Die Betroffenheit unter den zusammengelaufenen Klosterbrüdern war groß, als sie sahen, dass dem Novizen nicht mehr zu helfen war. »Die schweren Fässer haben ihn erschlagen und ihm wohl jeden Knochen im Körper gebrochen!«, stellte der Krankenbruder erschüttert fest, als sie den übel zugerichteten Körper des jungen Mannes endlich aus den Trümmern gezogen hatten. Das Gesicht war eine entsetzliche, blutige Masse.
Jakob war dem Schweden und Bruder Basilius in das Kellergewölbe des Lagerhauses gefolgt und dort in einer dunklen Ecke auf eines der halb leeren Regale geklettert, weil er von da aus alles im Blick hatte. Beim Anblick der Leiche wurde ihm ganz flau zu Mute und Erinnerungen an noch grässlichere Bilder stiegen in ihm auf.
»Was er bloß hier unten gewollt hat?«, rätselte Bruder Anton. »Und wie ist er überhaupt ins Haus gekommen? Ich bin mir absolut sicher die Tür gut abgeschlossen zu haben. Und es gibt nur zwei Schlüssel. Den einen trage ich stets bei mir und den zweiten hält der Vater Abt unter Verschluss. Also, wie um alles in der Welt.«
»Ihr werdet eben doch nicht abgeschlossen haben«, fiel ihm Bruder Tarzisius mit rauer, zitternder Stimme ins Wort. Ihm ging der Tod des Novizen offenbar sehr nahe, war er doch im Gesicht so weiß, als wäre er in einen Sack Mehl gefallen. »Außerdem tut es jetzt nichts mehr zur Sache, Bruder Anton. Der junge Dominik ist tot. Was auf Erden an Gutem wie an Schlechtem in seinem Leben war, wird nun im Himmel gewogen. Möge der Herr seiner Seele in gnädiger Barmherzigkeit Einlass in die ewige Herrlichkeit gewähren!«
»Amen«, kam es von den Mönchen und Konversen, die sich gegenseitig auf die Füße traten, im Chor.
Jakob bemerkte Rutger Mundt auf der Treppe. Mit ausdrucksloser Miene blickte er über das Gedränge hinweg, während er auf etwas kaute. Dann spuckte er etwas Weißes aus, das wie ein Stück Knorpel aussah, pulte mit einem Kienspan in seinen Zähnen, wandte sich um und verschwand wieder nach oben.
»Tretet zur Seite und lasst die Brüder mit der Totenbahre durch!«, rief der Prior.
»Wohin sollen wir ihn bringen, Bruder Pinius?«
»Säubert ihn und bahrt ihn dann in der Kapelle auf!«,wies der Prior sie nach kurzem Überlegen an. »Wir müssen seine Eltern benachrichtigen.«
Der Leichnam des Novizen wurde auf die Totenbahre gelegt, mit einem Tuch gnädig zugedeckt und dann aus dem Kellergewölbe getragen, das sich nun im Handumdrehen leerte.
Einer inneren Eingebung folgend, kletterte Jakob nicht vom Balkengerüst, sondern harrte dort oben noch eine Weile aus, hörte er doch die Stimme von Bruder Basilius, der mit Bruder Anton, dem Küchenbruder, redete. Sein Gefühl sagte ihm, dass der Mönch mit der Augenklappe und der Schwede gleich zurückkommen würden.
Und so geschah es auch.
Die beiden Männer kamen schon im nächsten Moment die Treppe herunter. ». zu viele Ungereimtheiten, als dass ich an einen simplen Unfall glauben könnte«, hörte er Bruder Basilius sagen, während sie unter ihm vorbei und zum Ende des Gewölbes gingen, wo ein Trümmerhaufen aus Backsteinen, geborstenen Balken und mehreren aufgeplatzten Fässern den Boden bedeckte.
»Ja, so sehe ich es auch«, stimmte ihm der Schwede zu. »Außerdem ist er auch nicht hier zu Tode gekommen!«
Jakob hätte beinahe einen scharfen Laut der Überraschung von sich gegeben, vermochte sich aber noch zu beherrschen. Dominik war nicht hier im Keller gestorben? Ja, aber wo dann? Und wieso hatte man ihn an diesem Ort gefunden?
»Ihr sagt es, Henrik. Seht Euch doch nur die Blutlache an!«, forderte Bruder Basilius ihn auf und kniete sich an der Stelle nieder, wo der Leichnam des Novizen gelegen hatte. »Nicht viel größer als eine Handfläche!«
Der Schwede stieß ein grimmiges Schnauben aus. »Unmöglich! Habt Ihr allein sein Gesicht gesehen? Bei den vielen Wunden muss er wie ein Schwein geblutet haben. Aber von all dem Blut ist hier nichts zu finden.«
»Was mich nicht im Mindesten überrascht.«
»Nein, mich auch nicht«, pflichtete ihm der Schwede düster bei. »Denn der Unglückliche ist vermutlich weit von diesem Kellergewölbe entfernt gestorben - und weit langsamer, als dieses Szenario glauben machen will!«
Jakob hielt den Atem an und lauschte mit wachsendem Entsetzen den Stimmen der beiden Männer. Wenn es kein Unfall gewesen war, dann blieb doch nur noch eine Möglichkeit und die hieß. Oh Gott, nein!
