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Der Mönch nickte. »Der einstige Henker von Würzburg versteht eben besser mit dem Richtschwert und mit dem Brandeisen umzugehen als mit Folterwerkzeugen«, antwortete er. »Aber Rutger Mundt wird sicherlich schnell lernen, wenn es darauf ankommt und man ihm genug Zeit lässt. Und genau das müssen wir verhindern, Henrik. So schwer es mir fällt, aber wir haben keine andere Wahl.«

Der Schwede nickte und wandte sich ab. »Ich weiß, wir müssen ihnen zuvorkommen. Um jeden Preis. Aber lasst uns das nicht hier besprechen. Ich habe drüben in der Sattelkammer noch eine halbe Flasche Branntwein. Und ich denke, ein kräftiger Schluck ist jetzt mehr als angebracht!«, sagte er und stiefelte davon.

Bruder Basilius brummte so etwas wie eine Zustimmung, nahm die Lampe vom Altar und folgte ihm.

Jakob verharrte eine ganze Weile in seinem Versteck. Er brauchte Zeit, um das Gehörte zu verkraften: Die Beschreibung der grauenhaften Folter und dass Rutger Mundt einst in Würzburg das blutige Handwerk des Henkers ausgeübt hatte. Er erschauerte bei dem Gedanken, dass der Domherr bestimmt seine guten Gründe gehabt hatte einen Mann wie Rutger Mundt mit nach Himmerod zu nehmen und ihn als seinen harmlosen Kutscher auszugeben.

Er überlegte, ob er sich nicht doch Bruder Basilius und dem Schweden anvertrauen sollte, nahm von dieser Möglichkeit jedoch schnell wieder Abstand. Sie mochten nichts mit Bruder Tarzisius, Rutger Mundt und dem Domherrn gemein haben, aber das sagte noch nichts darüber aus, welcher Art ihre Interessen waren. Unzweifelhaft war nur, dass sie tief in diese mörderischen Machenschaften verstrickt waren. Und ob er bei ihnen Sicherheit finden konnte, wagte er sehr in Frage zu stellen. Nein, er tat besser daran, keinem zu vertrauen und auf eigene Faust zu handeln. Dann konnte ihn auch niemand hintergehen und verraten!

Jakob hatte vorgehabt während der Matutin aus dem Kloster zu fliehen. Nun aber beschloss er seinen Vorsatz sofort in die Tat umzusetzen. Wozu noch Stunden mit nervzehrendem Warten verbringen und dabei Gefahr laufen, dass irgendetwas geschah, was seine Flucht unmöglich machte. Je eher er Himmerod hinter sich ließ, desto besser!

Als er sich einigermaßen beruhigt hatte, schlich er sich aus der Kapelle. Die tiefen Schatten der Klostermauer und der Wirtschaftsgebäude ausnutzend, kehrte er zum Konventsgebäude zurück. Er betrat das Haus jedoch nicht durch das Portal, sondern durch die Hintertür bei den Küchenräumen, die er unverschlossen vorfand.

Lautlos huschte er durch das Gewölbe zur Feuerstelle. Er kannte sich inzwischen gut genug aus, um die geheime Vorratskammer links vom Rauchfang auch im Dunkeln zu finden. Er nahm einen kräftigen Schluck aus dem Krug mit der Buttermilch, steckte sich den halben Brotlaib unter sein Hemd und biss ein Stück vom vier Finger breiten Käse ab, bevor er auch ihn einsteckte.

Wie dankbar war Jakob jetzt für das dichte Schneetreiben, als er Augenblicke später über den Hof und zu den Stallungen lief. Dort stand ein klobiges Fuhrwerk mit hohen Seitenwänden direkt an der Mauer, das ihm als ideale Kletterhilfe dienen würde. Und er wusste, wo er ganz in der Nähe ein Seil fand, ohne eine Tür aufbrechen oder sonstwie verräterischen Krach machen zu müssen. Die zweite Umfriedung der Abtei war noch viel einfacher zu überwinden als die innere Klostermauer, wies sie unten am Ufer der Salm doch eine große Lücke auf, die wohl schon lange ihrer Ausbesserung harrte.

Unbehelligt erreichte Jakob das Fuhrwerk. Es fiel ihm auch niemand in den Arm, als er das Seil vom Haken nahm, das nur wenige Schritte entfernt unter dem Vordach hing. Er stieg auf die Ladefläche, verknotete ein Ende des Seils an einem Holm und warf es dann mit aller Kraft über die Mauer, die er mehr erahnte, als dass er sie sehen konnte. Nun stieg er auf den Kutschbock des Fuhrwerkes. Von dort aus konnte er die Mauerkrone mit seinen Händen erreichen. Er stieß sich ab und saß im nächsten Moment rittlings auf der Mauer. Ein Windstoß riss ihm seinen alten Filzhut vom Kopf. Er versuchte ihn noch festzuhalten, doch seine Hände griffen ins Leere, während der Hut davonsegelte und sofort von der Dunkelheit verschluckt wurde.

