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Tief in düstere Gedanken versunken, schritt Jakob den breiten, steinernen Treppenaufgang ins Obergeschoss hoch, wandte sich nach links und ging den kurzen Gang hinunter, wo die drei Scholaren untergebracht waren. Kaum hatte er ihre Kammern passiert und war um die Ecke gebogen, als ein scharfes, rhythmisch klatschendes Geräusch seine Aufmerksamkeit erregte, das von einem Strom gemurmelter Worte begleitet wurde. Sechs, sieben Schritte vor ihm fiel Kerzenlicht aus einer offen stehenden Zellentür.

Vorsichtig, fast auf Zehenspitzen und von einer unangenehmen Ahnung begleitet, näherte er sich der Tür - und blieb abrupt stehen, als sein Blick ungehindert in die Kammer fiel. Beinahe hätte er einen Schrei ungläubigen Erschreckens ausgestoßen, vermochte ihn im letzten Moment jedoch noch zu unterdrücken.

Melchior von Drolshagen, der hochwürdige Domherr und Prälat aus Trier, kniete mit dem Rücken zur Tür im Büßerhemd auf dem Steinboden seiner Zelle - auf einem Bett von Kieselsteinen und mit bis zu den Hüften entblößtem Oberkörper. Und mit einer Geißel aus geflochtenen Hanfstricken kasteite er seinen massigen Leib, während er gleichzeitig mit frommem Eifer betete. Blutige Striemen zogen sich von den Schultern bis zu den Hüften herab. Bei jedem Schlag erzitterte der fleischige, von Speckrollen umschlossene Körper und zuckte ein wenig hoch, als wollte der Domherr aufspringen und den Geißelhieben von eigener Hand entfliehen. Doch er blieb dort auf den Kieselsteinen knien, die ihm zusätzliche Schmerzen bereiten mussten, und erteilte sich einen Schlag nach dem anderen.

». und tilge, Herr, meinen Frevel nach deinem reichen Erbarmen«, hörte Jakob ihn inbrünstig murmeln, während er die Geißel gegen sich führte. »Gib mir die Kraft und die Leidensfähigkeit, um der Ehre deines Namens willen meinen sündigen Leib so bitterlich zu strafen und mein Kreuz ohne Aufbegehren zu tragen, so wie du, oh Herr, die Schläge deiner Henkersknechte und das Leid am Kreuz angenommen hast, um unsere Schuld zu sühnen!. Dein Angesicht, allmächtiger Gott, will ich suchen!. Höre, Herr, und hab Erbarmen, denn wir haben wider deine Gebote gesündigt!. Hilf uns umzukehren und Taten der Buße zu vollbringen, damit wir erlöst werden von unseren bösen Neigungen und dem Fluch des schwachen Fleisches. Reinige uns von unseren Sünden und gib uns die Kraft das Feuer der Ungläubigen und der Ketzer mit unnachgiebiger Härte zu bekämpfen und auch noch den letzten Funken satanischer Glut auszutreten.«

Jakob spürte plötzlich warmen Atem in seinem Nacken. Erschrocken fuhr er herum - und blickte in das grimmige Gesicht von Bruder Basilius. Der Mönch packte ihn unsanft am Arm und zog ihn von der offen stehenden Zellentür zurück.

»Habt Ihr das gesehen?«, stieß Jakob mit gedämpfter Stimme hervor. »Dieser vornehme Domherr kniet auf Kieselsteinen und geißelt sich bis aufs Blut!«

»Ja, einer jener besessenen Eiferer, die sich trunken geißeln und das mit demütiger Buße verwechseln«, erwiderte Bruder Basilius mit beherrschtem Zorn.

»Ihr scheint das zu verurteilen.«

»Oh ja, das tue ich in der Tat!«, bestätigte der Mönch. »Sich selbst zu geißeln, um Christus nahe zu sein und seine entsetzlichen Leiden körperlich nachzuahmen, hat nichts mehr mit Buße und glaubensvoller Hingabe zu tun, sondern ist eine schändliche Anmaßung und verhöhnt all jene, die unter Not und Schmerz zu leiden haben! Ein Christ soll das Leid nicht suchen und auch nicht nachahmen, sondern er soll es ertragen, wenn es ihn trifft, und anderen dabei helfen ihr Leid zu ertragen, wenn er sie nicht davon befreien kann! Schmerz ist nicht süße Verklärung und fromme Lust - Schmerz ist das Kreuz, das wir in Demut zu tragen haben, wenn es uns auferlegt wird!«

Jakob war von den zornigen Worten überrascht.

