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Endlich war der provisorische Bretterweg von der Kutsche bis zu den Stufen des Portals fertig und die drei Männer verschwanden in Begleitung des Subpriors im Konventsgebäude, während der herbeigerufene Stallknecht, ein wortkarger Konverse mit gespaltener Oberlippe, sich der Kutsche und der erhitzten Pferde annahm.

Von Bruder Isenbard hörte Jakob wenig später, dass Himmerod den unerwarteten Besuch des einflussreichen Prälaten aus Trier angeblich dem schlechten Wetter zu verdanken hatte. Das heftige Schneetreiben habe Hochwürden gezwungen seine Reisepläne zu ändern und in der Abtei Schutz zu finden statt wie geplant die Nacht schon in der Burg von Manderscheid zu verbringen, so jedenfalls streuten es der Sekretär Laurentis Coppeldiek und der Kutscher Rutger Mundt aus.

»Aber woher hat der Domherr bloß von Bruder Anselm gewusst?«, fragte Bruder Isenbard mit grüblerischer Miene. »Denn als sie die Treppe hochkamen, habe ich ganz deutlich vernommen, wie er Bruder Tarzisius höchst besorgt gefragt hat, ob Bruder Anselm noch am Leben sei.«

Er zuckte die Achseln. »Nun, was soll es uns interessieren, was in den Köpfen dieser Herren vorgeht. Helft mir noch mit dieser einen Kiepe Feuerholz, guter Freund. Dann wird es auch schon Zeit für die Komplet.«

Jakob fand es sehr wohl von großem Interesse, dass Domherr Melchior von Drolshagen offenbar schon vor seinem Eintreffen über Bruder Anselms Aufenthalt in Himmerod und seine schwere Erkrankung unterrichtet gewesen war. Er glaubte auch zu wissen, wer ihn informiert hatte: der mitternächtliche Reiter! Jemand hatte noch in der Nacht seiner Ankunft im Kloster einen Boten nach Trier geschickt. Die Nachricht, die dieser Reiter überbrachte, war wohl so wichtig gewesen, dass ein hoch stehender Kirchenmann wie dieser Domherr und Prälat umgehend aufgebrochen war. Und wie die abgekämpften Pferde verrieten, hatte er diesem Rutger Mundt zweifellos die Order erteilt ihn so schnell wie möglich zu den Zisterziensern zu bringen und dabei die Tiere nicht zu schonen.

Domherr Melchior von Drolshagen befand sich also ganz und gar nicht zufällig in der Abtei! Auch Bruder Basilius glaubte nicht an einen Zufall, das war deutlich zu erkennen gewesen. Aber welches Geheimnis verband sich bloß mit Bruder Anselm von Picoll, dass dieser alte Mönch, der doch schon auf dem Totenbett lag, einen hoch gestellten Kleriker aus der erzbischöflichen Kurie von Trier dazu brachte, sich bei Wind und Wetter und mit vermutlich halsbrecherischem Tempo an sein Sterbelager zu begeben? Was steckte nur hinter all dem rätselhaften Verhalten, das Ordensleute wie Bruder Basilius und der Subprior an den Tag legten?

Es war eindeutig Neugier, die Jakob zur Komplet in die Abteikirche führte. In dieser Abendstunde und im schwachen Licht weniger Kerzen vermochte er sich der schlichten Anmut der Basilika, die gemäß den strengen Bauvorschriften des Zisterzienserordens jeden Prunkes entbehrte, nicht zu entziehen. Er nahm weit hinter dem romanischen Lettner, der die Chorapsis von den Bankreihen für die Laien trennte, direkt neben einer Säule Platz. Als Jakob den Kopf wandte, bemerkte er auf der anderen Seite, aber fast auf gleicher Höhe, den kleinwüchsigen Sekretär und den grobschlächtigen Kutscher des Domherrn. Laurentis Coppeldiek kniete mit demütig gesenktem Kopf nieder, bekreuzigte sich und faltete die Hände zum Gebet. Auch Rutger Mundt kniete sich hin, doch er hielt sich aufrecht und starrte zu ihm, Jakob, herüber.

Im selben Moment und lautlos wie ein Schatten tauchte der Schwede im Mittelgang auf. Er setzte sich so, dass er dem breitschultrigen Kutscher des Domherrn den Blick auf Jakob verwehrte. Ob das ein Zufall war oder eine stumme Botschaft an Rutger Mundt?

In feierlicher Prozession und in ihre grauweißen Gewänder gehüllt, erschienen die Klosterbrüder wenig später in Doppelreihen am Hochaltar und schwenkten dann nach links in die Chorapsis mit dem geschnitzten Gestühl ein. Und Domherr Melchior von Drolshagen schritt an der Seite von Abt Ambrosius voran!

