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Erich Schwabe hatte Ursulas Bild auf dem Nachttisch mit frischen Frühlingsblumen geschmückt, die er um den Teich herum gepflückt hatte. Nun ist sie Ostern doch bei mir, dachte er. Und wie sie mich anlächelt, wie lustig ihre blauen Augen sind. Wie mag es ihr jetzt in Köln gehen? Und die Osterfreude versank in Angst.

>Berneggs Geheimwaffe<, das alte belgische Auto, stand in einer Ecke des Parks. Um einer Beschlagnahme zuvorzukommen, hatte Fritz Adam den Vergaser ausgebaut und versteckt.»Dieser Wagen ist später Gold wert!«sagte er zu Dora Graff.Er gab ihr den Vergaser, sie legte ihn in ihrem Kleiderschrank unter die Unterwäsche. Es war ein sicherer Platz.

Am 9. April knirschten die ersten amerikanischen Panzer über die Straße von Wertheim nach Würzburg. Aus den Fenstern der kleinen Orte und Maindörfer wehten weiße Fahnen, Bettücher, Handtücher, große Taschentücher. Irgendwo läuteten sogar vom Krieg verschonte Glocken.

Am Morgen des 10. April, bei der Tagesschicht im OP, fehlte Oberarzt Dr. Urban. Professor Rusch winkte dem Famulus Baumann. Nun mußte auch Baumann trotz seiner geringen medizinischen Kenntnis operieren. Er band ab, er versorgte Wunden und Splitterverletzung, er operierte Steckschüsse heraus und half bei Notamputationen. Die wenigen Ärzte wankten an den Tischen vor Übermüdung.

«Holen Sie Urban!«sagte Rusch grob. Unrasiert stand er vor einem gelb-weißen Leib, in dem die Splitter steckten wie die Stacheln eines Igels.»Der Kerl hat wieder zuviel Morphium genommen.«

Baumann kam sofort zurück. Schon an der Tür hob er die Schultern.

«Nicht da, Herr Oberstabsarzt.«

«Was heißt, nicht da?«bellte Rusch.

«Dr. Urban ist weg! Das Zimmer ist leer, das Bett unberührt und.«

«Das ist doch wohl nicht möglich!«rief Rusch. Er warf die Pinzette hin, mit der er die Splitter aus dem Leib gezogen hatte.»Dr. Voh-rer — sehen Sie mal gründlich nach!«

Auch Assistenzarzt Dr. Vohrer kam nach fünf Minuten zurück. Sein Gesicht war verkniffen.

«Der Herr Oberarzt ist getürmt!«sagte er so laut, daß alle es hörten. Im OP war plötzliche Stille, die Instrumente ruhten, die Köpfe waren hochgeflogen.»Ich habe nachgesehen. Er hat alles dagelassen, nur einen kleinen Koffer hat er anscheinend mitgenommen. Ich habe die Wache angerufen. Es stimmt. Dr. Urban hat gestern gegen 23 Uhr ohne nähere Angaben das Haus verlassen. Zu Fuß.«

Professor Rusch winkte nach hinten. Eine neue Pinzette wurde gereicht.»Machen wir weiter, Jungs!«sagte er schwer atmend.»Was

— was geht uns das an!«

Dr. Lisa Mainetti zögerte. Dann trat sie vom Operationstisch zurück, zog ihre Gummihandschuhe ab und warf sie in einen Eimer. Von einem Verdacht getrieben, rannte sie aus dem OP.

In der Lazarettapotheke sah sie ihren Verdacht bestätigt. Die Türen des Giftschranks waren mit einem Stemmeisen aufgebrochen, Kartons lagen zerrissen und leer darin.

Langsam ging Lisa Mainetti zum OP zurück. Ihr Gesicht war fahl geworden. Sie wusch sich erneut, ließ sich die Gummihandschuhe überziehen und trat an den Tisch zurück. Rusch sah kurz auf.

«Was ist?«

«Nichts weiter. «Lisa klammerte eine Arterie ab, um eine Blutung zu stillen.»Wir haben nur kein Morphium mehr. Er hat alles mitgenommen.«

Am 11. April rückten die Amerikaner in Bernegg ein, ein paar Tage nach der Besetzung Würzburgs. Vier Jeeps und zwei leichte Panzer rasselten die Straße zum Schloß hinauf. Vor der Hauptwache gingen die Panzer in Stellung. Dr. Vohrer und Famulus Baumann traten aus dem Tor, in weißen Arztkitteln, waffenlos. Die Wache trat auf der Straße an, in Stahlhelm, Koppel und mit allen Ehrenzeichen. Aber ohne Waffen. Die lagen gestapelt in der Wachstube, daneben die Munition.

