Jakob überlegte nicht lange. Er musste Gewissheit haben, ob sich für den Verdacht, der sich ihm aufdrängte, ein Beweis in der Kammer fand, in der Bruder Anselm bis zu seinem Tod gelegen hatte. Deshalb zerrte er den Stein wieder zur Seite und ging aus seiner Büßerzelle.
Auf Zehenspitzen und in angespannter Wachsamkeit schlich er den Flur hinunter, der ausgestorben vor ihm lag. Er bog um die Ecke und auch hier war alles still. Niemand kreuzte seinen Weg. Unbemerkt erreichte er die Zelle, in der der alte Mönch die letzten Tage seines Lebens im Fieberdelirium verbracht hatte.
Die Tür stand offen. Schnell schlüpfte er in das dunkle Zimmer und schloss die Tür so weit, dass man vom Flur aus nicht hereinsehen konnte. Dann machte er sich auf die Suche nach der verborgenen Öffnung, die es hier irgendwo geben musste, wenn sein Verdacht richtig war.
Er wünschte, er hätte ein Licht bei sich gehabt, denn mittlerweile war das letzte Tageslicht der abendlichen Dunkelheit gewichen und in der Zelle herrschte eine ähnlich undurchdringbare Finsternis wie vorhin im Lagerhaus. Aber dann sagte er sich, dass die versteckte Öffnung auch in hellem Lichtschein kaum mit bloßem Auge zu entdecken sein würde. Und dass er die Stelle so oder so ertasten musste.
Jakob verharrte vor dem Bett und versuchte sich daran zu erinnern, aus welcher Richtung das Geräusch bei seinem Krankenbesuch gekommen war.
Hinter seinem Rücken! Und eher von oben als von unten, denn er hatte das Geräusch doch dem arbeitenden Dachgebälk zugeschrieben! Er musste also auf der dem Bett gegenüberliegenden Wand suchen, und zwar oberhalb der Mauermitte.
Als Jakob sich auf die andere Seite der Zelle begab und die Wand abtastete, stellte er plötzlich aufgeregt fest, dass sich dort in Brusthöhe eine halbrunde, bogenförmige Mauernische befand, die ihm bei seinem einzigen Besuch in dieser Kammer entgangen war. Sie mochte vielleicht drei Handbreit tief und etwas höher sein, als sein Arm lang war. Und in dieser Nische stand eine hölzerne Figur, zweifellos eine geschnitzte Madonna mit einem Sternenkranz um ihr Haupt, wie er ertastete.
Er stellte die Madonnenfigur auf den Boden und untersuchte dann die Rückwand der Nische, indem er auf jeden Stein vorsichtig Druck ausübte. Beim vierten Stein spürte er, wie er nachgab und sich nach hinten schieben ließ. Er zog sofort die Hand zurück, um den Stein nicht zu weit aus der Wand zu drücken.
Da war sie, die geheime Öffnung! Das Loch, durch das man von der Zelle des Subpriors aus in diese Kammer spähen und jedes Wort verfolgen konnte, sofern es nur laut genug gesprochen wurde!
Jetzt verstand Jakob, weshalb Bruder Tarzisius bei ihrer Ankunft befohlen hatte den fieberkranken Mönch nicht in die Infirmaria, sondern in diese Zelle zu bringen. Und nun wunderte es ihn auch nicht mehr, dass der Subprior ihn mit Bruder Anselm reden gehört hatte, obwohl der Kranke zu kaum mehr als zu einem Flüstern fähig gewesen war: Er hatte sie durch diese Maueröffnung hinter der Madonna beobachtet und sie zu belauschen versucht.
Und natürlich hatte er auch den Novizen all die Zeit beobachtet und jedes Wort aufzuschnappen versucht, was in der Krankenkammer gesprochen wurde.
Hatte Dominik deshalb sterben müssen?
War gar Bruder Tarzisius der Mörder?
Jakob fror bei dem Gedanken. Und er schwor sich, dass er schon nicht mehr im Kloster sein würde, wenn sich die weißen Mönche von Himmerod, mit dem Mörder in ihren Reihen, das nächste Mal zur Prim einfanden und ihre morgendlichen Lobgesänge anstimmten!
Dreizehntes Kapitel
Am liebsten wäre Jakob dem Abendessen ferngeblieben, denn er verspürte nicht den geringsten Appetit. Sein verkrampfter Magen fühlte sich wie ein dicker, kalter Klumpen Lehm an, der für nichts anderes mehr Platz ließ. Weil er jedoch keinen Verdacht erregen wollte, zwang er sich zu essen. Er wusste, dass sein Körper jede Stärkung bitter nötig hatte. Im tiefsten Winter bei diesem Wind und Wetter zu Fuß die Flucht zu ergreifen stellte ein enormes Risiko dar. Aber so gefährlich sein Vorhaben auch sein mochte, die Gefahr, die ihm innerhalb der Klostermauern drohte, war um ein Mehrfaches größer. Er brauchte bloß an Dominik zu denken.
