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Und dann kamen sie auf ihn zu, die Rauch- und Nebelgestalten, die wirbelnden Schleierfetzen, die Dunstfahnen, die Staubarme, das Wogen und Wiegen tanzender Gase, die Schatten von Regenböen, manchmal umfingen sie ihn dicht, manchmal zogen sie sich vor ihm zurück und zeigten ihre Abgründe, die sich unter die schartig aufgeblätterte Gesteinsdecke des Planeten fortsetzten und im Gebräu kochender Lava endeten. Er lenkte die Maschine höher, bis in die Region, in der sich die widerstreitenden Elemente zu einem stillen Dunstmeer vereinigten.

Dann zerfloß der Nebel schlagartig zu kristallklarer Luft. Tief unten lagen die Gipfelfelder unbekannten Landes.

4

Das Tribunal

Das Zimmer war kahl und leer – leer bis auf drei schwarzgepolsterte Bänke an den Wänden. Die elfenbeinfarbenen Rechtecke zweier Schiebetüren hoben sich kaum von den gleichfarbigen Wänden ab.

Obwohl das Tageslicht in einem breiten gelben Keil durch die Scheiben fiel, brannten drei Neonröhren an der Decke; ihre blauweißen Strahlen stachen bis in die hintersten Winkel. Mit leisem Fauchen strich geheizte, durchfeuchtete, keimfreie Luft aus einer vergitterten Öffnung an der Wand – der Atem der Klimaanlage, der durch ein Loch an der gegenüberliegenden Wand wieder eingesogen wurde.

In regelmäßigen Abständen vibrierten die Mauern – zwei Luftschächte befanden sich in der Nähe.

Eine Schiebetür glitt auf, zwei Männer in weißen Kombinationsanzügen trugen einen dritten herein; sein Overall war grau; er war ohne Besinnung. Sie legten ihn auf eine der Bänke, sahen sich kurz um und zogen sich wieder zurück. Mit einem leisen, dumpfen Stoß schloß sich die Tür.

Ein Zucken im Gesicht Eric Frosts kündete an, daß sein Bewußtsein allmählich wiederkehrte. Er öffnete die Augen und schloß sie sofort wieder; die Lichtsäulen, die sich von zwei Seiten auf ihn zuwälzten, schmerzten unerträglich. Auch hatte er jetzt keine Zeit, sich mit seiner Umgebung zu beschäftigen. Er hatte vollauf damit zu tun, ein Unbehagen zu bekämpfen, das, von seinem Kopf ausgehend, in Stößen durch seinen Körper flutete; er mußte sich dagegenstemmen, so wie man sich bei hohem Seegang gegen das Durchsacken des Schiffes stemmt, um den Übelkeitsgefühlen des aufsteigenden Magens entgegenzuwirken. Und dabei war er so müde, daß er es nach einigen vergeblichen Willensversuchen aufgab, seine Hand von der Lehne herabzuziehen, wo sie unter seinem Kopf eingeklemmt lag.

Obwohl er die Augen geschlossen hielt, sah er bunte Bilderfetzen, und trotz der Stille hörte er Stimmen:

