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Es war niemand zu sehen und so sprang Jakob beherzt aus dem Fenster in die Schneewehe vor der Hauswand. Das augenblickliche Knallen der Schlagläden im Wind erschien ihm so erschreckend laut, dass er meinte, jeden Moment müssten Mönche und Konversen aus allen Richtungen zusammenlaufen und ihn auf frischer Tat ertappen.

Doch niemand tauchte aus den weißen, wirbelnden Schleiern auf und verstellte ihm den Weg, als er über den Hof rannte. Unangefochten erreichte er das Konventsgebäude, riss die Tür auf und hetzte die Treppe hoch. Auch auf dem Gang zu seiner Zelle begegnete ihm niemand. Eine tiefe, trügerisch friedvolle Stille lag über der Abtei, die in ihren Mauern einen skrupellosen Mörder beherbergte.

In seiner Zelle schlug Jakob hastig den Schnee von seinem Umhang und wischte ihn sich aus dem Haar. Nachdem er den schweren Stein vor die Tür geschoben hatte, sank er auf seine harte Lagerstatt und versuchte zu einem klaren Gedanken zu kommen. Zu viel ging ihm durch den Kopf. Fragen über Fragen wirbelten wie die Schneeflocken in ihm durcheinander.

Wer war der Mörder? Und weshalb hatte der Novize sterben müssen? Wo hatte man ihn ermordet? Wen hatte Bruder Basilius wohl mit dem Fuchs gemeint, der den Balg wechselte, aber nicht die Sitten? Welch entsetzliche Verfehlungen mochte Bruder Anselm bloß begangen haben, um Auslöser all dieser schrecklichen Geschehnisse zu sein? Und welch dunkles Geheimnis hatte er mit sich ins Grab genommen, hinter dem der Domherr so versessen her war wie der Teufel hinter einer armen Seele?

Ein kurzes, herrisches Pochen riss Jakob aus seinen Gedanken. Erschrocken fuhr er zusammen, als er die Stimme des Subpriors hörte: »Jakob Tillmann? Hättet Ihr vielleicht die Freundlichkeit mich in Eure Zelle zu lassen? Irgendetwas blockiert Eure Tür!«

»Einen Moment!«, rief Jakob, augenblicklich von angespannter Wachsamkeit und Unruhe erfüllt, welche Nachricht der Subprior wohl bringen mochte. Er sprang auf, schob den Stein zur Seite und öffnete die Tür.

Der Blick des Subpriors fiel auf den schweren Stein und eine scharfe Falte bildete sich auf seiner Stirn. »Weshalb habt Ihr Eure Tür damit versperrt?«

»Zur Sicherheit.«

»Vor wem denn?«, fragte Bruder Tarzisius nach.

Jakob zog es vor keine direkte Antwort zu geben, sondern nur vage mit den Achseln zu zucken.

Zu seiner Überraschung ließ der Subprior es auch dabei bewenden. »Ihr habt von dem schrecklichen Unfall gehört, bei dem unser Novize Dominik zu Tode gekommen ist?«

»Unfall?«, fragte Jakob zurück und jetzt fiel ihm auf, dass Bruder Tarzisius immer noch blass im Gesicht war und recht mitgenommen aussah. Der Tod des Novizen schien ihn sehr getroffen zu haben. Merkwürdig. Hatte er diesem Mann vielleicht unrecht getan?

»Ja, ein schrecklicher Unfall«, murmelte Bruder Tarzisius und blickte wie abwesend auf das Kruzifix über der Tür. »Er war so ein eifriger junger Mann.«

»Hat er nicht die ganze Zeit Bruder Anselm gepflegt?«, rutschte es Jakob heraus.

»Ja, das hat er.« Ein Ruck ging durch den hoch gewachsenen Körper des Subpriors und sein Gesicht nahm wieder den energischen, harten Ausdruck an, der Jakob so vertraut war. »Unser hochwürdiger Abt schickt mich und lässt Euch ausrichten, dass er für eine weitere Befragung keine Notwendigkeit sieht.«

»Es geschehen wahrlich noch Zeichen und Wunder!«, entfuhr es Jakob. Seine Erleichterung war jedoch nicht so vorbehaltlos, wie er geglaubt hatte. Die Leiche des Novizen ging ihm nicht aus dem Kopf. Sie erinnerte ihn daran, dass in dieser Abtei schreckliche Dinge geschahen, die sich dem Einfluss und wohl auch dem Wissen des Abtes völlig entzogen. Er befand sich noch immer auf unsicherem Eis, das jeden Moment unter ihm einbrechen konnte.

