»Dann gehört Ihr zu den großen Ausnahmen, denn die meisten verstehen es nicht und wenden sich von Gott ab, obwohl sie eigentlich die Menschen meinen, die das Kreuz und Gottes Namen seit Jahrhunderten schänden«, sagte Bruder Basilius. »Nehmt doch nur das Vaterunser. Es ist der größte Märtyrer auf Erden. Denn jedermann zerplappert und zerklappert es, plagt und missbraucht es und nur die wenigsten ehren es durch wahrhaft andächtigen Gebrauch. Wer meint es denn schon ehrlich, wenn er beim Vaterunsergebet spricht: >Dein Reich komme, dein Wille geschehe<. In Wirklichkeit wollen wir das doch gar nicht, sondern wir wollen unser Reich und dass unser Wille geschehe. Ist es nicht so, Jakob?«
»Mhm«, machte Jakob widerwillig, denn wenn er ehrlich vor sich selbst war, musste er Bruder Basilius darin zustimmen.
»Wenn wir alle Wörter aus unserem Sprachschatz verbannen«, fuhr der Mönch ruhig fort, »die im Laufe der Geschichte auf das Schändlichste missbraucht worden sind, dann wären wir zum hilflosen Stammeln verurteilt und dürften nie mehr Worte wie Liebe, Freiheit, Gott, Kreuz oder Jesus Christus in den Mund nehmen, ja dann müssten wir eigentlich vor Scham und Schuld auf ewig verstummen. Besonders Gottes Name ist besudelt worden wie kein anderes Wort der Menschheit. Es ist zerfetzt, in den Dreck getreten, geschändet und in Ströme von Blut getaucht worden. Und es trägt alle Last und Schuld der Menschheit. Aber wir haben nur diese eine Sprache und so müssen wir immer wieder aufs Neue versuchen diese geschändeten Worte aus dem Kerker ihrer Vergewaltiger zu befreien und sie mit dem Leben zu erfüllen, das ihrem wahren Wesen entspricht.«
»In vielem mögt Ihr Recht haben«, räumte Jakob nachdenklich und widerstrebend ein. »Aber Tatsache bleibt dennoch, dass das Böse in der Welt existiert - und dass Gott es zulässt, obwohl es doch in seiner Allmacht stände das Böse in seiner Schöpfung erst gar nicht zuzulassen!«
»Das will ich nicht bestreiten, Jakob«, gab Bruder Basilius zu. »Aber beides, das Böse und das Gute, ergibt sich aus der Macht, die Gott uns Menschen zugeteilt hat und die sich dadurch als wahre Gottesmacht erweist, dass es in unserem Vermögen liegt uns wider Gott zu erheben.«
Jakob furchte die Stirn.
»Ich weiß, es ist schwer zu verstehen. Aber vergesst nicht, dass die Extreme sich berühren und letztlich eine Einheit bilden. Unsere Welt ist nicht das Paradies von Adam und Eva, sondern eine Welt voller Gegenkräfte: Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Ordnung und Chaos, Hitze und Kälte, Nähe und Distanz, Regen und Sonnenschein, Lust und Leid, Verstand und Gefühl, Leben und Tod.« Er machte eine kurze Pause. »Wie es schon in der Bibel bei Jesus Si-rach heißt: >Alles ist zweifach, eins steht immer dem anderen gegenüber^ Ohne das eine ist das andere nicht zu haben. Und so verhält es sich auch mit dem härtesten aller Widersprüche: Jesus am Kreuz ist die erbärmlichste Gestalt und doch ist er der ewige Gottessohn, der durch sein Leiden und seine Auferstehung zusammenhält, was sonst jeglichen Sinnes beraubt wäre - nämlich unser Leben und unseren Tod. Und der Tod ist nicht das Ende, sondern die Zukunft, die uns alle erwartet.«
»Jesu Auferstehung - das ist das, was ich am allerwenigsten verstehen kann«, gestand Jakob.
»Keine Sorge, Ihr findet Euch in bester und zahlreicher Gesellschaft. Gott ist nun mal größer als die Gesetze der Natur und unvergleichlich größer als das, was unser begrenzter Verstand erfassen kann. Gottes Gegenwart ist wie das Meer, in dem ich schwimme, ohne ihn fassen und für mich vereinnahmen zu können. Und was die Auferstehung betrifft, die wir mit unserem Verstand nicht begreifen können, auch wenn wir uns noch so sehr darum bemühen, so gibt es dazu nur eine einzige Entsprechung - und das ist die Schöpfung der Welt aus dem Nichts. Beides übersteigt das Vermögen unseres Verstandes und daran wird sich auch in hundert oder gar tausend Jahren nichts ändern.«
»Quirin Schlehenbusch, der mich aufgezogen hat und ein Wissenschaftler und Alchimist war, hat aber behauptet, dass die Wissenschaft eines Tages alles wird erklären können!«, widersprach Jakob.
