Es war, als hätte Abt Ambrosius nun genug davon, in seiner eigenen Abtei, in der er und sein Konvent aufgrund verbrieften Rechts über jeder weltlichen Gerichtsbarkeit standen und nur dem Generalkapitel von Citeaux in Frankreich verantwortlich waren, einem Kleriker aus Trier das Sagen und Regieren zu überlassen. Der Erzbischof und die Kurie mochten erschreckende Macht besitzen und sich im Laufe der Jahrhunderte widerrechtlich immer größeren Einfluss auf die Klöster in ihrer Diözese verschafft haben. Aber der im Amt ergraute Abt Ambrosius dachte nicht daran, sich das Zepter beziehungsweise den Krummstab hinter den Mauern seiner eigenen Abtei völlig aus der Hand nehmen zu lassen.
Und so sagte er mit fester Stimme, die keinen Widerspruch duldete: »Der junge Fuhrmann Jakob Tillmann hat nach Lage der Dinge in völliger Unkenntnis der Person und seiner religiösen Überzeugungen unserem Bruder Anselm einen Akt der Barmherzigkeit erwiesen, indem er ihn bei Nacht und Sturm in unsere Abtei gebracht hat. Deshalb sehe ich keine Veranlassung ihn noch länger mit Fragen zu beschweren, die ihm nun schon dreimal gestellt worden und von ihm stets auf dieselbe Weise beantwortet sind, wie Euer fleißiger Sekretär durch seine Mitschriften ja wohl bestätigen kann! Und nun bitte ich Euch mich und Bruder Tarzisius zu entschuldigen. In wenigen Minuten ruft die Glocke zur Vesper. Und ich bin sicher, dass Ihr diese ebenso wenig zu versäumen wünscht wie ich.« Er lächelte verbindlich. »Denn Gottes unermessliche Größe und Barmherzigkeit zu preisen, das ist es doch, dem wir unser Leben geweiht haben, nicht wahr?«
Der Domherr rang sichtlich mit der Wut, die in ihm kochte wie in einem glutheißen Waschkessel und die sein Gesicht mit einer puterroten Farbe überzog. »Also gut, belassen wir es vorerst dabei und gehen wir zur Vesper!«, stieß er schließlich hervor, wobei die Betonung auf dem Wort »vorerst« lag. »Ich möchte mir jedoch das Recht ausbitten, dass dieser Jakob Tillmann in seiner Zelle bleibt und mir zu einerweiteren Befragung zur Verfügung steht, nachdem ich im Anschluss an die Vesper mit Euch unter vier Augen ein Gespräch geführt habe.«
»Ihr meint, vorausgesetzt, es gelingt Euch mich von der Notwendigkeit einerweiteren Befragung zu überzeugen«, schränkte der Abt sofort ein.
Der Domherr nickte knapp.
Abt Ambrosius überlegte kurz und zuckte dann mit den Achseln. »Nun, ich wüsste nicht, was dagegen einzuwenden wäre«, sagte er und bedachte Jakob mit einem beruhigenden Blick. »Bei diesem unfreundlichen Wetter werdet Ihr wohl kaum etwas dagegen haben, Euch nach der Vesper noch eine Weile in Eurer Zelle aufzuhalten, bis ich Euch Bescheid gebe, welchen Ausgang mein Gespräch mit dem hochwürdigen Domherrn genommen hat, nicht wahr?«
Jakob verzog das Gesicht. Wo sollte er bei dem Wetter auch hin? Er saß wie ein Gefangener im Kloster fest, das wusste doch jeder, der einen Blick nach draußen warf! »Wenn das Euer Wille ist, soll es so sein«, sagte er respektvoll und wagte dann die Frage: »Aber darf ich darauf hoffen, dass Ihr bei passender Gelegenheit auch einen Gedanken auf den mir versprochenen Lohn für meine Mühen verwendet, hochwürdiger Abt?«
»Ihr habt mein Wort!«, versprach dieser, erhob sich und verließ in würdevoller Haltung den Kapitelsaal.
»So ist das mit Schlangengezücht!«, murmelte Bruder Tarzisius verächtlich. »Wenn man ihm nicht gleich das Haupt abschlägt und es unerbittlich ausmerzt, verspritzt es sein Gift, windet sich davon und verkriecht sich im Gehölz!«
Der Abt konnte diese Bemerkung nicht mehr hören, weil er schon den Kreuzgang hinunterging. Jakob dagegen verstand jedes einzelne Wort, als hätte der Subprior ihm direkt ins Ohr gesprochen. Er hütete sich jedoch sich umzudrehen, geschweige denn etwas darauf zu erwidern. Raubtiere, die nach Blut dürsteten und schon ihre Krallen gewetzt hatten, sollte man nicht noch reizen, wenn man nicht jede Chance verspielen wollte ihnen zu entkommen!
