Ihm war, als hörte er Stimmen.
Lautlos glitt er von der Bank, auf bloßen Füßen schlich er zur Tür, drückte sie auf, lauschte... nichts mehr zu hören. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, und er erblickte weiter vorn einen Lichtschein. Er schlich wieder vorwärts – dort war eine Tür, und unten, an der Ritze, quoll der weiße Schimmer heraus. Er zog die Waffe und riß die Tür auf.
Ruth saß in einem Bürostuhl vor einem Schreibtisch. Sie fuhr herum, ein Radiofonhörer fiel aus ihrer Hand, pendelte an der Schnur hin und her. Sie schob den Sessel zurück und stand auf. Ihre grünen Augen waren weit aufgerissen, das dunkelblonde Haar fiel ihr in die Stirn. Eric sah erst jetzt, daß die Augen grün waren und die Haare blond. Er ließ die Waffe sinken und kam näher.
Das Mädchen bemerkte seinen Blick. Daran, daß sie Angst hatte, änderte sich nichts, aber ihr Gesichtsausdruck wechselte. Ihre Lider kniffen sich ein klein wenig zusammen, ihr Kinn hob sich, sie richtete sich gerade auf und war um keinen Fingerbreit kleiner als Eric.
»Die Batterie ist tot«, sagte er. »Keine Verbindung. Tot.« Mit der Linken zog er den Hörer empor, hob ihn ans Ohr, horchte...
»Nichts. Tot. Es gibt keine Verbindung nach außen.«
Er war selbst erstaunt darüber; er hatte den Apparat zwar schon vor langer Zeit abgeschaltet, aber nicht zerstört – ein leises Summen hätte zu hören sein müssen. Er trat noch einen Schritt näher.
»Was hast du dir dabei gedacht? Mit wem wolltest du sprechen?«
»Eric«, sagte das Mädchen. Sie sprach nicht laut und nicht leise, nicht ängstlich und nicht ärgerlich, nicht werbend und nicht ablehnend. Sie nannte nur seinen Namen.
Plötzlich öffnete sich vor Eric ein Tor. Davor gab es keine Gänge, keine Straßen, keinen Zaun und keine Fußspur, denen er zu folgen hatte – eine unübersehbare Weite zog ihn an, eine Weite ohne Raum, ohne Zeit, ohne Ursache und Wirkung. In dieser Weite war alles möglich, ohne Bindung, ohne Fessel, ohne Gewalt, ohne Zwang. Einen Augenblick lang wollte er sich der Schwerelosigkeit dieser über ihn hereinbrechenden Freiheit überlassen, aber dann besann er sich schmerzhaft, und er wand sich unter der Qual der Besinnung und Verantwortung. Und dann entschied er sich.
Er warf den Hörer auf die Gabel. Von draußen kamen Schritte näher, Lovis erschien an der Tür.
»Was ist hier los?« fragte er.
»Mir war langweilig – ich habe mich umgesehen«, antwortete Ruth.
»Ich merkte, daß sie verschwunden war. Da habe ich sie gesucht«, erklärte Eric.
Lovis fielen die staubfreien Stellen auf dem Griff des Radiofonhörers nicht auf, und er bemerkte auch nicht, was Eric jetzt bemerkte: daß die Hörerschnur nur mehr an der Isolation am Gehäuse hing. Lovis sah nichts, aber sein neues pralles Gesicht blickte böse. Die Augen sind die alten, dachte Eric.
»Wir haben keine Zeit für solchen Unsinn«, sagte Lovis. »Vorwärts, wir hauen ab!«
Die zwei Männer und das Mädchen standen in einem niedrigen flachen Raum am Ende des Ganges. Eric griff in eine Kiste und holte einen schweren, dosenförmigen, mit einem Griff versehenen Körper und zwei Schutzmasken heraus. Eine gab er Lovis, die andere Ruth.
»Jetzt kommt ein kleines Risiko«, sagte er. »Hier sind wir nur einen Meter tief unter der Erde. Über uns liegt eine Gewächskuppel. Ich muß mich erst überzeugen, daß niemand in der Nähe ist.«
Er trat an das Okular eines Periskops, das aus der Betondecke hervorragte, und blickte hinein. Langsam drehte er sich.
»Die Luft ist rein.«
»Kannst du denn in der Nacht etwas sehen?« fragte Ruth.
»Ultrarot«, antwortete Eric.
