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Seine Antwort hatte offensichtlich eine beruhigende Wirkung auf den Novizen. Denn dieser atmete nun einmal kräftig durch, nickte und sagte mit einem entschuldigenden Lächeln: »Natürlich. Ihr habt Recht, Jakob. Ich furchte, ich habe sehr kopflos und mit unziemlicher Hast reagiert.«

»Bruder Tarzisius hat es ja nicht gesehen«, sagte Jakob mit leichtem Spott, achtete der Subprior doch noch strenger als Bruder Pinius auf die Einhaltung der Klosterzucht. »Und ich werde es ihm auch nicht zutragen.«

Der Novize berührte ihn in einer scheuen Geste der Dankbarkeit kurz am Arm. »Ich danke Euch, Jakob Tillmann, und Gottes reicher Segen möge Euch auf allen Wegen begleiten«, sagte er und ging dann in gefasster, statthafter Eile die Treppe hinunter, um seine Klosterbrüder vom Tod des alten Mönches zu unterrichten.

»Friede deiner Seele, Bruder Anselm«, murmelte Jakob und nutzte die günstige Gelegenheit, um sich in der Küche in aller Ruhe den knurrenden Magen zu füllen. Zwar hielt Bruder Anton die Vorratskammern so fest verschlossen wie ein Geizhals seine Geldbörse. Aber es gab bei der Feuerstelle links vom mächtigen Abzug noch eine kleine, geheime Vorratskammer, wie Bruder Isenbard ihm anvertraut hatte, für die man keinen Schlüssel brauchte. Es war eine mit einem passenden Stein gut getarnte Maueröffnung, in der man stets einen Kanten Brot und einen Krug Milch sowie Käse und gelegentlich auch Leberwurst oder Speck finden konnte. Auch Mönche auf dem Weg zur Heiligkeit hatten Schwächen und fanden Wege ihre allzu menschlichen Gelüste zu stillen, ohne dass ihre Oberen ihnen auf die Schliche kamen! Und diese Mönche waren ihm zutiefst sympathisch.

Jakob stillte in aller Ruhe seinen Hunger. Denn er wusste von Liffard, dass sich die Ordensleute nach alter Tradition jetzt oben von ihrem verstorbenen Zisterzienserbruder mit einem sogenannten Bruderkuss verabschieden und Gebete sprechen würden. Er gönnte sich ein ordentliches Stück vom Käse, widerstand aber der Versuchung sich noch mit einem Vorrat für später zu versorgen. Er wollte das Vertrauen, das Bruder Knollennase ihm geschenkt hatte, nicht mit schäbiger Maßlosigkeit vergelten.

Als Jakob das Konventsgebäude verließ, um sich in die Schmiede zu begeben, wo jetzt bestimmt schon ein fröhliches Feuer unter dem mächtigen Blasebalg aufloderte, bemerkte er zwei Konversen, die dem Gottesacker der Abtei auf der Nordseite der Basilika zustrebten. Sie trugen Spitzhacke und Schaufel über der Schulter und hatten wohl den undankbaren Auftrag erhalten das Grab für Bruder Anselm auszuheben.

Bei dem Wetter beneidete Jakob sie nicht um ihre Aufgabe. Der Boden war sicher hart gefroren und sie würden sich mächtig ins Zeug legen müssen, um dem alten Mönch die letzte Ruhestätte aus der eisigen Erde zu schlagen.

In der Schmiede ging Jakob den beiden Konversen, die an einem schmiedeeisernen Gittertor für den Gemüsegarten arbeiteten, bereitwillig zur Hand, indem er den Blasebalg bediente. Gesprochen wurde dabei nicht. Bruder Winfried, der Meisterschmied mit einem ellenlangen und von zahllosen Funken brandgezeichneten Bart, nickte ihm nur zu, wenn er das Feuer anheizen sollte.

Jakob war es recht so. Ihm stand der Sinn nicht nach einer Unterhaltung. Er war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Zu viel war in den letzten Tagen geschehen - und zu viel davon ergab keinen Sinn, schürte jedoch in ihm Angst. Zudem rumorte irgendetwas in seinem Kopf, was er jedoch nicht ins Licht klarer Erkenntnis ziehen und benennen konnte. Ihm war, als hätte er eine wichtige Beobachtung gemacht, ohne aber zu wissen, wohin sie gehörte und was er damit anfangen sollte.

Die Beerdigung von Bruder Anselm fand nach der Sext und vor dem Mittagessen statt. Dabei sah Jakob auch Bruder Basilius und den Schweden wieder, der sich zu ihm auf die Seite der NichtOrdensleute stellte. Auch Domherr Melchior fand sich mit seinem ungleichen Gefolge aus schmächtigem Sekretär und bulligem Kutscher ein.

