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»Verzeiht, hochwürdiger Abt, dass ich es wage Euch und dem hochwürdigen Domherrn von meiner gänzlich unbedeutenden Überzeugung Kenntnis zu geben«, machte sich da wieder der Subprior bemerkbar, mit geheuchelter Demut in Wort und Haltung. »Aber hat nicht einer unserer großen Kirchenlehrer gesagt: >Nicht die Ungläubigen, deren offene Feindschaft gegen die heilige Kirche und der Pakt mit dem Antichrist, sind die wahre Gefahr für den reinen Glauben, sondern die Gläubigen, die vom rechten Pfad der reinen Lehre abweichen und die Lehren der Häretiker verbreitern?«

»Sehr wahr, Bruder Tarzisius!«, pflichtete ihm der Domherr bei, worauf der Subprior bescheiden den Kopf senkte, sich wieder setzte und die Hände gefaltet in den Schoß legte. »Ich hätte es nicht besser sagen können. Der Judas in den eigenen Reihen, der den Glauben verrät und dem Feind Tor und Tür öffnet, ist der echte Erzfeind, den es mit Stumpf und Stiel auszurotten gilt!«

Abt Ambrosius sah irritiert von seinem Subprior zum Domherrn. »Gewiss, dunklen Umtrieben in unseren eigenen Reihen muss entschieden entgegengetreten werden«, räumte er widerwillig ein. »Aber sollten wir uns nicht darauf besinnen, dass hier weder Bruder Anselm noch seine Auffassungen zur Debatte stehen, sondern dass wir nur hören wollen, was dieser einfache Mann über die kurze Zeit berichten kann, die er in seiner Gesellschaft verbracht hat?«

»Wer weiß, ob nicht das eine mit dem anderen zusammenhängt!«, erwiderte der Domherr und setzte die Befragung fort.

Jakob hatte Zeit genug gehabt sich seiner Situation bewusst zu werden. Er verstand plötzlich, warum Bruder Basilius ihn gedrängt hatte die Abtei so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Wieso der Mönch mit der Augenklappe gewusst hatte, dass der Domherr umgehend nach Himmerod kommen und ihn einem peinlichen Verhör unterziehen würde, hatte ihn im Augenblick genauso wenig zu interessieren wie das, was man Bruder Anselm vorwarf.

Entscheidend war im Moment nur, dass der Domherr ein ebenso mächtiger wie gefährlicher Mann war. Und wo die erschreckenden Worte »Ketzerei« und »Judas« aus dem Mund eines religiösen Eiferers vom Rang eines Prälaten und erzbischöflichen Beraters kamen, da galt es auf der Hut zu sein und jedes Wort dreimal gut abzuwägen, wenn einem etwas an seinem Leben lag!

Der Domherr setzte ihm heftig zu, als Jakob ihm von seinen drei Tagen mit Bruder Anselm berichtete und standhaft beteuerte nicht zu wissen, wo sich der Mönch vorher aufgehalten hatte. Denn dieser Punkt schien den Domherrn besonders zu interessieren, wie er auch immer wieder nach Papieren, geheimen Aufzeichnungen und Protokollen fragte.

»Mein Herr, von alldem weiß ich nichts!«, erklärte Jakob zum wiederholten Mal. »Bruder Anselm hat mir gegenüber kein Wort darüber verloren. Er war krank, fieberte und hat einen Rosenkranz nach dem anderen gebetet!«

Domherr von Drolshagen ließ nicht locker. »Aber Ihr habt doch beispielsweise am ersten Tag gemeinsam um ein Feuer gesessen, wie Ihr berichtet habt.« Er machte eine herrische Bewegung in Richtung seines Sekretärs und befahclass="underline" »Coppeldiek, lest ihm die Stelle vor!«

»Sehr wohl, Hochwürden!« Laurentis Coppeldiek legte die Feder aus der Hand und blätterte eifrig in seinen Papieren. »Ah ja, hier ist es. Fragt Hochwürden: >Wann habt Ihr das nächste Mal ein Gespräch mit Bruder Anselm geführt? Und ich warne Euch, mich noch einmal mit einer so dürftigen Antwort abspeisen zu wollen! Ich will jedes Detail wissen, und Ihr tut besser daran, Euch derer zu erinnern< Antwortet Jakob Tillmann: >Als wir um die zweite Mittagsstunde eine Rast und ein Feuer entzündet haben, um uns aufzuwärmen. Aber da...<«

»Das genügt! Es ist nicht nötig ihm Wort für Wort in Erinnerung zu rufen, was er vorhin zu Protokoll gegeben hat«, unterbrach ihn der Domherr. »Wir werden ja sehen, ob er sich in Widersprüchen verfängt. Also haltet alles gewissenhaft mit Eurer Feder fest, Coppeldiek!«

»Mir entgeht nicht ein Wort, Hochwürden!«, versicherte der Sekretär. »Auch nicht Seufzen oder Zaudern!«

Jakob spürte kalten Schweiß auf der Stirn und musste an sich halten ihn nicht mit dem Handrücken abzuwischen. Ihm war, als wären die tiefen Schatten im Kapitelsaal noch länger und dunkler geworden. Dämmerte schon der Abend herauf? Ihm kam es vor, als wäre er nun schon mehrere Stunden den bohrenden Fragen des argwöhnischen Domherrn ausgesetzt. Er hatte völlig das Gefühl für die Zeit verloren.

