»Lovis«, schrie er, »wer soll die Elektronenschleuder am Heck bedienen? Willst du es tun? Aber wer soll dann steuern?« Er deutete auf eine Staffel von Kampfflugzeugen, die oben kreiste. »Wird Ruth das Flugzeug lenken? Oder willst du dich nicht wehren?« Er duckte sich unter einem Regen von Splittern, den ein neuer Einschlag aufschleuderte. »Wer soll dich beim Fliegen ablösen? Wer wird dir helfen, wenn du notlanden mußt?«
Lovis’ Augen starrten weit aufgerissen unter den Sichtgläsern der Maske hervor.
»Ruth«, schrie Eric, »steig aus!« Er griff hinein und zerrte sie halb über den Rand. »Heraus mit dir, vorwärts!«
Ruth kam zu sich, sie verstand und ließ sich über den Bordrand gleiten. Eric fing sie auf und stellte sie auf die Beine.
»Lauf in den Hangar und rühr dich nicht!«
Er gab ihr einen Stoß, und sie rannte gebückt los. Lovis sah ausdruckslos zu.
»Vorwärts!« schrie Eric. »Starte! Starte! Zum Teufel, gib Gas!« Er kletterte in den Hintersitz, klappte das Plastikdach über sich und Lovis zu und trat den Hebel selbst hinunter. Schwer und widerwillig drehte sich die Maschine in die Laufrichtung. Der Wind hatte sich etwas gedreht, aber sie hatten keine Zeit, es zu berücksichtigen. Die Räder hüpften über die nur oberflächlich geebnete Bahn, in der es unangenehm viel Löcher gab. Aber sie gewannen an Geschwindigkeit. Eric ließ die Maschine bis ans Ende des freigelegten Streifens anrennen, im letzten Moment zog er den Steuerknüppel durch, und sie sprang über die anstürmende Hecke aus Sinterkrusten und Kristallbäumen.
Wie ein Schwarm Hornissen stürzten sich die Kampfmaschinen der neuen Regierung auf ihr Opfer. Lebendig konnten sie Lovis nun nicht mehr erwischen, aber ein toter Lovis ist immer noch besser als ein entkommener.
»Übernimm das Steuer!« schrie Eric.
Lovis reagierte überraschend schnell. Er stieß direkt auf den anschießenden Punkt zu. Eric hatte die Ventilation eingeschaltet, die milde, gefilterte, gewärmte Luft strömte herein. Sie warfen ihre Masken ab. Sie konnten wieder frei atmen. Mit jedem Atemzug schienen sie noch einmal jenen Kampfgeist zu schöpfen, der sie jahrzehntelang stärker als die anderen gemacht hatte.
Die Angreifer rasten auf sie zu. Lovis saß geduckt hinter dem Schnellfeuergeschütz. Eric sah den breiten Rücken, den stämmigen Hals, die kurzgeschorenen Haare, und er vergaß das neue Gesicht dahinter. Der Motor jauchzte, die Luft sang, die Muskeln krampften sich zusammen, die Sinne waren überwach, und dann riß Lovis den Hahn durch, und eine Garbe von Raketen löste sich aus den Rohren seitlich vom Rumpf des Flugzeuges. Der Wirbelsturm der Gegner brauste vorbei, rechts, links, oben und unten, die Erde bäumte sich auf, schlug um, es gab kein Oben und kein Unten mehr, die Schwere ließ sie los, in den Ohren saß das befreiende Schwindelgefühl des Schwebens. Sieben Punkte fielen hinter ihnen in die Leere, und jetzt war Eric da, er verschmolz mit dem Abzug der Waffe, mit dem Schaft, mit dem Lauf – seine Augen, seine Nerven, sein Gehirn, sein Arm und sein Finger, seine prickelnde Haut wurden eins mit dem kalten Metall, und nun warf er sein ganzes Sein in den Zug seiner Hand, in das Zusammenkrümmen seines Fingers, und mit den irisierenden Strömen der Ionen aus der Schleuder warf er ein Stück von sich selbst nach dem Feind. Ein jubelnder Triumph schüttelte ihn, als er zwei dicke, gepolsterte Rauchschwaden wie Eingeweidestränge todwunder Tiere in der Luft hängen sah, und dann die roten Kugeln der Explosionen nach dem Aufschlag.
Es war so schnell vorbei, wie es gekommen war. Eric kam zur Besinnung. Das Flugzeug raste auf eine mehlige Wand zu, er riß das Steuer herum, und die Fläche kippte hintenüber, wurde zur Ebene, die stetig unter ihnen dahinstrich. Eric hatte vorgesorgt. Ihre Maschine war schneller als alle anderen. Die Gegner blieben weit zurück. Niemand würde sie einholen.
