«Narkose beginnen«, sagte Professor Rusch. Er stand Dr. Mainetti auf der anderen Seite des Tisches gegenüber.»Tief atmen, Junge!«sagte er zu Schwabe.
Die nackte Brust hob und senkte sich ein paarmal, dann wurde die Atmung schwächer, die Lider schlossen sich zuckend zu einem kleinen Spalt, die Augäpfel verdrehten sich nach oben. Dr. Vohrer zählte Puls und Atmung.
«In Ordnung«, meldete er.
Zwei Hände streckten sich nach hinten, die Oberschwester und Famulus Baumann reichten Professor Rusch und Dr. Mainetti die ersten Instrumente. An zwei Körperstellen gleichzeitig begann die Operation: Im Gesicht, an der zerstörten Nase, bereitete Lisa Mainetti ein Wundbett für die Einpflanzung des Knorpelzapfens vor. Professor Rusch legte derweil den Rippenbogen frei und begann, ein genügend großes Knorpelstück auszuschälen.
Es wurde kaum gesprochen. Die Handgriffe waren Hunderte Male geübt, einexerziert wie eine artistische Nummer. Die Ergebnisse der Messungen Dr. Vohrers von Puls, Atmung und Herztätigkeit waren normal, die Narkose war richtig gesteuert, so gut es eben bei dieser Methode ging.
Professor Rusch hatte das Knorpelstückchen ausgeschält und setzte es jetzt in das von Lisa Mainetti vorbereitete Bett ein. Sie hatte eine peinlich genaue Blutstillung vorgenommen, und auch das Umlegen des Knorpelpfropfens mit dem Gewebe geschah wie die Arbeit an einem Filigran. Dann wurde das Operationsgebiet sorgfältig verbunden. Professor Rusch verband selbst, um ein Verrutschen des Knorpels zu vermeiden, während Dr. Mainetti den Schnitt über dem Rippenbogen mit schnellen Handgriffen vernähte.
«Weckspritze!«sagte Rusch, nachdem er noch einmal den Sitz des Verbands kontrolliert hatte. Baumann machte die Injektion. Aber noch bevor sie wirkte, hob man Schwabe vom Tisch herunter auf ein fahrbares Bett und rollte ihn aus dem OP zurück zum Zimmer B/14.
Professor Rusch ließ sich das Mundtuch abbinden und die Kappe abnehmen. Er sah auf die Uhr an der Stirnwand des OP.
«Noch drei Stunden bis zum Massenflicken!«sagte er.»Leg dich hin, Lisa, und schlaf etwas auf Vorrat.«
Sie nickte stumm. Bleierne Müdigkeit kroch in ihr hoch. Die Operation, eine von Hunderten, hatte sie nicht angestrengt, aber der Gedanke an die kommende neue schlaflose Nacht warf sie um. Der Körper revoltierte.
Manchmal beneide ich Urban um sein Morphium, dachte sie und erschrak zugleich über diesen Gedanken.
«Laß Dora Graff in der Nähe sein, wenn Schwabe wieder klar wird«, sagte sie. Dann ging sie auf ihr Zimmer, warf sich aufs Bett und schlief sofort ein.
Erich Schwabe brauchte nur kurze Zeit, um wieder wach zu wer-den. Die Schmerzen an seiner neuen Nasenwurzel waren durch das SEE gedämpft, aber nicht völlig ausgeschaltet. Ein dumpfer, bohrender Schmerz war es, der durch die Hirnwindungen weiterkroch und an den Haaren nach außen zu gleiten schien.
Fritz Adam und der Berliner saßen an seinem Bett, als er aufwachte. Dora Graff war abgerufen worden: Im Nebenzimmer hatte ein Neuzugang von vorgestern plötzlich begonnen, schrill und durchdringend zu schreien und um sich zu schlagen. Vier Mann seiner Stube mußten den Tobenden festhalten, bis Dora Graff ihm die Beruhigungsinjektion gab. Was Professor Rusch bei der ersten Untersuchung befürchtet hatte, war Gewißheit geworden: Die Kopfverletzung hatte den Verwundeten irrsinnig gemacht.
«Guten Tag, Erich!«sagte auf der Stube B/14 Fritz Adam. Er drückte Schwabe an den Schultern aufs Bett zurück, als dieser sich aufrichten wollte.»Ruhig liegenbleiben! Vor allem den Kopf still halten, 'ne schiefe Gurke willste doch nicht haben.«
Schwabe lag ruhig und tief atmend auf dem Bett. Sein zerrissener, in dicken Narben verheilter Mund ohne Lippen zuckte, seine Augen blickten fragend von einem zum anderen.
«Nun frag schon, Erich!«sagte der Berliner.»Ick hab' det hinter mir.«
«Ist… ist es gelungen, Kameraden?«stotterte Schwabe.
