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Auch der Mönch rollte sich neben ihm nun wieder in seine Decke ein. »Bevor Ihr einschlaft, will ich Euch noch eine kurze Geschichte erzählen, die mir ein Rabbi, ein jüdischer Gelehrter, in Jerusalem erzählt hat, als wir einmal über Gott und das Böse in der Welt diskutierten.«

»Ihr habt mit Juden gesprochen?«, wunderte sich Jakob.

»Das Eigene lieben heißt nicht das andere hassen«, erwiderte Bruder Basilius. »Ein Christ spricht mit jedem und erst wer mit anderen Religionen vertraut ist und ihnen Toleranz schenkt, kann ein tiefes Verständnis für den eigenen Glauben finden.«

»Und was ist das für eine Geschichte, die Euch dieser Rabbi im Heiligen Land erzählt hat?«

»Es war nach einem blutigen Pogrom, einer Verfolgung, bei der viele Juden wegen ihres Glaubens hingeschlachtet worden waren. Verbittert darüber, dass Gott sein auserwähltes Volk Jahrhundert um Jahrhundert schutzlos seinen grausamen Feinden ausgesetzt hat und dem Bösen auf dieser Welt völlig freie Hand ließ, saßen die gelehrten Rabbis eines Tages über Gott zu Gericht. Die Versammlung machte es sich wahrlich nicht leicht mit ihrem Tribunal. Wochenlang debattierten sie, wogen immer wieder die Anklagepunkte gegen die Einlassungen der Verteidigung ab. Schließlich fällten sie jedoch einstimmig das Urteil >Schuldig!< Doch kaum hatten sie die Verurteilung ausgesprochen, als der Rabbi, der die Anklage vorgebracht hatte, auf den Sonnenstand blickte und sagte: >Es ist Zeit für das Gebet.< Und da beugten Gottes unbarmherzige Richter ihre Häupter und beteten.«

Jakob lächelte unwillkürlich.

»Schlaft gut, Jakob.«

»Ihr auch, Bruder Basilius.«

In der Luft lag der Geruch von warmer Asche und schwelendem Holz. Jakob war müde, lag jedoch noch eine ganze Weile wach und blickte zum Himmel hoch, wo die Wolkendecke aufgerissen war und ein großes, wild gezacktes Loch klaffte, in dem aus kosmischer Ferne ein einsamer Stern blinkte.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Henrik kauerte über der Feuerstelle und stocherte in der Glut, während Bruder Basilius schon neues Brennholz zusammentrug, als Jakob beim ersten Licht des Tages erwachte. Sein Atem dampfte in der kalten Morgenluft. Dankbar wärmte er seine steifen Glieder vor dem Feuer, das Henrik im Handumdrehen entfacht hatte.

»Dass wir schon in kaum mehr als einer Woche Ostern haben, also davon merkt man nachts noch nicht viel«, seufzte Jakob, während er seine Hände über den Flammen rieb und von einem Fuß auf den anderen trat.

»Auch aus einem Funken kann ein großes Feuer werden«, antwortete Henrik mit der ihm eigenen Abgeklärtheit und warf ihm einen Kanten Brot zu. »Der Sommer kommt bestimmt. Und wir werden über seine Hitze so sehr stöhnen, wie wir uns über die Kälte des Winters beklagt haben.«

»Ihr versteht es wirklich einen aufzumuntern«, spottete Jakob und biss ins Brot.

»Erst auf langen Wegen und engstem Raum erkennt man eben, wer einem als Freund aufrichtig gesonnen«, erwiderte der Schwede mit einem kaum merklichen Schmunzeln.

Sie hatten an diesem Morgen einen langen, anstrengenden Marsch vor sich, wenn sie um die Mittagsstunde auf dem Wirtschaftshof Winterbach eintreffen wollten. Deshalb hielten sie sich nicht länger als unbedingt notwendig auf. Sowie sie sich gestärkt und aufgewärmt hatten, drängte Bruder Basilius zum Aufbruch. Sie löschten das Feuer, scharrten Erde über die Asche und verbargen ihre Lagerstelle unter Ästen. Dann schulterten sie ihr Bündel und marschierten los.

Mit dem Aufstieg der Sonne verlor der Morgen seine bissige Kälte. Die Luft erwärmte sich spürbar und das flotte Marschtempo, das Bruder Basilius vorlegte, trug das Seinige dazu bei, dass ihr Blut ordentlich in Wallung geriet.

