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»Kannst du sprechen?« fragte die Stimme.

Arme zogen sie in sitzende Position, sie lehnte in einer Bank, ihr gegenüber stand ein Arzt der benachbarten Abteilung, einige Männer des Pflegepersonals starrten sie an, und nun trat Czerny wieder vor sie hin.

»Sprich, Trombe, was ist geschehen?«

Auf einer Bank neben ihr saß der zweite Assistent. Er war blaß, sein Gesicht war zerknetet, aber seine Augen standen offen. Auf zwei Bahren lagen Bell und Graudenz, von Ärzten und Pflegern umsorgt. Sie waren im Verbandsraum für Erste Hilfe.

»Das Gas ist nicht gefährlich«, erklärte der Arzt vor Janet. »In einigen Minuten sind alle wieder bei Bewußtsein.«

Czerny warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Ich glaube, du verstehst mich nicht ganz.« Sein Ton war messerscharf. »Ich habe nicht die Zeit, um zu warten. Ich habe keine Minute zu verlieren. Wecke sie auf, sofort, alle!« Seine Hand bewegte sich herrisch zu den beiden Bewußtlosen auf den Tragen. »Trombe, ich habe keine Geduld mehr«. Er packte ihren Arm und schüttelte ihn. »Was geschah bei der Operation?«

Zwei Männer in den schwarzen Kombinationsanzügen der Schutztruppe kamen zur offenen Tür herein.

»Nichts zu finden«, sagte der eine.

»Im Nebenraum stehen mindestens zwei Dutzend Gasflaschen«, sagte der andere. »Sieben davon sind halb leer. Das Gas kann aus jeder von ihnen stammen.«

»Weitersuchen«, sagte Czerny, »und seht zu, daß die Informationen über die verdächtige Person bald bereit sind!«

Er drehte sich zum Arzt. »Gib ihr noch eine Injektion!«

»Ich kann schon sprechen.« Janets Stimme klang wie eingerostet, aber sie war verständlich.

»Dann vorwärts! Was gab es bei der Operation?«

»Alles war wie immer«, antwortete Janet. Ihre Worte tropften. Czerny hielt seine Ungeduld im Zaum, aber man sah sie ihm an. »Auf einmal... Mir wurde schwindelig... Bell fiel zu Boden... Vor meinen Augen wurde es schwarz, das ist alles.«

»So, das ist alles«, wiederholte Czerny. »Gab es nichts Besonderes, nichts Auffälliges, nichts Verdächtiges? War nicht doch irgend etwas anders bei dieser Operation?«

»Nein«, sagte Janet.

Czerny warf einen Blick auf Bell, der eben zu stöhnen begann. »Wenn er sprechen kann, wird mich jemand holen. Verstanden. Und keiner von denen verläßt den Raum.«

Seine Schritte dröhnten, als er hinausging.

Janet lehnte sich in ihrem Sessel zurück und schloß die Augen. Sie hatte keine Schmerzen, und ihr war nicht übel, sie fühlte weder Gewissensbisse noch empfand sie Freude – sie war einfach müde, elendiglich müde, und sie überließ sich dieser Müdigkeit mit völligem Gleichmut allem dem gegenüber, was um sie herum vorgehen könnte. Sie hörte Schritte, Türenrollen, Klirren, Stimmen, doch sie verstand nichts und begriff nichts, und sie wollte auch nichts verstehen, alles verschmolz zu einem fernen einschläfernden Plätschern, ihr war, als triebe sie unter Wasser, und alle Dinge und Menschen wären in die Ferne gerückt und stünden in keinerlei Verbindung zu ihr. Sie war nicht wach, und sie schlief auch nicht, die Zeit verrann, ohne daß sie es wußte, einmal stieß sie jemand an, sie öffnete kurz die Augen, doch sah sie nichts, weil Licht und Schatten in der Flüssigkeit, in der sie schwamm, ein trübes konturenloses Bild nicht unterscheidbarer, ineinander verschachtelter Gegenstände malten.

Allmählich wurden die Geräusche um sie herum deutlicher, sie hörte das Stöhnen Bells und das Stottern Graudenz’, sie hörte Czernys stoßweises Kommandieren, und fast widerwillig nahm sie den Sinn der Worte und Töne auf, denn irgendwo in ihr versteckt, saß doch die Furcht vor dem Kommenden, vor Verhören, vor dem Lügendetektor, vor den chemischen Mitteln, die auf jeden warteten, der Verdacht erregt hatte. Ihr war nichts nachzuweisen, aber es wäre ein Wunder gewesen, wenn ihr Czerny getraut hätte. Er traute niemandem. Zwar kannte sie die Präparate, die den Geist töteten und den Willen brachen, und sie hatte ein Kuvert mit einem Gegenmittel unter dem Riemen ihrer Sandalen verborgen, aber der Kampf würde unmenschlich sein, und sie war nicht überzeugt davon, ob sie ihn bestehen könnte. Doch noch war ihr Denken nicht klar, und es war mehr Instinkt als Überlegung, daß sie sich jetzt schon gegen das Befürchtete auflehnte, wenn auch nur dadurch, daß sie sich gegen die Außenwelt abzukapseln versuchte.