«Das wird sich bald zeigen. Pack mal ganz vorsichtig deine Nase an, ganz sachte!«
Schwabes Hand glitt zitternd nach oben, über das vernarbte Gesicht, über den dicken, gewölbten Verband.»Na, fühlst du was?«fragte Fritz Adam.
«Es. es fühlt sich an, als ob was Festes da ist.«
«Det is se!«lachte der Berliner.»Die neue Neese, Erich! Und nu heul mal los! Ick hab' nach meinem ersten Rollappen wie 'ne jeschwängerte Jungfrau jeflennt.«
Sie ließen Erich Schwabe allein, und es war gut so. Er lag flach auf dem Rücken, starrte gegen die Decke, und die Tränen rannen ihm aus den Augen und wurden von dem neuen Verband aufgesaugt.
Ich habe eine neue Nase, dachte er. Mutter… Ursula… ich habe wieder eine Nase. Und plötzlich dachte er an dumme, lächerliche Dinge: Ich kann wieder eine Sonnenbrille tragen. Ich kann wieder auf der Treppe riechen, ob Mutter Reibekuchen gebacken hat. Ich kann — ich kann — mein Gott, was man mit einer Nase alles kann. Man weiß es erst, wenn man keine mehr gehabt hat.
Später schrieb er einen Brief nach Köln. Er war so aufgeregt und glücklich, daß er kaum den Bleistift halten konnte, und die Buchstaben waren wirr und liefen ineinander wie die ersten Schreibversuche eines dreijährigen Kindes.
«Mutter! Ursula! Liebe, kleine Uschi! Ich bin operiert worden. Ich werde eine neue, schöne Nase bekommen.
Eine Nase!
Wenn Ihr Ostern kommt, werdet Ihr mich nicht erkennen, oder besser: Ihr werdet mich wiedererkennen.
Meine liebe, kleine Frau — ich bin ja so glücklich. Es wird bald nicht mehr schwer sein, mich wieder so zu lieben wie früher.«
Erich Schwabe war der fröhlichste Mensch im Block B. Er spielte Skat und lachte, wenn Feininger die Karten hinwarf und schrie:»A Glück hat der! D' Hosen zieht er mir vom Arsch!«
In der Nacht zum vierten Tag nach der Operation wachte Schwabe von einem wahnsinnigen Schmerz auf. Sein Kopf brannte, als läge er in einem Schmiedefeuer. Durch den ganzen Körper jagten die Stiche, es war unerträglich, es zerriß ihn, es drückte die Därme aus dem Leib.
Schwabe schnellte im Bett hoch. Mit beiden Händen umklammerte er seinen zerspringenden Kopf, und dann schrie er, grell, unmenschlich, mit den Beinen auf das Bett schlagend, weil mit jedem Schrei ein Teil seines Hirns wegzufliegen schien.
Dora Graff kam in das Zimmer gerannt. Fritz Adam, Feininger und der Berliner hielten Schwabe fest. Er wollte sich den Verband von der Nase reißen und mit dem Kopf gegen die Wand rennen.
«Ich verbrenne!«schrie er immer wieder.»Ich verbrenne doch! Hilfe! Hilfe! Mein Kopf verbrennt!«
Lisa Mainetti kam hereingestürzt. Über den Schlafanzug trug sie den weißen Arztkittel, das lange schwarze Haar fiel losgelöst bis zu den Hüften. Der Wastl Feininger riß die Augen auf und sagte tonlos:»Direkt a Schönheit! Ja, Sakrament!«
Dr. Mainetti sah die verquollenen Augen Schwabes und die Rötung, die unter dem Verband hervorkroch bis über die Stirn. Das durfte nicht kommen, dachte sie. Wundrose. Streptokokkeninfektion. Damit haben wir nicht gerechnet. Hundertmal ging es gut, und hier geht es schief. Ausgerechnet bei Schwabe. Wir sind zu sicher geworden. Sie sah sich nach Dora Graff um.
«Eukodal, Höchstdosis!«Dora Graff brachte die Spritze, und Lisa injizierte.
«Sofort in den OP!«rief sie. Aus Dora Graffs Händen nahm sie die Spritze und injizierte das schmerzstillende Skopolamin. Dann warf sie die Spritze aufs Bett zurück und rannte hinaus zu Professor Ruschs Zimmer.
Im OP legte man den apathisch gewordenen Schwabe wieder auf den Tisch. Rusch stand im Schlafanzug daneben und begann mit dem Abwickeln des Verbandes, noch während Baumann um Arme und Beine die Lederriemen schnallte.
«So eine Sauerei!«sagte Professor Rusch, als der Verband auf dem Boden lag.
Der Mutterboden, in den man das Knorpelstück gesetzt hatte, war dick geschwollen und hellrot. Der Pfropfen selbst hatte sich entzündet und war dabei, sich abzustoßen. Bis zu den Augen zogen sich die entzündlichen Schwellungen hin. Ohne es auszusprechen, wußten Dr. Mainetti und Professor Rusch, daß Erich Schwabe knapp an einer Erblindung vorbeigekommen war.