Jakob beobachtete ihn verstohlen und ihm war, als drückte die finstere, verbissene Miene dieses erzbischöflichen Beraters Missmut, ja geradezu zornige Verdrossenheit aus. Doch zornigen Verdruss worüber? Weil er bei diesem ungemütlichen Wetter an einer Beerdigung teilnehmen und sich der Gefahr aussetzen musste, dass sein edler Pelz dreckig wurde und er vielleicht feuchte Stiefel bekam? Oder zürnte er dem Toten, weil dieser ihm durch seinen Tod. nun, was? Zuvorgekommen, entkommen oder irgendetwas schuldig geblieben war? Jakob fragte sich auch, weshalb der Domherr bloß immer wieder zum Novizen Dominik hinüberstarrte, der mit blassem Gesicht zwischen ihm und dem Subprior stand. Fast konnte man den Eindruck haben, der hohe Kirchenmann aus Trier hätte dem Novizen etwas vorzuwerfen. Das war natürlich unsinnig. Und dennoch.

Die Totenmesse in der kleinen Friedhofskapelle war kurz und schlicht - wie überhaupt das ganze Begräbnis von einer ausgesprochen ernüchternden Schmucklosigkeit gekennzeichnet war. Die Leiche des ehemaligen Abtes lag nicht einmal in einem einfachen Sarg, sondern war nur in ein graues Leinentuch eingeschlagen und ruhte auf einem breiten Brett.

Nach der Totenmesse begab sich der Konvent ans Grab und Jakob sah zu seiner großen Verwunderung, wie der alte Abt Ambrosius, gestützt auf seinen Krummstab, in die Grube stieg, zur Schaufel griff und den frischen Schnee mit ein paar Brocken Erde aus dem Grab schaufelte.

Jakob wandte sich dem Schweden an seiner Seite zu. »Warum tut er das?«, fragte er leise.

»Als ein letzter brüderlicher Dienst und als Zeichen, dass ein Abt nicht mehr wert ist als ein einfacher Mönch und wir alle denselben Weg gehen«, raunte der Schwede zurück. »Wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht: >Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.<«

Der Leichnam des einstigen Abtes wurde ins Grab hinabgelassen, aus dem Leichentuch gewickelt und nur mit der Mönchskutte bekleidet begraben.

»Asche zu Asche, Staub zu Staub.«

Ein letzter Segen von Abt Ambrosius und dann griffen die Konversen auch schon zu den Schaufeln und bedeckten den Toten mit Schnee und harten Erdklumpen.

»Warum hat man Bruder Anselm, der doch einmal Abt gewesen ist, hier draußen auf dem Friedhof begraben und nicht im Kapitelsaal oder im Kreuzgang beigesetzt wie all die anderen Äbte?«,wollte Jakob wissen.

»Er ist nicht Abt von Himmerod gewesen. Aber auch wenn er in jenem Kloster gestorben wäre, dem er einst als Abt vorgestanden hat, ich glaube nicht, dass er ein anderes Grab erhalten hätte.«

»Warum nicht? Hat er sich vielleicht etwas zu Schulden kommen lassen?«, fragte Jakob, denn er erinnerte sich wieder an Bruder Basilius’ Worte, dass Bruder Anselm seines Amtes enthoben worden war.

»Viele, die die vortrefflichsten Reden führen, tun die schändlichsten Dinge«, antwortete der Schwede auf seine rätselhafte Art. »Doch Bruder Anselm konnte die Stickluft des Bösen nicht länger atmen und schleuderte den Speer seines Wortes.«

Jakob verzog ärgerlich das Gesicht. »Das war ja mal wieder eine äußerst erschöpfende Auskunft!«

»Alle Tugenden speisen sich aus der Schweigsamkeit«, beschied ihn der Schwede trocken und stiefelte davon.

Nach dem Mittagessen geschah etwas Merkwürdiges. Im Vestibül traf er auf Bruder Isenbard und Bruder Pinius. Als der Prior ihn sah, wandte er sich ihm zu und fragte: »Habt Ihr vielleicht unseren Novizen Dominik gesehen?«

Jakob verneinte.

»Merkwürdig«, sagte Bruder Isenbard, als sich der Prior in Richtung Konversengang entfernte. »Das gibt mir jetzt doch Rätsel auf.«

»Was ist mit Eurem Novizen?«

»Bruder Dominik ist nirgends zu finden. Er ist weder zum Mittagessen erschienen noch zur Non und das sieht ihm gar nicht ähnlich«, wunderte sich der Mönch.

»Vielleicht hat er sich in seine Zelle zurückgezogen«, mutmaßte Jakob. »Mir scheint, der Tod von Bruder Anselm, an dessen Krankenbett er doch so viele Stunden gesessen hat, ist ihm sehr nahe gegangen. Er wird wohl gewusst haben, dass er keinen Bissen hinunterbringen würde.«