»Man kann sich Gottes Wohlwollen nicht durch übermäßiges Fasten, Beten oder Geißeln erkaufen!«, fuhr Bruder Basilius erbost fort. »Gott ist kein Tagelöhner und Krämer, dem man seine Gunst abkaufen kann. Glaube und Liebe, das ist der Weg, den wir gehen müssen. Alles andere ergibt sich dann von selbst!«

»Wer ist dieser Mann, Bruder Basilius?«, fragte Jakob beklommen. »Und was hat ihn wirklich nach Himmerod geführt?«

»Ihr tut besser daran, dies nicht herauszufinden, denn Männer wie er sind gefährlicher als ein Korb giftiger Ottern!«, beschied der Mönch ihn knapp. »Wie Ihr auch gut daran tut, Eure Tür verriegelt zu halten.«

»Meine Tür hat weder Schloss noch Riegel!«

»Dann legt Euer steinernes Kopfkissen innen vor die Tür!«, riet ihm der Mönch, schlug seine Kapuze hoch und eilte den Gang hinunter. Die sehnige Gestalt des Schweden löste sich aus dem Dunkel eines Türbogens und trat an seine Seite. Gemeinsam schluckte sie das Dunkel am Ende des langen Flurs.

Jakob hatte weder den Mönch noch den Schweden in seiner Nähe geahnt. Beide waren plötzlich wie aus dem Nichts hinter ihm aufgetaucht. Waren sie ihm vielleicht die ganze Zeit auf den Fersen gewesen, zumindest der Schwede, ohne dass er es bemerkt hatte? Und wenn sie ihn bewachten, wovor wollten sie ihn dann schützen? Was hatte er Jakob Tillmann, ein ziellos herumziehender Niemand, der nur einen lumpigen Karren sein Eigen nannte, zu befürchten?

Ihm war auf einmal ganz flau zu Mute und er beeilte sich, dass er in seine Büßerzelle kam. In dieser Nacht schlief er ohne das »Kopfkissen«. Den schweren Stein schob er, ganz wie Bruder Basilius ihm geraten hatte, von innen gegen die Tür.

Neuntes Kapitel

Der Mann mit den milchigen Augen eines Blinden und dem fauligen Atem eines Siechen hatte ihn durch die verschneiten Trakte des Konventes gejagt und schließlich in einer Nische gestellt, wo er knietief in kalter Asche versank. Nun gab es kein Entkommen mehr. Der Häscher öffnete seinen mit violettfarbener Seide gefutterten Umhang und hüllte ihn unter höhnischem Gelächter darin ein. Die Finsternis schlug wie ein Meer über ihm zusammen. Er bekam keine Luft mehr und wusste, dass er in dieser Schwärze, in die nie ein Lichtstrahl drang, ersticken würde. In wilder Verzweiflung schlug er um sich.

Jakobs Hand schrammte schmerzhaft über den rauen Putz der Wand und er erwachte aus seinem unruhigen Schlaf. Benommen und noch ganz unter dem Eindruck seines grässlichen Alptraums, richtete er sich auf der harten Pritsche auf. Sein Blick ging zur Tür. Der Stein lag noch immer an seinem Platz.

Es war schon Morgen, doch seine Hoffnung auf besseres Wetter hatte sich nicht erfüllt. Es schneite noch immer heftig, wie er feststellte, als er ans Fenster trat und die schweren Holzläden aufklappte. Aus der Basilika kam der Gesang der Mönche, die sich zur Prim, der ersten Stunde des lichten Tages, eingefunden hatten.

Jakob wuchtete den schweren Stein wieder zurück aufs Bett und trat auf den Gang hinaus. Der geistliche Gesang der Klosterbrüder war verstummt, die Prim somit beendet. Er musste sich also beeilen, wenn er noch vor Bruder Anton im Küchengewölbe sein und etwas ergattern wollte.

Er befand sich schon an der Treppe, als er hinter sich eine Tür laut schlagen hörte und dann hastige Schritte, die Augenblicke später in ein Rennen übergingen. Verblüfft drehte er sich um - es war der Novize Dominik, der den Gang heruntergelaufen kam.

»Was ist geschehen?«, rief Jakob ihm zu.

»Bruder Anselm! Der Herr hat ihn zu sich geholt! Friede seiner Seele!«, stieß der Novize mit sichtlicher Verstörung hervor. »Die ganze Nacht habe ich an seiner Seite gewacht. Er ist soeben gestorben! Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich. ich habe noch nie mit Toten zu tun gehabt.«

Jakob wünschte, das auch von sich sagen zu können. Der Tod war ihm nur allzu sehr vertraut. »Im Umgang mit Toten ist Eile jedenfalls nicht vonnöten«, sagte er.