Aus dem ersten Jeep stieg eine kleine, drahtige Gestalt mit einem runden Stahlhelm und einer grünlichen Kampfuniform. Das Gesicht war verschwitzt und mit Staub verschmiert. Dr. Vohrer ging dem Amerikaner entgegen und grüßte mit einem Kopfnicken.

«Hier ist das Speziallazarett für Gesichtsverletzte Schloß Bernegg«, sagte er in fließendem Englisch.»Der Chefarzt Professor Dr. Rusch erwartet Sie, Sir.«

Der kleine Mann grüßte zurück.»Ich weiß«, sagte er in ebenso fehlerfreiem Deutsch.»Ich freue mich, Ihren Professor begrüßen zu können. Ich bin Major James Braddock.«

In der Halle kamen ihnen Rusch und Dr. Mainetti entgegen. Braddock riß die kleinen Augen auf, als er Lisa sah.»Eine Lady hier?«fragte er Vohrer verblüfft. Dann blieb er stehen, grüßte straff und machte eine höfliche Verbeugung.»Major Braddock. Ich habe den Befehl, das Lazarett zu besetzen und zu übernehmen. Bis zur weiteren Regelung setzen Sie Ihre ärztliche Tätigkeit fort.«

Lisa Mainetti streckte Braddock die Hand hin.»Major!«sagte sie.»Nun sind Sie der Chef. Ich brauche sofort 100 Ampullen Morphium!«

Kapitel 10

Major James Braddock lachte und schob mit dem Zeigefinger der rechten Hand den runden Helm in den Nacken. Er lachte richtig laut wie über einen fabelhaften Witz und sah dabei die stummen, mit verschlossenen Gesichtern dastehenden deutschen Ärzte der Reihe nach an.»Ein guter Witz!«sagte er, als er sich etwas beruhigt hatte.»Morphium! Ich kann Ihnen viertausend Flugblätter geben mit dem Aufruf, die Waffen wegzuwerfen und der US Army mit erhobenen Armen entgegenzukommen — aber Morphium?«

Dr. Lisa Mainetti hob die Schultern.»Wir haben noch 24 Ampullen für 236 Verwundete, Major. Ich nehme an, daß Sie durch das Lazarett geführt werden wollen. Der Rundgang wird Sie überzeugen, daß die Situation durchaus nicht zum Lachen ist!«

James Braddock nahm seinen Helm ab. Seine Haare waren schon angegraut. Ohne Helm sah er älter aus, fast wie ein kleiner Gemüsehändler, der sich für einen Kostümball eine Uniform ausgeliehen hatte. Hinter ihm, in der Eingangshalle und von der Hauptwache her, hörte man Lärmen, amerikanische Kommandos und das Umstürzen von Stühlen und Schränken. Die Panzerbesatzungen durchsuchten die Hauptwache nach versteckten Waffen und Munition. Mit dem Gesicht zur Wand, die Hände in den Nacken gelegt, standen die deutschen Soldaten im Wachraum.

«Ich bin kein Arzt, Miß!«sagte Braddock.»Ich habe die Aufgabe, das Lazarett militärisch zu besetzen, die gesunden deutschen Soldaten als Gefangene abzuliefern, die Gebäude nach Kriegsmaterial zu durchsuchen und Ihnen zu sagen, daß auch Sie sich als Gefangene der US Army zu betrachten haben. Es wird auf Sie sofort geschossen werden, wenn Sie den Lazarettbereich verlassen!«

Professor Rusch nickte. Er griff in die Tasche und hielt Braddock auf der flachen Hand seine kleine Offizierspistole entgegen.»Das ist meine ganze Bewaffnung, Major«, sagte er dabei.»Ob Krieg oder nicht Krieg, ob unter Hitler oder Roosevelt — ich bin Arzt und gehöre zu meinen Patienten. Ich stehe dafür ein, daß niemand versuchen wird, das Lazarett heimlich zu verlassen. Unsere Verwundeten sind nicht das, was man landläufig Verletzte nennt, die jeder Arzt behandeln kann. Hier liegen über 200 Männer, die kein Gesicht mehr haben!«

James Braddock klemmte seinen Helm unter den linken Arm. Er war sehr ernst geworden.»Es ist mir bekannt, Professor. Ich wurde auf Ihre Spezialklinik schon in Frankfurt aufmerksam gemacht, und später in Aschaffenburg. «Er sah auf seine mit einem Schutzleder eingefaßte Armbanduhr.

«In zwei Stunden etwa treffen sie ein.«

«Wer?«fragte Lisa Mainetti.

«Drei amerikanische Soldaten. Sie haben bei Darmstadt, Hanau und Miltenberg ihr Gesicht verloren. Es ist der Wunsch unseres Generals, daß sie bei Ihnen so lange versorgt werden, bis sie in die Staaten ausgeflogen werden können.«