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Bemerkung:»Muß ich heute zu Ihnen >Herr Oberstabsarzt< sagen?«

Vor der Hauptwache meldete der Wachhabende einem Offizier mit roten Streifen an den Hosen und rot unterlegten, goldenen Eichenlaubspiegeln. Er stieg aus einem riesigen Horchwagen und legte zwei Finger an seine Mütze. Weiße Haare quollen unter dem Mützenrand hervor und ringelten sich ganz unmilitärisch bis zum Kragen.

«Generalarzt Professor Gilgen«, sagte Rusch und schloß das Fenster.»Er war mein Doktorvater in Heidelberg. Und neben ihm, der forsche, kleine Oberst, das ist Paul Mayrat vom Stabe des Generals v. Unruh. «Er knöpfte den Chirurgenkittel zu und zog die Manschetten seines Hemdes gerade.»Gehen wir, Lisa. Es ist doch alles klar?«

«Alles, Walter.«

Das Lazarett Schloß Bernegg war bestens vorbereitet. In den Bunkern lagen die versteckten Gesichtsverletzten, auf den Stationen im Block B streckten sich die dick verbundenen >Neueingänge< aus, die Männer mit dem Urlaubsschein waren schon am vergangenen Abend abmarschiert, an der Spitze der Wastl Feininger, dem der Famulus Baumann für den dicken Rollappen so etwas wie ein Futteral aus Mull und Leukoplast konstruiert hatte. Und auch Dr. Urban war weggefahren, am frühen Morgen schon, nachdem er von Lisa das zweite versiegelte Päckchen erhalten hatte. Er hatte nichts mehr gesagt, das Morphium eingesteckt und war mit heulendem Motor hinunter nach Bernegg gerast. Der einzige von Stube B 14, der zurückgeblieben war, hatte es nicht nötig, sich zu verstecken. Es war Erich Schwabe. Ihm hatte man im Gegenteil die Verbände abgenommen, soweit es möglich war. Er saß auf seinem Bett und las, angestarrt von den anderen >Gesichtsverletzten<, die jetzt in den Betten lagen und >gesichtsversehrt< spielten.

«Heil Hitler, Herr Kollege!«sagte unten am Eingang Professor Gilgen zu Professor Rusch und schüttelte ihm die Hand.»Und da ist ja auch unsere tapfere Lisa Mainetti!«Er wandte sich an Oberst Mayrat, der Lisa mit den kullernden Augen eines sehr interessierten Mannes musterte.»Dr. Mainetti ist die einzige Frau, die in einem Wehr-machts-Gesichtsverletztenlazarett als Chirurgin arbeitet! Sollte man ihr gar nicht zutrauen, was, wenn man sie so sieht?«

Oberst Mayrat fand dies auch. Er gab Lisa Mainetti die Hand, zögerte etwas, als überwinde er eine innere Scheu, beugte sich dann tiefer und küßte ihr schnell den Handrücken. Generalarzt Gilgen lachte auf.

«Und das, ohne Österreicher zu sein!«rief er.»Liebe Lisa, Sie haben Oberst Mayrats Weltanschauung angekratzt!«

Professor Rusch stimmte in das Lachen nicht ein. Er kniff die Lippen zusammen und steckte die Hände in die Taschen des weißen Kittels. Welch ein makabres Spiel, dachte er angewidert. Da kommt ein Oberst, spielt den galanten Kavalier, und zehn Minuten später geht er durch die Stationen und sucht die Männer zum Sterben aus. Gewiß, er kann nicht anders, er hat seinen Befehl erhalten. Aber wie kann man lachen, wenn man weiß, daß jeder rote Haken auf der Liste so gut wie ein Todesurteil ist?

«So ernst, lieber Rusch?«fragte Professor Gilgen und klopfte ihm auf den Arm.

«Ich halte diese Durchkämmaktion in meinem Lazarett für ausgemachten Blödsinn!«sagte Rusch grob.

Oberst Paul Mayrat hob die Schultern.»Was soll man machen, lieber Oberstabsarzt? Auch General v. Unruh führt nur einen Befehl aus. Außerdem braucht die Front Ersatz. Wenn Sie sehen könnten, wie gut genährt und blendend ausgerüstet die Amerikaner sind. Die Gefangenen, die wir machen, könnten wir direkt ins Museum stellen: Seht, so sieht ein satter Soldat aus!«

«Und das gibt Ihnen nicht zu denken?«

«Wir alle denken mehr oder weniger. «Oberst Mayrat sah hinüber zu der gläsernen Tür, die den OP-Trakt vom Flur abteilte. Ein Bett wurde herausgerollt. Auch während des Besuchs der Kommission ging der normale Betrieb weiter. In beiden OP-Räumen versorgten die Assistenzärzte die Verwundeten, zogen Fäden, durchtrennten Rundstiellappen und klappten sie zu den Defekten um, um sie dort wieder anzunähen. Gerade rollte man einen Mann durch die Tür, dessen Nase und linke Gesichtshälfte mit breiten transplantierten Hautlappen bedeckt war.

