«Wie willste 'n det machen?«Der Berliner hob die Schultern.»Ick hab' hier bloß Käuzchen jesehen, und die kacken uff jeden Fall zu wenig.«
Niemand lachte. Es war ein grimmiger Humor, der die Galle ins Blut trieb.
Auch Walter Hertz hatte seine Sorgen, die weniger sein Gesicht als sein Herz betrafen. Er hatte Petra Wolfach nicht mehr gesehen seit jenem Abend in der Villa der Eltern, er hatte sich abgeschlossen und saß allein in der Stube mit Erich Schwabe, wenn die anderen zum Kinobesuch ausrückten oder — an der Spitze der Wastl Fei-ninger — in die Schenke >Zum Bären< zogen, um dort das Dünnbier, von dem Berliner >Urinol< genannt, literweise zu trinken.
Einmal hatte Petra geschrieben. Nur ein paar kurze Zeilen, so, als habe sie das Papier gegen eine Mauer gedrückt und schnell die Worte hingekritzelt.»Warum kommst Du nicht mehr? Ich kann doch nichts dafür, daß Papa so ist. Du weißt doch, daß ich Dich liebe. Bitte, gib mir Nachricht, wann wir uns sehen können. Schreib mir postlagernd — Deine Petra.«
«Du solltest nicht so stur sein«, sagte Fritz Adam auf einmal.»Du weißt gar nicht, was eine Liebe wert ist.«
Aber Walter Hertz schüttelte nur den Kopf und blieb stumm.
Man hat kein Recht auf Liebe mehr mit einem solchen Gesicht, dachte er. Und man muß sich daran gewöhnen.
Der einzige Glückliche war Erich Schwabe. Er wurde operiert.
Ein Knorpel sollte als Nasenwurzel eingepflanzt werden, ein biegsamer Pfropfen, um den man später einen Fernlappen aus der Armhaut transplantieren wollte. Eine neue Nase — die einzige vorspringende Stelle in diesem abgehobelten, wie wegrasierten Gesicht!
Dr. Mainetti hatte mit Professor Rusch die Operation gründlich vorbereitet. Eine Wehrmachtspressestelle in Würzburg hatte die von Frau Schwabe mitgebrachte Fotografie auf Lebensgröße gebracht. Das genaue Kopfmaß war dabei eingehalten worden. Peinlich genau wurden nun Maße und Form der alten Nase berechnet und damit der Umfang des zu verpflanzenden Knorpelstückes. Man konnte ja nicht wissen, ob der überpflanzte Lappen schrumpfte oder wucherte, und danach richteten sich die weiteren Operationen, die noch notwendig waren. Lisa Mainetti zeichnete im Detail die neue Nase, und nach mehrmaligen Röntgenkontrollen wurde Erich Schwabe zur Operation vorbereitet.
Famulus Baumann und Assistenzarzt Dr. Vohrer machten die Intubationsnarkose. Es war ein langwieriges, noch primitives Verfahren, eine Quälerei für den Patienten, der sich vorkommen mußte wie in einer modernen Folterkammer.
Erich Schwabe lernte es in vollem Ausmaß kennen. Baumann deutete auf einen Stuhl, als Schwabe in den OP kam.
«Setz dich, Kumpel!«sagte er.»Und nun reiß mal das Maul auf, so weit du kannst, und streck die Zunge heraus. Denk an Urban, dann gelingt's prima!«
Schwabe setzte sich und öffnete den Mund, diese Höhle ohne Lip-pen und Formen. Die Zunge hing heraus wie bei einem hechelnden Hund. Baumann nickte zufrieden.
«Prima! Paß mal auf, was wir jetzt Schönes machen.«
Er hielt die Zunge mit einem Stück Zellstoff fest. Dr. Vohrer beugte sich vor und pinselte den Rachen Schwabes mit Kokain ein. Schwabe schluckte krampfhaft, als müsse er sich übergeben.
«Laß man«, sagte Baumann.»Kotzen is nich. Hast ja nischt im Magen, und schwanger biste ooch nicht.«
Im Hintergrund wuschen sich Dr. Mainetti und Professor Rusch. Die Oberschwester sortierte das Instrumentarium. Dr. Urban war außer Haus. Er war einem neuen Transport entgegengefahren, um zwei angekündigte schwerste Fälle schon im Zug zu versorgen. In vier Stunden würden die Sankas mit ihrer wimmernden Last auf dem Schloß eintreffen. Bis dahin würde Schwabe um eine Nasenwurzel reicher sein, man hatte Kaffee getrunken, sich ein wenig erholt, vielleicht sogar eine Stunde schlafen können. Es würde wieder keine Nacht geben, keine Minute zum Ausruhen, nur ein Fließband mit zerstörten Gesichtern, und immer wieder der schon läppische, aber immer noch geglaubte Trost: Keine Angst, mein Junge, es ist alles halb so schlimm!
