Выбрать главу

Vorsichtig kroch Jakob aus seinem Versteck am Berghang. Es hatte zu schneien aufgehört. Die Luft war klar und kalt und unbewegt. Der Himmel lag jedoch noch immer unter einer dichten Wolkendecke. Nicht ein Stern war zu sehen.

Er bewegte seine steifen Glieder im Schutz des Baumes und wartete, bis es ganz dunkel geworden war. Dann setzte er seine Flucht fort. Anhand der vermoosten Seite der Bäume versuchte er notdürftig auszumachen, wo Norden lag. Da er kein Licht bei sich hatte, war er dabei auf seinen Tastsinn und häufig auf reine Vermutung angewiesen.

Er hatte in Himmerod gesagt, er käme aus dem Rheinischen. Seine Verfolger konnten nicht wissen, dass dies nicht der Wahrheit entsprach, und würden daher davon ausgehen, dass er sich nach Norden wenden und versuchen würde heimatliche Gefilde zu erreichen, wo er besser Hilfe und Unterschlupf finden konnte als in der Fremde. Diese Richtung galt es also zu meiden, so wie er auch nicht nach Süden marschieren durfte. Denn dort lag die Mosel, und je näher er dem Fluss kam, desto dichter besiedelt war das Land - und damit wuchs die Gefahr jemandem aufzufallen und an die Spürhunde des Domherrn verraten zu werden. Im Osten lag der Rhein mit ebenso vielen Ortschaften, weshalb diese Richtung gleichfalls nicht in Frage kam. Er musste es also im Westen versuchen. Vielleicht gelang es ihm sich bis ins Luxemburgische durchzuschlagen. Und ob ihm das schmeckte oder nicht, ihm blieb gar keine andere Wahl.

Der zweite nächtliche Marsch zehrte stärker an seinen Kräften als der erste. Müde und hungrig schleppte er sich dahin. Da der Schneefall aufgehört hatte, wagte er es nicht mehr große freie Flächen zu überqueren. Denn im Tageslicht würde man von der Kuppe eines Hügels oder aus dem Sattel eines Pferdes schon von weitem seine Spuren auf den eingeschneiten Weiden und Feldern ausmachen können. Deshalb musste er oft im Zickzack gehen, um von einem Wald in den anderen zu gelangen sowie Gehöfte und Dörfer zu umgehen.

Um schneller voranzukommen, blieb er eine Zeitlang sogar auf der Landstraße, wo man seine Spuren nicht von anderen unterscheiden konnte. Sowie er jedoch schon von weitem einen Hof ausmachen konnte, verließ er die Landstraße und suchte wieder Zuflucht im Wald, so groß die Verlockung auch war sich irgendwo in einen Schuppen oder gar eine Scheune zu schleichen und einen warmen Schlafplatz im Stroh zu finden.

Das Glück war ihm gegen Mitte der zweiten Nacht hold, stieß er doch auf einer Waldlichtung auf die verlassene Hütte eines Köhlers. Es war eine schmutzige, schäbige Behausung, doch Jakob erschien sie in seiner Situation wie ein Geschenk des Himmels. Und er war ganz außer sich vor Glück, als er mehrere Holzscheite, eine Hand voll Kienspäne und trockenes Laub neben der Feuerstelle fand. Es dauerte lange, bis seine steifen Hände geschickt genug waren, um mit Feuerstein und Lunte ein Feuer zu entfachen. Doch als dann die winzige Flamme die Kienspäne in Brand setzte und das Feuer hell auflodern ließ, sodass er drei Holzscheite auflegen konnte, da fiel für eine kurze Zeit alles ab, was ihn gequält hatte. Angst und Erschöpfung waren angesichts des herrlich wärmenden Feuers für eine Weile vergessen. Er wärmte sich auf und trug dann genug Holz zusammen, um das Feuer für den größten Teil der Nacht unterhalten zu können. Seinem Körperwärme und Erholung zu gönnen war wichtiger als noch ein paar Meilen weiterzukommen. Es erschien ihm zudem unwahrscheinlich, dass sie ihm so nahe auf den Fersen waren, um den Rauch riechen oder den gelegentlichen Funkenflug aus dem Kamin aufsteigen sehen zu können. Und falls sie doch schon in der Nähe waren, dann war er auch ohne das Feuer in der Hütte des Köhlers verloren. Denn sie würden kaum daran vorbeiziehen, ohne sich zu vergewissern, dass er sich nicht darin versteckt hielt.

Jakob streckte sich auf einem Bett aus Zweigen vor dem Feuer aus. Alle halbe Stunde legte er etwas Brennholz nach. Als der Morgen graute, löschte er das Feuer und legte sich zum Schlafen in die warme Asche.

