Auf dem Flur traf Lisa Mainetti die kleine Schwester Dora Graff. Sie kam von der Weihnachtsfeier im großen Saal. Der Neueingang, der einäugige Leutnant Rudolf Fischer, war erwacht. Sie war zu ihm gegangen und hatte ihm eine neue Beruhigungsinjektion gegeben.
«Dora, Sie können mir einen Gefallen tun«, sagte Dr. Mainetti nachdenklich und blickte auf die Tür von Zimmer 14.»Warten Sie hier zehn Minuten, und gehen Sie dann ins Zimmer. Da drinnen ist ein Mann, der dringend einer weiblichen Hand bedarf. Aber sie muß jünger sein als meine. Ich werde Sie unterdessen bei der Weihnachtsfeier vertreten.«
Im großen Saal hatte die Bescherung begonnen.
Was die Verwundeten gebastelt hatten, wurde an die Waisenkinder verteilt. Als Dank sagten sie Gedichte auf oder machten auch nur einen verlegenen Diener oder Knicks. Der Kreisleiter hatte seinen Schwächeanfall überwunden. Er ließ von zwei Propagandafotografen Aufnahmen machen und untermalte die Bescherung mit markigen Worten wie» Front und Heimat bilden einen Block «oder» Wo die Waffen schweigen, sprechen die Herzen«. Niemand hörte ihm zu, er stand im Wege, wurde herumgeschubst, und der Wastl Feininger, der das Modell einer Sägemühle gebastelt hatte und sie einem Waisenjungen vorführte, trat ihm auf den Fuß und sagte:»Ruck a weng, i muaß dös Mühlradi klappern lassen.«
In der letzten Stuhlreihe saß Walter Hertz. Man hatte seinen großen Rundstiellappen mit Mull überdeckt und mit Leukoplast ver-pflastert. So sah er aus wie ein Mann, der einen Ziegenpeter hatte, nur einen nach oben verrutschten. Das Gesicht war völlig schief. Neben ihm saß ein junges Mädchen in BdM-Uniform. Eine grüne Kordel an der Bluse zeigte, daß sie sogar eine Führerin war. Sie saß neben dem schiefen Gesicht, ein wenig gedrückt und fast ängstlich. Ihre Aufgabe, den ihr zugewiesenen Verwundeten zu betreuen, hatte sie erfüllt. Nun hatte sie nichts mehr zu sagen und wußte nicht, wie es weitergehen sollte mit der Betreuung.
Es hieß, nach der offiziellen Weihnachtsfeier solle getanzt werden. Zwei Akkordeons standen in der Ecke neben der Hitlerbüste. Das Mädchen sah sich verstohlen um. Tanzen, dachte sie. Diese armen Menschen wollen tanzen? Ich glaube, man muß die Augen dabei zumachen.
Walter Hertz, neben ihr auf den Stuhl geklemmt, die Hände zwischen die Knie gepreßt, suchte ebenfalls nach Worten. Was sagt man zu einem jungen Mädchen, dachte er verzweifelt. Natürlich, was man so sagt, das wußte er. Aber es waren alles Worte eines normal aussehenden Menschen. Fräulein, können wir uns irgendwo treffen, wo nicht soviel um uns herum sind. Wie wär's mit einem Kinobesuch? Oder: Ich weiß, wo noch eine tolle Kapelle spielt, da könnten wir mal eine Sohle hinlegen. Alles Worte und Wünsche von Menschen mit Gesichtern. Was aber sagt ein Mann, der kein Gesicht mehr hat?
Seine Hemmung war so groß, daß er stocksteif neben dem Mädchen saß und unverwandt die Führerbüste anstarrte. Da er auch nichts gebastelt hatte, weil er handwerklich eine Niete war, konnte er nicht an der allgemeinen Bescherung teilnehmen. So saß er, plötzlich schwitzend vor Verlegenheit, auf seinem Stuhl und kaute auf der Unterlippe.
Wie eine Erlösung kam ihm ein Gedanke. Er wandte den schiefen Kopf zu dem Mädchen und berührte sie leicht am Arm. Das Mädchen zuckte zusammen und sah ihn an.
«Ich habe noch gar nicht gefragt, wie Sie heißen«, sagte er.»Sie haben mir so viel Freude gemacht.«
«Ich heiße Petra Wolfach.«
«Petra — ein schöner Name. Ich heiße Walter Hertz.«
«Herz! Wie lustig. Richtig wie Herz?«
«Nein. Mit tz. Wie der Physiker Heinrich Hertz, der Entdecker der elektromagnetischen Wellen. Nach ihm sind die Einheiten der Frequenzen benannt worden. Hertz, Kilohertz und so weiter.«
«Wie interessant«, sagte Petra Wolfach.
