»Ihr habt schon einen langen Weg hinter Euch«, stellte Alois Wenzel mit sachkundigem Blick sowohl auf ihre Pferde als auch auf ihre staubige Kleidung fest. »Und Mendelsheim scheint nicht das Ziel Eurer Reise zu sein.« In seiner Feststellung schwang eine Frage mit.
Bruder Basilius trug wie Jakob und Henrik seit ihrer Flucht aus Trier einfache Kleidung, die wenig Aufschluss über Herkunft und Beruf zuließ, und seine verräterische Tonsur verbarg er unter einem Hut. Allein das irische Kreuz, das von einem Kreis umschlossen wurde, trug er an der Lederschnur über seiner Kleidung. Er übernahm nun das Reden, wie man es von ihm, dem mit Abstand Ältesten in der Gruppe, wohl auch erwartete. Denn die Augen des Hufschmieds waren nach einem ersten prüfenden Blick auf dem Gesicht des Mönches ruhen geblieben.
»An Treffsicherheit vermag wohl allein Eure Hand mit dem Schmiedehammer Euer bewundernswert scharfes Auge zu überbieten, Meister Wenzel«, sagte er freundlich und mit großer Bedächtigkeit, als machte ihm die Last der Jahre schon schwer zu schaffen. »Unser Weg war fürwahr lang und staubig, kommen wir doch aus dem Bitburger Land. Aber die Meilen, die ich mit meinen gottes-fürchtigen Gefährten, meinem getreuen Schwager Ehrenfried und meinem jüngsten Neffen Florian, schon bewältigt habe, sind dennoch nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn ich daran denke, wie lang der Weg ist, der bis nach Rom noch vor uns liegt.«
»Ihr seid auf dem Weg nach Rom?«, fragte der Hufschmied überrascht und interessiert, während er sich in seinem dichten Pelz auf der Brust kratzte.
Bruder Basilius nickte mit ernster Miene. »Ja, in Erfüllung eines heiligen Gelübdes, das wir in einer Stunde größter Bedrängnis abgelegt haben«, log er munter drauflos, tat es jedoch so gesetzt, dass jedes Wort wie die Frucht langer Überlegung erschien. »Wir wollen uns der Pilgergruppe anschließen, die sich in diesen Tagen im Kloster Maria Laach versammelt und nach dem Ostersegen vom Kloster nach Rom aufbricht. Ihr habt sicher davon gehört.«
Der Hufschmied nickte. »Gewiss, und wer würde nicht gern an dieser frommen Pilgerreise teilnehmen! Ihr seid wahrlich gesegnet, dass Euch die Zeit sowie die nötigen Mittel vergönnt sind, um nach Rom pilgern zu können.« Ein wenig Neid sprach aus seiner Stimme.
Bruder Basilius verstand es ein bescheidenes Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. »Wir hoffen, dass uns der Verkauf unserer Tiere in Maria Laach genug einbringt, um die Pilgerreise bestreiten zu können. Es ist das Einzige, was uns an Besitz geblieben ist. Aber wir trennen uns mit frohem Herzen davon, um mit Lobpreis für die großen Gnadengeschenke unseres Allmächtigen auf den Lippen zu erfüllen, was wir in der Stunde der Not zu tun versprochen haben.«
Henrik nickte in stummem Ernst.
Der diskrete Hinweis, dass es ihnen keineswegs so rosig ging, schien den Hufschmied Alois Wenzel zu versöhnen. Denn er nickte und sagte gönnerhaft: »Ihr tut recht daran, Euer Gelübde um jeden Preis zu erfüllen. Zur Ehre Gottes ist wahrlich kein Opfer und keine Anstrengung zu groß. So, und nun sagt, was ich für Euch tun kann.«
»Ein neues Eisen, gut geschmiedet und fest vernagelt, damit ich das Tier in Maria Laach auch reinen Gewissens verkaufen kann, guter Mann«, antwortete Bruder Basilius und hob den linken Hinterhuf des Rotfuchses an.
Alois Wenzel warf einen kurzen Blick auf den Huf. »Wenn es weiter nichts ist, kann Euch schnell geholfen werden! Bringt ihn herüber!«
Sie banden den Schimmel und den Braunen draußen am Zügelbalken hinter der Tränke an und führten den etwas nervös schnaubenden Rotfuchs unter das Vordach der Hufschmiede.
»Kein schlechter Tag, den Ihr da gewählt habt, um nach Mendelsheim zu kommen«, sagte Alois Wenzel gesprächig, während er ein passendes Eisen für den Rotfuchs auswählte.
»So?«, fragte Bruder Basilius mit höflichem Interesse.