»... liegt alles weit zurück, vergiß es, vergiß...«

»... nicht mehr dein Freund – ein Verräter...«

»... schwarze Wand kommt auf dich zu, immer näher...«

»... du kennst die Vorschriften...«

»... jetzt kannst du dich entscheiden...«

»... Staub liegt auf den Wandbrettern...«

»... entscheide dich, entscheide dich...«

»... du bleibst stehen und horchst...«

»... einen Durchmesser von fünfzig Zentimeter...«

»... dein Blut, das da hinuntertropft...«

Er versuchte, die wirbelnden Impressionen zu ordnen, zu einem überschaubaren Mosaikbild zusammenzufügen, aber es gelang ihm nicht. Personen kristallisierten sich aus den Gedankenstrudeln heraus, ein schwarzgelockter Kopf mit furchtsamen Augen, ein scharfgeschnittenes Profil, über das wie durch Doppelbelichtung eine zweite von der ersten ein wenig abweichende Kontur lief, ein Schimmer von blondem Haar – bläßliche, nicht faßbare Schemen, aber seltsamerweise tiefgreifenden, fast leidenschaftlichen Gefühlseindrücken verhaftet, Sympathie, Bewunderung, Liebe, Haß. Er suchte diese Gestalten näher zu fassen, aber sie entzogen sich; sein vergebliches Bemühen und die aalglatte Gewandtheit, mit der sie ihm entglitten, wurde zu einem seltsamen körperlosen Such-mich-und-hasch-mich-Spiel, bei dem sich Fänger und Gejagte in einer abseitigen, versteckten Dimension eines komplexen Raum-Zeit-Gefüges befanden. Diese Ähnlichkeit mit dem Kinderspiel wurde so stark, daß sich Eric zeitweise in seine frühe Jugend zurückversetzt fühlte, und auch die eigenartige Welt kindlichen Fühlens und Denkens bezog ihn wieder in sich ein, in der es nur schwarz und weiß, nur gut und böse, nur ja oder nein gibt, in der alle Zwischentöne fehlen, alle Schattierungen und Abstufungen, von denen der Existenzraum der Erwachsenen strotzt. Und mit dieser Entschiedenheit, die keine Erwartung und keinen Zweifel, keine Ursache und keinen Zweck, keinen Hintergrund und keine Umgebung beachtet, die nur ein einziges anerkennt – das, was gerade geschieht –, gab sich Eric seiner Aufgabe hin, und er war nun eben der Jäger und der Häscher, er war der, vor dem alle fliehen und den alle fürchten, er war sich der geborgten Überlegenheit seiner Situation bewußt, aber er litt ebenso verbissen an dieser unbeschreiblich kompromißlosen Einsamkeit, die auch das Kind umfängt, wenn es mit geschlossenen Augen an der Lichthofmauer lehnt, oder den Kopf an die rissige Rinde eines Baumes am Wiesenrand preßt, wenn es vor sich hinzählt und dann die Hände von den Augen zieht, wenn es den Spielplatz leer und verödet findet und selbst in entschlußloser Verlorenheit herumläuft, wenn es sich ausgeschlossen sieht aus dem Kreis der anderen und nun vor der Aufgabe steht, ihnen als Feind gegenüberzutreten.

Seit seiner Kindheit hatte Eric niemanden mehr gekannt, mit dem er sich durch irgendeine Emotion, sei es Zuneigung oder Abscheu, so stark verbunden gefühlt hatte, wie mit diesen gaukelnden Traumgespenstern. Man hatte ihn bald von den anderen Kindern getrennt, und jene Zeit, die schönste seines Lebens, eine Zeit der Abenteuer, der kleinen Wettkämpfe und der kleinen Siege, war für immer vorbei. Er kam in die Schule, in die Ausbildung, er ging seiner ihm zugewiesenen Arbeit nach und folgte den seichten Vergnügungen, die sich ihm zwischen Büroschluß und Nachtruhe anboten, den Glücksspielen an den Automaten, den Farbwandelvorführungen, der Musik und den Stereofilmen. Niemand rührte mehr an seinem Ehrgeiz, seiner Schaffenslust, keine Situation forderte eine Idee und keine eine Tat. Später würde man ihm eine Frau zuweisen, und er würde seinen Verpflichtungen als Weltbürger nachkommen und sechs Jahre lang für zwei Kinder sorgen, bevor er sie an die Schule abgab. Seine Erinnerungen schliefen ein, und wenn er Sehnsucht hatte, dann ahnte er nicht, wonach.

Und nun war irgend etwas geschehen – das wußte er ganz genau –, es hatte sich etwas Grundlegendes geändert, und es war ihm wieder entflohen. Und als er nun suchte, stieg die Verzweiflung eines Alptraumes in ihm auf, in dem man beim Versteckspiel sucht und niemand findet und immer weitersucht und nie findet oder beim Fangenspiel dahinrennt und dem, der in greifbarer Nähe voranhetzt, nicht näher kommt, ihn niemals erreicht.

Etwas von außen brach in sein Inneres ein, die Monotonie des Warteraums war gestört, etwas hatte sich geändert – das Zischen der aus der Klimaanlage einströmenden Luft war leiser, fast unhörbar geworden. Der Traum scheute zurück, und die Wirklichkeit war wieder da.

Eric Frost blinzelte. Wieder bedrängte ihn die Lichtfülle, aber diesmal hielt er ihr stand. Er sah und erkannte die Bänke aus Chrom und Schaumgummi, die Türen, den elfenbeinfarbenen Raum, das breite Fenster mit der weißen Häuserfront dahinter. Die Erinnerungen prasselten auf ihn nieder: die Vorladung zur Untersuchung, der Automat an der Pforte der Klinik, die Korridore und Aufzüge, das Zimmer sechshundertfünf, in dem er warten sollte, das Fauchen der Belüftungsanlage... und seine plötzliche Schläfrigkeit.

Eric sprang auf... und taumelte – noch immer rann das Blut wie flüssiges Blei in seinen Adern –, er schob eine der Bänke unter die Luftklappe an der Wand, stieg hinauf, wäre fast hinuntergefallen, aber er lehnte sich fest an die Mauer, streckte sich – da war es, was er erwartet hatte: ein dünnes Rohr im Lüftungsschacht, sein mit einem Sieb verschlossenes Ende, von unten nicht sichtbar und durch das Gitter der Öffnung auch nicht zu erreichen.