Und so kam es, daß sie nicht begriff, als Czerny hereinkam und etwas zu allen im Zimmer sagte. Erst als er längst wieder gegangen war, wiederholte sie bei sich das Gehörte, und dann erst glaubte sie daran, daß das Unglaubliche geschehen war.

»Kollegen«, hatte Czerny gesagt, »der Fall ist geklärt. Der Täter ist Farmer. Schon während der Besprechung habe ich Verdacht geschöpft, daß etwas mit ihm nicht in Ordnung ist. Es war ganz offensichtlich, daß er Frost schützen wollte. Ich habe meinen Antrag, ihn der Erlebnisprüfung zu unterziehen, nur deshalb zurückgezogen, weil mir eine wirkliche strafbare Handlung lieber gewesen wäre. Er hat sich schneller geliefert, als ich gehofft hatte. Es war recht dumm von ihm, Frost zu befreien. Er hätte sich denken können, daß ich sofort auf ihn tippe. Als ich erfuhr, daß er sich heute vormittag tatsächlich im Block der Klinik aufgehalten hatte, griff ich zu. Bis jetzt behauptet er noch, in der Registratur gewesen zu sein – aber niemand hat ihn gesehen. Ich weiß noch nicht, wie er es gemacht hat, aber das finde ich rasch heraus. Jedenfalls brauche ich euch nicht mehr. Ihr könnt gehen.«

Janet war allein im Raum. Bell hatte etwas zu ihr gesagt, bevor er sich entfernt hatte, und einer der Ärzte hatte ihr Pillen in die Hand gedrückt. Sie stand auf, warf die vier in Cellophan eingewickelten weißen Kugeln in einen Abfalleimer und blickte auf die Uhr: achtzehn Uhr zehn.

Janet ging zum nächsten Duschraum und ließ die schmerzhaft harten heißen Wasserstrahlen auf ihren Körper prasseln, dann fuhr sie mit dem Lift ins Erdgeschoß und trat auf die Straße hinaus. Die Laufbänder beförderten sie einige Blöcke weiter, in einem Lebensmittelstore füllte sie einen großen Beutel mit Eiweißkuchen, Tortillas, Zuckerschnitten, Baninos und zwei Limonadeflaschen und bestieg einen Elektrowagen. Zuerst fuhr sie eine Weile planlos kreuz und quer in den Tunnelstraßen umher und überzeugte sich davon, daß ihr niemand folgte. Dann erst suchte sie die Gegend auf, in der Eric in seiner Rundfahrt begriffen war. Sie folgte der von ihr voreingestellten geschlossenen Route auf einem langsamen Band, obwohl das ungewöhnlich war. Aber es ging nicht anders – Eric fuhr mit der normalen, der unauffälligsten, der größten Geschwindigkeit, und wenn sie ihn treffen wollte, mußte sie langsamer fahren; in allen Straßen gab es nur eine Verkehrsrichtung. Sie bildeten ein quadratisches Gitter, die in Nord-Süd-Richtung führenden Stränge waren eine Etage höher als die in Ost-West-Richtung laufenden angelegt. Die Richtungen kehrten sich von Parallel- zu Parallelstraße um. An allen jenen Punkten, an denen eine Straße über die andere hinwegging, waren beide durch eine im Viertelkreis gebogene Fahrstrecke verbunden.

Der Verkehr war jetzt bedeutend stärker als tagsüber. Fast eine Stunde lang fuhr sie durch das unterirdische Labyrinth, weite Strecken ging es geradeaus, dazwischen schoben sich die kurzen gebogenen, stark überhöhten Straßenstücke, in denen der Wagen wie in einem Karussell emporgehoben wurde. Mehr als dreimal mußte sie den geschlossenen Kurvenzug von Erics Weg durchmessen, bevor sie die Nummer seines Wagens rechts hinter sich erspähte. Sie beschleunigte, wurde überholt, setzte auf die Außenbahn über und folgte ihm.

Sie hatte sich in Eric nicht getäuscht. Er hatte ihr Manöver beobachtet und verlangsamte nun sein Tempo. Beim nächsten Halteplatz bog er ein, stieg aus dem Wagen und betrat den ihren, der sich neben ihm in die Reihe geschoben hatte. Es waren ziemlich viele Leute unterwegs, die ankamen, abfuhren und plaudernd nebeneinanderstanden. Janet startete sofort und fingerte an der Tastatur der Straßenwahltafel. Dann lehnte sie sich zurück. Während der Zeit, in der sie etwas mit- oder füreinander getan oder aufeinander gewartet hatten, hatte es keine Fragen und keine Zweifel gegeben. In diesen leeren Sekunden des Nichtstuns aber trat ihr gegenseitiges Fremdsein wieder lähmend zwischen sie, wie schon während der zehn gemeinsamen Minuten im Lift.