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«Nicht mehr. Ich habe eine Stellung als Sekretärin angenommen. Ich verdiene genug für Walter und mich. Und außerdem bin ich jetzt 21 Jahre.«

Baumann rieb sich die Nase und sah Petra nachdenklich an. Er wußte, daß Walter Hertz noch immer an sie dachte, daß er sie liebte und sein ganzer Weltschmerz, seine Rachephilosophie nichts anderes waren als ein Schutz vor seinen eigenen Gefühlen, denen er unterliegen würde, wenn er sie nicht unterdrückte. Nachdem sich erst einmal die Verzweiflung gelegt hatte, waren die Monate des Grübelns gekommen, und in diesem Stadium befand sich Walter Hertz immer noch, weil er sich scheute, die Wahrheit zu erkennen: die Lie-be zu dem Mädchen Petra, die unter einem Weihnachtsbaum mit Sternen aus Stanniolpapier begonnen hatte.

Die Tür schwang auf, ehe Baumann etwas antworten konnte. Dr. Mainetti kam herein, ihr Gesicht war vor Aufregung leicht gerötet. Jetzt fliegt sie 'raus, dachte Baumann und empfand plötzlich Mitleid mit dem Mädchen, das bis zu den Fenstern zurückwich. Jetzt feuert sie die Mainetti in alter Stabsarztmanier hinaus. Und zwar so, daß sie nie wiederkommt. Baumann hielt den Atem an. Es war wie die Windstille vor einem Taifun.

«Gut, daß Sie da sind«, sagte Dr. Mainetti laut und streckte Petra beide Hände entgegen.»Ich habe mir immer gewünscht, daß Sie noch einmal kommen. Ich brauche Sie so nötig, wie ein Verdurstender das Wasser. Kommen Sie mit — die Überraschung kann nicht groß genug sein.«

Kapitel 20

Walter Hertz war allein im Zimmer B/14. Er saß am Fenster und putzte seine Schuhe, sah dabei in den Park und auf den Spielrasen, wo eine Gruppe Gesichtsverletzter Faustball spielte. Es waren zum größten Teil ambulante Patienten, die zu Nachoperationen und Korrekturen nach Bernegg gekommen waren. Viele Bekannte aus früheren Tagen waren darunter, aber auch eine Anzahl Fremder, die in anderen Lazaretten behandelt worden waren, zum größten Teil in allgemein-chirurgischen Stationen, und die nun in Bernegg zum erstenmal mit dem in Berührung kamen, was man Gesichtsplastik und Wiederherstellung nannte.

Erich Schwabe ging mit Dora und Fritz Adam in dem weiten Park spazieren. Sie pflückten Blumen für die Gräber hinter der kleinen Schloßkapelle. Auch der Leutnant Fischer lag noch da, der Mann, an dem nur noch das eine übriggebliebene Auge gelebt hatte, als er eingeliefert worden war. Dr. Mainetti hatte von der kleinen Frau, die so unendlich traurig am Grab gesessen hatte, nichts mehr gehört. Vielleicht war auch sie ein Opfer der letzten Kriegstage geworden, zerrissen von Bomben — sie und das Kind, das sie in sich trug und das ihr einziger Trost gewesen war.

Walter Hertz sah nicht auf, als hinter ihm die Tür klappte und jemand ins Zimmer kam.»Eine Drecksschuhkrem ist das«, sagte er bloß.»Da ist ja an Spucke mehr dran.«

Dr. Mainetti schob die zitternde Petra Wolfach vor sich her ins Zimmer, legte den Finger auf den Mund und ging schnell wieder hinaus. Sie zog die Tür so leise hinter sich zu, daß es Walter Hertz nicht vernahm.

Schmal, mit verkrampften Händen, stand Petra hinter Walter Hertz und betrachtete ihn. Er hatte eine alte Bürste in der Hand, spuckte auf die Schuhspitzen und begann dann, mit weiten Schlägen das Leder blank zu wienern.

«Sie sehen wie neu aus«, sagte Petra leise.

Sein Arm blieb in der Luft hängen. Dann fiel die Bürste aus den Fingern, der Schuh folgte ihr, er stieß den Stuhl unter sich weg und schnellte hoch.

«Petra«, sagte er atemlos.»Wo — wo kommst du her? Wie bist du hereingekommen? Petra!«

Impulsiv, aus seiner plötzlich aufglühenden Freude heraus, streckte er beide Arme aus, um Petra zu umarmen. Aber dann setzte der überrumpelte Verstand wieder ein, Walter ließ die Arme zurückfallen und trat einen Schritt zurück, als wolle er einen Abstand schaffen, der so gut wie eine Schranke war.

«Was willst du hier?«fragte er hart. Es machte ihm Mühe, man sah es seinem zuckenden Gesicht an, aber er zwang sich dazu. Denk an Heidelberg, dachte er. Denk an alles, was hinter dir liegt. Es gibt kein Zurück mehr. Es ist wie ein Märchen, das man so oft gelesen hat, daß man es auswendig kann und nicht mehr daran glaubt.

