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Jakob sah sich nach einem Sitzplatz um und hockte sich dann auf die Haferkiste. »Darf ich?«, fragte er und deutete auf die Armbrust. Sie besaß zwei eiserne Spannfedern. »Ich habe noch nie eine Armbrust in der Hand gehalten. Ich verspreche Euch, auch nicht an der Spannvorrichtung herumzuspielen.«

Der Schwede zuckte mit den Achseln. »Nur zu, nehmt sie in die Hand. Und wenn Ihr sie spannen könnt, gehört sie Euch - zusammen mit einem Golddukaten!«

Jakob lachte und griff nach der klobigen Waffe. Sie war schwerer als gedacht. Und als er sich nun mühte die Eisenfedern zu spannen und den Schlitten zurückzuziehen, da schoss ihm vor Anstrengung das Blut ins Gesicht und der Schweiß brach ihm aus. Es gelang ihm nicht. »Heiliges Pulverfass, dabei bricht man sich ja die Arme ab!«, stöhnte er und gab es auf.

Ein schwaches Lächeln kräuselte die Lippen des Schweden. »Eine Armbrust, die ein junger Spund wie Ihr schon spannen könnt, taugt so viel wie eine undichte Zisterne, die das Wasser nicht halten kann!«, spottete er.

»Sicherlich ist bloß ein Trick dabei«, erwiderte Jakob und legte die Armbrust zurück. Er fühlte sich von den Worten des Schweden nicht gekränkt, sondern eher belustigt. Henrik Wassmo mochte einige Macken und einen dazu passenden, recht eigenartigen Humor haben, aber er war ihm nicht übel gesinnt, das spürte er.

»Wenn Ihr es sagt, wird es wohl so sein.«

Jakob nahm einen der fast armlangen Pfeile auf. Die gezackte Eisenspitze, groß wie sein Daumen, steckte auf einem hölzernen Schaft mit einem dreifach gefiederten Ende. Die Spitze war scharf wie eine Nadel und ohne den kleinsten Rostflecken. Makellos waren auch die Federn sowie das Holz des Schaftes, das wie ein edles Möbelstück glänzte, das jeden Tag poliert wurde.

»Was ist das für ein Holz?«

»Gebeizte Roteiche.«

»Mhm«, machte Jakob. »Und was sagt Bruder Basilius dazu?«

»Ich glaube, er ist mehr ein Freund von Linden und Weiden.«

Jakob wusste, dass Henrik Wassmo ihn vorsätzlich missverstand und sich über ihn lustig machte. »Das habe ich nicht damit gemeint und das wisst Ihr.«

»Man soll immer sagen, was man meint, wie man auch meinen soll, was man sagt«, entgegnete der Schwede.

»Das müsst ausgerechnet Ihr sagen, der Ihr mehr meint, als Ihr sagt, und ein Vielfaches davon wisst!«, hielt Jakob ihm vor.

»Ich sage, was ich meine, dass Ihr wissen sollt - was zweifellos nicht immer das ist, was Ihr von mir zu hören wünscht.«

Jakob seufzte. »Schon gut, ich krieche ja zu Kreuze und gebe klein bei. Also, was sagt Bruder Basilius dazu, dass Ihr als sein Begleiter wie ein Landsknecht Waffen mit Euch herumschleppt? Hat er sich denn als Mönch nicht ganz dem Gebet und der Nächstenliebe verschrieben?«, fragte er mit leichtem Spott.

»Macht ohne Liebe wird zur Tyrannei - und Liebe ohne Macht zu rührseliger Hilflosigkeit«, antwortete Henrik Wassmo und prüfte mit der Daumenkuppe die Schärfe der Klinge.

»Und Bruder Basilius sieht das auch so?«, wunderte sich Jakob.

»Ihr habt mich gefragt und ich habe allein für mich gesprochen.

Bruder Basilius mag die Dinge anders sehen. Das hindert mich jedoch nicht daran, an meiner Überzeugung festzuhalten. Und außerdem: Wenn der Jäger kommt, flieht der Tiger mit dem Reh.«

Jakob lachte. »Ihr habt das Geschick Euch mit Euren Antworten wie eine Schlange zu winden, die man einfach nicht zu packen bekommt!« Aber sogleich wurde er wieder ernst, als er sich darauf besann, warum er eigentlich gekommen war. »Da wir gerade von Schlangen reden: Der Domherr hat mich im Kapitelsaal im Beisein von Abt Ambrosius und Bruder Tarzisius einem regelrechten Verhör unterzogen und diese Spitzmaus von Sekretär hat jedes Wort zu Protokoll genommen.«

»So?« Henrik Wassmo schien nicht sonderlich überrascht.

