«Verwundet? In Rußland?«
«In Bernegg. Er hat eine Gesichtsverletzung. Seine Mutter ist jetzt bei ihm. Ich darf noch nicht zu ihm.«
Der Feldwebel pfiff durch die Zähne. Er hatte ein sympathisches, ebenmäßiges Gesicht und schwarze Locken wie ein Südländer. Er war groß und breit und gesund wie ein Baum in gutem Boden.
«Tja, das ist schlimm«, sagte er unbekümmert.»Wir hatten auch zwei bei uns. Aus einem brennenden Stuka haben wir die gezogen. Sie sahen aus wie Bratäpfel. Gott sei Dank sind sie beide gestorben.«
Ursula überlief ein eiskalter Schauer. Sie senkte den Kopf und schielte zu dem Bild Erichs hinüber. Du lebst, dachte sie. Und wer weiß, wie du aussiehst. Mein Gott, mein Gott, laß ihn wieder zu einem Menschen werden.
«Und nun feiern Sie hier allein Weihnachten?«fragte der Fliegerfeldwebel.»Übrigens, ich heiße Karlheinz Petsch. Kein schöner Name, aber ich bin nicht schuld daran. «Er lachte, kramte in seinen Taschen herum und holte eine angebrochene Blechschachtel mit Scho-ka-Cola hervor. Er hielt sie Ursula hin und nickte ihr zu.»Mein Beitrag zu Ihrem Weihnachtsfest. Das ist alles, was ich habe. Ja, und Urlaub habe ich. Sechs Tage noch. «Er sah sich um und lehnte sich zurück gegen die Kellerwand. Eigentlich schön, daß ich gerade hier untergekrochen bin. Ich bin nämlich genauso einsam wie Sie. Meine Braut ist weg, keiner weiß, wohin. Und meine Eltern sind evakuiert. Ich hab's erst hier erfahren.
«Was halten Sie davon, wenn wir zwei Vergessenen gemeinsam Weihnachten und Neujahr feiern?«
Ursula Schwabe schüttelte den Kopf.»Ich möchte allein sein«, sagte sie leise.
«Aber warum denn? Jeder Tag ist wichtig. Heute oder morgen können wir eins aufs Dach bekommen, und dann ist's aus für immer! Ich werde uns zwei Flaschen organisieren, und dann sieht die Welt ganz anders aus!«»Bitte, nein«, sagte Ursula. Sie beugte sich vor und richtete eine Kerze gerade, damit sie nicht so sehr tropfte und nicht zu schnell abbrannte.
Karlheinz Petsch sprang von der Kiste auf und klopfte Ursula auf den schmalen Rücken.
«Der Rummel ist vorbei! Ich komme heute abend wieder. Und im übrigen hat es wenig Sinn, immer das Bild anzusehen. So sieht er nicht mehr aus! Sie sollten sich lieber ein Bild kommen lassen, wie er jetzt aussieht. «Er klopfte Ursula wieder auf die Schulter und drehte eine blonde Locke um seinen Zeigefinger.»Und nun laß den Kopf nicht hängen, Mädchen. Es ist doch alles Mist um uns herum. Wir ändern nichts mehr. Also bis heute abend!«
Er rannte die Treppen hinauf und ließ die Kellertüre offen. Ursula preßte beide Hände auf die Brust. Sie starrte das Bild Erichs an, und vor ihren Augen verschwamm sein lächelndes Gesicht, und eine Fratze schrie ihr entgegen.
Da sprang sie auf, rannte zur Treppe und schrie hinauf:
«Ich will Sie nicht mehr sehen! Kommen Sie nicht! Bitte, kommen Sie nicht! Ich will es nicht!«
Sie warf die Kellertür zu, verriegelte sie und rückte die Kiste davor, auf der er gesessen hatte.
Aber noch während sie es tat, wußte sie, daß es sinnlos war. Er würde kommen — und sie würde ihn hereinlassen.
Auf dem Wege zu Fritz Adam — wie Blei war es in den Beinen Dr. Lisa Mainettis, als sie die Treppe hinaufstieg — hörte sie in ihrem Zimmer die Alarmglocke läuten. Sie machte kehrt und ging zurück zur Aufnahme, wo bereits der Assistenzarzt in seinen weißen Kittel schlüpfte.
«Ein Frontzugang!«rief der Unteroffizier vom Telefon.»Ist auf dem Wege zu uns und kommt gleich an. Wurde zu uns eingeflogen. Muß ein harter Brocken sein.«
«Und das zu Weihnachten!«sagte der Assistenzarzt.»Wo das gan-ze Haus voll von Besuchern ist.«
In aller Eile wurde der Eingang abgesperrt. Die Besucher wurden durch einen Seiteneingang geleitet, der Zugang zum OP wurde abgeriegelt.
Im Operationssaal bereiteten die Schwestern schon das Nötigste vor. Man kannte die Sofortmaßnahmen von Hunderten von Einlieferungen her. Meist wurde nur eine erste Wundversorgung vorgenommen.