»Ja, denn wenn Ihr es nicht zu eilig habt und die Nacht über bleiben könnt, habt Ihr morgen gleich nach der Messe Gelegenheit Euch schon hier auf Eure Pilgerreise einzustimmen. Es wird Eurer Frömmigkeit gewiss sehr dienlich sein und Eure Widerstandskräfte gegen die finsteren Versuchungen des Teufels stärken, wenn Ihr hier Zeuge werdet, wie entschlossen wir Mendelsheimer die Wurzeln des Bösen in unserer Mitte ausreißen und in Rauch und Asche aufgehen lassen!«, erklärte der Hufschmied voller Stolz und Begeisterung, während er das Eisen mit der langen Zange ins Feuer schob. »Denn morgen wird Mendelsheim seine erste Hexenverbrennung zur Ehre Gottes erleben! Wir schicken nämlich ein Zigeunermädchen auf den Scheiterhaufen, das zu Satans dämonischen Anbeterinnen gehört und seinen bösen Zauber in unser Dorf gebracht hat!«
Jakob, der bis dahin eher gelangweilt mit Henrik bei den beiden anderen Pferden am Eingang gestanden hatte, zuckte wie von einem Schlag getroffen zusammen. Das Blut wich aus seinem Gesicht und ihm war, als hätte ihm jemand urplötzlich den Boden unter den Füßen weggezogen. »Ein Zigeunermädchen?«, stieß er mit halb erstickter Stimme hervor, denn seine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an.
»Ja, dieses Mädchen kam vor drei Tagen mit einem kleinen Zirkus in unser Dorf, geschickt getarnt als Tänzerin und Akrobatin, in Wirklichkeit aber im Auftrag ihres teuflischen Buhlen Luzifer«, fuhr der Hufschmied redselig fort, während er mit der einen Hand das Eisen im Feuer drehte und mit der anderen den Blasebalg betätigte. »Doch unser Bürgermeister hat die Hexe entlarvt, bevor sie noch mehr Verderben über uns bringen konnte. Und morgen steigt sie auf den Scheiterhaufen, diese Satanstochter Marga Bandi!«
Achtundzwanzigstes Kapitel
Entsetzen erfüllte Jakob. Wie eine kochend heiße Woge wallte es in ihm auf und schoss ihm in den Kopf. Das Blut rauschte wie ein Wildbach in seinen Ohren und der Schweiß brach ihm aus. »Nein! Das ist unmöglich!«, keuchte er und suchte unwillkürlich Halt am Torpfosten, denn die Kraft schien aus seinen Beinen zu weichen. Sie zitterten. »Nicht Marga!«
Zu ihrem Glück reagierten sowohl Bruder Basilius als auch Henrik geistesgegenwärtig. Der Schwede bekam plötzlich einen ebenso heftigen wie lauten Hustenanfall, in dem der letzte Teil von Jakobs entsetztem Ausruf unterging. Dabei legte er Jakob eine Hand auf die Schulter, als müsste er sich auf ihn stützen. In Wirklichkeit gab er ihm mit einem überaus schmerzhaften Griff zu verstehen, dass er sich um Gottes willen bloß zusammenreißen sollte. Gleichzeitig stieß der Mönch erschrocken hervor: »Ein Hexe hier in Mendelsheim? Allmächtiger, schütze uns vor den Ausgeburten des Bösen!« Er bekreuzigte sich und führte dabei das Pferd einen Schritt zur Seite, sodass der Rotfuchs dem Hufschmied den Blick auf Jakob verwehrte.
Henrik beugte sich hastig vor. »Wollt Ihr Euch und uns um Kopf und Kragen reden?«, zischte er Jakob warnend ins Ohr. »Hütet Eure Zunge und lasst Euch bloß nichts anmerken!«
Alois Wenzel hatte sein Augenmerk glücklicherweise auf das Eisen gerichtet gehabt, das allmählich zu glühen begann, und deutete die Aufregung in seinem Rücken als das verständliche Erschrecken von gottesfürchtigen Männern, die vom Hexenkult so abgestoßen waren wie er und seine Mitbürger.
»Ja, das elende Zigeunerpack, das man eigentlich mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte, hat uns dieses gottlose Geschöpf ins Dorf geschleppt«, bekräftigte der Hufschmied noch einmal, bevor er fortfuhr: »Sie hat mit ihrer schwarzen Magie dem Neugeborenen unserer Frau Bürgermeisterin den Tod angehext und mit ihrem bösen Blick hat sie der besten Milchkuh von Bauer Michels das Kalb im Leib in eine Missgeburt verwandelt!«