»Das mag ja sein«, räumte Jakob mit vollem Mund ein. »Aber im Augenblick mache ich mir weniger Gedanken um meine Auferstehung oder die der ganzen Schöpfung, sondern ich sitze wie auf heißen Kohlen, weil ich auf diesen Struphaver und drei Pferde warte!«
Henrik lachte. »Ihr macht es Euch selber schwer, Jakob. Euch ist mehr Gelassenheit angeraten. Denn kein Ding ist so leicht, dass es nicht schwer wird, wenn man es ungern tut.«
Nein, leicht wurde Jakob das Warten wahrlich nicht. Die Stunden zogen sich quälend langsam dahin und in der Nacht schreckte er immer wieder aus dem Schlaf, weil er verdächtige Geräusche zu hören glaubte. Er hatte mehr Zeit, als ihm lieb war, um über das Vermächtnis des abgesetzten Abtes und der einstigen Hexenbischöfe nachzudenken und sich zu fragen, wo Bruder Anselm die wichtigen Dokumente bloß versteckt haben mochte. Ob es ihnen wohl noch gelingen würde dieses Versteck vor dem Domherrn zu finden? Aber wie sollte das geschehen, wo der alte Mönch das Geheimnis offenbar mit in sein Grab genommen hatte? Vielleicht würden die Papiere viele Jahre oder gar Generationen später erst durch einen Zufall ans Tageslicht kommen - und dann gar nicht mehr von Bedeutung sein.
Diese und viele andere Gedanken, die ihn mit Trauer und Bedrückung erfüllten, gingen ihm in den langen, einsamen Stunden seiner Schlaflosigkeit durch den Kopf, während er auf seinem Strohsack lag und in die Dunkelheit starrte. Er sehnte sich plötzlich nach Worten des Trostes, nach einem Halt, der weiter ging und tiefer in Herz und Seele reichte als der Beistand eines noch so unverbrüchlichen Freundes. Er spürte ein eigenartiges Sehnen in sich, das er nicht zu benennen vermochte. Und er wünschte, jemand wäre an seiner Seite und würde ihn trösten, wie seine Mutter es früher getan hatte, wenn er in Sturmnächten erwacht war und sich vor den Dämonen der Finsternis gefürchtet hatte. Er schämte sich dieses Wunsches, was jedoch nichts daran änderte, dass er ihn heftig empfand.
Clemens Struphaver, trotz buschigen Konversenbartes und Kutte ein attraktiver Mann, traf am nächsten Tag erst kurz vor Einbruch der Abenddämmerung auf dem Hof Winterbach ein. Seine Freude Bruder Basilius wieder zu sehen kam sichtlich aus ehrlichem Herzen. Die beiden Männer mochten sich, das sah man. Seine Betroffenheit war deshalb nicht weniger groß, als ihm der Mönch in einem Gespräch unter vier Augen anvertraute, was geschehen war - und was ihnen drohte, sollten sie in die Hände ihrer Verfolger fallen.
Bruder Basilius hatte nicht zu viel versprochen. Auf Clemens Struphaver war Verlass. Zwar hatte er auf Winterbach selbst keine Pferde zum Verkauf stehen, jedoch wusste er, von welchem benachbarten Bauern er ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit drei zuverlässige Reittiere besorgen konnte. Er machte sich noch am selben Abend auf den Weg und kehrte zwei Stunden später im Schutz der Dunkelheit mit einem Rotfuchs, einem Braunen und einem Schimmel zurück.
Zum großen Bedauern des hilfreichen Hofmeisters, der es sich nicht nehmen ließ sie noch gut mit Proviant zu versorgen, verließen sie das Gehöft gleich in selbiger Nacht und schlugen eine nordöstliche Richtung ein. Schon in den ersten Stunden zu Pferd zeigte sich, dass Henrik mit Abstand der beste Reiter von ihnen war und daher auch zu Recht den prächtigen Rotfuchs ritt. Wie angegossen saß er im Sattel und kommandierte das Tier so sicher und mit so geringem Aufwand, als wäre er auf dem Rücken eines Pferdes zur Welt gekommen. Auch Bruder Basilius erwies sich als geschickter und erfahrener Reiter. Doch spätestens nach ein, zwei Stunden musste er absteigen und eine ganze Weile neben seinem Braunen hergehen, weil ihn heftige Schmerzen in Rücken und Hüfte plagten. Jakob selbst war kein überragender Reiter, wusste sich aber ordentlich im Sattel zu halten und den anfangs leicht nervösen Schimmel davon zu überzeugen, dass er, Jakob Tillmann, die Zügel fest in der Hand hielt und ihm Eigenständigkeiten nicht durchgehen lassen würde.
Sie hielten sich an die Route, die Bruder Basilius festgelegt hatte und die sie nordwärts durch die Eifel führte. Erst ein gutes Stück hinter Adenau, schon fast an der Ahr, fielen sie von ihrer Nordroute ab und wandten sich nach Südosten. Denn ihr Ziel war Koblenz am Zusammenfluss von Mosel und Rhein.