Elftes Kapitel
Jakob befand sich schon auf dem Weg ins Obergeschoss, um sich in seiner Zelle zu verschanzen und den Bescheid des Abtes abzuwarten, als ihm einfiel, dass dieser ihm ja das Versprechen erst für die Zeit nach der Vesper abgenommen hatte.
Er blieb auf halber Treppe stehen, starrte auf das stürmische Schneetreiben hinaus und überlegte kurz, was er tun sollte - besser gesagt, was er tun konnte. Denn groß war die Auswahl seiner Möglichkeiten wahrlich nicht. Er konnte versuchen sich während der Vesper aus dem Kloster zu schleichen, was ihm vermutlich gelingen würde. Aber bei dem Wetter befand er sich da draußen in noch größerer Gefahr als in den Mauern der Abtei, wo der Abt die maßgeblichen Entscheidungen fällte. Und dieser hatte ihm wie auch dem anmaßenden Domherrn doch gerade unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er, Jakob Tillmann, sich nichts hatte zu Schulden kommen lassen. Demnach war er in der Abtei also um ein Mehrfaches sicherer als jenseits der Mauern, vom Wetter einmal ganz abgesehen!
Diese Überlegung beruhigte Jakob und gab ihm neues Selbstvertrauen. Der habichtgesichtige Domherr hatte ihm im Verbund mit Bruder Tarzisius, diesem aalglatten Ehrgeizling, einen gehörigen Schrecken eingejagt. Aber er hatte die Feuerprobe überstanden und konnte sich jetzt, unter der ausdrücklichen Protektion des Abtes, wieder sicher fühlen.
Seine Gedanken gingen nun unwillkürlich zu Bruder Basilius und dem Schweden. Sie waren die Einzigen, mit denen er über das beunruhigende Verhör sprechen konnte. Bisher waren sie in ihren Auskünften, was das Geheimnis des Mönches Anselm von Picoll betraf, zwar so hilfreich gewesen wie ein löchriger Wasserkessel. Aber vielleicht ließen sie sich jetzt dazu bewegen, Licht in das Dunkel zu bringen und ihm zu verraten, in was für eine gefährliche Auseinandersetzung er da ahnungslos hineingeraten war.
Jakob schlich sich in die Abteikirche. Er sah, dass Bruder Basilius bei seinen Ordensbrüdern im Chorgestühl stand und dass der Domherr wieder den Ehrenplatz neben dem Abt eingenommen hatte. Den Schweden konnte er in der Basilika jedoch nicht entdecken.
Henrik Wassmo musste also woanders stecken und das bedeutete, dass er sich in das ungemütliche Schneegestöber hinausbegeben musste, wenn er ihn finden wollte. Er schlug den Kragen seines Umhangs hoch und hastete mit gesenktem Kopfüber den sturmgepeitschten Hof.
Die beiden wortkargen Konversen in der Schmiede sagten ihm, wo er den Schweden vielleicht finden konnte: »Werft mal einen Blick in die Sattelkammer!«
»Die Schankstube vor dem Tor ist auch kein schlechter Ort, wenn man nach dem Schweden sucht«, meinte der andere.
Der Gang zur Wirtschaft vor den Mauern der Abtei blieb Jakob erspart. Er fand den Schweden in der geräumigen Sattelkammer, in der es intensiv nach Pferd, altem Leder und Wichse roch. Henrik Wassmo saß neben einem mit glühender Holzkohle gefüllten Kohlebecken auf einem Stoß Decken - und schärfte im Licht einer Laterne mit einem granitfarbenen Schleifstein die lange, blitzende Klinge eines Degens. Rechts von ihm, auf einer alten großen Haferkiste, lagen eine schwere Armbrust aus einem rötlichen Holz sowie vier nicht ganz armlange Pfeile. Jakob staunte nicht schlecht.
»Kommt rein oder bleibt draußen, schließt aber in jedem Fall die Tür!«, forderte ihn der Schwede auf, ohne in seiner Arbeit innezuhalten.
Jakob schloss hastig die Tür, durch die der Wind pfiff und Schnee in die Kammer trieb. »Habt Ihr was dagegen, wenn ich Euch für einen Moment Gesellschaft leiste?«
Der Schwede zog den Schleifstein mit gleichmäßigem Andruck über die Klinge, während er trocken antwortete: »Mich verlangt es nicht nach Gesellschaft, aber wenn Euch danach zumute ist, soll es mir recht sein.«