Das Gespräch versickerte wieder. Walter Hertz mit tz kaute weiter auf der Unterlippe. Sicherlich versteht sie nichts von Physik, dachte er. Dumm von mir. Man sollte Herz wie Herz heißen, ohne tz. Dann wäre es leichter, ein Gespräch zu beginnen. Er räusperte sich und berührte Petra wieder am Arm.
«Fräulein Wolfach«, sagte er unsicher.»Es ist nicht meine Schuld, das mit dem tz. Aber trotzdem habe ich ein Herz ohne tz! Und dieses Herz sagt mir, daß es schön wäre, wenn wir mal zusammen ins Kino gehen könnten. Unten spielen sie gerade >Die große Liebe< mit Zarah Leander. Ein paar von meinen Kameraden waren drin. Sie waren hell begeistert.«
Petra Wolfach sah den Mann mit dem schiefen Gesicht lächelnd an. Wie nett und wie unbeholfen er spricht, dachte sie. Wie alt mag er sein? Bei keinem von ihnen kann man es mehr schätzen. Ihre Gesichter haben die Sprache verloren. Sie sehen alle gleich alt aus — so, als seien sie gerade von Gott geschaffen worden und noch nicht fertig. Gesichter aus einer Arbeitspause der Schöpfung.
«Das könnte man machen«, sagte sie und nickte ein paarmal.»Be-kommen Sie denn Urlaub?«
«Wenn ich mit der Frau Doktor spreche. «In Walter Hertz glomm ein Glücksgefühl auf und setzte sich in seiner Kehle als harter Kloß fest.»Dr. Mainetti ist eine tolle Frau. Wenn wir die nicht hätten.«
«Und Sie glauben, daß sie es tut?«
«Bestimmt. Geht es am nächsten Donnerstag?«
Petra Wolfach zögerte einen Augenblick. Ins Kino, dachte sie. Was werden meine Freundinnen sagen, wenn ich mit ihm ausgehe? Was werden die Leute denken? Man wird uns nachsehen und die Köpfe zusammenstecken. Wie kommt die Petra an einen solchen Mann? Ein Mann ohne Gesicht. Und was wird Vater sagen?
«Ja!«sagte sie fest, um sich selbst von der Richtigkeit ihres Entschlusses zu überzeugen.»Ja. Es geht.«
«Wir treffen uns vor dem Kino. Um halb acht?«
Petra nickte. Im Kino war es dunkel. Da sieht man sie nicht. Und was nach dem Kino sein würde, das mußte man abwarten. Vielleicht konnte man sitzenbleiben, bis alle das Kino verlassen hatten, und als letzte gehen?
«Donnerstag um halb acht«, sagte sie.»Ich besorge die Karten, einverstanden?«
«Einverstanden!«In Walter Hertz' Stimme schwang Jubel.»Und nun freue ich mich auf den Tanz nach der Feier! Können Sie tanzen, Petra?«
«Ja.«
«Ich auch! Ich war der Beste im Tanzkursus der Pennäler! Walzer links 'rum und rechts 'rum, wie gewünscht. Kinder, ist das ein schönes Weihnachtsfest!«
Es brach aus ihm heraus wie eine wilde Woge, und sie war so ur-gewaltig, daß sie auch Petra Wolfach mitriß.
«Ja, ich freu' mich auch!«lachte sie, wie befreit.»Und vor allem Tango tanze ich gern.«
«Tango. Da war ich unschlagbar!«
Und plötzlich hielten sie sich an den Händen wie zwei erwartungsvolle Kinder und sahen der Bescherung zu, die auch an ih-nen nicht vorbeigegangen war.
Nur wußten sie es noch nicht.
In einer anderen Ecke des Gemeinschaftssaales saßen Erich Schwabe und seine Mutter. Sie hatten sich alles erzählt, was zu erzählen war, hundert Kleinigkeiten vom Leben in Köln, und die weniger großen Sorgen, die in den langen Nächten im Klinikbett geboren worden waren. Nun war von allem nur eine einzige Frage übriggeblieben, und jeder dachte im Innern anders darüber, ohne es dem anderen zu gestehen: Wie wird die Zukunft sein? Gab es noch einen Anschluß an das Gestern, oder begann mit einem Gesicht auch ein völlig neues Leben?
«Du hast Ursula alles erzählt?«fragte Erich Schwabe seine Mutter. Man hatte ihm verschwiegen, daß seine Frau über die Mauer hinweg einen Blick auf die zerstörten Gesichter geworfen hatte und ahnte, wie Erich aussah.
«Ja, mein Junge«, sagte Frau Schwabe tapfer.»Sie hat gesagt: Deshalb bleibt er doch immer der Erich.«
«Aber wenn sie mich so sieht, Mutter? Sie macht sich doch gar kein Bild, wie ein Mensch ohne… wie er eben aussieht, wenn er so ist wie ich.«
«Ich habe ihr alles erklärt. Sie war wirklich tapfer, die Uschi. Und sie hat zwei Tage lang geweint, daß sie gerade jetzt die Grippe bekommen mußte und nicht mitfahren konnte.«