So nervzehrend das untätige Warten auch war, in der Hütte ließ sich der Tag natürlich zehnmal besser ertragen als in einer eisigen Schneekuhle mit ein paar schneebedeckten Zweigen über dem Kopf. Aber auch hier setzte ihm die Kälte bald wieder zu. Er vermochte sich jedoch wenigstens einigermaßen warm zu halten, indem er in der rußgeschwärzten Behausung auf und ab ging. Zu seiner Freude begann es am Nachmittag wieder zu schneien. Er nahm es als ein gutes Zeichen und fasste neue Hoffnung. Noch ein, zwei Nächte strammen Marschierens und er musste in Sicherheit sein.

Jakob täuschte sich.

Zwei Tage später entkam er Rutger Mundt nur um Haaresbreite.

Er hatte in einem schmalen, bewaldeten Tal eine Höhle gefunden und dort die Tagesstunden verbracht, hungernd und frierend. Schließlich hatte er es nicht länger in der eisigen Höhle ausgehalten und war früher als sonst aufgebrochen. Er musste sich einfach bewegen und sehen, ob er sich irgendwo etwas zu essen besorgen konnte. Schon seit zwei Tagen lebte er nur von Baumborke und Schnee. Der Hunger machte ihn nun schier verrückt.

Als er den Hang hinunterstieg und zum Waldsaum gelangte, sah er Mundt und zwei Begleiter, alle zu Pferd und keine fünfzig Schritte von ihm entfernt. Und es war ganz unverkennbar der grobschlächtige Klotz von einem Henker, der dort mit einem Bauern oder Hofknecht redete! In der Nähe musste es einen Hof geben und dort würde man zweifellos von der Höhle Kenntnis haben.

In panischem Schrecken wandte Jakob sich ab und rannte parallel zur Landstraße durch den Wald. Er hatte viele Meilen zwischen sich und seinen Verfolgern geglaubt und nun wäre er dem Henker fast in die Arme gelaufen! Die Erkenntnis, dass Mundt ihm trotz aller Strapazen so dicht im Nacken saß wie in der ersten Stunde seiner Flucht, traf ihn wie ein Schlag und raubte ihm für einen Moment all seine Hoffnung.

Hinter einer scharfen Biegung der Landstraße wechselte Jakob die Straßenseite und setzte seine Flucht in dem gegenüberliegenden Waldstück fort, das bergauf führte. Zu Pferd würde man ihm auf diesem Weg nicht folgen können! Dieser Gedanke spornte ihn an und trieb ihn immer wieder hoch, wenn er ausrutschte, stolperte und in den Schnee stürzte. Zweige peitschten sein Gesicht und sein rechter Oberarm meldete sich wieder mit einem scharfen, heißen Stechen. Doch er gab nichts darauf, ging es doch um sein Leben. Denn noch war die Nacht, sein einziger Freund, nicht angebrochen. Und so hetzte er weiter.

Die Angst ließ etwas nach, als die Dunkelheit endlich das letzte Tageslicht vertrieben hatte und wie ein schwarzes Tuch über dem Land lag. Er gönnte sich aber keine Ruhepause, sondern stapfte weiter.

In dieser Nacht brach er auf einem großen Teich ein, als er ihn überquerte, ohne zu ahnen, was sich unter seinen Stiefeln befand. Er geriet mit dem linken Fuß in ein Loch, das jemand wohl zum Fischen in die massive Eisdecke geschlagen hatte und das danach nur dünn mit einer neuen Schicht überfroren war.

Bis zur Hüfte brach er ein. Das eiskalte Wasser raubte ihm im ersten Moment den Atem. Zu allem Übel zerrte er sich dabei auch noch einen Muskel, sodass er nur unter Schmerzen weiterlaufen konnte. Er biss jedoch die Zähne zusammen und kämpfte erfolgreich gegen die Versuchung an für diese Nacht aufzugeben und sich irgendwo zu verkriechen. Allein Bewegung hielt ihn in der Kälte warm. Wenn er jetzt dem Drang seines geschundenen Körpers nach Ruhe nachgab, kam er vielleicht nicht wieder auf die Beine und holte sich den Tod.

Etwa zwei, drei Stunden später stieß er auf einen großen Bauernhof am Rande eines Dorfes. Er schlich sich näher und hörte schon von weitem zwei Hunde kläffen. Aus dem Dorf antworteten ihnen mehrere Artgenossen mit teils wütendem, teils kläglichem Gebell. Das konnte ihm nur recht sein. Denn diese Hunde taugten nichts als Wachhunde und würden ihn nicht ihrem Herrn verraten!