»Nun, wenn Ihr meint, es sei der Sache dienlich, kann ich Euch den Wunsch natürlich nicht abschlagen.« Der Abt sah jedoch nicht sehr glücklich aus, als er dem arroganten Verlangen des Domherrn nachgab. Melchior von Drolshagen besaß aber wohl einen zu großen Einfluss am Hof der Mächtigen von Trier, als dass man ihn vor den Kopf hätte stoßen können.
»Ich weiß Euer Entgegenkommen zu schätzen, hochwürdiger Abt«, sagte der Domherr mit einem heuchlerischen Lächeln. Dann nahm er Jakob ins Visier und mit der scharfen, anklägerischen Stimme eines Mannes, der schon so manches Verhör geführt hatte, fragte er: »In welcher Beziehung habt Ihr zu Bruder Anselm gestanden? Und wie lange seid Ihr in seinen Diensten gewesen?«
»Beziehung?«, echote Jakob verständnislos. »Was meint Ihr mit Beziehung?«
»Weicht nicht meinen Fragen aus Jakob Tillmann!«, fuhr Domherr von Drolshagen ihn an. »Ihr wisst ganz genau, was ich damit meine! Und ich erwarte, dass Ihr auf meine Fragen ohne Zögern antwortet statt durch dreiste Gegenfragen vom Thema abzulenken und Euch Zeit zu verschaffen, um nach Ausflüchten und Wegen zu suchen, um einer wahrheitsgemäßen Antwort zu entgehen!«
Der vehemente Angriff brachte Jakob völlig durcheinander, war er sich doch keiner Schuld bewusst. »Aber ich weiß wirklich nicht, was Ihr mit der Frage gemeint habt«, beteuerte er.
Der Domherr funkelte ihn an und sagte mit zorniger Ungeduld zum Abt: »Entweder haben wir es hier mit einem geistlosen Tölpel zu tun oder aber mit einem gerissenen Burschen, der glaubt uns den einfältigen Dummkopf vorspielen zu können. Wie auch immer die Wahrheit aussehen mag, erweist mir den Gefallen, hochwürdiger Abt, und macht diesem Jakob Tillmann klar, wem er hier Rede und Antwort zu stehen hat!«
»Ganz wie Ihr wünscht«, antwortete der Abt. Dann sah er Jakob mit eindringlichem, ja fast schon flehentlichem Blick an, während er ihn aufforderte: »Seht von Gegenfragen ab, Jakob Tillmann, und beschränkt Euch darauf, die Fragen des hochwürdigen Domherrn unverzüglich und nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Dies ist eine ernste Angelegenheit, auch wenn Ihr nur als Zeuge damit zu schaffen habt, und der hochwürdige Domherr und Prälat ist mit den höchsten Befugnissen ausgestattet. Ich bin sicher, dass Ihr uns nach besten Kräften helfen wollt.«
Jakob nickte beklommen.
»Seid Ihr dann auch bereit beim Kreuz unseres allmächtigen Herrn und Erlösers, bei der erhabenen Muttergottes und allen Heiligen zu schwören, dass Ihr bereitwillig alles sagen werdet, was Ihr wisst und was Euch in Erinnerung geblieben ist?«
Jakob spürte, dass der Abt ihm helfen wollte und ihm eine goldene Brücke baute. »Ja, das will ich, das schwöre ich bei Gott, der Heiligen Jungfrau und allen Heiligen!«
»Dann sagt, von welcher Beschaffenheit Eure Bekanntschaft mit dem seligen Bruder Anselm war«, führte ihn der Abt sanft auf die ursprüngliche Frage zurück. »So wie ich unterrichtet bin, war sie doch wohl von nur sehr flüchtiger Natur, nicht wahr?«
»Ja, das ist richtig«, bestätigte Jakob hastig. »Ich stand nur drei Tage in seinen Diensten. Und ich habe auch nicht gewusst, dass er einst Abt gewesen ist, der seines Amtes enthoben worden war.«
»Aha!«, rief der Domherr triumphierend, als hätte er ihn bei einer schwerwiegenden Lüge ertappt, und stieß mit ausgestrecktem Zeigefinger nach ihm, als wollte er ihn aufspießen. »Nur drei Tage willst du in seinen Diensten gestanden haben, ja? Aber du weißt, wer er einst war!«
Jakob erschrak über seine Gedankenlosigkeit. »Das habe ich erst hinterher erfahren!«
»Das lässt sich leicht behaupten!«, rief der Domherr. »Zudem will es mir nicht einleuchten, dass ein junger Mann wie Ihr, der doch ganz offensichtlich mit leeren Taschen und fern der eigenen Heimat wie ein Tagelöhner übers Land zieht, einen vorgeblich einfachen und ihm unbekannten Mönch in scheinbar selbstloser Aufopferung tagelang durch Schnee und Eis schleppt!«
»Ihr stellt mich als Lügner und Landstreicher dar, doch nichts davon ist wahr!«, protestierte Jakob, zutiefst beleidigt von dem Bild, das der Domherr von ihm zeichnete. »Ich habe Bruder Anselm mein Wort gegeben, so wie er mir seines gegeben hat, dass ich für meine Dienste in Himmerod gebührend entlohnt würde, und ich halte mein Wort!«
»So, und was treibt ein Fuhrmann aus dem Rheinischen, der nicht einmal über ein Pferdefuhrwerk verfügt, sondern bloß einen lumpigen Karren sein Eigen nennt, in der Südeifel?«, wollte der Domherr wissen. »Wo seid Ihr eigentlich zu Hause?«
Jakob biss sich auf die Lippen und überlegte fieberhaft nach einer glaubwürdigen Antwort. Gut Schlehenbusch und die Gemeinde, zu der das heruntergebrannte Anwesen gehörte, wollte er auf keinen Fall nennen. Es ging niemand etwas an, wessen Kind er war und woher er kam. Aber eine Antwort geben musste er. Er erinnerte sich des Ortes, wo er mit der Fähre über den Rhein gesetzt war. »In einem kleinen Dorf bei Rodenkirchen.«
»Aha, aus dem Kölner Raum!« Auch das erschien dem Domherrn suspekt zu sein und seinen Argwohn zu nähren.