Es war am Nachmittag des fünften Tages ihrer Flucht aus Trier, als Henriks Rotfuchs beim Durchqueren eines steinigen Baches ein Hufeisen verlor. Vor ihnen lag Mendelsheim, mit seinen gut zweihundert Bewohnern eine der wenigen größeren Ortschaften zwischen Hoher Acht und Laacher See.
Sie berieten kurz, ob sie es wagen sollten den Rotfuchs beim Hufschmied in Mendelsheim neu beschlagen zu lassen. Da sie sich ohnehin mit frischem Proviant für ihre letzte Etappe eindecken mussten, beschlossen sie diesmal eine Ausnahme zu machen und sich in den Ort zu begeben.
»Wenn wir nur ein bisschen Glück haben, suchen uns die Schergen des Domherrn viel weiter oben im Norden«, sagte Bruder Basilius, um sich und seinen Gefährten Mut zu machen.
»Und mit ein bisschen Pech hockt die Meute heute ausgerechnet in Mendelsheim«, hielt Henrik dagegen, schnallte sich seinen Degen um und steckte sich ein halbes Dutzend Pfeile für seine Armbrust in die Schlaufen seines breiten Gürtels. Damit seine Bewaffnung aber auf den ersten Blick nicht zu bemerken war, zog er seinen weiten Umhang vor der Brust zusammen.
Mendelsheim mit seinen Häusern aus Basalt und kunstfertigem Fachwerk lag in einem malerischen Tal, umgeben von wacholderbestandenen Hügeln und dunklen Wäldern. Da die Ortschaft direkt an der Landstraße nach Maria Laach lag, war man hier an durchreisende Fremde gewöhnt.
Während sie mit höchster innerer Anspannung und Aufmerksamkeit in den Ort ritten, schenkte ihnen außer einem streunenden Hund niemand ein besonderes Interesse. Die Menschen, die sie zu zweit sowie hier und da auch in kleinen Gruppen vor Häusern und Werkstätten stehen und miteinander reden sahen, blickten kaum mehr als flüchtig zu ihnen hin. Manche hoben noch nicht einmal den Kopf. Sie schienen viel zu sehr mit sich selbst und dem beschäftigt zu sein, was das Thema ihrer lebhaften Unterhaltung war.
»Täusche ich mich oder benehmen sich die Leute hier wirklich reichlich merkwürdig?«, fragte Jakob leise, als sie den vom Schmelzwasser angeschwollenen Mühlbach passiert hatten und nun um den von ihm gespeisten Dorfteich ritten. Die einzelnen Häuser rückten näher und formten einen typisch dörflichen Straßenzug. Hinter einigen hohen Bäumen, die den Blick auf den Marktplatz verwehrten, ragte der Glockenturm der Kirche auf.
Bruder Basilius nickte. »Ihr täuscht Euch nicht Jakob. Mir scheint, die Mendelsheimer haben irgendetwas höchst Aufregendes zu bereden, was wichtiger ist als ein paar durchreisende Fremde.«
»Ja, einen Skandal oder den Tod eines mächtigen, unbeliebten Bürgers vielleicht«, mutmaßte Jakob, denn von einer Männergruppe, die vor einem Wirtshaus stand, drang spöttisches Gelächter zu ihnen herüber. »Na, uns soll es egal sein, was sie so bewegt. Hauptsache, sie sind beschäftigt. Umso besser für uns!«
»Da drüben ist die Werkstatt des Hufschmieds!«, rief Henrik und wies auf einen Schuppen zu ihrer Linken. Die beiden Tore der Schmiede standen sperrangelweit offen, was bei der Arbeit des Mannes nur zu verständlich war. Zumal es ein ungewöhnlich warmer, fast schon schwüler Tag war, der nicht so recht zur Jahreszeit passte.
Augenblicke später hörten sie auch den unverkennbaren metallischen Klang von Hammer und Amboss, die ihr hartes, rhythmisches Lied sangen. Von der Hufschmiede nur durch ein schmales, verwildertes Grundstück getrennt, lagen die Stallungen des Mendelsheimer Mietstalls.
Sie lenkten ihre Pferde auf die andere Straßenseite hinüber, schwangen sich vor der Werkstatt aus dem Sattel und grüßten den Hufschmied, der laut Aufschrift des ovalen Schildes über dem Eingang auf den Namen Alois Wenzel hörte und nur mit einer Lederschürze vor der nackten Brust zu ihnen trat.
Alois Wenzel hatte viel Ähnlichkeit mit einem Braunbären, wie Jakob fand. Denn der Mann überragte ihn um eine Kopfgröße und schien nur aus Muskeln zu bestehen, außerdem war er so dicht behaart wie ein Bär. Dunkelbraunes, krauses Haar zog sich von den Handrücken über die Arme bis hoch in den Nacken und bedeckte seine mächtige Brust wie ein Vlies.