»Wenn ich mich nicht täusche, wisst Ihr und Bruder Basilius ja schon lange, welch übles Spiel in diesen Mauern getrieben wird -und was das plötzliche Auftauchen des vornehmen Domherrn zu bedeuten hat. Ist es nicht so?«

Der Schwede schaute ihn scheinbar gleichmütig an. »Man kann nicht seinen Nächsten trauen, denn ihnen glauben heißt: verkauft sein und verloren.«

»Kommt mir nicht immer mit Euren Psalmen, wenn ich etwas wirklich Wichtiges von Euch zu erfahren wünsche!«, sagte Jakob ärgerlich. »Statt mir zu helfen und mich aufzuklären, in welch dunkle Machenschaften ich völlig ohne mein Wissen und Wollen geraten bin, verschanzt Ihr Euch hinter rätselhaften Psalmversen und lasst mich ins offene Messer dieser feinen Kirchenmänner laufen.«

»Seid Ihr nicht gewarnt worden?«, fragte der Schwede zurück, unbeeindruckt von Jakobs Vorwurf.

Jakob verzog schuldbewusst das Gesicht. »Schon, aber wie konnte ich denn ahnen, dass man mich in Verbindung mit Ketzerei und Werken des Teufels bringen würde! Und genau diese Worte sind gefallen! Bruder Anselm hat sich wohl etwas Schreckliches zu Schulden kommen lassen und jetzt stecke ich bis über die Ohren mit in dem Schlamassel, ohne jedoch auch nur einen schwachen Schimmer davon zu haben, worum es überhaupt geht! Der Domherr hat mir sogar mit einem verschärften Verhör gedroht. Und Ihr wisst, was das heißt: Folter!«

Der Schwede nickte. »Sie tragen den Rabenmantel der Finsternis. Doch wie Mond erlischt in Wolken, so gehen die Ruchlosen unter. Der Herr wird richten das Tribunal, jene, die unter dem Schein des Rechtes Böses stiften«, sagte er, hob mit der linken Hand einen Strohhalm vom Boden auf und machte mit dem Degen eine kurze, blitzschnelle Bewegung. Die rasiermesserscharfe Klinge schnitt den Halm in zwei gleich große Stücke.

»Ihr. Ihr habt gut reden«, sagte Jakob, halb bewundernd und halb erbost. »Ihr wisst vermutlich bis ins Kleinste, worum es geht, was sich Bruder Anselm hat zu Schulden kommen lassen und was das erschreckende Gerede von Ketzerei und Werken des Teufels zu bedeuten hat. Ich dagegen tappe im Dunkeln und verfange mich vielleicht noch in der Schlinge des Domherrn, weil ich nicht weiß, worum es geht und worauf ich zu achten habe! Ihr lasst mich völlig schutzlos in mein Verderben rennen!«

»Ihr irrt!«, widersprach der Schwede und schob den Degen in eine verbeulte Blechscheide. »Eure Unwissenheit ist Euer größter Schutz. Je mehr Ihr nämlich wisst, desto größer wäre Eure Angst -und Angst riechen und verfolgen Männer wie der Domherr, so wie ein Raubtier eine blutige Fährte aufnimmt und ihr folgt, bis es sein angeschlagenes Opfer gestellt und zu Tode gebracht hat!«

Jakob schluckte schwer. »Eure Worte sind aber auch nicht gerade dazu angetan, mir Mut zu machen!«

Der pockennarbige Schwede warf ihm einen bedauernden Blick zu. »Menschenmacht allein vermag da nichts, wir siegen nur mit Gottes Kraft im Bunde.«

Bevor Jakob etwas erwidern konnte, wurde die Tür zur Sattelkammer aufgerissen. Bruder Basilius, vom Laufen ganz außer Atem und mit vor Kälte gerötetem Gesicht, lehnte sich gegen den Rahmen. Seine schäbige Kutte wehte im Wind, umwirbelt von Schneeflocken.

»Sie haben ihn gefunden!«, stieß er hervor.

»Wen?«

»Den Novizen Dominik. Er ist tot!«

Zwölftes Kapitel

Der tote Novize lag im Kellergewölbe eines der Wirtschaftsgebäude, das den Klosterbrüdern als Vorratslager diente. Mehl, Butter, Öle, Schmalz und Sirup, abgefüllt in verschieden großen und schweren Fässern, lagerten in den Räumen bis unter die Decke. Die Fässer, auch die leeren, ruhten in dreistöckigen Stellagen aus schweren Bohlen. Eines von diesen Regalen aus alten Kanthölzern war zusammengebrochen, hatte eine schmale Trennwand aus Backstein zum Einsturz gebracht- und den Novizen unter sich begraben.

Bruder Anton hatte ihn gefunden, als er sich nach der Vesper ins Lagerhaus begeben hatte und in den Keller hinuntergestiegen war, um ein neues Fass Schmalz zu holen.