Der Subprior räusperte sich hinter Jakob vernehmlich und zog damit die Aufmerksamkeit des Domherrn auf sich. »Ja, Bruder Tarzisius?«
»Vermutlich ist es ohne jeden Belang, was mir in diesem Zusammenhang in den Sinn gekommen ist, aber hat sich nicht auch Bruder Anselm in den letzten Jahren überwiegend in dieser rheinischen Region aufgehalten?«, erinnerte der Subprior mit falscher Bescheidenheit.
»In der Tat!«, pflichtete ihm der Domherr bei. »Das gilt es zu bedenken!«
Jakob glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Unterstellten ihm die beiden Männer wirklich, er und Bruder Anselm hätten sich schon viel länger gekannt und wären fast so etwas wie Vertraute gewesen? Waren sie noch ganz bei Sinnen? Er hätte über diese lächerliche Posse gern laut aufgelacht, doch der bohrende, anklägeri-sche Blick des Domherrn ließ ihm das Lachen in der Kehle ersticken und zu einem würgenden Kloß werden.
»Das Leben ist voller Zufälle«, bemerkte der Abt trocken, um die Bedeutung des gehässigen Hinweises von Bruder Tarzisius zu entschärfen.
»Wo sich Häretiker und Wegbereiter des Antichrist die Hand zum teuflischen Bund reichen, ist von uns höchste Wachsamkeit und erbitterter Widerstand gefordert, hochwürdiger Abt! Allein durch Feuer und Blut ist die Ruchlosigkeit dieser Ketzer auszumerzen! Und nur wer in der Wachsamkeit nicht erlahmt und sich nicht täuschen lässt, kommt den raffinierten Werken des Teufels auf die Spur und vermag den Kräften der ewigen Verdammnis zu widerstehen«, erwiderte der Domherr zurechtweisend. »Und da lasse ich mich auch nicht von scheinbaren Zufällen in Sicherheit wiegen!«
Jakob musste unwillkürlich daran denken, mit welcher Inbrunst sich der feiste Domherr in seiner Zelle gegeißelt hatte. Bis aufs Blut hatte er sich ausgepeitscht. Und er ahnte in diesem Moment mit einem tiefen Erschauern, wozu der Domherr, der sich trotz seiner fraglosen Selbstgerechtigkeit schmerzhafter Bußübungen unterzog, wohl fähig war, wenn er jemanden einer wirklich schwerwiegenden Verfehlung für schuldig hielt. Oh ja, Domherr Melchior von Drolshagen gehörte zu jenen Leuten, die mit buchstäblich flammender Hingabe auf Feuer und Blut schworen, um alles gnadenlos auszumerzen und mit dem Rauch der Verbrannten zu Gott emporzuschicken, was sie für das Böse hielten.
Bestürzung zeichnete sich kurz auf dem Gesicht des alten, asketischen Abtes ab. »Ich stimme Euch im Prinzip selbstverständlich zu«, versicherte er, als hätte der Domherr ihm einen schwachen Glauben und ein noch kraftloseres Eintreten für die Wahrung der reinen Lehre vorgeworfen. »Nur scheint mir in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die Werke des Teufels nicht gerechtfertigt zu sein«, sagte er, um schnell absichernd hinzuzufügen: »Soweit ich dies aus meiner beschränkten Perspektive und meinem unvollständigen Wissensstand nach überhaupt beurteilen kann. Aber sosehr man den Auffassungen, die Bruder Anselm nachgesagt wurden, auch widersprechen mag, so sehe ich doch nichts, was es gerechtfertigen würde ihn mit den Werken des Teufels in Verbindung zu bringen oder gar in einem Atemzug mit Ketzern zu nennen.«