Domherr von Drolshagen starrte nun Jakob wieder mit durchdringendem Blick an. »Also, redet, Mann! Was habt Ihr und Bruder Anselm miteinander gesprochen, als Ihr um das Feuer saßet und es Euch gut gehen ließet?«

»Es ging uns gar nicht gut, hochwürdiger Domherr, wie ich es schon einmal gesagt habe«, antwortete Jakob. »Bruder Anselm machte auf mich einen sehr kranken, ja geradezu erbärmlichen Eindruck. Und ich versuchte ihn zu bewegen die Reise nach Himmerod nicht fortzusetzen, sondern einen Doctor aufzusuchen und sich Ruhe zu gönnen. Ich schlug vor ihn nach Mayen zu bringen, konnten wir diesen Ort doch noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen, wenn wir uns sputeten. Doch er wollte nicht und bestand darauf, dass er nach Himmerod und nirgendwohin sonst wollte. Das ist alles, was wir miteinander geredet haben.«

Der Domherr lief nun zornrot an. »Es kann einfach nicht angehen, dass Ihr sonst nichts miteinander geredet habt, Bursche! Ihr habt nicht nur um ein Feuer gesessen, Ihr habt auch in zwei Nächten das Zimmer eines Gasthofes geteilt! Ihr habt an einem Tisch gesessen, Ihr habt die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, Herr im Himmel, Ihr habt drei lange Tage und Nächte miteinander verbracht!«, donnerte er aufgebracht. »Und Ihr wollt mir erzählen, Bruder Anselm hätte nur gebetet und sich sonst stumm wie ein Fisch verhalten? Ihr lügt mich an, Bursche!«

Jetzt platzte auch Jakob der Kragen. »Hätte ich gewusst, dass man mich später einem solchen Verhör unterziehen würde, hätte ich ihm gewiss tausend Fragen gestellt und ihm keine Ruhe gelassen, bis ich alles aus ihm herausgelockt hätte!«, antwortete er mit grimmigem Sarkasmus. »Aber vielleicht wäre ich dann auch erst gar nicht so dumm gewesen diesen kranken Mann auf Kosten meiner Knochen bei Eis und Schnee nach Himmerod zu schleppen. Ich hätte ihn dann nicht mal für einen Beutel Goldtaler auf meinen Karren gelassen! Das schwöre ich genauso bei Gott, der Heiligen Jungfrau und allen Heiligen, wie ich schwöre nichts von dem zu wissen, was Euch zu erfahren drängt!«

Erregt sprang der Domherr von seinem Lehnstuhl auf. »Wie könnt Ihr es wagen in diesem dreisten Ton mit mir zu reden, Bursche?«, herrschte er ihn an. »Ich besitze die Autorität Euch einer ganz anderen Art der Befragung zu unterziehen, nämlich einer peinlichen auf dem Turm! Und ich versichere Euch, dass sie weniger gemütlich ausfällt als diese Befragung hier!«

Jakob verstand den Hinweis auf die Inquisition unter der Folter und erblasste.

Abt Ambrosius griff nun ein, sichtlich verärgert und am Rand seiner Geduld. »Eure. löbliche Absicht im Kampf gegen den Unglauben und die Werke des Teufels die reine Lehre zu schützen, in allen Ehren, hochwürdiger Domherr. Und Ihr könnt meiner Unterstützung in jedem berechtigten Fall gewiss sein! Aber was diesen jungen Mann betrifft, der sich unseres Wissens nach nichts hat zu Schulden kommen lassen, so besteht wahrhaftig kein Grund ihm zu misstrauen und an seinem Wort zu zweifeln, geschweige denn ihm mit anderen Formen der Befragung zu drohen!«

Der Domherr lief im Gesicht hochrot an. »Ich darf Euch doch wohl erinnern, hochwürdiger Abt, dass Eure Pflicht gegenüber.«

Weiter kam er nicht, denn hier fiel ihm der Himmeroder Abt mit selbstbewusstem, kühlem Tonfall ins Wort. »Ich lasse mich ungern an meine Pflichten erinnern, nachdem ich dieser Abtei im dreiundzwanzigsten Jahr vorstehe! Ich habe mehr als einem Erzbischof und Papst meine Loyalität und meine uneingeschränkte Hingabe an die Bewahrung der reinen Lehre unseres Herrn Jesu Christi bewiesen!«