Dr. Vohrer führte den Kehlkopfspiegel ein und sondierte in die Tiefe; Baumann schob ihm den Intubationsschlauch in die Hand. Vorsichtig ließ Dr. Vohrer den Schlauch in die Luftröhre gleiten, bis er die Teilung der Bronchien spürte.
«Das hätten wir, Erich!«sagte Baumann zufrieden und klopfte Schwabe auf die Schulter.»Das Ding sitzt! Nun hüpf mal schön auf den Tisch. Und wennste wieder aufwachst, kannste mit Willy Fritsch konkurrieren!«
Schwabe erhob sich vorsichtig. Mit dem Schlauch in der Luftröhre, mit heraushängender, auf einem Mullappen festgehakter Zunge ging er langsam zum OP-Tisch und ließ sich hinaufheben.
Keine Angst, Erich, dachte er dabei. Mensch, bloß nicht schlappmachen. Du bekommst eine neue Nase, und Stück für Stück wird alles wieder so, wie's früher war. Ursula wird nicht mehr erschrecken
müssen. Ich werde ja wieder ein Mensch. O Gott — ein Mensch!
«Hinlegen!«sagte Baumann.
Die Operationslampe schien Schwabe grell in die Augen. Er schloß die Lider geblendet und hörte jetzt nur noch, was um ihn herum geschah.
«So, mein Lieber«, hörte er Baumanns Stimme,»nu jib mal dein Ärmchen her — so — strecken — noch mehr strecken, den Ellbogen durchbiegen — «
Jemand schlang Schwabe einen Gummischlauch um den Oberarm.»Fest anziehn, und nun machste en hübsches Schleifchen dran, det die Schose ooch hält«, kommandierte Baumann.»So, und nu pump mal, Erich. Immer feste die Faust auf- und zumachen. So is det rich-tich, man könnte denken, du hättest det auswendich jelernt. Tupfer und Äther!«brüllte er den Sani an, dann reinigte er die Haut in der Ellenbeuge und klopfte auf den Unterarm Schwabes.»SEE-Spritze!«Dr. Mainetti hatte auf das Stichwort gewartet. Sie tastete den Venenplexus ab und stach eine Ader an. Blut floß in die Spritze.»Loslassen!«Der Sani entfernte vorsichtig den Gummischlauch vom Oberarm, und Lisa injizierte das Narkotikum, langsam und mit ruhiger, sicherer Hand.
«Det is det Nirwana«, sagte Baumann fröhlich.»In wenigen Sekunden träumste süß un selig, Erich.«
Schwabe spürte, wie an seinem Mund gearbeitet wurde. Dr. Vohrer schloß den Intubationsschlauch an. Das war ein denkbar primitives Verfahren: Auf das äußere Ende des Schlauches wurde ein Trichter gesetzt, in den ein dicker Wattebausch kam, auf den man später den Äther für die Narkose träufelte. Die Mundhöhle Schwabes wurde mit Mullbinden ausgestopft, wie das Fell eines Teddybären mit Sägespänen. Immer wieder kontrollierten Baumann und Dr. Vohrer und stopften noch mehr Mullbinden in den Mund, bis Schwabe keine Seitenluft mehr bekam. Er atmete nun nur noch durch den Intubationsschlauch, kurz, stoßartig und schnell. Baumann beugte sich über ihn. Schwabe schlug die Augen auf, aus seinem Blick schrie höchste Qual.
«Keine Angst, Erich«, sagte Baumann Begütigend.»Es kann dir gar nichts passieren. Nur schöner wirste.«
Dr. Vohrer setzte sich neben den OP-Tisch. Er hatte während der Operation die Aufgabe, auf Puls und Atmung zu achten, die Narkose durch Ätherträufeln zu steuern und vor allem das zu sein, was der Narkotisierende bei dieser Art von Anästhesie immer sein sollte: auf keinen Fall im Weg der operierenden Chirurgen.
«Alles fertig!«rief Dr. Vohrer zu den Waschbecken hinüber. Dr. Mainetti kam an den Tisch und blickte auf Schwabe. Sie blinzelte ihm zu, und dieses kleine Augenzwinkern war mehr als alle Worte Baumanns. Schwabe wurde ruhig und gefaßt. Das unbegrenzte Vertrauen zu Lisa Mainetti verscheuchte alle Angst.
Die SEE-Injektion begann zu wirken, Vohrer träufelte Äther in den Trichter, kontrollierte den Bauchdeckenreflex, Puls und Atemfrequenz. Das Operationsfeld war eingejodet. Ein gestielter Lappen aus der Stirnhaut sollte zunächst den äußeren Defekt decken und, sobald er reaktionslos eingeheilt war, in freier Transplantation ein knöchernes Stützgerüst erhalten. Erst dann konnte man daran denken, etwa noch fehlende Weichteile aus der Wange heranzuziehen und die Nasenlöcher zu formen. Wenn alles gut ging und keine Komplikationen eintraten, waren noch wenigstens vier Operationen notwendig. Dr. Mainetti legte den Verband an.