Janet sagte: »Ich habe dir zu essen mitgebracht.«
Doch schon während sie sprach, fragte sie sich, was sie sich eigentlich erhoffte, und ärgerte sich über sich selbst.
»Warum hast du mich befreit?« fragte Eric.
Durch die Fenster sahen sie andere Fahrzeuge vor, neben und hinter sich her rollen, und durch die Fenster dieser Fahrzeuge konnten sie die Menschen erkennen, die in ihnen saßen, aber die zwei spiegelnden Trennungswände verschleierten sie hinter Lichtpfeilen und reflektierten Bildfetzen. Zwischen all diesen Menschen und Maschinen waren sie allein.
»Wenn ich bei klarem Verstand gewesen wäre, wäre ich nicht mitgekommen«, sagte Eric.
Janet zuckte zusammen. »Warum nicht?«
Eric blickte in das fischhafte Gleiten der Fahrzeuge hinein. »Ist es dir nicht aufgefallen, daß ich schon einmal geflohen war? Daß ich dann zurückgekommen bin?«
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Es ist sinnlos.«
»Und warum hast du überhaupt zu fliehen versucht?«
»Ja, warum?« fragte Eric.
»Ich will es dir sagen«, sagte Janet. »Weil du die Freiheit liebst! Weil dein Wunsch nach Freiheit größer war als die Hemmungen deines Verstandes. Weil deine Sehnsucht größer war als deine Weisheit.«
»Das mag sein, Janet. Du heißt doch Janet?«
Janet nickte.
»Ja, du kannst recht haben.« Er sprach wie zu sich selbst. »Meine Sehnsucht war größer. Und da gibt es sogar ein Mädchen, das das begreifen kann.«
Er sah Janet an, aber sie blickte auf das Schaltbrett; die Lichtstreifen darauf bildeten ein flimmerndes Muster.
»Ich hätte dich früher kennenlernen müssen... Aber jetzt ist es zu spät. Und früher... wußte ich doch selbst nicht, was mit mir los ist. Erst in den letzten Tagen habe ich darüber nachgedacht.«
Er hielt inne und begann von neuem. »Ihr habt mich unter dem Netz gehabt. Ich weiß jetzt wieder genau, was ich erlebt habe. Du warst doch die, die meine Erlebnisse geführt hat, nicht wahr?«
Janet nickte fast unmerklich.
»Ich habe vorher nie etwas erlebt«, sagt Eric. »Ich wußte gar nicht, wie das ist: etwas erleben. Aber jetzt weiß ich es. Natürlich, es war nur ein Traum. In diesem Traum hatte ich Freude und Angst. Früher hatte ich nie solche Freude und nie solche Angst. Im Traum habe ich geliebt und gehaßt. Ich wußte nicht, daß ich so lieben und so hassen kann. Im Traum habe ich gehandelt – wie ich noch nie in meinem Leben gehandelt hatte. Zum erstenmal hat mein Handeln mein Schicksal bestimmt – wenn auch nur ein Traumschicksal.
Denk einmal an die anderen Menschen, Janet. Wer von ihnen wird jemals so etwas erleben dürfen, wie ich es erlebt habe? Heute gibt es nichts mehr, was man erleben kann. Und darum danke ich dir. Vielleicht sind sie uns jetzt schon auf der Spur. Ganz gleich aber, wie lange es noch dauerte – ich bin mit meinem Leben zufrieden. Und du mußt auch mit dem zufrieden sein, was du getan hast.«
Janet erwachte aus ihrer Erstarrung.
»Ich habe nicht ganz ohne praktische Überlegung gehandelt«, sagte sie. »Ich habe einen Plan.«
»Du bringst dich in Gefahr«, erwiderte Eric. »Es ist am besten, ich gehe wieder freiwillig zurück.«
Janet hatte nicht zugehört.
»Es gibt noch einen ganzen unbewohnten Kontinent, die Antarktis. Dort könnten wir –«
»Wie sollen wir dorthin kommen?« unterbrach Eric.