Er ging zum anderen Ende der Kammer hinüber, hob die Hand zur Decke und löste einen Riegel. Eine Falltür schnellte auf, eine kleine Erdlawine fuhr herein und schleppte einzelne Pflanzenteile mit sich. Durch das Loch in der Decke fiel diffuser Sternenschein.
Eric holte eine kurze Leiter, lehnte sie an den Rand des Loches und stieg vorsichtig hinauf. Um ihn herum wogte die feuchte, stickige, nach Erde riechende Luft eines Treibhauses. Herzförmige Blätter tropften vor Nässe, dicke Schotenbüschel hingen an holzigen Stengeln.
»Nachkommen!« rief er in die Öffnung hinein. Lovis erschien neben ihm und dann Ruth. Eric stieg noch einmal in den Raum hinunter und kam mit dem Tragkästchen zurück.
»Mir nach!« Ohne Zögern schlug er eine bestimmte Richtung ein.
Hintereinander stapften sie zwischen den fleischigen Lippenblütlern einher, über den Teppich aus weicher Erde und keimenden Pflanzenwurzeln. Eine mattglänzende Wand wölbte sich vor ihnen auf, die Kuppeln aus Polysiliziden, die Grenze zwischen der Zone des Lebens und des Todes. Die Sterne waren durch die milchigen Kunststoffflächen verwischt, aber ihr Glanz breitete sich über die gesamte Wölbung, als leuchte sie selbst in eigenem magischem Licht.
Eric setzte das Kästchen zu Boden und klappte die Vorderwand heraus. Ein dünner, aus Metallringen zusammengesetzter Schlauch ringelte sich vor; er endete in einer dreizackigen Gabel. Die beiden äußeren Zacken liefen in blanken Metallspitzen aus, die sich an den Enden wieder etwas näherten, die mittlere schloß mit der Verdickung einer Düse. Der Schaft der Gabel war etwa einen halben Meter lang; dort, wo er am Schlauch ansetzte, standen zwei Henkelgriffe ab.
Eric wischte mit der Hand über einen Streifen der von kondensierten Wassertröpfchen überzogenen Kunstglaswand und machte sie dadurch durchsichtig. Auf den ersten Blick schien es, als ob sich die Gartenlandschaft draußen fortsetzte, aber dieser Blick täuschte. Das, was da draußen sproß, waren keine Pflanzen, sondern Kristalle. Wie eine rauhreifüberzogene Wiese mit dreißig Zentimeter hohem Gras sah es aus.
Eric drehte einen Knopf auf einer kleinen Schaltfläche in der geöffneten Vorderfront seines Apparates. Ein Bogen von prasselnden Funken verband nun die beiden Außenzacken der Gabel.
»Masken aufsetzen.« – Lovis und Ruth folgten seinem Beispiel und stülpten sich die Gasmasken übers Gesicht.
Er legte die Gabel an die Glaswand. Wieder drehte er einen Schalter – ein dünner Strahl schoß aus der Düse, gerade in die elektrische Entladung hinein. Das Prasseln wurde etwas weicher, dafür zischte es, und Schwaden von ätzendem Dampf kreiselten.
Eric bewegte die Gabel leicht über die glatte Fläche. Die Stellen, die er behandelt hatte, waren mit schmalen, schief in die Wand führenden Einschnitten versehen, die etwa dreißig Zentimeter in die hundertzwanzig Zentimeter dicke Wand hineinreichten.
Die Umgebung der Einschnitte wölbte sich blasig aufgedunsen.
Ein runder, etwa fünfzig Zentimeter im Durchmesser zählender Kreis war entstanden. Nun setzte Eric einen zweiten Kreis um den ersten, dabei zielte er mit seiner Gabel so, daß die Richtung des Schnittes im spitzen Winkel zu der des ersten verlief. Der Erfolg dieser Maßnahme zeigte sich bald – ein keilförmiges Stück Polysilizid nach dem andern splitterte heraus. Jemand rüttelte Eric an der Schulter.
»Da stimmt etwas nicht!« rief Lovis. Er hatte die Atemmaske beiseite geschoben.
Eric richtete sich auf. »Was soll nicht stimmen?«
Er stellte die Säurezufuhr und die Spannung ab und nahm auch seine Maske ab.
»Dort habe ich ein Licht gesehen!« flüsterte Lovis in der plötzlichen Stille.
Sie spähten und lauschten. Sie bemerkten nichts, aber ihre Unbefangenheit war gestört.
Eric fiel etwas ein: »Das Ultrarotperiskop!«
Sie sprangen auf und rannten zur Bodenöffnung.
Lovis sprang mit einem Satz hinunter und spreizte die Bügel.