Oberst Mayrat drückte das Kinn an den Uniformkragen.

«Sehen die alle so aus?«fragte er, etwas weniger forsch.

«Das ist einer der Gesündesten!«sagte Lisa Mainetti.»Sie werden noch andere Gesichter sehen, Herr Oberst, den Feldwebel Schwabe zum Beispiel. Er sieht wie abgehobelt aus.«

«Wirklich tragisch!«Oberst Mayrat fuhr sich mit dem Zeigefinger zwischen Kragen und Hals.»Wie stellen sich die Verwandten dazu? Die Mütter, die Frauen?«

«Sie verfluchen den Krieg!«sagte Professor Rusch laut.»Und sie geben ihre ganze Liebe diesen armen Menschen.«

Oberst Mayrat nickte heftig.»Die deutsche Frau!«sagte er fast enthusiastisch.»Sie hat sich fabelhaft benommen! Wäre es nicht eine Schande, meine Herren, wenn wir da den Krieg verlieren würden?«

Die Besichtigung begann. Ein freundlich lächelnder Tod ging durch die Zimmer und drückte die Hände seiner Opfer.

Im dunklen Kinosaal saßen Walter Hertz und Petra Wolfach. Sie hielten sich an der Hand wie zwei verirrte Kinder, und die Lieder, die Zarah Leander von der Leinwand mit voluminösem Baß sang, tönten an ihren Ohren und ihrem Verständnis vorbei. Sie spürten nur sich, den Druck ihrer Hände, die Nähe des anderen, die Berührung der Knie und das Pulsen des Blutes unter der Haut.

Eine Viertelstunde lang hatte Walter Hertz die Qual einer kleinen Hölle gespürt. Er war zu früh gekommen und hatte außerhalb der Kinohalle gewartet, in einen Hausflur gedrückt, wie ein verletztes Tier den Schatten suchend. Lisa Mainetti hatte ihm einen herrlichen Verband gemacht, aber noch immer sah man sein völlig schiefes Gesicht und das abgerutschte Auge, das erst in einigen Monaten wieder durch Lidplastiken und die Verpflanzung eines Temporalishautlappens gerichtet werden konnte. Der erste Versuch, kurz nach seiner Einlie-ferung in Bernegg, den großen Defekt durch eine freie Verpflanzung von Epidermis zu decken, war mißlungen. Das Transplantat war geschrumpft und hatte sich abgestoßen.

«Wo wirst du schlafen?«fragte Petra und drückte Walters Hand. Er hob die Schultern.

«Ich weiß nicht. Das ist das Blöde bei so einem Nachturlaub. Wenn man niemanden hat… man muß schon die Nacht durchsaufen.«

«Was machen denn die anderen?«

«Die?«Walter Hertz zögerte. Er schämte sich, darüber zu sprechen.»Die haben ein Mädchen oder so«, sagte er stockend.»Die suchen sich was. Die wollen doch nur was erleben. Viele haben fast ein Jahr lang nicht. «Er schwieg und wußte nicht, wie er es ausdrücken sollte.

Petra Wolf ach sah ihn kurz an. Er sah nach vorn, aber sie merkte, daß er gar nicht den Film betrachtete, sondern auf einen Punkt an der Wand starrte.

«Du gehst nachher mit, ja?«fragte sie leise.

Seine Hand zuckte in der ihren.

«Wohin?«

«Zu meinen Eltern. Wir haben vier Fremdenzimmer in unserem Haus. Da ist Platz genug.«

«Hast du deinen Eltern gesagt.?«

«Sie wissen, daß ich mich mit dir treffe. Ich habe ihnen erzählt, daß ich einen verwundeten Soldaten.«

«Hast du gesagt, wie ich verwundet bin?«

«N-ein. Aber das ist doch.«

Walter Hertz schüttelte den Kopf.»Das ist durchaus nicht egal«, sagte er leise.»Ein Bein weg oder ein Arm — daran kann man sich gewöhnen. Aber kein Gesicht mehr.«

«Vater war selbst Soldat im Ersten Weltkrieg. Du wirst sehen — wie zu Hause wirst du dich fühlen.«

«Ich habe Angst«, sagte Walter Hertz kläglich.

«Aber ich bin doch bei dir!«

«Das ist es ja. «Er umklammerte ihre Hand, als wolle man sie ihm entreißen.»Ich habe Angst, dich zu verlieren… wenn… wenn sie mich sehen.«