«Nein, Lisa, nein! Begreifst du denn nicht. «Rusch wischte sich über die Augen, als müsse er aus einem schweren Traum erwachen.»Es ist für uns — für uns, Lisa!«
Dr. Mainetti legte die Schere hin, mit der sie gerade ein Stück Bindegewebe abgetrennt hatte.»Für uns?«Sie sah zu Doktor Stenton.»Für uns?«
Stenton nickte.»Yes! Seit Abraham Lincoln kennen wir die Humanität.«
«Bumm!«Lisa beugte sich wieder über das zerstörte amerikanische Gesicht.»Dr. Stenton ist ein Genie darin, gut sitzende Ohrfeigen zu verteilen!«Während sie den Kiefer vorsichtig mit einer Sonde abtastete, ob lose Splitter vorhanden waren, schielte sie zu Stenton hinauf.»Nun erwarten Sie ein kräftiges >Thank you<, nicht wahr?«
«Yes!«sagte Stenton grinsend.
«Das ist schade. Humanität will keinen Dank. Sie gehört zur Menschenwürde.«
Professor Rusch wandte sich ab und rannte wieder hinaus. Doktor Stenton lachte leise. Mit einer stumpfen, gebogenen Schere drohte er Lisa Mainetti.
«Sie sind ein Teufelskerl!«sagte er.
Auf dicken Gummisohlen an den Stiefeln, fast lautlos, trugen amerikanische Soldaten die Kisten mit Verbandsmaterial und Medikamenten in das Lazarett. Auch zwei Neger waren darunter, große, kräftige Kerle, schwarz wie Ebenholz, mit starken, weißleuchtenden Zähnen und krausen Haaren. Es waren die ersten Neger, die der Wastl Feininger in seinem Leben sah. Er prallte auf sie, als er von der Toilette zurückkam. Obwohl nicht klein, war der Wastl ein Wicht ge-gen sie.
«Kruzisakra!«sagte er in der Stube B/14 und setzte sich betroffen auf sein Bett.»Dös san Mannsbilder! Wenn dös d'Resi sieht — gar nie mehr hoamkemma brauch' i! Mir san ja Zwergl dagegen!«
Mit dem Wagen voller Lazarettmaterial kam noch ein amerikanischer Offizier. Ein Verwaltungsoffizier, der sich in Block A ins Zimmer des Stabsintendanten setzte und ihn und zwei Zahlmeister ins Sammellager nach Bernegg abtransportieren ließ.»Das machen wir allein!«sagte er zu dem Stabsintendanten.
«Ein neuer Zahlmeister, diesmal von den Amis!«meldete der Famulus Baumann im OP, der dem Wechsel zugesehen hatte.»So was haben die also auch!«
«Das beruhigt!«sagte Lisa Mainetti sarkastisch.»Baumann — Kampfer, aber schnell! Man sieht, es bleibt alles beim alten, nur die Monturen wechseln!«
Es blieb nicht alles so, wie es vordem war.
Noch wurde im Ruhrkessel gekämpft, Magdeburg und Leipzig wurden erobert, von Küstrin und Frankfurt/Oder aus nahmen die Sowjets Berlin in eine tödliche, sich immer enger schließende Zange, da erschien Major James Braddock wieder auf Schloß Bernegg. Er hatte die Belegungslisten des Lazaretts studiert und war auf einen Fehler gestoßen.
«Ich möchte Dr. Fred Urban sprechen«, sagte er, als er im Chefzimmer mit Rusch und Dr. Mainetti zusammensaß.
«Ich auch!«sagte Lisa.
«Was heißt das?«Major Braddock wurde sehr grob.»Sie hatten mir Ihr Wort gegeben, Professor, daß niemand.«
«Dr. Urban setzte sich ab, bevor die amerikanischen Truppen einrückten, Major. «Professor Rusch zerdrückte die amerikanische Zigarette, die Braddock ihm angeboten hatte. Der ungewohnte Virginiatabak verursachte ihm ein flaues Gefühl im Magen.
«Warum ist er weg? Als einziger, nicht wahr?«
Rusch hob die Schultern.»Es wird eine Art Panik gewesen sein. Wir wissen es nicht. «Dabei sah er Lisa an, bittend, zu schweigen. Sie verstand seine Anständigkeit nicht und blickte weg, Braddock bemerkte es, ohne darauf einzugehen. Aus seiner Uniformtasche holte er eine kleine, flache Flasche Whisky und stellte sie auf den Tisch.
«Haben Sie drei Gläser, Madam?«
«Sofort.«
Während Lisa drei Gläser aus Ruschs Bücherschrank nahm und sie unter dem Wasserhahn ausspülte, blätterte Braddock in den Röntgenaufnahmen und Krankengeschichten. Rusch wartete auf die nächsten Fragen, er spürte, wie Braddock nach einem Übergang suchte.
