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»Möglich, aber dann hätte er sich vorher die Erlaubnis zum Fernbleiben eingeholt - einmal ganz davon abgesehen, dass er nicht in seiner Zelle ist«, wandte Bruder Isenbard ein. »Die Non hätte er aber deshalb auf gar keinen Fall versäumt. Nein, die Sache ist zu merkwürdig. Bruder Dominik ist ein eifriger und vorbildlicher Novize, der seine Aufgaben stets mit ebenso großer Hingabe wie Gewissenhaftigkeit erledigt. Seit der Beerdigung hat ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen. Allein Bruder Chrysostomus meint sich erinnern zu können ihn bei den Fischteichen gesehen zu haben, als er von den Schweineställen zurückkam. Er ist sich dessen aber nicht sicher. Denn bei diesem Schneetreiben kann man eine Gestalt schon auf ein halbes Dutzend Schritte nur zu leicht mit einer anderen verwechseln.«

»Das ist wirklich seltsam«, pflichtete Jakob ihm nun bei.

Der Subprior trat zu ihnen. Offensichtlich hatte er gehört, worüber Bruder Isenbard mit Jakob gesprochen hatte, denn er sagte mit zurechtweisendem Tonfalclass="underline" »Ergehen wir uns nicht in geschwätzigen Vermutungen! Das Rätsel wird sich schon lösen und Bruder Dominik wird Rechenschaft über seine unerlaubte Abwesenheit ablegen müssen.«

Bruder Isenbard zog unter dem scharfen Tadel des Subpriors den Kopf zwischen die Schultern, murmelte eine unverständliche Entschuldigung und machte, dass er davonkam.

»Der hochwürdige Abt schickt nach Euch!«, teilte Bruder Tarzisius ihm nun im Befehlston mit. »Er wünscht Euch zu sprechen und erwartet Euch im Kapitelsaal!«

»Ich stehe ganz zu seinen Diensten!« Jakob hatte Mühe ein Grinsen zu unterdrücken. Endlich kam er zu seinem Recht. Jetzt galt es seine Forderung geschickt vorzutragen und sich nicht in seinem gerechten Lohn beschneiden zu lassen.

Der Subprior bedachte ihn mit einem stechenden Blick. »Dann kommt!«, forderte er ihn schroff auf.

Was bin ich froh, wenn ich mein Bündel schnüren kann und diesen verbissenen Zuchtmeister nicht länger ertragen muss!, dachte Jakob, während er dem Subprior beschwingten Fußes folgte. Drei Kreuze würde er machen!

Bruder Tarzisius sprach kein Wort mit ihm, als er ihn durch den Kreuzgang zum Kapitelsaal führte, der vom Seitenschiff der Basilika nur durch den schmalen Raum der Sakristei getrennt war. Vor der schweren Tür des Kapitelsaals, dem Versammlungsort der Ordensleute, blieb der Subprior kurz stehen.

»Ich will Euch eine ernste Mahnung mit auf den Weg geben: Haltet Euch an die Wahrheit und tut alles in Eurer Macht Stehende, um auf alle Fragen eine zufrieden stellende Antwort zu geben! Dann habt Ihr auch nichts zu befürchten!«

»Nichts leichter als das!«, versicherte Jakob und hätte ihn gern daran erinnert, dass er nicht zu den Ordensleuten gehörte, die sich seiner strengen Zucht beugen mussten, und dass er daher so oder so nichts zu befürchten hatte. Aber wozu sollte er diesen verbissenen Ehrgeizling jetzt noch gegen sich aufbringen, wo er doch kurz vor dem Ziel seiner Wünsche stand?

Jakob ahnte nicht, wie sehr er sich irrte!

Zehntes Kapitel

Bruder Tarzisius öffnete die Tür und Jakob betrat hinter ihm den Kapitelsaal. Zwei mächtige romanische Säulen stützten das hohe Kreuzgewölbe, das sich über dem Saal spannte. Vier Bogenfenster gingen auf die Ostseite der Klausur hinaus, vier weitere auf den Kreuzgang. Durch keines fiel an diesem Winternachmittag ausreichend Licht, um die tiefen Schatten aus dem Saal zu vertreiben, die wie dunkle Tücher über den Bankreihen lagen.

Dass etwas nicht stimmte und er kaum an diesen Ort gerufen worden war, um mit dem Abt über seine gerechte Entlohnung zu reden, begriff Jakob, als er im Licht zweier Lampen den Domherrn Melchior von Drolshagen neben dem Abt an der Stirnseite des Kapitelsaals sitzen sah - und in einem Abstand von den beiden hoch gestellten Klerikern den Sekretär Laurentis Coppeldiek. Dieser stand im Licht einer der Wandlampen hinter einem Pult mit schräg geneigter Schreibplatte und hielt eine gespitzte Feder in der Hand.