»Wie schön der Weg und wie leicht die Füße!«, frotzelte Henrik, als Jakob schnell ins Schwitzen geriet. »Flöge ich doch mit der Morgenröte!«

Jakob lachte. Er fühlte sich in Gesellschaft des Schweden und des Mönches relativ sicher und war auch guten Mutes, schaute sich aber auf jeder Hügelkuppe und jedem Waldhang dennoch immer wieder um, ob hinter ihnen nicht vielleicht doch schon ihre Verfolger aufgetaucht waren. Die Angst vor dem Domherrn und dem Henker Mundt saß einfach zu tief in ihm. Aber wenn sie erst einmal beritten und somit nicht mehr so schnell einzuholen waren, würde dieses dumpfe Gefühl der Beklemmung bestimmt bald von ihm weichen.

Wie Bruder Basilius es vorausgesagt hatte, erreichten sie den Himmeroder Wirtschaftshof Winterbach, als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte. Sie waren erhitzt und müde, aber doch froher Stimmung. Denn von hier an sollte ja alles leichter für sie werden.

Die Enttäuschung hätte bei Jakob daher nicht größer sein können, als sie hörten, dass Clemens Struphaver, der Hofmeister, ausgerechnet an diesem Tag nach Bitburg geritten war, um eine geringfügige, aber doch lästige Rechtsstreitigkeit mit einem Kunden aus der Welt zu schaffen.

»Tja, und er kommt erst morgen am späten Nachmittag zurück«, teilte Bruder Basilius ihnen nach seinem Gespräch mit dem Vertreter des Hofmeisters mit. »Uns bleibt nichts anderes übrig als hier einen Tag zu pausieren.«

»Müssen wir denn unbedingt auf diesen Struphaver warten, um Pferde erstehen zu können?«, fragte Jakob, dem das ganz und gar nicht gefiel. Er war davon ausgegangen, dass sie sich nach einer kurzen Rast auf ihre Pferde schwingen und davonreiten würden. Zu Pferd hatten sie eine ungleich bessere Chance ihren Verfolgern zu entkommen. Auf dem Hof dagegen waren sie leicht zu überwältigen.

Bruder Basilius nickte. »Das ist leider unumgänglich, Jakob. Der Vertreter des abwesenden Hofmeisters, der Konverse Eustachius Scharbeck, hat nicht die Befugnis derlei wichtige Geschäfte zu tätigen. Zudem ist er neu auf dem Hof, und bevor wir von hier wieder verschwinden, möchte ich mich bei Struphaver versichern, dass auch er Stillschweigen über unser Auftauchen bewahren wird.«

Jakob machte eine gequälte Miene. »Aber einen ganzen Tag mit Warten zu vertrödeln, wo wir uns doch noch so nahe bei Trier befinden!«

»Lieber humpelnd in die richtige Richtung.«, begann der Mönch.

». als behände ins Verhängnis!«, beendete Jakob den Satz für ihn. »Ich weiß, was Thomas von Aquin gesagt hat. Aber wer kann sagen, ob das Verhängnis diesmal nicht darin besteht, einen Tag mit Warten zu vergeuden? Also, ich bin dafür, wir marschieren weiter und versuchen im nächsten Dorf Pferde zu kaufen!«

Henrik schüttelte den Kopf. »Wir bleiben, denn das ist, ganz wie Bruder Basilius dargelegt hat, das Vernünftigste«, widersprach er ihm und fügte dann süffisant hinzu: »Bei den meisten Menschen ist die Ruhe nichts als Erstarrung und die Bewegung nichts als Raserei. Wollt Ihr, dass man auch Euch zu diesen Menschen zählt?«

Jakob verzog das Gesicht und gab sich geschlagen. Das reichhaltige Essen und der kühle, verschnittene Wein, der ihnen vorgesetzt wurde, stimmten ihn ein wenig versöhnlich, wenn sie ihn auch nicht von seiner sorgenvollen Unruhe befreiten.

»Warten gehört zum Menschsein, zu seinem ureigensten Wesen«, erwiderte Bruder Basilius beim Essen, als Jakob darüber klagte, wie schrecklich das Warten für ihn sei. »Der Mensch ist von Natur aus ein Wartender.«

Jakob warf ihm nur einen skeptischen Blick zu, während er zur Schöpfkelle griff und seinen Teller noch einmal mit der herrlich dickflüssigen Bohnensuppe aus dem schwarzen Eisenkessel füllte.

»Wir warten doch immer auf etwas«, fuhr der Mönch fort. »Wir warten auf Regen oder Sonnenschein, auf den Frühling oder die Erntezeit. Wenn wir jung sind, warten wir auf den ersten Kuss, die erste Nacht der Leidenschaft, auf die Ehe und dann auf Kinder. Wir warten auf Geburt, auf das Alter und den Tod. Alles, was wir tun, ist auf Warten ausgerichtet. Die ganze Natur wartet. Oder mit Paulus gesprochen: Die gesamte Schöpfung seufzt nach Erlösung und Auferstehung.«