Bruder Basilius zog ein Balkenstück unter einem aufgeplatzten Fass hervor. »Wie auch die massive Stellage nicht auf Grund eines morschen Balkens plötzlich eingestürzt ist! Hier, kommt mit der Laterne her und werft doch mal einen Blick auf die Bruchstelle!«
Der Schwede hob die Laterne an. »Bruchstelle? Von wegen! Der Balken wurde angesägt und dann aus sicherer Entfernung mit einem Seil mutwillig eingerissen - um den ruchlosen Mord an dem Novizen als Unfall zu tarnen!«, stieß er zornig hervor.
Mord! Jakob erstarrte, während ein eisiger Schauer durch seinen Körper lief. Der Schwede und Bruder Basilius waren überzeugt, dass Dominik ermordet worden war!
»Der Fuchs wechselt den Balg, aber nicht die Sitten.«, sagte Bruder Basilius erbittert und warf das Balkenstück zu den Trümmern zurück. »Mein Gott, ich hätte nie gedacht, dass sie sich an dem jungen Novizen vergreifen würden. Was kann er denn schon gewusst haben? Wenn ich geahnt hätte.« Er brach ab, schüttelte müde den Kopf und wandte sich um. »Lasst uns gehen, Henrik. Ich möchte für den Unglücklichen beten. Das ist das Einzige, was ich jetzt noch für ihn tun kann.«
»Und dann?«, fragte der Schwede knapp, als wartete er auf den Befehl zu seinen Waffen zu greifen und den Mord zu rächen.
»Wir treffen uns zur Komplet, wenn alle in der Basilika sind, in der Kapelle!«, antwortete Bruder Basilius. »Und dann müssen wir uns etwas ausdenken, um diesen Unglücksraben Jakob Tillmann verschwinden zu lassen!«
»Ja, das müssen wir wohl«, stimmte ihm der Schwede mit einem schweren Seufzen zu und stiefelte hinter ihm die Treppe hoch. Das Laternenlicht kroch mit ihnen die Stufen hoch und ließ das Gewölbe wieder in pechschwarze Dunkelheit versinken.
Mit wild schlagendem Herzen und zugleich wie gelähmt, kauerte Jakob auf dem Regal, gegen ein Fass gepresst, dem ein intensiver süßlicher Geruch entströmte. Nicht nur, dass der Novize Dominik keinem tragischen Unfall zum Opfer gefallen, sondern ermordet worden war. Nein, jetzt sollte es auch ihm an den Kragen gehen! Zumindest musste er damit rechnen, dass Bruder Basilius und der Schwede irgendetwas ausheckten, das ihm ganz und gar nicht gefallen würde. Und dabei hatte er geglaubt ihnen trauen zu können. Aber sie waren wohl selbst zu tief in diese finsteren Machenschaften verstrickt, die zum Mord an dem Novizen geführt hatten.
Längst war oben die schwere Tür zugefallen, als Jakob endlich von der Stellage herunterkletterte, sich im Dunkel zur Treppe tastete und nach oben schlich. Auch hier vermochte er nicht einmal die eigene Hand vor Augen zu sehen. Mehrfach stieß er schmerzhaft gegen Kisten und Wände. Es dauerte eine ganze Weile, bis er den Weg zur Tür gefunden hatte, und es verwunderte ihn nicht sie von außen verschlossen vorzufinden. Er suchte nun das nächste Fenster, das, ganz wie erwartet, nur von innen verriegelt war. Vorsichtig schob er die Riegel zurück, öffnete die Holzläden einen Spalt und spähte hinaus. Er musste beide Schlagläden festhalten, damit der böige Wind sie nicht laut gegen die Wände schlagen ließ.
Der Schnee fiel noch immer mit unverminderter Heftigkeit und hüllte die Abtei in ein weißes windgepeitschtes Treiben, in dem alle Gebäude ihre festen Konturen zu verlieren schienen. Kein Wunder, dass niemand bemerkt hatte, dass jemand die Leiche des Novizen in das Lagerhaus geschleppt hatte. Wer sich im Freien aufhalten musste, ging mit hochgeschlagener Kapuze und mit vor dem Wind tief geneigtem Kopf und war sogar aus der Nähe nur als schemenhafte Gestalt zu erkennen. Ein perfektes Wetter für den Mörder!