Jakob fuhr der Schreck in die Glieder. Was hatte das zu bedeuten?

»Der Fuhrmann Jakob Tillmann, hochwürdiger Abt!«, meldete der Subprior.

»Ich danke Euch, Bruder Tarzisius«, sagte der Abt förmlich. »Ihr könnt nun gehen und Euch wieder Euren Aufgaben widmen. Eure Gegenwart wird bei dieser. Unterredung wohl nicht vonnöten sein.«

Ein Ausdruck ärgerlicher Enttäuschung ging kurz über das Gesicht von Bruder Tarzisius. Er hatte sich jedoch sofort wieder unter Kontrolle und sagte mit trügerischer Demut: »Ganz wie Ihr befindet, hochwürdiger Vater Abt.«

»Wartet!«, rief der Domherr. »Wer weiß, vielleicht ist die Gegenwart Eures Subpriors ja doch von Nutzen? Bruder Tarzisius scheint mir scharfe Augen und einen ebensolchen Verstand zu besitzen. Schaden kann es jedenfalls nicht, wenn er bleibt.«

Abt Ambrosius schien irritiert über das Verlangen des Domherrn zu sein und zögerte mit seiner Antwort. »Also gut«, sagte er dann, »wenn es Euer Wunsch ist, mag Bruder Tarzisius bleiben.«

Der Subprior neigte den Kopf in scheinbarer selbstloser Folgsamkeit, als hätte er persönlich nicht das geringste Interesse daran, im Kapitelsaal zu verbleiben. Doch Jakob bemerkte das zufriedene Aufblitzen in seinen Augen, als er sich umwandte und an ihm vorbeiging, um in der ersten Bank Platz zu nehmen.

Abt Ambrosius richtete seinen Blick nun auf Jakob. »Ich habe Euch rufen lassen, weil der hochwürdige Domherr von Drolshagen Euch einige Fragen zu stellen wünscht«, begann der asketische Mönch und seine Miene verriet, dass er nicht sehr glücklich darüber war.

»In der Tat!«, rief der Domherr. »Und wir sollten unverzüglich zur Sache kommen!«

Der Abt ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Die Fragen mögen Euch verwirren und sinnlos erscheinen, Jakob Tillmann, was Euch aber nicht bekümmern soll«, fuhr er freundlich und um Verständnis werbend fort. »Redet nur freiheraus, was Ihr zu sagen habt und wessen Ihr Euch mit Gottes Hilfe zu entsinnen vermögt, und wir werden diese Unterredung rasch zu einem für alle zufrieden stellenden Ende bringen.«

Jakob schluckte und wich dem stechenden Blick des Domherrn aus. »Worüber soll ich Rede und Antwort stehen? Wird mir irgendetwas zur Last gelegt?«

»Nein, sorgt Euch nicht. Ihr steht hier nicht unter Anklage«, versicherte Abt Ambrosius.

Der Domherr gab ein kurzes Schnauben von sich, als wollte er sagen: »Das wird sich noch zeigen!« In sichtlicher Ungeduld drehte er den funkelnden Ring an seinem fleischigen Finger hin und her. Sein angespanntes Gesicht mit der scharfen Habichtsnase machte den Eindruck eines Raubvogels, der es nicht erwarten konnte sich auf ihn zu stürzen und seine Krallen in ihn zu schlagen.

Der Abt ließ einen kurzen Moment verstreichen, als müsste er sich erst sammeln - oder zu etwas durchringen, was ihm im Innersten widerstrebte. Dann sagte er zu Jakob: »Die Fragen, die wir Euch stellen möchten, betreffen die Zeit, die Ihr mit Bruder Anselm, möge seine Seele Frieden finden und in Gottes Herrlichkeit auferstehen, verbracht habt. Es ist unsere Bitte, dass Ihr uns darüber so ausführlich Auskunft gebt, wie es Euer Gedächtnis zulässt!«

»Und Ihr seid gut beraten Euch anzustrengen, Jakob Tillmann!«, fügte der Domherr hinzu. Er schien mit der ganzen Art, wie der Abt diese Angelegenheit anging, äußerst unzufrieden, denn er wandte sich nun dem Mönch zu und sagte mit kaum verhohlenem Unmut: »Nichts liegt mir ferner als in Eure Vollmachten eingreifen zu wollen, hochwürdiger Abt, aber da Ihr mit dem Hintergrund dieser Un-tersuchung wenig vertraut seid, erscheint es mir ratsamer zu sein, wenn ich Euch die Durchführung abnehme. Wir ersparen uns damit viel Zeit und falsche Wege, denn was die erzbischöfliche Kurie zu erfahren wünscht, ist Euch verständlicherweise nicht so vertraut wie mir. Wenn Ihr also die Güte hättet mich die Fragen stellen zu lassen, wäre uns allen sehr gedient.«