«Der Krieg ist für Deutschland verloren«, sagte der Major langsam.»Es kann sich nur um einige Wochen bis zur völligen Kapitulation handeln. Ihr Land, Professor, ist zerstört, es wird noch ärmer werden nach der Kapitulation. Ihr Volk hat einen Krieg verloren, wie noch nie ein Volk vorher einen Krieg verloren hat.«
Er goß die Gläser voll, die ihm Lisa reichte. Professor Rusch legte seine Hand über sein Glas, als könne sich der Whisky verflüchtigen.
«Warum erzählen Sie mir das, Major? Wir wissen es, und wir haben es nicht anders verdient. Wenn eine Hammelherde einem Leithammel nachrennt und dieser stürzt in eine Schlucht, so stürzt die Herde blindlings hinterher. Das ist ein Naturphänomen.«
«Es ist verfrüht, darüber zu sprechen, ich weiß. «Braddock trank sein Glas Whisky mit raschen, kleinen Zügen leer und reichte es Lisa wieder hin, die es erneut vollgoß.»Aber ich könnte mir denken, daß es auf der Welt andere Plätze für Sie gibt als gerade einen Aschenhaufen.«
Professor Rusch nippte an seinem Glas. Der ungewohnte, pure Whisky brannte in seiner Kehle. Er mußte husten und setzte das Glas ab.»Ich bin Deutscher, Major.«
«Aber Ihr gesichtschirurgisches Können ist international bekannt.«
«Ich bin erstaunt, Major. «Rusch nahm trotz der Stärke des Tabaks eine neue Zigarette aus der Packung Braddocks.»Ihr General Eisenhower hat das >No fraternisation< verkündet, und Sie sitzen hier wie ein guter Freund.«
«Das ist meine Privatsache. «James Braddock trank wieder.»Die unangenehme Seite meines Dienstes hat damit nichts zu tun. Ich muß Ihnen zum Beispiel ankündigen, daß ab sofort nur noch 700 Kalorien pro Mann und Tag zugeteilt werden können! Deutsche Bestände sind nicht mehr da. Wir müssen diese 700 Kalorien also von unseren Truppenkontingenten abzweigen. Es muß genügen!«
«Wäre es nicht besser, einige hundert Ampullen Morphium zu liefern? Wir könnten dann unsere Verwundeten schneller erlösen als durch einen langwierigen Hungertod!«sagte Lisa Mainetti. Sie stellte das Whiskyglas hart auf den Tisch und zerdrückte ihre Zigarette.
Braddock verstand die Demonstration. Er erhob sich abrupt.»Machen Sie bitte Herrn Hitler dafür verantwortlich. Wir haben die Aufgabe, Deutschland zu erobern, nicht, es zu ernähren!«
Er steckte seine Whiskyflasche wieder ein und trank sein Glas aus. An der Tür drehte er sich noch einmal um.
«Ich habe die Personalakten dieses Dr. Urban heraussuchen lassen. Ich bin informiert. «Er schüttelte den Kopf, als stehe er vor einem Rätsel.»Euch Deutsche soll einer verstehen. Ihr putzt die Schweine noch, die euch den Stall verdrecken.«
Die 700 Kalorien wirkten sich bald aus.
Dünne Suppen, ein Kleckschen Margarine, ein paar amerikanische Kekse, ein Büchschen Schinken mit Ei, ein Würfelchen Preßtee, ein flaches Stanniolmäppchen Nescafe, eine Stange aus getrockneten Früchten und ab und zu eine Kelle voll rosafarbener Rosinensuppe aus Trockenmilch — das war die Ernährung.
Es gab keine Post mehr. Irgendwo mußte sie sich stapeln, vielleicht verbrannte man sie auch, weil sie nur den Transport wichtigerer Güter belastete. Vor allem Walter Hertz wartete auf ein Lebenszeichen von Petra. Bei dem Zusammenbruch Deutschlands mußte auch der
Fabrikant Wolfach hinweggefegt worden sein. Und mit ihm Petra. In langen vergangenen Wochen war es Walter Hertz klargeworden, daß er falsch an dem Mädchen gehandelt hatte. Es war im Grunde so einsam gewesen wie er, in eine Welt gestellt, die ihrem Wesen zuwider war und die sie ertragen mußte, weil der Mittelpunkt dieser Welt ihr eigener Vater war. Nun war das alles zusammengebrochen, und irgendwo mochte sie jetzt sein, ausgestoßen ohne Hoffnung.
Aber schlimmer als alle seelischen Qualen waren die 700 Kalorien.
Der Wastl Feininger fiel vom Fleisch und schreckte nachts mit einem Aufschrei hoch, weil er von Weißwürsten, G'selchtem und einer Haxe mit Kraut träumte. Er war es auch, der eine glorreiche Idee gebar und dem Spruch Wahrheit verlieh: Ein Genie muß hungrig sein.