»Gewiss geschehen sie, Tag für Tag!«, erwiderte der Subprior. »Die Schöpfung des Allmächtigen ist voller Wunder und der Gläubige der reinen Lehre ist sich ihrer zu jeder Stunde seines sündigen Lebens bewusst! Nur Heiden, Ketzer und Anhänger des Teufels, die gottlosen Mächte der Finsternis, leugnen sie und lassen nichts unversucht, um die Menschen in ihren satanischen Bann zu schlagen!«

»Davon versteht ein einfacher Fuhrmann wie ich nichts, ehrwürdiger Bruder. Solch Dinge überlasse ich studierten und geweihten Männern wie Euch, die Ihr in diesen schwierigen Fragen wohl bestens bewandert seid«, sagte Jakob demütig und hoffte den Subprior damit gnädig zu stimmen.

»Ja, und Ihr tut auch gut daran, uns die Entscheidung darüber zu überlassen, was im ewigen Kampf gegen die Saat des Bösen notwendig ist und was nicht!«, bekräftigte Bruder Tarzisius, jedoch schon milder im Ton. »Deshalb rate ich Euch dem Wunsch des Domherrn nach einer zweiten Unterredung untertänigst zu entsprechen, auch wenn unser hochwürdiger Abt Euch vom Zwang zu einer selbigen befreit hat!«

Unter keinen Umständen würde er sich freiwillig einem zweiten Verhör unterziehen, auch wenn Bruder Tarzisius es als »Unterredung« schönzureden versuchte. Schon gar nicht nach dem Mord an dem Novizen! Er würde Himmerod so schnell wie möglich den Rücken kehren und sich aus dem Staub machen. Nur durften der Subprior und der Domherr nichts davon ahnen. Sie mussten im Gegenteil den Eindruck erhalten, dass er verängstigt genug war, um sich ihnen auch freiwillig in die Hände zu begeben.

Jakob wusste jedoch, dass er nicht zu eilfertig erscheinen durfte, wenn er nicht den Argwohn des Subpriors wecken wollte. Deshalb nagte er scheinbar unentschlossen an seiner Unterlippe, um dann mit einem leicht resignierenden Unterton zu antworten: »Zwar weiß ich wirklich nicht, was sich der hochwürdige Herr davon erwartet, wo ich doch schon alles zu Protokoll gegeben habe, was ich weiß. Aber ich mag natürlich auch nicht seinen Unmut wecken, und wenn es ihm so wichtig ist.. .«Er führte den Satz nicht zu Ende.

»Ihr seid also bereit?«, vergewisserte sich der Subprior erfreut.

Jakob verzog das Gesicht zu einer hilflosen Grimasse. »Was bleibt einem einfachen Mann denn anderes übrig, wenn ein so hoher Würdenträger wie Domherr von Drolshagen auf einer zweiten Unterredung besteht?«

»Endlich habt Ihr zur rechten Einstellung gefunden, gelobt sei Jesus Christus!«

»Wäre es zu viel erbeten, diese Unterredung aber erst morgen stattfinden zu lassen?«, fragte Jakob zögerlich, als traute er sich kaum diese Bitte vorzubringen. »Mir ist nämlich schon den ganzen Tag so unwohl und die Kopfschmerzen, die mich quälen, haben es mir schon vorhin schwer gemacht mich auf die Fragen des Domherrn in rechtem Maß zu konzentrieren.«

»Macht Euch darüber keine Gedanken, Jakob Tillmann. Morgen nach dem Konventamt ist eine gute Zeit, um noch einmal in aller Gewissenhaftigkeit die Dinge zu rekapitulieren, an denen der Domherr interessiert ist«, versicherte Bruder Tarzisius beinahe beschwingt. »Schlaf und aufrichtige Einkehr der Seele werden Euch morgen erfrischt und im rechten Gottvertrauen zum Gespräch mit dem hochwürdigen Berater des kurfürstlichen Erzbischofs führen.«

Jakob nickte. »So sei es, ehrwürdiger Bruder.«

Mit einem zufriedenen Lächeln tunkte der Subprior seinen Finger in den kleinen Weihwasserkessel an der Tür, schlug das Kreuz und trat aus der Büßerzelle.

Jakob musste sich ein breites Grinsen verkneifen und schloss schnell die Tür hinter ihm. Dieser arrogante Ehrgeizling und sein feiner Domherr würden ganz schön dumm aus der Wäsche gucken, wenn sie seine Zelle morgen leer vorfanden. Schade, dass er ihre hochnäsigen Gesichter nicht.

Er hielt plötzlich in seinem Gedanken inne und blickte hinunter auf den steinernen Klotz, den er gerade wieder vor die Tür gerückt hatte. Das schabende Geräusch des Steines über den Boden hatte jäh eine Erinnerung in ihm wachgerufen.

Das merkwürdige Geräusch in Bruder Anselms Zelle, das schabende Kratzen! Es hatte genauso geklungen. Es war das Geräusch von einem Stein gewesen, der über einen anderen Stein rutschte und dabei Sandpartikel unter sich zerrieb!