Выбрать главу

Er stürzte nach vorn, stolperte über die Trümmer des eingestürzten Mauerwerkes, sprang durch die Öffnung, stolperte und stürzte kopfüber in den Schnee. Er rappelte sich auf und lief los. Hinter sich vernahm er den harten Aufprall von Stahl auf Stahl. Er hörte den Schweden etwas rufen, doch die Worte erreichten ihn nicht wirklich. Die Angst trieb ihn weiter. Und sooft er auch stolperte und stürzte, er kam immer wieder sofort auf die Beine. Er rannte und rannte, bis er nicht mehr konnte und erschöpft unter einem Baum in den Schnee sank. Angestrengt und mit angsterfülltem Herzen lauschte er in die Nacht.

Nicht ein Laut drang an sein Ohr.

Er war entkommen!

Jakob liefen Tränen der Erlösung über das schweißnasse Gesicht. Er lachte und weinte zugleich. Dann wurde er sich zum ersten Mal der Schmerzen in seinem Oberarm bewusst. Es war ein heißes, schmerzhaftes Pochen. Aber er machte sich darüber keine Sorgen. Immerhin konnte er den Arm bewegen und die Hand zur Faust ballen, wenn auch unter Schmerzen. Die Wunde würde bald verheilen. Er hatte schon ganz andere Verletzungen überlebt. Und er wollte nicht undankbar sein und für eine Nacht gleich mehrere Wunder verlangen. Dass er dem skrupellosen Domherrn und seinem Henker Mundt entkommen war, dank des Schweden, genügte völlig.

Zumindest vorerst.

Denn Jakob traf nun die ernüchternde Erkenntnis, dass sie wohl bei Tagesanbruch unverzüglich die Verfolgung aufnehmen und nichts unversucht lassen würden, um ihn aufzuspüren und in ihre Gewalt zu bringen. Damit sie ihn ein zweites Mal verhören konnten - diesmal jedoch unter der Folter! Seine Flucht war also noch weit davon entfernt, ein glückliches Ende gefunden zu haben. Sie hatte vielmehr gerade erst begonnen!

ZWEITES BUCH

AUF DEM TURM UND ÜBERS LAND 

Vierzehntes Kapitel

Elf quälend lange Tage und elf zermürbende Nächte dauerte Jakobs Flucht durch die verschneite Eifel. Angst war sein ständiger Begleiter und das Licht des Tages sein größter Feind.

Jakob machte sich keine Illusionen. Ein Mann wie Domherr von Drolshagen verfügte über genug Macht und finanzielle Mittel, um ihn von einer ganzen Meute skrupelloser Schergen jagen zu lassen. Sicherlich würde der Henker Mundt die Männer anführen und sie mit einer guten Beschreibung seiner Person versehen haben. Und ein junger Bursche wie er, der sich schon durch seine Aussprache als Fremder verriet, nicht einmal über ein Pferd verfügte und im tiefsten Winter in großer Hast über die Straßen zog, fiel in jedem Dorf, jedem Gasthaus und auf jedem Bauernhof auf. Wer immer ihm begeg-nete oder ihn gar ein Stück Weges mit seinem Fuhrwerk mitnahm, würde nicht die geringsten Schwierigkeiten haben sich seiner zu entsinnen und seinen Verfolgern Auskunft zu geben, in welche Richtung er sich gewandt hatte. Sie würden ihn wie bei einer Treibjagd im Handumdrehen aufspüren und einkesseln.

Schon gleich noch in der Nacht seiner Flucht aus Himmerod kam Jakob zu der Einsicht, dass er nur nachts marschieren durfte, wenn er eine Chance haben wollte seinen Verfolgern zu entkommen. Tagsüber musste er sich so gut versteckt halten, dass nicht einmal die Einheimischen von seiner Gegenwart in ihrem Sprengel eine Ahnung hatten. Lautlos und unbemerkt wie ein Schatten bei Nacht musste er durch ihr Land ziehen.

Der Vorsatz war zwar leicht gefasst, aber seine konsequente Ausführung erwies sich mit jedem Tag und jeder Nacht als Tortur für Geist und Körper. Die erste Nacht war die einfachste. Trotz des Schneetreibens verließ ihn die Angst, von Mundt eingeholt zu werden und wie der Novize Dominik zu enden, nicht für eine Minute. Sie mobilisierte in ihm ungeahnte Kräfte und ermöglichte es ihm, sich Stunde um Stunde durch tief verschneite Wälder zu kämpfen und sich nur kurze Atempausen zu gönnen. Die Wunde am Oberarm behinderte ihn dabei kaum. Er verband sie notdürftig mit zwei Stoffstreifen, die er vom Saum seines Hemdes abriss, und vertraute auf sein gutes Heilfleisch.

