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«Ohne Morphium, Major?«sagte Lisa steif.

«Für unsere drei Verwundeten werden die Medikamente mitgeliefert werden. Außerdem wird Dr. Red Stenton mitkommen, der die Oberaufsicht übernimmt. «Braddock wurde wieder dienstlich.»Räumen Sie drei gute Zimmer!«Und zu Professor Rusch:»Bitte, führen Sie mich durch das Haus, Sir.«

Dr. Vohrer übernahm die Aufgabe, drei Zimmer räumen zu lassen. Er verlegte die Gesichtsverletzten in die größeren Räume und ließ aus dem Bunker die frei gewordenen Strohsäcke heraufkommen. Frei geworden bedeutete, daß die bisherigen Inhaber der Strohsäcke im Laufe des Tages gestorben waren.

Langsam, sehr gründlich, ging Major James Braddock durch die Zimmer. Er prüfte die Betten für die drei amerikanischen Soldaten, besah sich die Gesichter einiger Neueingänge, die mit Druckverband, Schienen und einer Tracheotomie, zum Teil noch im Wundschock, regungslos auf den Säcken lagen. In Zimmer B/14 erwartete ihn ein besonderer Genuß. Kaum öffnete sich die Tür, schrie der Berliner» Achtung!«. Die Männer sprangen vom Tisch hoch, um den sie in Erwartung der kommenden Dinge gesessen hatten, nahmen Haltung an, und der Wastl Feininger, aufgeregt, erschüttert, aus der Fassung gebracht, daß für ihn der Krieg endlich zu Ende war, vergaß das Denken. Mit dem Kommando» Achtung!«verband sich bei ihm eine jahrelange selbstverständliche Reaktion. Und so stand er auch jetzt wie ein Pflock und brüllte in die Stille hinein:»Heil Hitler!«

Der Famulus Baumann wurde bleich und faßte sich an die Stirn, Major Braddock drehte sich zu Dr. Mainetti um.

«Aha!«sagte er.»Das ist die Stube, in der Sie die Verrückten aufbewahren?«

Auch dem Wastl war nach seinem zackigen Heilgebrüll klar geworden, was für ein Hornochse er war. Sein Gesicht mit dem riesigen Rollappen wurde tief rot, seine stramme Haltung weichte auf, Fritz Adam trat ihm schmerzhaft gegen das Schienbein, und der Berliner murmelte:»So wat sollte man kastrieren!«

Major Braddock kam langsam auf Feininger zu. Zwei Schritte vor ihm blieb er stehen und sah ihn gründlich an. Der Wastl grinste verlegen und breit. Jetzt haut er mir die Fresse ganz kaputt, dachte er. Gerade jetzt, wo der Krieg vorbei ist. Und der Urban ist schuld, dieses Mistvieh. Er hat uns eingedrillt, nach >Achtung< immer >Heil Hitler< zu schreien. Wie kann man verlangen, daß der Mensch sich so schnell umstellt.

«Ein klein wenig blöd, was?«fragte Braddock ruhig.

Feininger nickte.»Dös bin i, Herr Ami.«

«Der Krieg ist vorbei!«

«Juchhei!«machte der Wastl.

Blöd sein, dachte er innerlich verzweifelt. Das ist noch der einzige Ausweg. Der Kaspar Bloch hat den Tauben gespielt und ist durchgekommen. Maria hilf, daß mir das Blödsein so gut gelingt. Er grinste Major Braddock breit an und hob wedelnd den Zeigefinger.

«Seids ganz schön g'fahrn. Von Neff York bis Bernegg. Tempo habts ihr, dös muß ma sagen!«

Major Braddock wandte sich zu Dr. Mainetti um.»Sind die in dieser Stube alle so?«

«Nein.«Über Lisas schmales, südländisches Gesicht zog ein Schimmer stiller Freude und unterdrückten Lachens.»Auch dieser Mann da, der Wastl Feininger aus Berchtesgaden, ist nicht blöd, Major. Was er jetzt macht, tut er aus Verzweiflung. Es ist ihm vorhin so 'rausgerutscht. Er hat es ja nicht anders gekannt. Und nun hat er nichts als Angst.«

Feininger starrte Lisa an wie ein bettelnder Hund. James Braddock wandte sich ihm wieder zu.

«Wir fressen keinen!«Er klopfte Feininger auf den Arm und nickte ihm zu.»Hoffentlich klappt alles mit Ihrem Gesicht. «Er sah sich nach Professor Rusch um.»Es wäre übrigens eine Idee, Fotos besonders ausgesuchter Gesichtsverletzter in die Zimmer aller Staatsmänner zu hängen — für den Fall, daß sie einmal das Gesicht des Kriegs vergessen sollten!«

Eine Stunde lang ging Major Braddock durch den Block B. In den Bunkern blieb er besonders lange, bei den Sterbenden und den Schreienden, für die kein Morphium mehr vorhanden war.