»Wir benutzen einen Transkontinentalclipper.«
»Und wie willst du an einen herankommen?«
»Bei Bell, meinem Chef, kann ich einen Reiseauftrag erhalten – vielleicht schon in einigen Tagen. Mir steht sowieso eine Studienreise bevor. Dann habe ich eine Maschine zur Verfügung. Ich nehme dich irgendwo auf, wir stellen auf Handsteuerung, brechen aus dem Korridor aus und fliegen zum Südpol.«
»Wie sollen wir dort leben?«
»Ich habe im Geheimarchiv Mikrofilme gefunden. Auf ihnen sind die Aufzeichnungen einiger Expeditionen festgehalten. Vor der Zeit von Delius, als die Zahl der Menschen ständig anstieg, haben sie nach Neuland gesucht. Nun – es war nicht mehr notwendig, die Antarktis zu besiedeln. Heute ist sie Sperrgebiet. Aber damals sind Stützpunkte zurückgeblieben, Baracken, Treibstofflager, Gebrauchsgegenstände, Werkzeuge, Arzneimittel, Konserven – mehr als wir in hundert Jahren verbrauchen können. Dort gibt es aber auch noch größere Tiere – Robben und Vögel, die man erlegen und zubereiten kann.«
»Tiere?« fragte Eric. »Zubereiten?«
»Ja, das haben die Menschen früher auch getan. Warum sollten wir es nicht können?«
»Du hast an alles gedacht«, sagte Eric.
Er überlegte. Bedenken und Hoffnung wanderten in sichtbaren Wellen über sein Gesicht.
»Ich weiß nicht...«, sagte er. »Es scheint mir unglaublich...«
Er dachte an die Erde, auf der es nur Meer und Stadt gab, und jenen vergessenen weißen Fleck im Süden. Er dachte an den endlosen Block der Häuser, die wie Aussatz an jedem Stück Festland klebten, die stellenweise wie Beulen ins Meer griffen, die die Täler erfüllten und die Berge bedeckten. Er dachte an das weite offene Netz der Gehstraßen, in denen die Laufbänder wie Schlangenrudel dahinglitten, an das versteckte Tunnellabyrinth der unterirdischen Straßen. Er dachte an die Menschen, die in dieser Stadt lebten, und an den Schutz, den sie ihnen bot – an die Glasdächer über den Straßen, die Klimaanlagen im geschützten für den Menschen bestimmten Raum, die Fabriken für Nahrungsmittel, die Pilz- und Hefekulturen, die Gärten mit den Gemüse- und Obstanpflanzungen, an die staatliche Organisation, die das alles austeilte und verschenkte, an die Filme und Stereos, die Spiele und Wettbewerbe, an die Geborgenheit im Schoß der Häuser, an die eigene Wohnkammer und das weiche, wohlige Bett.
Und dann hatte er eine Vision von blinkendem Weiß, von kaltem Licht, von blauen Schatten, von stechenden Eiskristallen, Sturm, Wetterschlag, aufflatternden Tieren, dahinhuschenden Robben, und er sah sich selbst darin stehen, sich und Janet... Und er schob alle Zweifel weit von sich. Vielleicht, dachte er, vielleicht...
Janet hatte ihn beobachtet.
»Wir müssen noch ein paar Tage Geduld haben«, sagte sie. Alles in ihr bebte vor aufgeregter Freude. »Die paar Tage muß ich mein gewohntes Leben weiterführen. Ich will mich nicht zu lange hier aufhalten. Laß mich bei der nächsten größeren Station aussteigen. Du fährst dann sofort weiter, du hast nichts zu befürchten. Die Schutztruppe verfolgt eine falsche Spur. Solange du nicht von der Straße heruntergehst, solange du kein Haus betrittst, brauchst du keine Erkennungsmarke und keinen Fingerabdruck, und niemand wird auf dich aufmerksam. Die Waschräume entlang der Straße sind nicht verschlossen. Wie gesagt – du fährst fort, irgendwohin, in die weitere Umgebung, wie es dir gerade einfällt. Und morgen um achtzehn Uhr kommst du wieder hierher. Hier treffen wir uns... Wenn ich nicht da bin, kommst du eine Stunde später wieder. Warte aber nicht auf mich!«
Sie waren in eine Halle eingebogen. Ihr Fahrzeug verlangsamte sich und hielt über dem Sperrfeld des Schienenendes. Noch immer waren viele Menschen auf den Beinen.
»Und wenn du auch um neunzehn Uhr nicht da bist?« fragte Eric.
»Dann komme ich um zwanzig Uhr. Leb wohl.«
Sie schob die Tür auf und stieg auf die Rampe hinaus. Sie winkte ihm zu. Er winkte zurück. Als sie die Sperre hinter sich hatte, drückte Eric auf den Starter.
Janet benutzte die Laufbänder, um in ihr Heim zu kommen. Mit geschickten, raschen Schritten bahnte sie sich ihren Weg zur Mitte, und sie spürte mit Wohlbehagen die Kraft, die sie vorwärtsriß, die Trägheit, die sie umzuwerfen drohte und derer sie geschickt Herr wurde, den lauen Wind, der in ihrem Haar wühlte. Sie würde zu Hause gemütlich essen und nachher einen Film ansehen. Oder sollte sie zu einer Partie Domino in den Spielklub gehen?