Als der neue Tag sich ankündigte, hielt Jakob nach einem geeigneten Versteck Ausschau. Er befand sich in einem Wald, ohne genau zu wissen, wie weit und in welcher Himmelsrichtung er sich überhaupt in den Nachtstunden von der Abtei entfernt hatte. Er konnte nicht einmal ausschließen, dass er im Kreis gelaufen war, hatte ihm das Schneetreiben doch jegliche Möglichkeit der Orientierung an Hand der Sterne verwehrt.

Das bewaldete Gelände war bergig und von zahlreichen tiefen Schluchten durchzogen. Jakob hoffte eine Höhle oder doch wenigstens einen Überhang zu finden, unter dem er Schutz finden und sich verstecken konnte. Doch seine Hoffnung erfüllte sich nicht. Ihm blieb deshalb nichts anderes übrig als sich ein provisorisches Versteck zu bauen. Er entschied sich für einen umgestürzten Baum an der Kante eines Abhangs, der noch nicht lange dort liegen konnte und dessen schneegebeugte Äste ihm die Arbeit etwas leichter machten. Er trug Stöcke und Zweige zusammen, steckte sie zwischen die herabhängenden Äste und benutzte am Schluss einen abgebrochenen Ast, um in einem Umkreis von zwanzig Schritten seine Spuren zu verwischen. Er konnte von Glück reden, dass es noch immer fest schneite. Damit wuchs die Wahrscheinlichkeit, dass seine Fährte längst unter einer Decke Neuschnee begraben lag, wenn Mundt und seine Gesellen den Weg kreuzten, den er genommen hatte.

Jakob kroch unter das Dach aus Ästen und schaufelte den Schnee am Boden mit den Händen zur Seite. So entstand eine fast knietiefe Kuhle, in die er sich hineinhockte. Nun begann das Warten - und das Zittern vor Kälte und Angst. Er fürchtete jeden Moment laute Stimmen zu hören, die sich seinem Versteck von allen Seiten näherten.

Er wusste, dass er unendlich viel Zeit und absolut nichts zu tun hatte, bis auf die Morgendämmerung wieder die Dunkelheit der neuen Nacht folgte und er seine Flucht fortsetzen konnte. Deshalb zwang er sich von dem Brot und Käse jeweils nur ganz kleine Stückchen abzubrechen, die kaum größer als eine Murmel waren, und so langsam wie möglich zu essen. Seinen Durst löschte er mit Schnee, den er in kleinen Portionen auf der Zunge zergehen ließ. Aber sosehr er das Essen auch hinauszögerte, es war doch noch immer erst früher Morgen, als er ein Viertel von beidem gegessen und den Rest wieder unter sein Hemd gesteckt hatte.

So lange er konnte, kämpfte er gegen die Müdigkeit an. Er wusste, dass er in dieser Kälte Gefahr lief nicht wieder aufzuwachen und zu erfrieren, wenn ihn der Schlaf übermannte. Und diese Angst hielt ihn bis in den Mittag hinein wach. Dann verlor der Wille den Kampf gegen seinen erschöpften Körper, der nach Schlaf gierte. Die Lider wurden ihm schwer wie Blei. Schließlich vermochte er die Augen nicht länger offen zu halten und er sank in den Schnee.

Vermutlich wäre er irgendwann in den Nachmittagsstunden erfroren, wenn er sich im Schlaf nicht auf die rechte Seite gedreht hätte und dabei mit der Wunde gegen einen der Äste gestoßen wäre. Der feurige Schmerz, der durch seinen Körper raste und ihn jäh aus dem Schlaf riss, rettete ihm das Leben.

Stöhnend kam Jakob zu sich und glaubte von Kopf bis Fuß aus Eis zu sein. Er konnte sich die ersten Minuten kaum bewegen, so steif war er. Zitternd wie Espenlaub, kam er in seinem primitiven Unterstand schließlich auf die Knie. Schnee rieselte ihm in den Nacken, als er mit dem Kopf gegen das Ästedach stieß. Er rieb seine eiskalten Hände und versuchte ihnen mit seinem Atem Wärme einzuhauchen. Was hätte er jetzt für ein Feuer und einen heißen Trunk gegeben!

Es dauerte eine ganze Weile, bis ihm bewusst wurde, dass es inzwischen Abend geworden war. Nur noch ein schwacher Rest Tageslicht fand seinen Weg zwischen den wie weiß gepuderten und mit Hauben versehenen Baumkronen hinunter auf den Waldboden, wo die Schatten schon überall vorrückten. In spätestens einer halben Stunde würde es dunkel sein.