«Ich bin mit meinem Stab unten in Bernegg«, sagte er, als er wieder in seinen Jeep stieg, zu Professor Rusch. Die beiden leichten Panzer blieben am Eingang stehen, ein Zug amerikanischer Infanterie hatte die Wache übernommen. Ein neu hinzugekommener Lastwagen transportierte die deutschen Soldaten ab, sie standen eng zusammengepfercht auf der Ladefläche und hielten sich an den Seitenwänden fest.»Leutnant Potkins wird im Lazarett bleiben.«

Professor Rusch sah verwundert auf die Hand, die sich ihm entgegenstreckte. Braddock bemerkte das Erstaunen.

«Mein Händedruck gilt dem Arzt, der meine drei Kameraden pflegen wird, nicht dem Deutschen!«sagte er hart.

Rusch legte seine Hand in die des Amerikaners.»Sind meine Gesichtsverletzten auch Kriegsgefangene?«fragte er.

«Was denken Sie?«Braddock winkte. Der Motor des Jeeps heulte auf.»Ob mit oder ohne Gesicht — bis zu anderslautenden Befehlen sind es deutsche Soldaten.«

Drei Stunden später fuhr in schneller Fahrt ein amerikanischer Sanitätswagen durch das Einfahrtstor vor die Aufnahme. Ein junger Offizier, der über seiner Uniform einen weißen Kittel trug, sprang aus dem Fahrerhaus, kaum daß der Wagen hielt. Von der amerikanischen Wache rannten sechs Mann heran und ergriffen die Tragen, als die Rückwand des Wagens aufklappte. Lisa Mainetti und Dr. Vohrer standen bereits im OP, als die drei amerikanischen Gesichtsverletzten hereingetragen wurden. Man hatte ein Tuch über ihre Köpfe gelegt, als könne selbst die Sonne den Anblick nicht ertragen.

«Doktor Stenton«, sagte der junge Offizier. Auch er betrachtete Lisa verblüfft, wie sie in Gummihandschuhen neben dem Operationstisch wartete, neben sich den Famulus Baumann und die OP-Schwester.

Es waren schwere Gesichtsverletzungen, aber sie waren blendend versorgt worden. Die Schienen an den zerschossenen Kiefern saßen, obwohl sie nur provisorisch waren, genau und rutschfest, die Druckverbände waren aus bestem Material, die Verwundeten schliefen unter der Einwirkung beruhigender und schmerzstillender Drogen. Das erstaunlichste war ein weißgraues Pulver, das auf einigen offenen Wunden lag. Dr. Mainetti sah Dr. Stenton an, der auf der anderen Seite des Tisches gewandt, wortlos, mit schnellen Fingern bei der Bloßlegung der Gesichter half.

«Was ist das?«fragte Dr. Mainetti und zeigte auf den Puder.

«Penicillin!«

«Dieses geheimnisvolle Wundermittel?«

«Nicht geheimnisvoll. «Doktor Stenton lächelte.»Vielleicht für Germany. Sind hier 50 Jahre zurück! Wo Penicillin, keine Eiterungen!«

Lisa Mainetti schwieg. Wir sind nicht 50, wir sind 1.000 Jahre zurück, dachte sie verbittert. Wie phantastisch diese neuartigen Klammern sind, mit denen sie die Kiefer ausrichten und stillegen. Wie wundervoll ist das Verbandsmaterial, neu, saugfähig, reißfest. Und wir wickeln seit Jahren mit Binden, die immer wieder gewaschen werden, deren Kanten ausfransen, die dünn sind wie Spinnweben. Und Penicillin haben sie. Wie stolz er es sagt: Es gibt keine Eiterungen mehr. Erst viel später sollte sich herausstellen, daß für die plastische Chirurgie andere Gesetze gelten und es heute eine Grundregel bei Gesichtsverletzungen ist, von der örtlichen Anwendung der Antibio-tica Abstand zu nehmen.

Sie hemmen zwar das Wachstum von Wundbakterien, zugleich jedoch auch die Wundheilung und begünstigen die Entstehung unschöner Narben und Verwachsungen.

Durch die Tür des OP stürzte Professor Rusch. Er war aufgeregt, zum erstenmal sah man ihn mit unordentlichen Haaren und flatternden Bewegungen. Er rannte an den Tisch Dr. Mainettis und drehte sie an den Schultern zu sich um.

«Lisa«, sagte er, atemlos vom schnellen Laufen.»Lisa, ein amerikanischer Wagen ist gekommen. Mit Verbandsmaterial, mit chirurgischem Besteck, mit Morphium, mit diesem neuen Penicillin, mit allem, was uns fehlt!«

«Sie sorgen gut für ihre drei Mann! Sie demonstrieren unseren Irrsinn, gegen sie den Krieg gewinnen zu wollen!«