Jakob fluchte und verharrte einen Augenblick auf der Mauerkrone. Ach, zum Teufel mit dem alten Ding! Hauptsache, er rettete seinen Kopf. Er packte das Seil und prüfte, ob der Knoten auch festsaß. Dann ließ er sich hastig an der Außenseite in die Tiefe hinab.

»Gott sei Dank!«, stieß er leise hervor, als er festen Boden unter den Füßen spürte. Die schwierigste und gefährlichste Hürde hatte er überwunden. Er ließ das Seil los und ging vorsichtig in das Schneetreiben hinein. So ähnlich musste es sein, wenn man nahezu blind war. Er stolperte mehrmals und wäre einmal fast gestürzt. Endlich tauchte vor ihm die zweite Umfriedung der Abtei auf. Jetzt brauchte er bloß noch vorsichtig in Richtung Flussufer zu gehen, um zur Lücke im Mauerwerk zu gelangen.

Wenige Minuten später erreichte er den eingestürzten Teil der Umfassung. Er tastete sich vor. Gerade hatte er seine Hand auf das lockere Gestein am Rand des gut anderthalb Schritt breiten Einschnitts gelegt und wollte über den kniehohen Berg aus Trümmern und Schnee klettern, als schräg von hinten ein Schatten wie ein riesiger Nachtvogel auf ihn zusprang.

Eine Hand krallte sich in sein Haar und riss seinen Kopf zurück, während sich fast im selben Moment kalter Stahl auf seine Kehle legte und eine hämische Stimme fragte: »Sucht Ihr vielleicht Euren Eselskarren, Fuhrmann? Oder steht Euch der Sinn nach einer ungewöhnlichen Nachtwanderung?«

Jakob schrie zu Tode erschrocken auf und erstarrte. Rutger Mundt, der Henker von Würzburg! Der Gefolgsmann des Domherrn hatte ihm aufgelauert und ihm nun eine Klinge an die Kehle gesetzt. Derselbe Mann, der den Novizen zu Tode gefoltert hatte!

»Ihr habt wohl geglaubt, wir wären mit Dummheit geschlagene Tölpel und würden Eurer Zusage, dem Domherrn noch einmal bereitwillig Rede und Antwort stehen zu wollen, Glauben schenken, nicht wahr?«, höhnte der Henker. »Ich hoffe, Ihr seid nun nicht zu enttäuscht, dass wir Eure Einfalt nicht teilen!«

»Lasst mich laufen!«, stieß Jakob flehentlich hervor. »Ich kann Eurem Herrn bei dem, was er zu erfahren wünscht, nicht helfen. Ihr müsst mir glauben. Ich weiß wirklich nichts! Das ist die Wahrheit, ich schwöre es!«

»Die Wahrheit? Das werden wir ja sehen und hören, Fuhrmann! Und Ihr könnt sicher sein, dass wir die Wahrheit aus Euch herausholen werden - so wie man eine Nuss knackt, wenn man an den Kern will!«

»Man sollte nicht schon mit dem Kauen beginnen, wenn das Essen noch nicht einmal aufgesetzt ist!«, rief da eine sarkastische Stimme hinter ihnen.

Ein freudiger Schock durchfuhr Jakob. Der Schwede!

»Und jetzt lasst den Burschen los, Blutscherge. Wenn Ihr einen Fuhrmann braucht, sucht Euch einen anderen. Dieser da steht schon in unseren Diensten!«, erklärte der Schwede mit aufreizendem Spott, begleitet vom scharfen, metallischen Klang einer aus der Scheide fahrenden Klinge.

Jakob spürte förmlich, wie überrascht und verstört der Henker über das plötzliche Auftauchen des Schweden war. Die Klinge löste sich von seiner Kehle.

Jetzt oder nie!, fuhr es Jakob durch den Kopf und im selben Moment wurde er sich des lockeren Ziegelsteines bewusst, auf dem seine Hand noch immer ruhte. Er handelte, ohne lange zu überlegen. Blitzschnell und mit aller Kraft, zu der er fähig war, hob er den Stein an, riss ihn nach hinten und schlug damit nach Rutger Mundt. Er hatte Glück. Der Ziegelstein traf den Schergen des Domherrn irgendwo zwischen Schienbein und Oberschenkel.

Der Henker schrie gellend auf und ließ im Augenblick des Schmerzes Jakobs Haarschopf los. Dieser sprang geistesgegenwärtig zur Seite. Das Messer schnitt durch die Luft, durchtrennte seine Kleidung und fuhr oben an der Schulter tief in seinen rechten Oberarm.

Jakob achtete nicht auf den scharfen Schmerz, der durch Arm und Schulter schoss. Sein einziger Gedanke galt in diesem Moment seiner Flucht. Die Freiheit war zum Greifen nahe. Ein paar Schritte und er war dem Henker entkommen. Jenseits der Mauer war er sicher. Dort würde ihn das nächtliche Schneetreiben vor seinen Verfolgern schützen.