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Erich Schwabe lauschte auf die Worte der breiten, gequetschten Stimme, die jetzt deutsche Nachrichten sprach. Der amerikanische Soldatensender.

«Uir sehen schon die Türme des Kölner Doms. Unsere Panzer stehen bereit. Uir grüßen die deutsche Bevölkerung. Uir kommen als Freunde.«

Schwabe sah auf den Kalender, der über seinem Bett an der Wand hing.

5. März 1945.

Jetzt hocken sie im Keller und zittern vor Angst, dachte er. Die Ame-

rikaner schießen nach Köln hinein, die Rheinbrücken sind gesprengt. Es gibt keinen Weg mehr nach Bernegg. Jetzt kann es Monate dauern, bis ich sie wiedersehe.

Ob ich sie überhaupt jemals wiedersehe?

Der Berliner drehte das Radio ab.»Da sitzt man 'rum und kann nich mal helfen!«sagte er aufgewühlt.

«Mit deiner Fresse?«Der Wastl Feininger suchte seinen Heimatort Berchtesgaden auf der Karte. Nicht mehr lange, und seine kropferte Resi würde Neger und Indianer und Cowboys aus Texas bedienen, so dachte der Feininger.»Willst sie erschrecken, was? Buh-buh. Das Kriegsgespenst.«

«'rausholen will ick meine Mutta!«schrie der Berliner.»Jloobste, det die Iwans se schonen? Ob Kind oder Jreisin — det is denen doch schnuppe!«

«Bedank dich beim Führer!«Der Wastl Feininger stützte den Kopf mit dem mächtigen wulstartigen Rollappen in beide Hände.»Sakra, wos mach' i, wenn 's Reserl an Negerbuam kriagt?«

Dr. Urban verfolgte die Truppenbewegungen mit exakten roten und blauen Linien, die er auf seiner Karte einzeichnete. Als die Amerikaner vor Köln aufmarschierten und die Rote Armee gegen Danzig vorstieß, packte er einen kleinen Koffer mit dem Nötigsten und stellte ihn zurück in den Schrank. Man braucht nicht viel für eine Übergangszeit. Ein paar Hemden, Seife, Rasierzeug, einen strapazierfähigen Zivilanzug, gutes Schuhwerk, einen warmen Mantel. Geld in genügender Menge — und Morphium. Damit konnte man den ersten Sturm überleben. Die Erschütterung des Zusammenbruchs würde manches vergessen lassen.

Am 7. März standen die amerikanischen Panzer am Rheinufer Kölns und schossen hinüber nach Mühlheim und Deutz. Zweihunderttausend Menschen, der zurück- und übriggebliebene Rest einer Dreiviertelmillion, hockten in den Kellern, ohne Strom, ohne Wasser, ohne Essen.

Am 7. März zogen die ersten Erkundungstrupps verwundert und vorsichtig, an eine Falle glaubend, über die unversehrt vor ihnen

auftauchende Rheinbrücke bei Remagen. Eines der unverständlichen Wunder aller Kriege war geschehen. Das Tor in das Herz Deutschlands war aufgestoßen worden. Der Rhein, das große Hindernis, an dem die Armeen Englands und der USA zerbrechen sollten, wurde überquert wie bei einem Frühlingsspaziergang.

Erich Schwabe kreiste auf seiner Landkarte den Ort Remagen rot ein, als er die Nachricht im Radio hörte und die Meldung, daß der Kommandeur der für die Sprengung der Brücke verantwortlichen Truppen zum Tode verurteilt worden war.

«Der Krieg ist verloren!«sagte er.»Ob wir entlassen oder auch Kriegsgefangene werden?«

«Wieso Kriegsjefangene, wenn's keenen Krieg mehr jibt?«Der Berliner mischte die Skatkarten. Es war das einzige, was ihn etwas ablenkte von seiner Angst um Berlin und seine Mutter.»Wat solln die mit unsera Fresse anfangen?«

«Vielleicht können wir hierbleiben«, sagte Schwabe.»Vielleicht bleibt alles so, wie es ist.«

«Ick spiel' doch nich Landser, wenn Frieden ist! So tief hab' ick die Macke nich im Jehirn!«

«Was sollen wir denn da draußen?«Schwabe sprach jetzt aus, was er in den vergangenen Tagen und Wochen reiflich überlegt hatte.»Wer wird uns operieren? Wollt ihr so 'rumlaufen, wie wir jetzt aussehen? Wer hilft uns denn da draußen? In den Hintern wird man uns überall treten. Nein, Kumpels«, er schüttelte den Kopf.»Hier ist unsere Heimat, hier bei Lisa und dem Chef im Lazarett. Die helfen uns, die machen uns wieder zu Menschen.«

«Und mit am Neger is mei Resi aa bedient!«sagte der Wastl.

Je mehr Deutschland zusammenschrumpfte, um so größer wurde das Rätselraten über ihr weiteres Schicksal, und hundert Vermutungen lösten hundert andere ab.