Dr. Mainetti war noch beim Händewaschen, als der Sanka vorbeifuhr und zwei Sanitäter eine zugedeckte Trage in den Block B trugen. Der Assistenzarzt dirigierte sie sofort zum OP, wo sie die Trage abstellten. Ein langgestreckter Körper lag unter den Decken, unbeweglich, wie erstarrt.
Der Assistenzarzt hielt Dr. Lisa Mainetti den Laufzettel vor die Augen, während sie sich weiter wusch.
«Fischer, Rudolf. Leutnant, geb. am 24.4.1916 in Breslau. Verwundet am 23.12.1944. Eingeliefert in HVP 0 Uhr 10. Ausgeflogen 14 Uhr 17. Dreitausend Einheiten Tetanusserum vom Hammel. Puls 60, Temperatur 36,0, in der Achselhöhle gemessen. Verletzung durch Granatsplitter von Schädel und Gesicht.«
Dr. Mainetti sah hinüber zu der zugedeckten Bahre.
«Decken Sie ihn auf«, sagte sie zu dem jungen Arzt.»Wir sind so etwas ja gewöhnt.«
Die Sanitäter zogen die Decke vom Kopf Rudolf Fischers. Einen Augenblick hielt selbst Dr. Mainetti mit dem Waschen inne. Es war kein Kopf mehr, kein Gesicht, keine menschliche Form. Es war ein Wunder, daß dieser Mensch lebte, daß er atmete, daß sein Herz weiter in der Brust zuckte.
Ein einziges Auge war ihm geblieben. Es lag inmitten eines Gewühls von zersplitterten Knochen und zerfetztem Fleisch. Die Kiefer waren abgerissen und die Schädeldecke zertrümmert. In der Luftröhre hatte der Verwundete einen Schnitt, in den man eine Kanüle gesteckt hatte. Nur durch diese Tracheotomie war es möglich gewesen, ihn vor dem Ersticken zu bewahren.
Lisa Mainetti starrte auf das eine, das übriggebliebene linke Auge. Es lag in einem schweren Bluterguß, das Weiße im Auge war dunkelrot verfärbt, aber es war voll Leben. Es sah sie an mit erschreckender Deutlichkeit: ein kleiner Fleck Leben inmitten einer völlig zerstörten, verwüsteten Landschaft aus Blut und Knochen.
«Auf den Tisch — vorsichtig!«sagte Dr. Mainetti gepreßt. Sie trat zur Seite und ließ die Hände abtropfen, und der Blick des einen Auges folgte ihr.
Kapitel 6
Er ist bei vollem Bewußtsein, dachte Dr. Lisa Mainetti und half
_imit, den starren Körper auf den Operationstisch zu heben. Sie
sah die bleichen Gesichter der Sanitäter und des Famulus Baumann, und sie hatte selbst Mühe, ein Frösteln zu unterdrücken.
Wie kann ein solcher Mensch noch leben, dachte sie dann. Warum hat das Herz nicht einfach aufgehört zu schlagen? Was soll ein solches Wesen noch auf dieser Welt: ein blutiger Brei mit einem großen Auge darin?
Dr. Mainetti beugte sich über Leutnant Rudolf Fischer, als er auf dem OP-Tisch lag. Sie wußte nicht, ob er sie hören konnte. Aber als sie nahe an seinem Auge war, erkannte sie, daß er sie genau beobachtete.
«Das bekommen wir schon wieder hin, mein Junge«, sagte Dr. Lisa Mainetti mit fester Stimme.»Es sieht immer alles schlimmer aus, als es wirklich ist! Schon in einer Stunde ist alles ganz anders.«
Sie las noch einmal den Laufzettel durch. Der Famulus Baumann kam mit einer Spritze Eukodal und reichte sie ihr stumm. Lisa sah wieder auf das unheimlich klare Auge. Wenn ich ihm jetzt Morphium gäbe, dachte sie, würde er selig einschlafen. Herz und Kreislauf wer-den das nicht mehr verkraften. Dazu der Blutverlust. Ich kann ihm auch Eukodal und Strophantin geben, dann lebt er weiter. Aber wozu soll er leben? Kann ein Mensch noch leben, den man so zugerichtet hat?
Lisa legte den Laufzettel beiseite. Mitleid und ärztliches Gewissen rangen einen kurzen Augenblick miteinander.
«Eukodal und Stroph, Baumann.«
Baumann reichte ihr die Injektionsspritze, köpfte mit geübter Hand die Ampullen. Dr. Mainetti zog die Flüssigkeit auf und injizierte in den Oberschenkel.»So«, sagte sie aufatmend, und jetzt war ihre Stimme rauh wie nach einer durchschrienen Nacht. Das Eukodal würde reichen, den heftigsten Schmerz zu betäuben, wenn sie das formlose Gesicht untersuchte und die erste Behandlung durchführte.
Lisa Mainetti wartete, bis kurz nach der Injektion das Auge trüber und kleiner wurde. Es war, als ziehe sich ein Schleier über den Blick. Dann kippte das Auge einfach weg, drehte sich schräg nach oben, und nur der weiße Augapfel, durchzogen von den roten Fäden geplatzter Äderchen, schimmerte gespenstisch unter der starken Lampe über dem OP-Tisch.