Jakob meinte schon an der selbstbewussten Haltung des Domherrn ablesen zu können, dass dieser sich in diesem Kloster weniger als Gast fühlte, sondern als mächtiger Vertreter des Erzbischofs, dem mehr als nur brüderliche Gastfreundschaft zustand. Er verströmte förmlich den Anspruch von Macht. Seltsamerweise trug sein Gesicht jedoch zugleich auch einen frommen, hingebungsvollen Ausdruck.

Als der Gesang der Mönche einsetzte, vergaß Jakob für eine Weile, was ihn beschäftigte - und dass sich unter den Ordensleuten wohl einige befanden, die mehr um die Erlangung irdischer Vorteile kämpften als um die Einhaltung ihrer Ordensgelübde. Versunken saß er da und lauschte dem Chor, der die nächtliche Basilika bis unter die hohen Gewölbe mit feierlicher Anbetung erfüllte. Wie die Wogen von Ebbe und Flut erhoben sich die Melodien der gregorianischen Gesänge in lichte Höhen, um sanft zurückzufallen, für eine Weile auf einem ruhenden Ton zu verharren und dann erneut in beseeltem Lobgesang aufzusteigen, immer und immer wieder aufs Neue, ähnlich dem Rhythmus ewiger Brandung, nur dass diese hier nicht aus den Weiten der Meere kam, sondern ihre Quelle in den Herzen der Mönche hatte. Jakob hatte das Salve Regina noch lange nach der Komplet im Ohr.

Als die Mönche das Chorgestühl verließen und seitlich vom Hochaltar einzeln und gebeugten Hauptes an ihrem Abt vorbeizogen, der sie mit Weihwasser segnete, schlich sich Jakob um die Säule herum und aus der Kirche. Er hatte es eilig zurück ins Konventsgebäude und dort in den Kreuzgang zu kommen, wo er sich in einer der großen Nischen versteckte. Er wollte das nächtliche Ritual der Ordensmänner beobachten, von dem ihm Liffard auf der Fahrt zum Schwickerather Hof erzählt hatte.

Kaum hatte ihn die Schwärze der Wandnische umhüllt, als die Klosterbrüder auch schon den Kreuzgang betraten. Das schwache Kerzenlicht von nur einer Leuchte, die der Prior Pinius trug, beleuchtete spärlich ihren Weg.

Gespannt beobachtete Jakob, wie Abt Ambrosius in der Mitte des Kreuzgangs stehen blieb, sich bückte, eine quadratische Holzplatte von der Größe einer Kaminklappe anhob und sie zur Seite zog. Darunter kam eine Öffnung zum Vorschein, ein mehrere Ellen in die Tiefe führender, schmaler Steinschacht. Nun trat ein Ordensbruder nach dem anderen vor, griff in eine Holzschale, die mit Asche gefüllt war, beugte sich über diese Öffnung im Kreuzgangboden und streute einige Fingerspitzen der Asche in die Grube. Ein Ritual, das sich in wortloser Andacht und Stille vollzog und dessen Sinn es war, so hatte Liffard ihm berichtet, dass jeder den klaren Gedanken an die Allgegenwart und Unausweichlichkeit des Todes mit in seine Zelle und mit in den Schlaf nahm.

Jakob kauerte noch eine ganze Weile, nachdem die Klosterbrüder den Kreuzgang verlassen hatten, in der Nische, erfüllt von beunruhigenden Gedanken. Er wusste nicht, ob es an dieser einfachen und doch so bedeutungsvollen Zeremonie lag, die er gerade beobachtet hatte, dass er sich auf einmal sehr unwohl in seiner Haut fühlte. Oder hatte diese Empfindung mit dem Auftauchen des Domherrn mit seinem Gefolge zu tun? Möglich auch, dass Bruder Basilius ihn mit seiner Warnung in größere Unruhe versetzt hatte, als er sich zunächst eingestehen wollte. Wie auch immer, er wurde das unangenehme, dumpfe Gefühl nicht los, dass sich in dieser Abtei tatsächlich etwas Unheilvolles zusammenbraute. Vielleicht war er wirklich gut beraten, wenn er diesem Ort so schnell wie möglich den Rücken kehrte.

Aber zuerst musste sich das Wetter zum Besseren wenden, bevor er daran denken konnte, sich mit seinem Karren davonzumachen. Noch immer umwirbelte dichtes Schneegestöber die Klosteranlage. Wer sich jetzt ins Freie wagte, riskierte sein Leben. Denn wie schnell konnte es passieren, dass man auf den zugeschneiten Wegen die Orientierung verlor und in die Irre lief, vermochte man doch kaum die eigene Hand vor Augen zu sehen!