«Was willst du hier?«fragte er noch einmal, als Petra ihn nur stumm´mit großen bittenden Augen ansah.

«Ich will dich holen, Walter«, antwortete sie leise.

«So wie man einen Koffer von der Gepäckaufbewahrung abholt, was? Hier bin ich, hier ist der Hinterlegungsschein — nun 'raus mit dem Ding.«

«Walter!«

«Ich habe genug von den Wolfachs. Verschwinde!«

«Ich bin nicht mehr zu Haus, Walter. «Petra stützte sich gegen den Tisch. Sie spürte, wie ihre Beine schwach wurden und der Körper schwer, wie mit Blei gefüllt.»Ich lebe allein, als Sekretärin. Ich verdiene genug, um uns. «Sie schwieg, schluckte mehrmals und preßte dann die Lippen fest aufeinander, um nicht zu weinen.

Walter Hertz sah sich hilflos um. Niemand war im Zimmer, der ihm einen Rat geben konnte, zu dem er sagen konnte: Sieh dir das an — sie kommt, mich zu holen. Daß ich nicht lache. Komm, Kumpel, laß sie uns auslachen, das dumme Weib. Als ob der Walter Hertz jemals wieder unter die Menschen ginge! Nicht einmal die Liebe eines Mädchens kann ihn dazu bringen — was, Kamerad? Wir sind die gesichtslosen Wesen, und wir werden geschlechtslos. Nur als Mahnung leben wir noch, als herumwandelndes Menetekeclass="underline" Seht, das ist der Krieg. Seht, das ist der Krieg. Immer und immer wieder. Hundertmal. Tausendmal. In alle Winde. Seht, das ist der Krieg. Nur dazu leben wir noch. Was ist Liebe? Was ist die Wärme eines weichen Frauenkörpers? Was ist das Streicheln einer Hand? Was sind Hingabe und Erfüllung? Das alles ist eine andere Welt, in die wir nicht mehr gehören. Das alles hat man uns weggeschossen, und nun sitzen wir da wie die Ungeheuer, wie Figuren aus einem Gruselkabinett und schreien aus unseren zerfetzten Mäulern: Das ist der Krieg. Und dieses Mädchen kommt einfach daher und sagt: Ich will dich holen. Laßt uns alle miteinander lachen, Kameraden!

Aber es war niemand da, zu dem Walter Hertz das sagen konnte. Allein und hilflos stand er Petra gegenüber, starrte sie aus seinem hängenden Auge an, strich sich über die eingedrückte Gesichtshälfte und suchte Mut in dem Gefühl, die Narben unter seinen Fingerspitzen zu spüren.

«Du — du bist also allein?«Das war alles, was aus ihm herausquoll.

«Ja. Und wir können heiraten.«

«Heiraten?«

«Ich bin jetzt 21 Jahre. Ich brauche niemanden mehr zu fragen.«

«Du brauchst niemanden mehr zu fragen? So, so.«

Walter Hertz hob seinen Schuh und seine Schuhbürste auf. Sie will mich heiraten, dachte er dabei. Aber was soll ich bei ihr? Sie wird das Geld verdienen, und ich putze das Zimmer, koche und spüle das Geschirr. Und abends, wenn es dunkel ist, werden wir Spazierengehen, immer im Schatten, damit niemand sieht, wie dieser Walter Hertz ausschaut, und damit die Nachbarn nicht, wie bei Christian Oster, sagen können: Die arme, kleine Frau Petra. Wie kann sie nur mit einem solchen Verstümmelten zusammenleben? Die hätte doch auch noch einen anderen Mann bekommen können.

«Nein«, sagte Walter Hertz laut.

«Was heißt nein, Walter?«

«Ich bleibe hier.«

«Ich habe geglaubt, du hättest mich geliebt«, sagte Petra leise. Es war wie ein Schlag, der Walter Hertz durchfuhr. Er warf den Schuh und die Bürste gegen die Wand und reckte den Kopf weit vor.

«Sieh dir das an«, brüllte er.»Sieh dir das genau an. Das eingedrückte Gesicht, die Nase, das Auge, die Narben und Flecken, diese abgrundtiefe Häßlichkeit!«

«Ich kenne es, Walter. «Petra hob die Hand zu ihm hin.»Habe ich es nicht oft gestreichelt? Habe ich es nicht geküßt, manche Nacht?«

«Man kann ein solches Gesicht nicht lieben«, schrie Walter Hertz. Die Qual zerriß ihn fast, er preßte die Fäuste auf sein Herz und rang nach Luft.

«Wie willst du das wissen?«sagte Petra schlicht.»Hast du meine Gedanken, meine Gefühle, mein Herz?«