»Nichts gegen die Wissenschaft«, erwiderte Bruder Basilius überaus gelassen. »Natur mag wissenschaftlich erforschbar und erklärbar sein. Aber Schöpfung ist nicht gleich Natur! Wie kann die Wissenschaft ernsthaft behaupten, sie beschreibe die Welt so, wie sie sei?«
»Und was tut sie Eurer Ansicht nach?«
»Ihr durchaus legitimes Handwerk!«, betonte er. »Was sie untersucht und beschreibt, ist in Wirklichkeit aber nur ein kleiner, eng begrenzter Teil der Welt. Nehmt beispielsweise das Schauspiel eines prächtigen Sonnenaufgangs oder die Stimmung einer Abenddämmerung am Fluss, denkt an die Gerüche einer sommerlichen Blumenwiese, an den Gesang von Vögeln, das Plätschern eines Baches, das Toben eines Wintersturms, die stumme Zwiesprache von zwei Liebenden, die nur Blicke tauschen, die zärtliche Berührung - all das sowie unzählige andere Eindrücke, Gefühle, Stimmungen und Erlebnisse gehören ebenfalls zur Wirklichkeit. Es gibt nämlich auch noch diese nicht fassbare und nicht wissenschaftlich beweisbare Wirklichkeit, die spirituelle Dimension, die den Hintergrund der greifbaren Natur ausmacht. Er mag nicht fassbar und wissenschaftlich nicht beweisbar sein, doch er ist spürbar, erfahrbar und mit dem Herzen wahrnehmbar, wie wir alle aus tausendfacher Erfahrung wissen.«
»Ich muss zugeben, da ist etwas dran«, räumte Jakob ein und musste unwillkürlich an Marga denken.
»Wenn die Wirklichkeit ein Meer ist, dann ist das, was die Wissenschaft beschreiben und erklären kann, so etwas wie die Wellen an der Oberfläche und vielleicht die bekannten Küsten sowie einiges, was in diesem Meer lebt. Aber das Ganze, das sich erst durch die im Menschen vollzogene Verschmelzung von fassbarer und nicht fassbarer Wirklichkeit ergibt, das entzieht sich ihr. So wie unser Verstand auch nicht Gott begreifen kann - oder das Wunder der Liebe, deren Quelle er ist. Wer sagt, er sei im Besitz der Wahrheit, der lügt, egal, wer er auch sein mag.«
»Das trifft dann aber auch auf Euch und jeden anderen Mann der Kirche zu«, sagte Jakob.
»Natürlich!«, pflichtete ihm der Mönch bei. »Wir alle können die Wahrheit immer nur suchen, werden sie aber nie besitzen, so wie man einen Stein in der Hand hält oder ein Pferd am Zügel führt. Denn wüssten wir die Wahrheit, dann wären wir nicht mehr Suchende, sondern schon eins mit Gott. Zudem ist die Wahrheit kein starrer Lehrsatz, sondern etwas Lebendiges und zur Wahrheitssuche gehört immer auch eine große Portion Skepsis und Selbstzweifel.«
»Auch Zweifel am Glauben?«, fragte Jakob.
»Ja, auch der Glaube ist kein sicherer Besitz, sondern immer ein Leben zwischen Geborgenheit und Verbannung.
Die Nacht der Zweifel gehört dazu und niemand ist davor gefeit. Auch die großen Heiligen der Kirche sind nicht davon verschont geblieben«, sagte Bruder Basilius. »Wir dürfen nie vergessen, dass alle Worte und Bilder, die wir uns von Gott machen, nichts weiter sind als armselige Krücken. Wir tasten uns in diesem gewaltigen Geheimnis, das wir Gott nennen, wie die Blinden voran und versuchen diese göttliche unermessliche Welt anhand dessen zu beschreiben, was wir mit dem Blindenstock unseres Verstandes erkannt zu haben meinen.«
»Mancher Blindenstock liegt allerdings in einer sehr groben Hand und ist eher ein Knüppel, der mehr zerschlägt als ertastet!«, bemerkte Jakob sarkastisch.
»Richtig«, sagte der Mönch mit leisem Lachen. »Aber in einer empfindsamen Hand kann der Blindenstock, sofern er sich auch vom Herzen und vom innersten Wesen des Menschen leiten lässt, Ahnung von wunderbaren Geheimnissen geben.«
Jakob gähnte. »Ich glaube, ich kehre jetzt erst einmal zu den Geheimnissen des Schlafes zurück«, sagte er in Ermangelung einer Antwort, die seine innere Zerrissenheit passend zum Ausdruck gebracht hätte.