Lovis saß zusammengesunken in seinem Sitz, sein Kopf pendelte. Erschrocken beugte sich Eric vor, drehte den Kopf des Freundes an den Haaren herum – das Gesicht, das sich ihm zuwandte, war naß, naß vor Tränen, die fetten Wangen schlapperten wie Taschen, der offene Mund schnappte hilflos. Eric ließ diesen Kopf nach vorne sinken. Er setzte sich zurecht, suchte unten nach der Bahnlinie und richtete dann den Kurs danach ein.
In einer Seitentasche in der Polsterung der Innenwand steckte eine Brieftasche. Er hob sie hervor und nestelte daraus mehrere Lochmarken, einige Rollen Geldscheine, einen Ring Safeschlüssel. Eine Lochmarke steckte er in die Tasche, dann öffnete er kurz das Seitenfenster und warf alles andere hinaus. Lovis bemerkte nichts davon.
Eric steuerte den ganzen Tag, die darauffolgende Nacht und noch einen halben Tag hindurch, ohne daß ihn Lovis ablöste. Von Zeit zu Zeit schluckte er eine Energontablette. Lovis schien die meiste Zeit zu schlafen.
Um die Mittagszeit des zweiten Tages schoben sich die Kuppeln der ersten Stadt von Elektra über den Horizont. Eric ging tiefer. Er steuerte eine äußere Rollbahn des Flugplatzes an, der zwischen zwei Kuppeln eingebettet lag, und landete glatt.
»Wir sind da«, sagte er zu Lovis und stemmte das Borddach hoch.
Lovis kletterte hinab. Eric blieb sitzen.
»Hast du auch alles zurückgelassen, woran man dich erkennen könnte?« fragte er.
Der andere nickte.
»Gut. Von nun an bist du also Antonio Diaz, Textilkaufmann, Bürger von Elektra. Weißt du die Daten auswendig?«
Lovis nickte wieder.
Eric reichte ihm eine Lochmarke.
»Ich komme nicht mit«, sagte er.
Lovis starrte ihn verständnislos an.
»Leb wohl«, sagte Eric und stieg über die Lehne vor ihm in den Vordersitz. Man hatte ihre Ankunft bemerkt, am Rand des Areals erschienen einige Männer.
»Eric!« schrie Lovis. »Bleib doch hier! Wir können immer zusammenbleiben. Du nimmst doch das nicht ernst, was ich gesagt habe? Ich war so nervös, so durcheinander. Jetzt werden wir das Leben genießen!«
Eric ließ den Propeller wieder kreisen. Die Männer kamen näher.
»Eric! Warte! Wo sind die Safeschlüssel? Wo sind die Aktien? Wo ist das Geld?« Er hielt die Hände flehend empor. »Was soll ich hier anfangen, ohne Mittel, ohne einen Freund?«
»Arbeiten, Antonio Diaz«, sagte Eric.
Er schlug den Kunststoffdeckel zu und ließ das Flugzeug rollen. Die Startbahn war gut. Er löste sich leicht vom Boden und zog einen Viertelkreis. Die Stadt lag wieder hinter ihm. Unten erstreckten sich die Betonflächen der Rollbahnen. Unten näherte sich eine Gruppe von Menschen einem einzelnen einsamen Mann.
Eric blickte auf die Karte. Hier war Holder, hier Elektra. Dort, über die ganze nördliche Halbkugel verstreut, lagen die Inselkontinente der Staaten des Neutralen Bundes. Aber drüben, jenseits des Lavameeres, das auf der Karte wie ein Sichelmond aussah, war die Karte weiß. Er schlug die Richtung darauf ein.
Eric befand sich in einem Zustand überreizter Wachheit. Die Tabletten wirkten in ihm nach. Das Weiß der Ebenen schien ihm weißer als sonst, die braunen Schatten härter, die Sonnenstrahlen wärmer. Noch nie hatte er das Glitzern der Kristallflächen mit einer ähnlichen ins Auge springenden Deutlichkeit aufgenommen – jedes Aufleuchten traf ihn wie ein sanfter, ermunternder Stich. Er sah Farben an den Hängen der Hügel, die er noch nie beachtet hatte – fahles Pastellblau, teigiges Gelb, durchsichtiges Purpur, nebelhaftes Violett, er beobachtete das Ansteigen und Überrinnen der sich in der Wärme ausdehnenden Schwefeldioxydseen, und er verfolgte das silbern durchsichtige Fließen der flimmernden Ströme, Bäche und Rinnsale mit den Regenbogenrändern, er nahm die Rauchschleier vor sich am Horizont wahr, wie sie sich aus langen gezackten Klüften erhoben, wie sie sich falteten und rafften, bevor sie in den Höhenwinden aufgingen und verwehten.