In den OPs arbeiteten die Ärzte jetzt in zwei Schichten, Tag und Nacht. Schloß Bernegg verlor den Charakter eines Speziallazarettes für Gesichtsverletzte. Von der immer näher rückenden Front spien die Züge und Sankas die zerrissenen Leiber aus. Strohsäcke wurden gefüllt, Decken — die letzten — in Würzburg geholt, jedes normale Bett mußte eine Decke abgeben, in allen Blocks lagen die Gänge und Flure voll Verwundeter auf Strohsäcken, in den Bunkern lagen sie Mann neben Mann, wie Sardinen in einer riesigen Betonbüchse, sogar in der Schloßkapelle brachte man die letzten Transporte unter, einfach auf Strohschütten, weil es keine Säcke zum Stopfen mehr gab.

Ende März fuhr Dora Graff im Auftrag Lisa Mainettis nach Würzburg. In der Heeresapotheke waren neue MO-Ampullen abzuholen.»Ich kann Ihnen keinen Wagen 'rüberschicken!«hatte der Oberapotheker am Telefon gesagt.»Vorgestern hat man alle Fahrzeuge beschlagnahmt und weggeschafft. Muß gewaltig stinken. Wenn Sie jemanden schicken können?«

Dora Graff nahm Fritz Adam mit nach Würzburg. Er fuhr einen alten, in allen Fugen klappernden belgischen Beutesanka der im ehemaligen Pferdestall des Schlosses verrostete. Zum Verwundetentransport war er wegen seiner durchgeschlagenen Federn unbrauchbar geworden. Gerade bei den Kopfverletzten konnten dabei große Schäden angerichtet werden. Da niemand das alte Fahrzeug übernehmen wollte, hatte man es in den Stall geschoben.

Jetzt erinnerte man sich an den Karren. Fritz Adam reinigte die Kerzen, füllte Öl in Motor und Getriebe, Wasser mit Frostschutzmittel in den Kühler und Benzin in den Tank. Er ließ ihn im Pferdestall probelaufen und ratterte auch dreimal auf der Straße vor der Hauptwache hin und her.

>Berneggs Geheimwaffe<, wie er schnell im Lazarett hieß, erwies sich noch als tauglich, nach Würzburg zu fahren und Morphium zu holen. An einem sonnigen Februartag fuhren Dora Graff und Fritz Adam ab, in Decken gehüllt, Wollschals um den Kopf gebunden, denn >Berneggs Geheimwaffe< hatte keine Frontscheibe mehr. Der Wastl Feininger hatte sie vor Weihnachten heimlich herausgenommen und zerschlagen und die Scherben auf die Stube B/14 gebracht. Aus ihnen hatte Erich Schwabe sein Glasmosaik für Ursula gemacht.

Die Stube B/14 hing aus den beiden Fenstern und winkte Fritz Adam nach.»Det is unser ureigenster Wagen«, sagte der Berliner nachdenklich.»Kinda, ick hab' 'ne Idee! Det wird unsere Stubenkutsche für 'n Sonntagsbummel!«

«Pfeifen werden die uns was!«

«Uff'n Schrott lag det Biest. Fritze hat se wieder flott jemacht. Det is unsere Droschke. Ick werd' det der Mainetti schon beibiejen!«

Erich Schwabe beteiligte sich nicht an dem Abschied. Mehr als ein Monat seit der ersten Nasenoperation war vergangen, bis sich Professor Rusch entschloß, den Patienten wieder unters Messer zu nehmen. In einer mehr als zweistündigen Operation hatte er ihm ein knöchernes Nasengerüst aus Stücken des Schienbeins gebaut. Mit einer Präzision, die Lisa Mainetti stumm bewunderte, hatte er das Knochentransplantat so vorsichtig entnommen, daß das Periost nach allen Seiten hin geschont wurde, um den Osteoblasten ihre Regenerationsfähigkeit zu erhalten. Rusch atmete auf, als die Operation zu Ende war.

«Ich glaube, diesmal hat es geklappt«, sagte er zu Lisa.»Man darf es sich eben nicht zu einfach machen.«

Nun hatte Schwabe acht Tage strengste Bettruhe, lag auf dem Rük-ken und las Kriminalromane und historische Erzählungen aus der Lazarettbücherei. Nach Köln hatte er nichts geschrieben von der mißglückten ersten Operation und von der Gefahr der Blindheit, der er gerade noch einmal entronnen war. Dr. Mainetti hatte ihm alles ohne Beschönigung erzählt, und er war stark genug gewesen, mit einem verzerrten Lächeln zu sagen:»Na, dann eben noch mal, Frau Doktor. Die Nase muß auf jeden Fall wieder dran!«

«Jetzt sind se weg!«sagte der Berliner auf der Stube B/14. Man schloß die Fenster und setzte sich wieder an den Tisch zum Skatspiel.»Kinder, mit der Droschke fahr'n wa üba Land und orjanisieren Zusatzfressen! Ick möchte den seh'n, der beim Ankieken von fünf Köp-pen ohne Jesichter nich in die Hosen macht.«