Er war versucht sich heimlich einige Scheiben Brot einzustecken, entschied sich jedoch dagegen. Rutger Mundt starrte nämlich immer wieder zu ihm herüber, als wartete er nur darauf, dass er irgendetwas Verdächtiges tat. Nein, er würde sich später mit Proviant eindecken müssen.
Nach dem Essen trieb sich Jakob rastlos im Konventsgebäude herum. Voller Ungeduld wartete er darauf, dass die halbe Stunde der Rekreation verstrich, die den Mönchen am Abend vor der Kompletlesung gewährt wurde. Endlich rief die helle Glocke über dem Kreuzgang zur Komplet und Jakob schlich sich aus dem Haus.
Er lief so schnell er konnte durch die verschneite Nacht und erreichte die Kapelle, noch bevor die Glocke verklungen war. Seine Hoffnung, noch vor dem Schweden und Bruder Basilius einzutreffen, erfüllte sich. Niemand hielt sich in der Kapelle auf, in der nur das Ewige Licht brannte.
Der Leichnam des Novizen war auf zwei Böcken vor dem Altar aufgebahrt.
Wo sollte er sich verstecken? Er schaute sich hastig um - und sein Blick blieb am Beichtstuhl haften, der an der linken Seite auf halber Höhe zum Altar stand. Er atmete auf. Dort würde er vor Entdeckung sicher sein.
Kaum hatte er sich hinter den schweren Vorhang gekauert und ihn so verrückt, dass er den Altar und den toten Novizen genau im Blick hatte, als er die Tür schlagen hörte und gleich darauf Schritte vernahm.
Es war Bruder Basilius, der zur Schranke vorging, niederkniete und sich bekreuzigte und dann die Pforte des geschnitzten Lettners öffnete. Die Laterne, die er mitgebracht hatte, stellte er auf den Altar. Dann beugte er sich über den Toten. Mit Verwunderung beobachtete Jakob, dass die Aufmerksamkeit des Mönches ganz besonders den Händen des Toten galt.
Der Schwede ließ nicht lange auf sich warten. Schwere Stiefelschritte verkündeten sein Kommen. Er begab sich direkt zu Bruder Basilius, ohne am Lettner innezuhalten und sich zu bekreuzigen.
»Nun? Was sagen Euch die Wunden?«, fragte er und drehte den Kopf des Toten zur Seite, sodass er im Licht der Lampe auf dem Altar lag.
»Wie ich es befürchtet habe: Sie haben ihn gefoltert«, antwortete Bruder Basilius. »Welch ein Wahnsinn! Was glaubten sie denn von ihm erfahren zu können? Der Novize war so ahnungslos wie ein Schaf und was hätte er schon am Krankenbett aufschnappen können!«
»Sie wollten sichergehen.«
»Vermutlich. Und zum Ruhme Gottes haben sie ihm die Seele aus dem Leib gefoltert. Diese Männer, die im Namen des Kreuzes Blut fließen lassen, werden wohl nie begreifen, was Jesu Botschaft ausmacht - und vom Alten Testament unterscheidet!«, stieß der Mönch mit ohnmächtigem Zorn heraus. »Folter im Namen des Allmächtigen, was für ein Wahnwitz, was für eine Perversion des Glaubens!«
Jakob sog vor Entsetzen die Luft scharfein und presste schnell die Hand vor den Mund. Gefoltert? Und im nächsten Moment fiel ihm die Drohung des Domherrn ein: Ich besitze die Autorität Euch einer ganz anderen Art der Befragung zu unterziehen, nämlich einer peinlichen auf dem Turm! Und peinliche Befragung war nur ein anderes Wort für die Tortur unter der Folter!
»Seht Euch seine Daumen an!«, forderte der Mönch den Schweden auf. »Zu Brei zermalmt.«
»Sie haben ihm Daumenschrauben angelegt!«
»Und nicht nur das. Seht hier, Spuren von heißem Pech. Und seine Augen.«
Jakob hörte voller Grauen, welch entsetzliche Torturen und Qualen der Novize hatte erdulden müssen, bis der Tod ihn erlöst hatte. Er wollte sich die Ohren zuhalten, doch er war unfähig sich zu rühren.
»Er muss schrecklich gelitten haben, der arme Bursche«, stellte der Schwede fest. »Dem Himmel sei Dank, dass sie nicht einen wirklich erfahrenen Folterknecht zur Hand hatten.«